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Schwindel ist eines der häufigsten und lästigsten Symptome bei Angst, insbesondere bei
Agoraphobie. Menschen mit Agoraphobie ohne ausgeprägte Panikstörung behaupten
oft
Westphal wies bereits 1871 bei der Darstellung der Agoraphobie auf den
psychologischen Zusammenhang von Angst und Schwindel hin. Freud
beschrieb 1895 in seinen "Studien über Hysterie" anhand des Falles der
18jährigen Katharina sehr eindrucksvoll den Schwindel als eines der
zentralen Symptome bei einem Angstanfall.
Schwindel ist eines der häufigsten und lästigsten Symptome bei Angst,
insbesondere bei Agoraphobie. Menschen mit Agoraphobie ohne ausgeprägte
Panikstörung behaupten oft, dass sie ihr Vermeidungsverhalten nur wegen
ihres unerklärlichen Schwindels entwickelt hätten. Sie fürchten zumeist
ein unangenehmes Schwindelgefühl, verbunden mit der Angst umzufallen,
so dass sie ihre Aktivitäten einschränken. Sie leiden in der Regel
unter einem ungerichteten Schwindel. Störungen des Gleichgewichtsorgans
im Ohr oder neurologische Schwindelzeichen sind nicht vorhanden.
38% der Deutschen (32% der Männer und 44% der Frauen) leiden unter
geringem, mittlerem oder starkem Schwindel, bei 8% ist der Schwindel
krankheitswertig. Schwindel ist keine Krankheit, sondern ein Symptom,
das viele Ursachen haben kann. Eine organische Abklärung ist nötig,
insbesondere dann, wenn außer dem Schwindel keine Angstsymptomatik
erkennbar ist. Eine umfassende Schwindelabklärung besteht in einer
ohrenärztlichen, augenärztlichen, internistischen, neurologischen und
psychiatrischen Begutachtung. Viele Angstpatienten bleiben nach
Ausschluss organischer Ursachen oft ratlos und frustriert zurück, weil
sie weder ein plausibles Erklärungsmodell noch Hilfestellungen für den
besseren Umgang mit ihren Schwindelzuständen erhalten haben.
Der Neurologe Lempert beschreibt in seinem allgemeinverständlichen
Ratgeber "Schwindel - was steckt dahinter. Informationen und
Ratschläge" die verschiedenen Arten und Ursachen von
Schwindelzuständen. Seine hilfreichen Darstellungen werden für
schwindelgeplagte Angstpatienten ausführlich wiedergegeben (bestimmte
rein organische Ursachen werden allerdings nicht dargestellt).
Schwindel als Folge einer Störung des Gleichgewichtssystems
Schwindel ist die Folge einer Störung des Gleichgewichtssystems durch
Ausfälle oder widersprüchliche Informationen vonseiten des
vestibulären, visuellen und sensiblen Systems. Schwindel ist ein
Warnhinweis für den Betroffenen, vorsichtig zu sein. Das
Gleichgewichtssystem wird durch Informationen aus drei Sinnesorganen
gesteuert:
- Das
Vestibularorgan (Gleichgewichtsorgan, Labyrinth) im Innenohr
registriert die Haltung und Bewegung des Kopfes (vestibuläres System).
- Die Augen vermitteln ein Abbild der Umwelt (visuelles System).
- Zahlreiche
sensible Nervenendigungen erhalten Informationen über Haltung und
Bewegung der Körperglieder und registrieren den Kontakt zum Boden
(sensibles System).
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Das sensible System empfängt einerseits die Druck- und Berührungsreize
von den Fußsohlen und der Körperoberfläche als Rückmeldung über den
jeweiligen Kontakt zum Boden und ermöglicht andererseits die
Eigenwahrnehmung des Körpers (Spannung der Muskeln und Stellung der
Gelenke). Im Gleichgewichtsorgan werden alle aus dem ganzen Körper
einlaufenden Informationen zur Haltung und Bewegung verarbeitet.
Enge funktionelle Verknüpfungen der Zentren der Raumorientierung mit
dem limbischen System begründen die Zusammenhänge zwischen Schwindel
und Angst bzw. Depression.
Drehschwindel als Folge einer Störung im vestibulären System
Beim Drehschwindel dreht sich alles wie nach einer Karussellfahrt.
Während der Fahrt macht das Drehen Spaß, die fortgesetzten
Dreherlebnisse am Boden wirken dagegen recht unangenehm. Die Umgebung
scheint sich um einen zu drehen, teilweise nach rechts, teilweise nach
links. Solange man sich auf den Beinen halten kann, tritt man unruhig
hin und her. Derartige Erfahrungen hängen mit der Funktionsweise des
Gleichgewichtssystems im Ohr zusammen.
Ein spontaner Drehschwindel stellt immer eine Störung des vestibulären
Systems dar, das vom Gleichgewichtsorgan im Innenohr über den
Gleichgewichtsnerven bis zum Gleichgewichtszentrum im Stammhirn reicht,
wo die Drehreize wahrgenommen und verarbeitet werden.
Das Gleichgewichtsorgan im Labyrinth des Innenohrs (in den drei
Bogengängen) ist mit Flüssigkeit gefüllt. Diese Flüssigkeit gerät bei
jeder Kopfbewegung in Fluss und erregt dabei bestimmte, in die
Flüssigkeit hineinragende Haare, was an das Gleichgewichtszentrum im
Stammhirn weitergeleitet wird.
Ein harmloser, nichtorganischer Drehschwindel entwickelt sich nicht
beim Drehen, sondern beim anschließenden Stehen bleiben, weil sich die
Flüssigkeit in den Bogengängen im Innenohr noch weiterdreht, was nicht
zur Wahrnehmung des Stehens passt. Wenn die Informationen des
Gleichgewichtsorgans nicht mit denen des Auges und der
Körperwahrnehmung übereinstimmen, entsteht ein unangenehmer Schwindel.
