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Posttraumatische Belastungsstörung |
Über die Folgen traumatischer Erlebnisse (Kriegserfahrungen,
Feuersbrunst u.a.) wurde seit der Antike immer wieder berichtet, z.B.
beschrieb ein Zeuge
 | Wer der Sonne entgegenwandert, läßt den Schatten hinter sich.
(Fritz Wolke)
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Historische Aspekte der posttraumatischen Belastungsstörung
Über die Folgen traumatischer Erlebnisse (Kriegserfahrungen,
Feuersbrunst u.a.) wurde seit der Antike immer wieder berichtet, z.B.
beschrieb ein Zeuge des Londoner Großbrandes im Jahr 1666 sechs Monate
später seine seit diesem Ereignis bestehende Schlafstörung mit
nächtlichem Erwachen in Verbindung mit der Angst, neuerlich Opfer des
Feuers zu werden.
Nach dem deutschen Psychiater Kraepelin, der 1899 verschiedene Symptome
unter der Bezeichnung "Schreckneurose" darstellte, handelt es sich
dabei "um ein aus mannigfaltigen nervösen und psychischen Erscheinungen
zusammengesetztes Krankheitsbild, welches sich in Folge von heftigen
Gemüthserschütterungen, plötzlichem Schreck, großer Angst ausbildet und
daher nach schweren Unfällen und Verletzungen, besonders nach
Feuersbrünsten, Explosionen, Entgleisungen oder Zusammenstößen auf der
Eisenbahn u. dergl. beobachtet wird."
Bis in die 70-er Jahre wurden
berufsunfähig gewordene Menschen mit traumatischen Erlebnissen als
Rentenneurotiker abqualifiziert. Es wurde ihnen eine die Echtheit der
berichteten Symptome abgesprochen und eine Simulationstendenz mit dem
Wunsch nach finanzieller Entschädigung unterstellt
("Kompensationsneurose").
Die bekanntesten historischen Vorläufer der posttraumatischen
Belastungsstörung sind die "Unfallneurose" als psychische Störung nach
schweren Belastungen (z.B. nach den ersten Eisenbahnunfällen im 19.
Jahrhundert) und die "Kriegsneurose" ("Frontneurose",
"Gefechtsneurose", "Schützengrabenneurose", "Granatenschock") bei
Teilnehmern am 1. oder 2. Weltkrieg. Die Erforschung psychischer
Störungen infolge traumatischer Kriegs- oder Internierungserlebnisse
erlahmte jeweils kurz nach den beiden Weltkriegen, obwohl dabei
interessante Erkenntnisse gewonnen wurden.
Bei zurückgekehrten Kriegsteilnehmern wurde 1945 in den USA eine
Gefechtsneurose mit folgenden Symptomen diagnostiziert: innere Unruhe,
Aggressionen, Depressionen, Gedächtnisstörungen, Überaktivität des
sympathischen Nervensystems, Konzentrationsstörungen, Alkoholismus,
Alpträume, Phobien und Misstrauen.
In den 50-er und 60-er Jahren wurden die psychischen Folgen von Natur-
und Industriekatastrophen (Brandkatastrophen, Gasexplosionen, Erdbeben,
Tornados u.a.) zu erforschen begonnen. Seit den 70-er Jahren widmete
man sich in den USA intensiv der Untersuchung von Opfern sexueller und
nichtsexueller Gewalt.
Die Diagnose der posttraumatischen Belastungsstörung (engl.
"posttraumatic stress disorder") ergab sich aus den Untersuchungen an
Vietnam-Kriegsteilnehmern in den USA. Sie wurde 1980 in das
amerikanische Diagnoseschema DSM-III aufgenommen, u.a. auf Betreiben
des Psychoanalytikers Horowitz. Die Störung findet sich auch im ICD-10
unter den "Reaktionen auf schwere Belastungen und Anpassungsstörungen".
"Posttraumatisch" bezeichnet den Zustand nach einer schweren seelischen
Verwundung ("post" = "danach", "trauma" = "seelische Verwundung").
Im Laufe der Erforschung dieser Störung wurde klar, dass die
psychischen Syndrome, an denen die Opfer von Vergewaltigungen,
häuslicher Gewalt und Inzest litten, den Syndromen der Kriegsopfer
entsprachen. Besonderen Anteil an dieser Entwicklung hatte der
erstarkende Feminismus in den USA in den 70-er Jahren.
Herman stellt in ihrem lesenswerten Buch "Die Narben der Gewalt.
Traumatische Erfahrungen verstehen und überwinden", das den Stand der
Forschung und der Therapie mit Opfern häuslicher, sexueller und
politischer Gewalt zusammenfasst, lapidar fest: "Weibliche Hysterie und
männliche Kriegsneurose sind das gleiche."
Sigmund Freud hatte bereits vor über 100 Jahren panikartige Symptome
als Folge von frühkindlichem sexuellen Missbrauch und diesen wiederum
als Ursache für die "Hysterie" beschrieben, musste seine Feststellungen
über einen real weit verbreiteten sexuellen Missbrauch innerhalb der
Familie jedoch unter dem Druck der empörten Öffentlichkeit widerrufen
und die realen traumatisierenden Erfahrungen zu sexuellen
Wunschphantasien seiner "hysterischen" Patientinnen erklären.