Ein krankhafter Drehschwindel lässt sich durch eine von vier Ursachen erklären:
- Ausfall
des rechten oder linken Gleichgewichtsorgans oder des
Gleichgewichtsnervs (Neuritis vestibularis). Es kommt zu mehrtägigem
Drehschwindel, Übelkeit und Fallneigung zur erkrankten Seite.
- Menière-Krankheit.
Es handelt sich dabei um eine Innenohrerkrankung mit wiederholten,
anfallsartig auftretenden und einige Stunden andauernden
Drehschwindelattacken, begleitet von Fallneigung, Nystagmus
(Augenrucken mit einem Wechsel von langsamen Augenbewegungen in einer
Richtung und schnellen Rückstellbewegungen in Gegenrichtung),
Hörminderung, rauschenden oder pfeifenden Ohrgeräuschen (Tinnitus),
Übelkeit oder Erbrechen sowie Völlegefühl im betroffenen Ohr. Die
Menière-Anfälle beruhen auf einer bislang ungeklärten Störung der
Flüssigkeitsbalance des Gleichgewichtsorgans im Innenohr, weshalb es
auch keine ursächliche, sondern nur eine symptomdämpfende Therapie gibt.
- Durchblutungsstörungen
im Gleichgewichtszentrum. Eine mangelhafte Durchblutung des
Gleichgewichtszentrums im Hirnstamm bewirkt eine einige Minuten
anhaltende Drehschwindelattacke, die insbesondere bei älteren Menschen
auf eine Arteriosklerose (Verhärtung und Verengung der Blutgefäße)
hinweisen kann und als möglicher Vorbote eines Schlaganfalls erkannt
und behandelt werden muss.
- Migräne. Schwindelzustände sind bei der Hälfte der Migränekranken vorhanden.
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Lageabhängiger Schwindel
Man unterscheidet zwei Formen von lageabhängigem Schwindel:
- Gutartiger
Lagerungsschwindel. Diese Schwindelform wird ausgelöst durch eine
Veränderung der Kopfposition. Sie zeigt sich am häufigsten einige
Sekunden nach der Lagerung auf die linke oder rechte Kopfseite, aber
auch beim Hinlegen auf den Rücken, beim Bücken, beim Aufrichten aus
gebückter Haltung oder aus dem Liegen, oder auch wenn der Kopf in den
Nacken gelegt wird. Oft ist der Schwindel mit Übelkeit, Erbrechen oder
Schweißausbruch verbunden. Die Ursache liegt in einer Funktionsstörung
im Innenohr. Bestimmte Teilchen der Ohrsteine (Otolithen) lösen sich
von ihren Sinneszellen ab, entweder spontan oder (in 20% der Fälle)
durch eine Schädelverletzung, schwimmen frei in der Innenohrflüssigkeit
herum und lagern sich bevorzugt im nahegelegenen hinteren Bogengang des
Innenohrs ab. Bei einem Lagewechsel geraten sie in Bewegung, bewirken
über eine Strömung der Ohrflüssigkeit eine Reizung der Sinneszellen und
lösen damit eine intensive Drehempfindung aus. Die Lösung dieses
Problems besteht in einfachen, wiederholten Bewegungsübungen, die
anfangs durch die Schwindelprovokation als unangenehm erlebt werden.
Man setzt sich aufrecht auf eine Bettkante oder ein Sofa und lässt sich
möglichst rasch in die Seitenlage fallen, in der der Schwindel
auftritt. Der Kopf soll dabei hinter dem Ohr aufliegen, d.h. das untere
Ohr ist gut sichtbar. Diese Position gilt es 30 Sekunden lang
auszuhalten. Durch wiederholte Bewegung des Kopfes in der Ebene des
hinteren Bogengangs werden die verirrten Ohrsteinchen aus dem Bogengang
herausgebracht und zu anderen Winkeln des Gleichgewichtsorgans
befördert, wo sie keine unerwünschten Erregungen bewirken können.
- Zentraler
Lageschwindel. "Lageschwindel" bedeutet, dass der Schwindel nur bei
einer bestimmten Kopfposition auftritt. "Zentral" bezeichnet den
Umstand, dass die Störung nicht im Gleichgewichtsorgan des Innenohrs
liegt, sondern im Gehirn (Störung des Gleichgewichtszentrums des
Hirnstamms oder im nahegelegenen Kleinhirn). Die Ursachen hierfür
können in folgenden Gehirnerkrankungen bestehen: Tumore, Metastasen,
Multiple Sklerose, Hirnblutungen, Infarkte und Migräneattacken.
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Schwindel als Folge einer Störung im visuellen System
Der Schwindel besteht in einer Irritation des Gleichgewichts, die
allein durch Sehreize ausgelöst wird. Der visuelle Schwindel ist
erklärbar durch die enge Zusammenarbeit von vestibulärem und visuellem
System bei der Steuerung des Gleichgewichts. Neben dem Brillenschwindel
(anfänglicher Schwindel bei neuen Augengläsern mit anderer Brechkraft)
sind zwei Schwindelarten besonders zu erwähnen:
- Höhenschwindel.
Höhenschwindel ist durch widersprüchliche Informationen von visuellem
und sensiblem System zu erklären, bedingt durch den Ausfall des
visuellen Systems für die Gleichgewichtsstabilisierung. Beim Blick aus
großen Höhen kann das visuelle System nichts mehr zum Gleichgewicht
beitragen. Die Augen erkennen eine Schwankung des eigenen Körpers
normalerweise durch eine Verschiebung in bezug auf ein feststehendes
Sehziel. Durch die weite Entfernung der Sehziele in großen Höhen können
die Körperschwankungen nicht mehr visuell entdeckt werden, weil die
Verschiebung des Körpers in bezug auf mögliche Fixierungspunkte in der
Tiefe zu gering ist. Zur Erkennung von Körperschwankungen mit dem Ziel
der Gleichgewichtsstabilisierung verbleibt daher nur mehr die sensible
Eigenwahrnehmung des Körpers. In großen Höhen ist es daher nützlich,
möglichst viele Nahziele zu fixieren, eine feste Standfläche zu wählen
und sich irgendwo festzuhalten. Der Höhenschwindel wird durch
psychische Faktoren verstärkt, nämlich durch die bildhafte Vorstellung,
in die Tiefe zu fallen, so dass vermehrt Angstreaktionen auftreten, die
physiologische Anspannungszustände bewirken, die die
Gleichgewichtsstabilisierung erst recht erschweren.