Die panikartigen Anfälle wie bei der 18-jährigen, vom Vater sexuell
belästigten Katharina, deren Fall in den 1895 erschienenen "Studien zur
Hysterie" dargestellt ist, verstand Freud als typische angsthysterische
Anfälle in Reaktion auf das erinnerte Trauma. 1896 veröffentlichte
Freud 18 Fallstudien unter dem Titel "Zur Ätiologie der Hysterie", wo
er feststellte:
"Ich stelle also die Behauptung auf, zugrunde jedes Falles von Hysterie
befinden sich - durch die analytische Arbeit reproduzierbar, trotz des
Dezennien umfassenden Zeitintervalls - ein oder mehrere Erlebnisse von
vorzeitiger sexueller Erfahrung, die der frühesten Jugend angehören.
Ich halte dies für eine wichtige Enthüllung..."
Bereits ein Jahr später verwarf Freud insgeheim die Theorie vom Trauma
als Ursache der Hysterie, wie aus seinen Briefen hervorgeht. Er war zu
sehr beunruhigt über die Folgen seiner Erkenntnisse. Wenn seine
Patientinnen die Wahrheit gesagt hatten und seine ursprüngliche Theorie
stimmte, dann war aufgrund der Häufigkeit der "Hysterie" auch die
Häufigkeit von sexuellem Missbrauch als weitverbreitet anzusehen.
Freuds Patientinnen stammten aus geachteten bürgerlichen Familien
Wiens, und dort durften derartige Ereignisse einfach nicht vorkommen.
Es kann nicht sein, was nicht sein darf.
Herman beschreibt den Standpunktwechsel von Freud folgendermaßen:
"Aus den Trümmern seiner Theorie zur Entstehung der Hysterie durch
frühe Traumatisierung schuf Freud die Psychoanalyse. Die maßgebliche
psychologische Theorie des 20. Jahrhunderts basiert auf der Leugnung
weiblicher Realität. Die Sexualität stand weiterhin im Mittelpunkt des
Forschungsinteresses, doch das ausbeuterische soziale Umfeld, in dem
sexuelle Beziehungen letztlich stattfinden, verschwand völlig aus dem
Gesichtsfeld. Die Psychoanalyse beschäftigte sich von nun an mit dem
inneren Wandel der Phantasien und Sehnsüchte, losgelöst von den realen
Erfahrungen. Im Jahr 1910 war Freud dann zu dem Schluß gekommen, dass
die Berichte seiner hysterischen Patientinnen über sexuellen Missbrauch
in der Kindheit nicht der Wahrheit entsprachen, obwohl er nie eine
klinische Dokumentation falscher Anklagen vorlegte: ‘Als ich dann doch
erkennen musste, diese Verführungsszenen seien niemals vorgefallen,
seien nur Phantasien, die meine Patienten erdichtet, die ich ihnen
vielleicht selbst aufgedrängt hatte, war ich eine Zeitlang ratlos.’
"1920 sah Freud in "Jenseits des Lustprinzips" eine traumatische
Situation dann als gegeben an, wenn von außen so starke Erregungen auf
das Ich einstürzen, dass der Reizschild durchbrochen werde. Das Ich
werde dabei von Außenreizen überschwemmt und die bisher erreichte
Anpassung werde massiv gestört. Der Betroffene versuche die Problematik
durch die Regression zu einem früheren Abwehrmechanismus zu bewältigen,
nämlich durch die zwanghafte Wiederholung der traumatischen Situation.
Symptomatik der posttraumatischen Belastungsstörung
Bei der posttraumatischen Belastungsstörung handelt es sich nach dem
ICD-10 um eine verzögerte (protrahierte) Reaktion auf ein belastendes
Ereignis oder eine Situation außergewöhnlicher Bedrohung oder
katastrophenartigen Ausmaßes (kurz oder lang anhaltend), die bei fast
jedem Menschen eine tiefe Verzweiflung hervorrufen würde. Nach dem
DSM-IV haben die Betroffenen die Erfahrung von Todesbedrohung,
Lebensgefahr oder starker Körperverletzung gemacht bzw. die Bedrohung
der eigenen körperlichen Unversehrtheit oder einer anderen Person
erlebt. Bei Kindern sind aufgrund des Entwicklungsstandes unangemessene
sexuelle Erfahrungen inbegriffen.
Die frühere Annahme, dass die Entwicklung einer posttraumatischen
Belastungsstörung nur bei Personen mit bereits prämorbider psychischer
Auffälligkeit (z.B. mit emotionaler Labilität, neurotischen, affektiven
oder schizophrenen Beeinträchtigungen) vorkommt, gilt allgemein als
widerlegt, wenngleich die Ausprägung der Beeinträchtigung dadurch
verschärft werden kann. Es besteht heute ein Konsens darüber, dass die
Störung auch bei früher psychisch stabilen Personen auftreten kann,
wenn sie außergewöhnlich belastenden Situationen ausgesetzt sind.