- Schwindel
durch Augenbewegungsstörungen (Nystagmus). Diese Schwindelform wird
durch ständig ruckende oder pendelnde Bewegungen (Nystagmus)
verursacht. Als mögliche Ursachen kommen Erkrankungen des
Gleichgewichtsorgans, des Hirnstamms, des Kleinhirns oder Lähmungen der
Augenmuskeln in Betracht. Viele Panikpatienten haben einen sehr
sensiblen, nicht organisch bedingten Nystagmus, d.h. ein nicht
bewusstes Zittern des Augapfels in Form von rasch aufeinanderfolgenden
waagrechten, senkrechten oder kreisenden Bewegungen aus innerer Unruhe.
Dadurch entsteht eine größere Abweichung zwischen Augen- und
Kopfbewegungen, die zu unstimmigen Informationen über die räumliche
Orientierung führen. Das kurzfristige Fixieren eines Punktes wirkt
beruhigend.
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Schwindel als Folge einer Störung im sensiblen System
Die Eigenwahrnehmung des Körpers ist ein gerade von
Agoraphobiepatienten oft unterschätzter Sinn zur Stabilisierung des
Gleichgewichts. Über die sensiblen Nerven und die Rückmarksbahnen wird
dem Gehirn andauernd die Spannung der Muskeln und die Stellung der
Gelenke gemeldet. Mit Hilfe des sensiblen Systems können wir auch bei
geschlossenen Augen die Position der Körperglieder und alle Bewegungen
millimetergenau wahrnehmen. Bei einem Ausfall des sensiblen Systems
muss das visuelle System verstärkt einspringen.
Eine gestörte Körperwahrnehmung wird anfangs oft als Schwindel erlebt,
obwohl es sich tatsächlich um eine Gangunsicherheit handelt. Die
sensible Wahrnehmung der Haut ist beeinträchtigt, weshalb die Fußsohlen
den Boden nicht gut spüren können. Der Untergrund erscheint als weich,
nachgebend oder bewegt. Man hat den Eindruck, als ginge man auf Watte
oder auf Eiern. Im Dunkeln tritt die Gangunsicherheit wegen des
Ausfalls der kompensatorischen Wirkung des visuellen Systems verstärkt
auf.
Bei einem Schwankschwindel fühlt man sich unsicher auf den Füßen, die
Erde scheint zu schwanken, das Körpergewicht wird auf eine Seite
gezogen. Man glaubt zu torkeln und möchte sich festhalten oder
anlehnen. Derartige Schwindelzustände sind bei Agoraphobiepatienten oft
anzutreffen und rein psychogen bedingt.
Bei organischen Ursachen ist die gestörte Körperwahrnehmung oft
begründet in einer Polyneuropathie (Erkrankung der peripheren Nerven),
manchmal in einer Rückenmarksschädigung. Von den über 100 Ursachen
einer Polyneuropathie sind die häufigsten die Zuckerkrankheit und der
Alkoholmissbrauch.
Kontrovers diskutiert wird der zervikale Schwindel, der in einer
Erkrankung der Halswirbelsäule besteht. Weiters führen Verspannungen
der Muskulatur, Verklemmungen der Gelenke und Erstarrungen des
Bewegungsablaufs einerseits zu Blutgefäßverengungen im
Schulter-Nacken-Bereich oder im Bereich der Halswirbelsäule und damit
zur Sauerstoffunterversorgung des Gehirns, andererseits durch die
Fehlstellung des Kopfes im Raum zu irritierenden Informationen für das
Gleichgewichtsorgan im Ohr.
Die Nackenmuskulatur ist maßgeblich am Gleichgewichtsgefühl beteiligt.
Das Ungleichgewicht der Muskelspannung (stärkere Anspannung auf einer
Seite des Nackens) erzeugt das Gefühl der Instabilität und des
Schwindels.
Schwindel als Folge einer Störung der Körpermotorik
Motorische Gleichgewichtsstörungen äußern sich meist als
Gangunsicherheit, manchmal auch als Schwankschwindel. Die Art der
Gangstörung wird durch die Art der Erkrankung und den Ort der
Schädigung bestimmt. Bei einer Kleinhirnschädigung sind die Schritte
breitbeinig, ausfahrend wackelig und verfehlen ihr Ziel. Bei der
Parkinson-Krankheit ist der Gang kleinschrittig schlurfend und manchmal
mit einer Starthemmung beim Losgehen verbunden. Bei fortgeschrittener
Erkrankung fallen die Gleichgewichtsreflexe aus, die unerwartete
Bewegungen bewältigen helfen.
Schwindel bei Reisekrankheit
Die Reise- oder Bewegungskrankheit (in Autos, Schiffen, Flugzeugen)
äußert sich in folgenden Symptomen: Schwindel, allgemeines Unwohlsein,
Müdigkeit, Gähnen, Blässe, kalter Schweiß, vermehrter Speichelfluss,
Druckgefühle im Kopf und Oberbauch, Übelkeit, Würgreiz oder Erbrechen.
Nach einigen Stunden bzw. nach einigen Tagen (bei Schiffsreisen)
bessert sich die Schwindelsymptomatik. Lesen im Bus erzeugt bei vielen
Menschen Schwindel.
Die Reisekrankheit wird durch ungewohnte bzw. unerwartete Bewegungen
sowie durch widersprüchliche Sinnesmeldungen ausgelöst. Während das
Gleichgewichtsorgan die Fahrbewegung wahrnimmt, sieht das Auge im
Inneren des Fahrzeugs keine Bewegung. Ein Blick aus dem Fenster von
Bus, Schiff oder Flugzeug schafft mögliche Fixierungspunkte. Diese
sollten nicht zu weit entfernt sein.
Schwindel bei Herz- und Kreislauferkrankungen
Schwindel, Benommenheit, Schwarzwerden vor den Augen (Flimmern),
Ohnmachtsneigung und Ohnmacht sind oft die Folgen einer
Mangeldurchblutung des Gehirns, zumeist bedingt durch harmlose oder
vorübergehende Kreislaufstörungen.
Der Kreislaufschwindel als Folge eines Blutdruckabfalls wird von den
Betroffenen folgendermaßen beschrieben: Benommenheit, Leichte oder
Leere im Kopf, Verlangsamung oder Verwirrung des Denkens, manchmal
Entrückung von der Umwelt.
Bei stärkerer Mangeldurchblutung zeigen sich folgende Symptome:
unscharfes Sehen, Zusammenziehen oder Verdunkeln des Gesichtsfeldes,
Verschlagen oder Rauschen der Ohren, flaues Gefühl im Bauch oder
Übelkeit, Hitzewallungen, Schweißausbrüche, Standunsicherheit, im
Extremfall kurze Ohnmacht (Synkope) mit spontanem Wiedererwachen.
Ein erhöhter Blutdruck kann ebenfalls Schwindel auslösen,
typischerweise begleitet von Kopfschmerzen. Die Ursache liegt in einer
reflektorischen Verengung der Hirngefäße und einer daraus
resultierenden Minderdurchblutung, insbesondere bei einem Blutdruck
über 200 mm Hg.
Herzrhythmusstörungen können durch die ungleichmäßige Durchblutung des
Gehirns in gleicher Weise Schwindelzustände bewirken, insbesondere bei
älteren Menschen.
Schwindel als Folge einer alkoholbedingten Beeinträchtigung
Ein Alkoholrausch führt zu vorübergehenden Schwindelzuständen und
Gleichgewichtsstörungen. Alkohol bewirkt eine Hemmung der Funktionen
des Kleinhirns (Feinabstimmung der Körper- und Augenbewegungen). Dies
erklärt Phänomene wie Standunsicherheit, schwankenden Gang, ausfahrende
Bewegungen und unkontrollierte Zungenbewegungen von alkoholisierten
Personen.
Der Alkohol gelangt auch in das Gleichgewichtsorgan und ändert dort die
mechanischen Eigenschaften des Bogengangsystems. Die daraus
resultierende Erregung der Sinneszellen macht sich (auch ohne
Bewegungsreiz) als Drehschwindel bemerkbar.
Eine entsprechende Schwindelsymptomatik kann als konditionierte
Reaktionsweise auch bei völliger Abstinenz auftreten. Nicht selten
geben die Betroffenen an, dass sie wegen einer lästigen
Schwindelsymptomatik zu trinken begonnen hätten, wodurch alles im Laufe
der Zeit noch schlimmer geworden sei.
Die gefäßerweiternde Alkoholwirkung hat einen blutdrucksenkenden
Effekt, was die Schwindelzustände verstärkt. Dies wirkt sich besonders
bei niedrigem Blutdruck recht negativ aus.
Chronischer Alkoholkonsum kann zu schweren und dauerhaften
Gleichgewichtsstörungen führen, bedingt einerseits durch eine
Polyneuropathie, andererseits durch einen Mangel an Vitamin B12, was
ohne Ersatz zu einer Beeinträchtigung der sensiblen Rückenmarksbahnen
führt.
Schwindel als Folge einer medikamentenbedingten Beeinträchtigung
Die meisten Medikamente können Schwindel als Nebenwirkung haben. Dies
trifft sogar auf Placebos zu, d.h. die Teilnehmer an
Medikamentenstudien halten das eingenommene Placebopräparat für die
Ursache eines aktuell erlebten Schwindelzustands. Schwindel zählt sogar
zu den häufigsten Placebophänomenen.
Medikamentös bedingter Schwindel beruht meistens auf einer
Überdosierung oder zu raschen Dosissteigerung, die dem Körper zuwenig
Zeit für eine Anpassung lässt, kann aber auch bei richtiger Dosis
auftreten.
Es gibt folgende potentiell schwindelerzeugende Medikamentengruppen:
- Medikamente,
die das Gleichgewichtsorgan beeinträchtigen und besonders im Dunkeln
eine Stand- und Gangunsicherheit bewirken, z.B. bestimmte Antibiotika.
- Medikamente,
die die Funktionen des Kleinhirns stören, z.B. bestimmte
antiepileptische Medikamente oder die Gruppe der Tranquilizer
(Benzodiazepine).
- Zentral
dämpfende Medikamente, die das ganze Hirn dämpfen, z.B. Schlaf- und
Beruhigungsmittel, Antidepressiva, Antiepileptika, Schmerzmittel,
Muskelentspannungsmittel, Antihistaminika zur Behandlung von Allergien,
sogar schwindeldämpfende Medikamente.
- Blutdrucksenkende
Medikamente, die auch die Hirndurchblutung und damit die
Sauerstoffversorgung mindern, z.B. Medikamente gegen Bluthochdruck,
gefäßerweiternde und harntreibende Mittel, die meisten Psychopharmaka
und Schlafmittel, einige Migränemedikamente und schwindeldämpfende
Medikamente.
- Andere schwindelauslösende
Medikamente. Kortikosteroide, weibliche Geschlechtshormone,
herzstärkende Medikamente vom Digitalistyp, Entzündungshemmer,
Gichtmedikamente, Asthmamittel, Appetitzügler usw.