Die Störung und dessen Ausmaß wird nicht allein durch das Trauma an
sich definiert, sondern vielmehr auch durch die subjektive Reaktion
darauf, die auf die unzureichende Verarbeitungsfähigkeit hinweist (z.B.
intensive Furcht, Hilflosigkeit oder Entsetzen, bei Kindern oft
chaotisches oder agitiertes Verhalten).
Traumatisierend wirkt nicht nur die Bedrohung der körperlichen
Integrität, sondern auch die Bedrohung der fundamental menschlichen
Erfahrung, eine autonom handelnde und denkende Person zu sein. Das
Sich-Aufgeben und der Verlust jeglicher Autonomie in der Zeit der
traumatischen Erfahrung stellen nach neueren Erkenntnissen an
vergewaltigten oder inhaftierten Menschen – unabhängig von der
Lebensbedrohung – verschärfende Belastungsfaktoren dar, was zukünftig
stärker berücksichtigt werden sollte.Die Störung entwickelt sich
charakteristischerweise nicht sofort nach dem traumatischen Erlebnis,
wie dies bei einer akuten Belastungsreaktion oder einer
Anpassungsstörung der Fall ist, sondern erst Wochen bis Monate später,
doch selten später als 6 Monate nach dem Trauma.
Das wesentlichste Merkmal stellt das ungewollte Wiedererleben von
Aspekten des Traumas dar. Es treten dieselben sinnlichen Eindrücke
(z.B. bestimmte Bilder, Geräusche, Geschmacksempfindungen,
Körperwahrnehmungen) sowie gefühlsmäßigen und körperlichen
Reaktionsweisen auf wie zum Zeitpunkt der traumatischen Erfahrung.
Alles, was an das Trauma erinnert, wird als sehr belastend erlebt und
deshalb gemieden. Bestimmte Gedanken, Bilder und Erinnerungen werden
unterdrückt und verschiedene Situationen des Alltagslebens vermieden.
Die emotionale Befindlichkeit kann von Patient zu Patient sehr
verschieden sein, ist jedoch gewöhnlich charakterisiert durch eine
Mischung von panischer Angst, großer Traurigkeit, intensivem Ärger,
emotionaler Taubheit und starken Schuldgefühlen, Selbstvorwürfen und
Schamgefühlen. Es besteht eine ausgeprägte emotionale, kognitive und
psychovegetative Übererregbarkeit.
Eine posttraumatische Belastungsstörung ist nach den neuen
Diagnoseschemata durch drei zentrale Symptomgruppen charakterisiert:
1. intrusives (aufdringliches) Wiedererleben,
2. Vermeidung traumarelevanter Reize bzw. reduzierte emotionale Reagibilität,
3. Übererregtheit (körperlich, emotional, kognitiv).
Das DSM-IV nennt folgende diagnostische Kriterien:
A. Die Person wurde mit einem traumatischen Ereignis konfrontiert, bei
dem die beiden folgenden Kriterien vorhanden waren:
(1) die Person erlebte, beobachtete oder war mit einem oder mehreren
Ereignissen konfrontiert, die tatsächlichen oder drohenden Tod oder
ernsthafte Verletzung oder eine Gefahr der körperlichen Unversehrtheit
der eigenen Person oder anderer Personen beinhalteten.
(2) Die Reaktion der Person umfaßte intensive Furcht, Hilflosigkeit oder Entsetzen...
B. Das traumatische Ereignis wird beharrlich auf mindestens eine der folgenden Weisen wiedererlebt:
(1) wiederkehrende und eindringliche belastende Erinnerungen an das
Ereignis, die Bilder, Gedanken oder Wahrnehmungen umfassen können...
(2) Wiederkehrende, belastende Träume von dem Ereignis...
(3) Handeln oder Fühlen, als ob das traumatische Ereignis wiederkehrt
(beinhaltet das Gefühl, das Ereignis wiederzuerleben, Illusionen,
Halluzinationen und dissoziative Flashback-Episoden, einschließlich
solcher, die beim Aufwachen oder bei Intoxikationen auftreten)...
(4) Intensive psychische Belastung bei der Konfrontation mit internalen
oder externalen Hinweisreizen, die einen Aspekt des traumatischen
Ereignisses symbolisieren oder an Aspekte desselben erinnern.
(5) Körperliche Reaktionen bei der Konfrontation mit internalen oder
externalen Hinweisreizen, die einen Aspekt des traumatischen
Ereignisses symbolisieren oder an Aspekte desselben erinnern.
C. Anhaltende Vermeidung von Reizen, die mit dem Trauma verbunden sind,
oder eine Abflachung der allgemeinen Reagibilität (vor dem Trauma nicht
vorhanden). Mindestens drei der folgenden Symptome liegen vor:
(1) bewusstes Vermeiden von Gedanken, Gefühlen oder Gesprächen, die mit dem Trauma in Verbindung stehen,
(2) bewusstes Vermeiden von Aktivitäten, Orten oder Menschen, die Erinnerungen an das Trauma wachrufen,
(3) Unfähigkeit, einen wichtigen Aspekt des Traumas zu erinnern,
(4) deutlich vermindertes Interesse oder verminderte Teilnahme an wichtigen Aktivitäten,
(5) Gefühl der Losgelöstheit oder Entfremdung von anderen,
(6) eingeschränkte Bandbreite des Affekts (z.B. Unfähigkeit, zärtliche Gefühle zu empfinden),
(7) Gefühl einer eingeschränkten Zukunft (z.B. erwartet nicht,
Karriere, Ehe, Kinder oder normal langes Leben zu haben).