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Wenn eine Durchuntersuchung keinen Hinweis auf eine organisch bedingte
Schwindelsymptomatik ergibt und auch ein psychogener Schwindel
unwahrscheinlich erscheint, sollte auf den Beipackzetteln eventuell
eingenommener Medikamente nachgelesen werden, ob die beklagte
Schwindelsymptomatik eine Medikamentennebenwirkung darstellen könnte.
Schwindeldämpfende Medikamente sollten nur kurzfristig (z.B. bei
Reisen) eingenommen werden, keinesfalls länger als zwei Tage, da sie
den Erholungsprozess im Gleichgewichtssystem hemmen. Bei Lageschwindel
und chronischen Schwindelformen sind derartige Medikamente nicht
angezeigt. Bei Dauerbehandlung können schwindeldämpfende Medikamente
selbst wiederum Schwindel hervorrufen.
Psychogener Schwindel
Der Angstschwindel ist ein eher diffuser Schwindel, häufig erlebt als
Benommenheit, Unsicherheit auf den Beinen, mangelnde Standfestigkeit,
Schweben wie auf Wolken, wie wenn man den Kontakt zum Boden verloren
hätte, oft verbunden mit Unruhe, manchmal auch mit Übelkeit.
Haltungsveränderungen beeinflussen diese Schwindelform kaum. Bei
normalem Gang fühlt man sich wie betrunken schwankend.
Menschen mit Panikattacken beschreiben verschiedenartige
Schwindelzustände: Benommenheit, Leere im Kopf, schwankende Bewegung
des Bodens, der Umwelt oder des eigenen Körpers, Unsicherheit beim
Gehen oder Stehen, Gefühl des drohenden Sturzes oder einer
bevorstehenden Ohnmacht.
Eine Begleitperson, Sitzen oder Liegen bewirkt oft eine Besserung der
Schwindelsymptomatik, Kopfbewegungen können dagegen die
Schwindelzustände verstärken.
Viele Agoraphobiker klagen über Schwindel, Ohnmachtsangst und Übelkeit,
wurden im Laufe des Lebens jedoch kaum ohnmächtig (dies war nur bei 1%
der Agoraphobiker der Fall).
Bei Menschen mit Angststörungen, die über Schwindelzustände klagen,
obwohl keine neurologischen oder vestibulären Ursachen festgestellt
werden können, lassen sich zwei relativ gut abgrenzbare Syndrome
unterscheiden:
- Phobischer Attacken-Schwankschwindel mit und ohne Paniksymptome.
- Psychogene
Stand- und Gangstörung. Schreckreaktionen führen zu "weichen Knien" als
Folge der Dominanz des parasympathischen Nervensystems. Ohne
subjektiven Schwindel im Kopf fühlen sich die Betroffenen "schwindlig
auf den Füßen". Sie beschreiben ein Schwanken beim Stehen und Gehen und
bewegen sich langsam und zögerlich (wie auf Eis). Ständige Angst führt
zu chronischer (sympathisch bedingter) Muskelverspannung mit
Gleichgewichtsstörungen.
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Bei vielen Menschen mit Agoraphobie steht der phobische
Attacken-Schwankschwindel mit situativ verstärkter Stand- und
Gangunsicherheit ohne subjektiv erlebte Angstsymptomatik im Mittelpunkt
des Erlebens. Agoraphobie und phobischer Attacken-Schwankschwindel
weisen folgende Zusammenhänge auf:
"Welche
zentrale Rolle die Angst beim psychogenen Schwindel einnimmt, zeigt
sich nicht zuletzt an der häufigsten umschriebenen klinischen
Erscheinungsform des psychogenen Schwindels, dem phobischen
Attackenschwindel. Diesen erleiden Patienten in bestimmten sozialen
Situationen (Kaufhäuser, Restaurants, Konzerte, Besprechungen,
Empfänge) oder angesichts typischer auslösender Sinnesreize (Brücken,
leere Räume, Treppen, Straßen, Autofahren). Der Schwindel entspricht
von seiner Erlebnisqualität her dem Höhenschwindel und ist durch die
Kombination eines Benommenheitsgefühls mit subjektiver Stand- und
Gangunsicherheit sowie einer Crescendo-Vernichtungsangst
charakterisiert. Im Unterschied zur Agoraphobie oder unspezifischen
Panikattacken klagen die Patienten mit phobischem Attackenschwindel
nicht in erster Linie über die ‘Angst’, sondern über den ‘Schwindel’,
der allenfalls die schreckliche Angst ausgelöst habe. Sie fühlen sich
organisch krank. Zum Schwindel führende Sinnesreize und Situationen
können rasch konditioniert werden und sich generalisieren. Es bildet
sich ein entsprechendes Vermeidungsverhalten aus."
In der Münchner Spezialambulanz für Schwindel war unter 768 Patienten
nach dem benignen paroxysmalen Lagerungsschwindel (20,6%) der phobische
Schwankschwindel (16,8%) als zweithäufigste Schwindelart anzutreffen.
Ein phobischer Schwankschwindel ist durch sechs Kriterien charakterisierbar:
- "Der
Patient klagt über Schwankschwindel und subjektive
Stand-/Gangunsicherheit bei normalem neurologischem Befund und
unauffälligen Gleichgewichtstests.
- Der
Schwindel wird beschrieben als eine fluktuierende Unsicherheit von
Stand und Gang mit attackenartiger Fallangst ohne Sturz, z.T. nur als
einzelne unwillkürliche Körperschwankung.
- Während
oder kurz nach diesen Attacken werden (häufig erst auf Befragen) Angst
und vegetative Missempfindungen angegeben, wobei die meisten Patienten
auch Schwindelattacken ohne Angst berichten.
- Die
Attacken treten oft in typischen Situationen auf, die auch als externe
Auslöser anderer phobischer Syndrome bekannt sind (Brücken, Autofahren,
leere Räume, große Menschenansammlungen im Kaufhaus oder Restaurant).