D. Anhaltende Symptome erhöhten Arousals (vor dem Trauma nicht
vorhanden). Mindestens zwei der folgenden Symptome liegen vor:
(1) Schwierigkeiten ein- oder durchzuschlafen,
(2) Reizbarkeit oder Wutausbrüche,
(3) Konzentrationsschwierigkeiten,
(4) übermäßige Wachsamheit (Hypervigilanz),
(5) übertriebene Schreckreaktion.
E. Das Störungsbild (Symptome unter Kriterium B, C und D) dauert länger als 1 Monat.
F. Das Störungsbild verursacht in klinisch bedeutsamer Weise Leiden
oder Beeinträchtigungen in sozialen, beruflichen oder anderen wichtigen
Funktionsbereichen.
Bestimme, ob:
Akut: Wenn die Symptome weniger als 3 Monate andauern.
Chronisch: Wenn die Symptome mehr als 3 Monate andauern.
Bestimme, ob
Mit Verzögertem Beginn: Wenn der Beginn der Symptome mindestens 6 Monate nach dem Belastungsfaktor liegt.
Nach den Forschungskriterien des ICD-10 ist eine posttraumatische
Belastungsstörung (F43.1) folgendermaßen definiert:
A. Die Betroffenen sind einem kurz- oder langdauernden Ereignis oder
Geschehen von außergewöhnlicher Bedrohung oder mit katastrophalem
Ausmaß ausgesetzt, das nahezu bei jedem tiefgreifende Verzweiflung
auslösen würde.
B. Anhaltende Erinnerungen oder Wiedererleben der Belastung durch
aufdringliche Nachhallerinnerungen (Flash-backs), lebendige
Erinnerungen, sich wiederholende Träume oder durch innere Bedrängnis in
Situationen, die der Belastung ähneln oder mit ihr in Zusammenhang
stehen.
C. Umstände, die der Belastung ähneln oder mit ihr im Zusammenhang
stehen, werden tatsächlich oder möglichst vermieden. Dieses Verhalten
bestand nicht vor dem belastenden Erlebnis.
D. Entweder 1. oder 2.
1. Teilweise oder vollständige Unfähigkeit, einige wichtige Aspekte der Belastung zu erinnern.
2. Anhaltende Symptome einer erhöhten psychischen Sensitivität und
Erregung (nicht vorhanden vor der Belastung) mit zwei der folgenden
Merkmale:
a. Ein- und Durchschlafstörungen
b. Reizbarkeit oder Wutausbrüche
c. Konzentrationsschwierigkeiten
d. Hypervigilanz
e. erhöhte Schreckhaftigkeit
E. Die Kriterien B, C und D. treten innerhalb von sechs Monaten nach
dem Belastungsereignis oder nach Ende einer Belastungsperiode auf. (In
einigen speziellen Fällen kann ein späterer Beginn berücksichtigt
werden, dies sollte aber gesondert angegeben werden).
Die Kriterien für eine posttraumatische Belastungsstörung sind im
DSM-IV sind viel enger gefasst als im ICD-10, was erhebliche
Auswirkungen auf die angenommene Häufigkeit in der Bevölkerung hat. Bei
einer neueren Untersuchung an einer großen Stichprobe weisen nach den
ICD-10-Kriterien 7% der Untersuchten, nach dem DSM-IV-Kriterien nur 3%
eine posttraumatische Belastungsstörung auf.
Man kann folgende Arten traumatischer Erfahrungen unterscheiden:
- Individuelle
Gewalt: ständige körperliche Misshandlung als Kind, einmalige oder
mehrfache Vergewaltigung, als Kind ständiger Zeuge von Gewalt in der
Familie, Verbrechen wie z.B. Banküberfall, Entführung, Geiselhaft,
versuchter Raubmord, Körperverletzung, Misshandlung, Folterung,
angedrohte Ermordung.
- Kollektive
Gewalt: Erfahrung von Krieg, Kampfhandlungen oder Terrorismus,
Kriegsverwundung (Abschuss als Pilot, Explosion einer Granate),
Aufenthalt im Luftschutzkeller bei Fliegeralarm, gewaltsame
Entwurzelung (Verschleppung, Verfolgung, Vertreibung), unmenschliche
Haftbedingungen (Konzentrationslager, politisch motivierte Haft),
Aussteiger aus Sekten.
- Naturkatastrophen:
Großbrand, Blitzschlag, Überschwemmung, Dammbruch, Bergrutsch,
Lawinenunglück, Erdbeben, Vulkanausbruch, Tornados.
- Technikkatastrophen:
Zeuge oder Beteiligter an einem schweren Autounfall, Eisenbahn-,
Schiffs- oder Flugzeugunglück, Explosion, Arbeitsunfall, Chemieunfall.
- Körperliche
oder psychische Extrembelastungen: Giftgasunfall, schwere Verbrennungen
oder Schmerzzustände, Gehirnblutung, überlebter Herzstillstand,
schwerer allergischer Schock, Knochenmarkstransplantation,
lebensbedrohliche Erkrankung.
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Nach der Auftretenshäufigkeit kann man zwei Arten von Traumata unterscheiden:
1. Einmalige traumatische Erfahrung: Überfall, Vergewaltigung, Unfall.
2. Lange andauernde bzw. wiederholte traumatische Erfahrung: Krieg,
jahrelanger sexueller Missbrauch, andauernde körperliche Misshandlung.
Menschen, die nicht nur ein seelisches Trauma erlitten haben, sondern
auch körperlich verletzt wurden, erleben 5 mal so häufig eine
posttraumatische Belastungsstörung wie Menschen, die "nur" ein
seelisches Trauma erlebt haben. In den USA sind traumatische
Erfahrungen in folgender Häufigkeit anzutreffen:
- 12,9% der Frauen (12 Millionen) wurden mindestens einmal vergewaltigt.
- In
einer retrospektiven (rückblickenden) Untersuchung beschrieben die
Opfer sexueller Angriffe in 35% der Fälle eine lebenslange und in 13%
der Fälle eine zeitweilige posttraumatische Belastungsstörung. Von den
Opfern schwerer nichtsexueller Angriffe berichteten 39% eine
lebenslange und 12% eine zeitweilige posttraumatische Belastungsstörung.
- In
einer prospektiven Studie (Verlaufserhebung) zeigten sich bei 47% der
Opfer sexueller Angriffe und bei 22% der Opfer nichtsexueller
Bedrohungen drei Monate nach diesen Erlebnissen die Symptome einer
posttraumatischen Belastungsstörung.
- Unter
den Vietnam-Kriegsteilnehmern war bei 38% der Männer und bei 17,5% der
Frauen eine zeitweilige posttraumatische Belastungsstörung nachweisbar.
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Die Auswirkungen traumatischer Erfahrungen lassen sich über das DSM-IV hinausgehend folgendermaßen zusammenfassen:
- wiederholtes
Erleben des Traumas (Intrusionen) in plötzlich sich aufdrängenden
Erinnerungen (Flashbacks, d.h. Rückblenden), Tagträumen oder Alpträumen,
- fortwährende Angst, das Ereignis könnte sich wiederholen,
- Vermeidung von Aktivitäten und Situationen, die an das Trauma erinnern,
- zwischenmenschliche
Konflikte als Folge der Vermeidung von Situationen (Autofahrten,
Reisen) oder Aktivitäten (sexuelle Kontakte), die an das Trauma
erinnern,
- Furcht vor und Vermeidung von Stichworten, die den Betroffenen an das ursprüngliche Trauma erinnern könnten,
- gelegentlich
akute und dramatische Ausbrüche von Angst, Panik oder Aggression,
ausgelöst durch ein plötzliches Erinnern und intensives Wiedererleben
des Traumas oder der ursprünglichen Reaktion darauf,
- übermäßige
Schreckhaftigkeit, Panikattacken, "existenzielle Angst", chronische
Angstzustände, übermäßige Beschäftigung mit dem Tod,
- gestörte Wahrnehmung des Täters: übermäßige Beschäftigung mit der Person des Täters (auch Rachegedanken),
unrealistische Einschätzung des Täters als allmächtig, Idealisierung,
paradoxe Dankbarkeit oder Mitleid mit dem Täter,
- emotionale
Abgestumpftheit und Instabilität: ständiges Gefühl von Betäubt sein,
emotionaler Rückzug, allgemeine Lustlosigkeit als Schutzreaktion vor
emotionaler Überforderung, aber auch impulsives Verhalten,
- soziale
Beziehungsstörung: Gleichgültigkeit gegenüber anderen Menschen,
Teilnahmslosigkeit gegenüber der Umwelt, Entfremdung von den
Angehörigen,
- vegetative Übererregbarkeit mit verschiedenen körperlichen Symptomen (Herzrasen, Schweißausbrüche,
Kreislauflabilität, Ohnmachtsanfälle, Zittern, Übelkeit, Kopfschmerzen,
Hyperventilation, Appetitverlust, Essstörung usw.),
- dissoziative Symptome (z.B. psychogene Amnesie, d.h. Vergessen der Erlebnisse),
- ständige Überwachheit und häufige Schlaflosigkeit (Ein- und Durchschlafstörung),
- Verlust der Selbstachtung, Selbstvorwürfe, Scham- und Schuldgefühle,
- Resignation, Gefühl einer Zukunft ohne Erwartung und Hoffnung,
- Verlust der bisherigen Wertvorstellungen,
- depressive Stimmung, öfters auch Selbstmordgedanken und Selbstbeschädigung,
- Missbrauch von Alkohol, Tranquilizern oder Drogen als Bewältigungsstrategie,
- Entwicklung von Kontrollzwängen zur Angstbewältigung (Kontrolle von Türschlössern und Fenstern aus Angst vor Eindringlingen),
- Entwicklung funktioneller Sexualstörungen bei Vergewaltigungsopfern,
- Konzentrationsstörung und Leistungsbeeinträchtigung in Schule oder Beruf,
- Beeinträchtigung der beruflichen Leistungsfähigkeit bis zur Berufsunfähigkeit.