Im Verlauf entsteht eine Generalisierung mit zunehmendem
Vermeidungsverhalten auslösender Reize.
- Patienten
mit phobischem Schwankschwindel zeichnen sich meist durch zwanghafte
Persönlichkeitszüge und eine reaktiv depressive Symptomatik aus.
- Der
Beginn der Erkrankung lässt sich häufig auf eine initiale vestibuläre
Erkrankung (z.B. Neuritis vestibularis) oder besondere
Belastungssituationen zurückverfolgen."
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Die illusionäre Wahrnehmungsstörung des Schwankschwindels und der
Standunsicherheit der Betroffenen wird dadurch zu erklären versucht,
dass viele Schwindelpatienten mit ängstlicher Selbstbeobachtung in
übersensibler Weise sensomotorische Regelvorgänge registrieren, die
normalerweise unbewusst ablaufen, so dass die beim freien aufrechten
Stand entstehenden feinen Körperschwankungen oder unwillkürlichen
Kopfbewegungen als beängstigende Beschleunigungen wahrgenommen werden.
Bei Menschen mit Schwindel zeigen sich auffällig oft Angst,
Verunsicherung oder Depression. Aktuelle Konflikte und psychosoziale
Stressfaktoren (partnerschaftliche oder berufliche Konflikte,
Trennungen, Verluste, existentielle Erschütterungen) bzw. krisenhafte
Zuspitzungen bereits seit langem bestehender Probleme lösen dann in
bestimmten Situationen recht unangenehme Schwindelattacken aus, die
sich die Patienten anfangs überhaupt nicht erklären können, so dass sie
wegen des gefürchteten Schwindels eine Vermeidungshaltung im Sinne
einer Agoraphobie entwickeln, d.h. ihren Aktionsradius einengen. Das
Hauptproblem sind jedoch nicht die vielen situativen
Bedrohungsmöglichkeiten, sondern die aktuellen Lebensumstände, die den
Betroffenen oft buchstäblich "den Boden unter den Füßen" weggezogen
haben. Angesichts einer bestimmten Lebenssituation kann einem richtig
"schwindlig" werden.
In der Stand- und Gangunsicherheit drücken sich symbolisch oft zentrale
Lebensfragen aus: Wie sehr kann man bzw. möchte man auf "eigenen Füßen"
stehen? Was passiert, wenn man im Leben loslässt und fällt? Wer oder
was fängt einen auf?
Verhaltenstherapeuten, die diesen Hintergrund im Rahmen einer geplanten
Konfrontationstherapie bei einer Agoraphobie, die primär durch
Schwindelzustände und Fallängste bedingt ist, nicht berücksichtigen,
gehen oft am Kern des Problems vorbei.
Eine symptombezogene Behandlung zu Therapiebeginn ist dann sinnvoll,
- wenn
eine derartige Therapie dem Wunsch der Betroffenen entspricht
(Psychotherapeuten sollen ihren Patienten durchaus in deren Modell
begegnen),
- wenn durch eine
Konfrontationstherapie rasch wieder ein ausreichendes Selbstvertrauen
aufgebaut werden kann, das die Bewältigung der zugrundeliegenden
"tieferen" Probleme ermöglicht (bei psychosozialen Konfliktsituationen
wird auf diese Weise die Einengung der individuellen Bewegungsfreiheit
rasch beseitigt).
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Bei Depressionen äußert sich Schwindel häufig als Leere oder Nebel im
Kopf, als eine Art Schleier über Wahrnehmung und Denken, als
Benommenheit oder Unsicherheit beim Gehen. Bei einer somatisierten
Depression kann Schwindel ein ständig beklagtes Hauptsymptom sein.
Schwindel tritt auch im Rahmen einer Neurasthenie auf, d.h. bei einer
"nervösen Erschöpfung".
Schwindel kann durch eine Hyperventilation im Rahmen einer angst- oder
wutbedingten Erregung ausgelöst werden. Es kommt zu einer Verschiebung
des Sauerstoff-Kohlendioxidverhältnisses im Blut, in weiterer Folge zu
Gefäßverengungen und mangelhafter Blut- und Sauerstoffversorgung im
Gehirn, was als Schwindel erlebt wird.
Bei älteren Menschen mit Erfahrungen von Stürzen oder längerer Bettruhe
äußert sich Schwindel - abgesehen vom typischen Altersschwindel, der
Ausdruck einer Mehrfachschädigung ist - häufig als Gangunsicherheit,
bewirkt durch die erhöhte Selbstbeobachtung und die ängstliche
Erwartung zu fallen, oft auch als Folge einer schlechten körperlichen
Konstitution oder einer langzeitigen Tranquilizereinnahme.
Körperliche Schonung bei Angst - Ein sicherer Weg zur Angstverstärkung
Körperliche Schonung führt zu mangelnder Fitness. Alltägliche
Belastungssituationen lösen dann übermäßige körperliche Reaktionen aus
(Herzrasen, Atemnot, Schwitzen, Muskelkater usw.). Wenn Menschen mit
ohnehin niedrigem Blutdruck in Belastungs- und Angstsituationen (z.B.
bei einer Agoraphobie) einen weiteren Blutdruckabfall erleben und sich
deshalb zur Schonung hinlegen, sind sie derartigen Kreislaufreaktionen
zukünftig noch stärker ausgeliefert.
Wissenschafter der NASA, der amerikanischen Weltraumbehörde, haben
nachgewiesen, dass bei Gesunden allein eine Bettruhe von 7 Tagen das
Koordinationssystem des Gleichgewichts und damit die körperlichen
Erholungsmöglichkeiten beeinträchtigt.