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Bei der posttraumatischen Belastungsstörung reichen Schrecken und
Terror bis in die neuronalen Gehirnstrukturen hinein und bilden ein
schwer löschbares "molekulares Angstgedächtnis", dessen Grundlage nach
Strian in mediobasalen Schläfenlappenstrukturen (Hippocampus und
Amygdala) zu suchen ist. Diese Hirnregionen üben eine Kontrolle über
die vegetativen und endokrinen Zentren von Hypothalamus und Hypophyse
aus, was die oft nur mangelhafte Veränderbarkeit posttraumatischer
Belastungsstörungen durch Pharmako- oder Psychotherapie erklärt.
Lerntheoretisch ausgedrückt, kommt es bei einer posttraumatischen
Belastungsstörung trotz häufiger Konfrontation zu keiner Gewöhnung
(Habituation). Erfolgreiche verhaltenstherapeutische
Behandlungskonzepte bewirken während der angstaktivierenden
Konfrontation mit den Ereignissen eine Neuformierung der Erinnerung
durch Hinzufügung hilfreicher Elemente, z.B. andere Sichtweisen.
Die Betroffenen erhielten bislang meist eine Diagnose, die mit den
Folgen dieser Störung zusammenhängt (z.B. reaktive Depression,
Alkoholmissbrauch, Verhaltensstörung, dissoziative Störung). Die
posttraumatische Belastungsstörung erfährt seit einigen Jahren auch im
deutschen Sprachraum zunehmende Beachtung.
Neben dem bereits erwähnten Buch von Herman und dem von Saigh
herausgegebenen Werk "Posttraumatische Belastungsstörung" sind das von
Maerker herausgegebene Buch "Therapie der posttraumatischen
Belastungsstörungen" und das allgemein verständliche Buch von Ehlers
"Posttraumatische Belastungsstörung" sehr zu empfehlen. Diese Bücher
bieten einen Überblick über Erscheinungsbild, Diagnostik,
Erklärungsmodelle und Therapie dieser Störungen und beschreiben das
therapeutische Vorgehen bei speziellen Traumagruppen.
Epidemiologie, Verlauf und Folgen der posttraumatischen Belastungsstörung
Die Störung kann nach der Dauer der Symptome in drei Formen auftreten:
- akut: weniger als 3 Monate lang,
- chronisch: mindestens drei Monate oder länger (bei ca. 40-50%),
- mit
verzögertem Beginn: zwischen dem traumatischen Ereignis und dem Beginn
der Symptome sind mindestens 6 Monate vergangen (dies ist eher selten).
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Der Verlauf einer posttraumatischen Belastungsstörung ist wechselhaft,
in der Mehrzahl der Fälle ist jedoch eine Heilung möglich, oft
allerdings erst nach Jahren. Die Störung beginnt gewöhnlich innerhalb
der ersten drei Monate nach dem Trauma, kann aber auch Monate oder
sogar Jahre später auftreten. Die Symptome halten unterschiedlich lange
an. Bei der Hälfte der Fälle verschwinden die Symptome innerhalb von 3
Monaten.
Die Störung kann einen derart chronischen Verlauf nehmen, dass es zu
einer tiefgreifenden Veränderung der Persönlichkeitsstruktur kommt.
Diese ist nicht durch eine verstärkte Ausprägung primärer
Persönlichkeitszüge charakterisiert, sondern durch das Auftreten neuer
Symptome, die vorher nicht bestanden haben (feindliche und
misstrauische Haltung der Welt gegenüber, sozialer Rückzug,
Entfremdung, Gefühl der Leere oder Hoffnungslosigkeit, chronische
Nervosität wie bei ständiger Bedrohung). Man spricht dann nach dem
ICD-10 von einer "andauernden Persönlichkeitsänderung nach
Extrembelastung".
Bei Kriegsteilnehmern oder Überlebenden aus Vernichtungslagern traten
die traumatischen Bilder ("Holocaust"-Erfahrungen) auch nach vier
Jahrzehnten unverändert lebendig und belastend auf, wie
Nachuntersuchungen ergaben.
Berichte über jahrelange psychische Störungen gibt es auch über die
Opfer von Flugzeugentführungen (z.B. über die Passagiere des 1977 nach
Mogadischu entführten deutschen Flugzeugs, die durch den Einsatz der
deutschen Antiterrortruppe befreit wurden) oder über die Opfer von
Geiselnahmen, die mit dem Tod bedroht wurden.
Beispielhaft sollen die Folgen einer Technikkatastrophe angeführt
werden. Bei einer Flugschau in Ramstein in der Pfalz stießen 1988 zwei
Flugzeuge einer italienischen Kunstflugstaffel zusammen, ein
explodierender Düsenjäger stürzte in die Zuschauermenge, tötete 70
Menschen und verwundete weitere 450 Menschen. Vom Schock des Absturzes
haben sich viele Überlebende jahrelang nicht vollständig erholt.
Tiefflieger eines nahegelegenen US-Stützpunkts lösten später erneut
Panikattacken aus. Psychisch unauffällige Menschen litten plötzlich
unter Alpträumen, Schlafstörungen, Reizbarkeit, Konzentrationsstörung,
Lustlosigkeit, Heißhunger oder Appetitverlust.
Eine posttraumatische Belastungsstörung entwickelt sich nicht allein
aufgrund der objektiven, sondern vielmehr aufgrund der subjektiv
wahrgenommenen Bedrohlichkeit eines Traumas. Bei einer
posttraumatischen Belastungsstörung besteht ein erhöhtes Risiko für
Panikstörung, Agoraphobie, Zwangsstörung, soziale Phobie, spezifische
Phobie, Depression, Somatisierungsstörung und Medikamentenmissbrauch.
Über 90% der Vergewaltigungsopfer entwickeln eine Angst davor, alleine
zu sein oder alleine auszugehen während der Dunkelheit, während der
Nacht oder alleine zu schlafen. Aus dem Bedürfnis nach Sicherheit zu
Hause entstehen nicht selten Kontrollzwänge bezüglich verschlossener
Türen und Fenster.
Das Bewusstsein der persönlichen Unverletzlichkeit wurde bei vielen
Frauen durch die Erfahrung einer Vergewaltigung auf Monate oder Jahre
hin zerstört. Vergewaltigungsopfer tendieren stärker zu
Rückzugsverhalten als Kriegsveteranen.
Eine repräsentative Studie an 1500 Vergewaltigungsopfern fand bei 35%
eine posttraumatische Belastungsstörung. Bei den Opfern einer
versuchten Vergewaltigung war der Anteil 14%.
Von 1600 repräsentativ ausgewählten Vietnam-Kriegsveteranen wiesen fast
ein Viertel der Männer, die an einer akuten posttraumatischen
Belastungsstörung litten, gleichzeitig auch eine Alkoholabhängigkeit
bzw. einen Alkoholmissbrauch auf, während dies bei
Vietnam-Kriegsveteranen ohne posttraumatische Belastungsstörung nur auf
10% zutraf. Mehr als einer von 20 männlichen Vietnam-Kriegsveteranen
mit posttraumatischer Belastungsstörung hatte ein Drogenproblem
(Missbrauch oder Abhängigkeit).
Lebenszeitbezogen erfüllten von den Männern mit einer akuten
posttraumatischen Belastungsstörung fast drei Viertel die Kriterien für
Alkoholmissbrauch/-abhängigkeit und 10% die Kriterien für
Drogenmissbrauch/-abhängigkeit. Bei 2009 landesweit untersuchten
amerikanischen Frauen, die Opfer eines Gewaltverbrechens geworden
waren, hatten die Opfer mit posttraumatischer Belastungsstörung ein
3,2-fach erhöhtes Risiko einer Alkoholproblematik und ein 3,4-fach
erhöhtes Risiko einer ernsthaften Drogenproblematik im Vergleich zu
Opfern ohne posttraumatische Belastungsstörung.
Grundsätzlich ist bei den in Behandlung stehenden Personen die
Doppeldiagnose von posttraumatischer Belastungsstörung und
Substanzmissbrauch viel eher gegeben als in der Allgemeinbevölkerung.
Durch eine spezielle Befragung von 72% der umfangreichen amerikanischen
Stichprobe im Rahmen der NCS-Studie konnten erstmals repräsentative
Daten zur posttraumatischen Belastungsstörung gewonnen werden (N =
5877).
7,8% der amerikanischen Bevölkerung leiden im Laufe ihres Lebens unter
einer posttraumatischen Belastungsstörung, innerhalb des letzten Monats
trifft dies auf 2,3% der Bevölkerung zu. Aufgrund einer detaillierteren
Nachbefragung einer kleinen Gruppe Betroffener durch Experten (die
nationale Untersuchung erfolgte durch trainierte Interviewer) ergibt
sich der Eindruck, dass der tatsächliche Prozentwert sogar noch etwas
höher anzusetzen ist. Die Daten lassen sich jedoch nicht so einfach auf
Europa übertragen (z.B. größere Gewalthäufigkeit und Bewaffnung in den
USA).
Eine posttraumatische Belastungsstörung war lebenszeitbezogen bei 10,4%
der Frauen und 5,0% der Männer festzustellen, d.h. bei Frauen doppelt
so häufig wie bei Männern. Von den Befragten berichteten 51,2% der
Männer und 60,7% der Frauen von mindestens einem traumatischen Erlebnis
in ihrem Leben.
Bei Frauen handelte es sich dabei um folgende Ereignisse:
Feuerkatastrophe (15,2%), Zeuge eines Unglücks wie Verletzung oder
Tötung eines anderen (14,5%), lebensbedrohlicher Unfall (13,8%), Schock
(12,4%), sexuelle Belästigung (12,3%), Vergewaltigung (9,2%),
körperliche Attackierung (6,9%), Bedrohung mit der Waffe (6,8%),
körperliche Misshandlung (4,8%), Vernachlässigung in der Kindheit
(3,4%), anderes Trauma (2,7%).