Vaitl und Hamm studierten den Effekt der kardiovaskulären
Dekonditionierung, der in den bisherigen Erklärungskonzepten von
Angststörungen noch zuwenig Beachtung gefunden hat. Die vielbeklagten
Herz-Kreislauf-Beschwerden von Angstpatienten könnten hierin ihre
Ursache haben.
Dieser Effekt kann unter folgenden Umständen auftreten:
- nach Schwerelosigkeitsbedingungen im Weltraum,
- bei 6°-Kopf-Tieflage (Liegen mit dem Kopf 6° unter der Waagrechten),
- nach längerer Bettruhe.
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Alle genannten Bedingungen führen zu einer Verschiebung der
Körperflüssigkeiten in den Brustbereich und infolgedessen zu einer
Zunahme des zentralen Blutvolumens.
Das Kreislaufsystem des Menschen ist hauptsächlich dem aufrechten Gang
und den Bedingungen der Schwerkraft der Erde angepasst, weshalb starke
Verschiebungen der Körperflüssigkeiten heftige körperliche
Gegenmaßnahmen hervorrufen, die das Ziel haben, das Flüssigkeitsvolumen
des Körpers wieder zu reduzieren (z.B. verstärktes Harnlassen und
andere Flüssigkeitsverluste bei Bettlegrigkeit).
Diese Effekte entstehen regelmäßig nach längerem Aufenthalt in der
Schwerelosigkeit im Weltraum. Sie lassen sich auf der Erde dadurch
provozieren und simulieren, dass die Versuchspersonen über längere Zeit
eine Körperposition einnehmen, bei der ihr Kopf 6° unter die
Horizontale abgesenkt ist. Die Flüssigkeitsverteilung im Körper
entspricht bei dieser Lagerung annähernd derjenigen, die unter
Schwerelosigkeitsbedingungen vorherrscht.
Diese Simulationsmethode wird außerhalb der Raumfahrt dazu verwendet,
um die nachteiligen Effekte verlängerter Bettruhe auf die
Herz-Kreislauf-Funktion zu untersuchen. Der einzige Unterschied
zwischen der Bettruhe in horizontaler Position und dem Liegen mit einer
Kopfhaltung 6° unter der Horizontalen ist der, dass diese Effekte bei
der abgesenkten Kopfposition rascher eintreten und damit der
Untersuchungszeitraum verkürzt wird. Kreislaufstabile Versuchspersonen
zeigten bereits nach einem Tag eine erhebliche kardiovaskuläre
Dekonditionierung (bestimmt mit Hilfe des Orthostoasetests und der
Fahrrad-Ergometrie), wenn sie sich in dieser Zeit in einer
6°-Kopf-nach-unten-Position befanden. Innerhalb eines Tages wurde der
Kreislauf gesunder Probanden derart intolerant gegenüber dem "Stress"
der aufrechten Position, dass 4 von 10 Versuchspersonen während der
Orthostoasetests einen Ohnmachtsanfall erlitten.
Durch die Untersuchung von Agoraphobikern im Vergleich zu anderen
Personen konnte die Hypothese bestätigt werden, dass die bei
Agoraphobikern zu beobachtende kardiovaskuläre Dekonditionierung darauf
zurückzuführen ist, dass sich diese aufgrund übertriebenen
Schonverhaltens zu lange in der horizontalen Position aufhalten.
Infolge des Schonverhaltens vermeiden Angstpatienten nicht nur
körperliche Anstrengungen und Belastungen, sondern legen sich schon bei
den geringsten Anzeichen von Unwohlsein oder bei noch unklaren
Beschwerden hin und verbleiben möglichst lange Zeit in dieser Position.
Bei längerem Stehen tritt dann vermehrt Herzrasen auf.
Beim Übergang vom Liegen in die aufrechte Position kommt es bei vielen
Agoraphobiepatienten zu körperlichem Unwohlsein, das durch eine
Orthostase-Labilität oder durch starke Blutdruckschwankungen bedingt
sein kann. Die körperlichen Missempfindungen führen zu weiterer
Schonung, indem sich die Betroffenen neuerlich in die Horizontale
begeben und sich weiter schonen.
Die Befürchtung, an einer undefinierten Erkrankung des
Herz-Kreislauf-Systems zu leiden, verstärkt die Symptomatik, sobald die
Betroffenen erkennen, dass Maßnahmen wie Hinlegen und Schonen nicht die
gewünschte Wirkung zeigen. Diese Befunde bestätigen eine amerikanische
Untersuchung, wonach bei Panikpatienten verstärkt Tachykardien unter
Orthostase-Belastung auftraten.
Aus dem Umstand, dass bei Angstpatienten nach dem Aufstehen oft
Anzeichen von Kreislaufschwäche auftreten (z.B. Herzrasen und
Herzklopfen, Schwindelattacken, Muskelzittern, Übelkeit und
Schweißausbrüche), ergibt sich die Schlussfolgerung, schrittweise die
körperliche Leistungsfähigkeit der Betroffenen zu steigern, um eine
Konfrontationstherapie nicht durch mangelnde Kondition zum Scheitern zu
bringen.
Viele Angstpatienten klagen nicht nur über Kreislaufprobleme, sondern
auch über eine Schwäche in den Beinen, verbunden mit der Angst
umzufallen. Die mangelnde Bewegung im Rahmen der ständigen Schonhaltung
führt rasch zu einem Muskelschwund (Atrophie) der Beine. Schon der
altgriechische Arzt Hippokrates formulierte ein Gesetz des Lebens: "Was
gebraucht wird, wächst; was nicht gebraucht wird, geht zugrunde."
Unbenutzte Beinmuskeln bilden sich bereits innerhalb einiger Wochen
zurück, was Sportler ohne Training, Verunfallte nach einem
sechswöchigen Gipsverband, ältere Menschen nach einer mehrmonatigen
Liegephase und Astronauten ohne körperliches Trainingsprogramm im
Weltraum bald zu spüren bekommen.