Bei Männern waren folgende traumatische Erfahrungen gegeben: Zeuge
eines Unglücks wie Verletzung oder Tötung eines anderen (35,6%),
lebensbedrohlicher Unfall (25,0%), Bedrohung mit der Waffe (19,0%),
Feuerkatastrophe (18,9%), Schock (11,4%), körperliche Attackierung
(11,1%), Kampfeinsatz (6,4%), körperliche Misshandlung (3,2%), sexuelle
Belästigung (2,8%), Vernachlässigung in der Kindheit (2,1%),
Vergewaltigung (0,7%), anderes Trauma ( 2,2%).
Das Trauma, das am häufigsten zu einer posttraumatischen
Belastungsstörung führte, war bei Frauen und Männern die
Vergewaltigung, und zwar bei 55,5% der Betroffenen. (Eine deutsche
Studie an 14-24jährigen ergab mit 50% eine ähnliche Rate). Bei Frauen
folgten weiters körperliche Misshandlung, Bedrohung mit der Waffe,
sexuelle Belästigung, körperliche Attackierung und Vernachlässigung in
der Kindheit, bei Männern insbesondere Kampferfahrung, körperliche
Misshandlung, Vernachlässigung in der Kindheit, sexuelle Belästigung,
Unfall und Schockerlebnis.
Von den Frauen mit einer posttraumatischen Belastungsstörung gaben
29,9% Vergewaltigung und 19,1% sexuelle Belästigung als Auslöser der
Störung an. Dies entspricht der Hälfte der Betroffenen. Von den Männern
mit einer posttraumatischen Belastungsstörung gaben 28,8%
Kampferfahrung und 24,3% das Erlebnis des Unglücks (Verletzung oder
Tötung) eines anderen Menschen als Trauma auslösend an.
Die posttraumatische Belastungsstörung dauerte bei denen, die
professionelle Hilfe suchten, durchschnittlich 36 Monate, bei den
anderen durchschnittlich 64 Monate. Dies weist auf die Wirksamkeit von
Hilfsangeboten hin. Bei etwas mehr als einem Drittel der Betroffenen
blieb die Störung über viele Jahre unverändert bestehen, und zwar
sowohl bei jenen, die Hilfe suchten, als auch bei jenen, die keine
Hilfe suchten.
Untersuchungen an vergewaltigten Frauen sowie an Kriegsteilnehmern
haben ergeben, dass der Schweregrad des Stressors, d.h. die Stärke der
Traumatisierung (große Brutalität), zu einer stärkeren
posttraumatischen Belastungsstörung führte.
Die Störung ist oft besonders schwer und langandauernd, wenn das Trauma
nicht durch Katastrophen, sondern durch Menschen verursacht wurde, weil
dabei gezielt eine Erniedrigung und Zerstörung des Selbstwertgefühls
der Betroffenen angestrebt wurde (z.B. Terror, Folterung,
Vergewaltigung durch mehrere Männer) bzw. durch die Beseitigung aller
kommunikativen Strukturen eine totale soziale Isolierung geschaffen
wurde (z.B. mehrjähriges Festhalten einer Geisel in einem finsteren
Keller).
Die posttraumatische Belastungsstörung ist um so ausgeprägter,
- je größer die eigene Gefährdung und Betroffenheit war,
- je mehr Todesgefahr oder Verletzung direkt erlebt wurde,
- je enger und intimer die Beziehung zum Täter war,
- je länger das traumatische Geschehen andauerte.
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Bestimmte Persönlichkeitsfaktoren oder psychische Erkrankungen, die
bereits vor dem schrecklichen Erlebnis gegeben waren, können die
Schwelle für die Entwicklung dieses Syndroms senken und seinen Verlauf
verstärken, sind aber weder nötig noch ausreichend, um das Auftreten
der Störung zu erklären. Belastende Umstände vor der Traumatisierung
haben einen Einfluss auf die Überwindung des Traumas.
Die Wahrscheinlichkeit der Entstehung und langen Dauer einer
posttraumatischen Belastungsstörung wird erhöht durch das Vorhandensein
ausgeprägter moralischer Konflikte, eine bereits vor dem Trauma
gegebene Beeinträchtigung durch eine Depression oder Angststörung sowie
das Unverständnis der sozialen Umwelt.
Frauen entwickelten nach einer Vergewaltigung eher bzw. in stärkerem
Ausmaß eine posttraumatische Belastungsstörung, wenn sie bereits vorher
unter Depressionen, Ängsten, emotionalen Belastungen,
Verlusterfahrungen (Tod eines nahen Angehörigen außer dem Ehepartner)
und sexuellen Misshandlungen gelitten hatten. Frauen, die weniger unter
den Folgen der Vergewaltigung litten, hatten im letzten Jahr davor
weniger Veränderungen zu bewältigen.
Autor:
Dr.Hans Morschitzky
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