Ein geeignetes Konditionstraining stärkt die Muskulatur (insbesondere
auch die Waden- und Oberschenkelmuskulatur), verbessert die
Knochenfestigkeit (größere Knochendichte als Schutz vor Brüchen),
vermehrt die Blutgefäße im Gehirn und fördert dadurch die geistige
Fitness, senkt den Blutdruck und die Herzfrequenz, verbessert die
Sauerstoffversorgung des Körpers und beseitigt das chronische
Müdigkeitssyndrom vieler Angstpatienten. Ständige Müdigkeit wird nicht
durch Schonung, Ausrasten und Energiesparen überwunden, sondern durch
häufigeres Ermüden als Folge vermehrten Energieverbrauchs durch Sport
und körperliche Betätigung.
Selbst in der Rehabilitation von Patienten nach einem Herzinfarkt
gehört körperliche Aktivität so früh als möglich zum
Standardtherapieprogramm. Die Erkenntnisse der Sportmedizin werden
zunehmend auf die Behandlung von Herzinfarktpatienten übertragen.
Strenge Bettruhe, wie sie früher verordnet wurde, schwächt den
Patienten zusätzlich, besonders, wenn er älter ist. Das
Konditionstraining nach einem Herzinfarkt sollte mit etwa 60-70% der
maximalen Leistungsfähigkeit erfolgen.
Das beste Trainingsprogramm für die Gesamtfitness besteht aus einer
Kombination von Ausdauersportarten und muskelkräftigenden Elementen.
Nach dem Kriterium des Sauerstoffverbrauchs können vier
Trainingsmethoden unterschieden werden:
- Isometrisches
Muskeltraining (isometrisch = in gleicher Länge bleibend). Übungen, die
für mehrere Sekunden eine Muskelanspannung bewirken, aber keine Bewegung
verlangen und daher wenig oder keinen Sauerstoff verbrauchen. Meistens
handelt es sich darum, zwei Gliedmaßen kräftig gegeneinander oder gegen
ein Objekt zu drücken. Diese Muskelspannung bewirkt einen Druck auf die
Blutgefäße, die sich dadurch entleeren. Das Blut wird in den Venen zum
Herz befördert. Die isometrische Spannung aktiviert den Kreislauf und
sichert die Sauerstoffversorgung. Menschen mit niedrigem Blutdruck
lernen auf diese Weise, ihren Blutdruck zu steigern.
Beispiele: kräftiges Gegeneinanderdrücken der Hände, Spreizen der Arme
zwischen zwei Türpfosten, jede Druckverstärkung gegen einen Widerstand,
Expanderübungen, progressive Muskelentspannung nach Jacobson, Übungen
zur Kräftigung der Beckenbodenmuskulatur.
Ein derartiges Krafttraining führt zum Muskelwachstum. Der stärkste
Reiz für die Zunahme der Muskelkraft liegt nicht in häufigen
Belastungen, sondern in kurzen, nur wenige Sekunden anhaltenden,
maximalen isometrischen Kontraktionen. Durch Überschreiten der
Reizhäufigkeit ist keine stärkere Muskelkräftigung zu erzielen. Je
dicker der Muskel ist, um so kräftiger ist er. Bei hohem Krafteinsatz
unter anaeroben (sauerstoffarmen) Bedingungen wird der Muskel in einen
Spannungszustand versetzt, der das Dickenwachstum bewirken soll. Die
hohe Sauerstoffschuld bringt eine hohe Übersäuerung durch Kohlendioxid,
Milchsäure und saure Stoffwechselschlacken mit sich. Sie führt rasch
zur Ermüdung. Es ist daher wichtig, dass nach hohem Krafteinsatz eine
Erholungspause von 3-5 Minuten folgt. Es sollen jeweils kurz
unterschiedliche Muskelgruppen trainiert werden (Prinzip des
Circuit-Training/Zirkeltraining; circuitus = Rundgang).
- Isotonisches Training: (isoton = gleichbleibender Druck). Beispiel: Gymnastik.
- Anaerobe
Trainingsübungen (anaerob = ohne Sauerstoff lebend). Kurzfristige
Maximalleistungen. Beispiel: Sprint, rasches Stiegensteigen.
- Aerobes
Training (aerob = mit Sauerstoff lebend): Sportarten, die genügend
Sauerstoff erfordern, lange genug anhalten und somit zu einem
Trainingseffekt führen. Sämtliche Ausdauersportarten: Wandern, Laufen,
Geländelauf, Schwimmen, Radfahren, Schilanglauf, Rudern, längeres
Stiegensteigen. usw. Laufen ist die billigste und beste Sportart. Der
Sauerstoffbedarf des Körpers ist bereits bei langsamem Laufen relativ
hoch. Dadurch werden die sauerstoffaufnehmenden, -transportierenden und
-verwertenden Systeme des Körpers intensiv angeregt und entwickelt.
Infolge des Einsatzes großer Muskelgruppen ist auch der Energieaufwand
beim Laufen höher als bei anderen Sportarten. Beim Laufen gilt als
Faustregel: man muss sich so belasten, dass das Herz mindestens um 50%
schneller schlägt. Diese Belastung muss man längere Zeit durchhalten.
Für ein effizientes Herz-Kreislauf-Training ist die Steigerung der
Pulsfrequenz um mindestens 50% erforderlich. Man sollte immer nur so
schnell laufen, dass man nicht in Atemnot gerät. Beim langsamen Laufen
zu Trainingsbeginn wird den Muskeln nie mehr Energie abverlangt als der
Kreislauf noch liefern kann. Sauerstoffaufnahme und -verbrauch halten
sich die Waage. Aerobes Laufen verhindert einen Muskelkater.
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Der Effekt der Leistungssteigerung durch Sport lässt sich durch eine
Laktatuntersuchung messen. Aus dem Ohrläppchen werden ein paar Tropfen
Kapillarblut gewonnen, und der Laktatspiegel (Milchsäure) wird im Labor
bestimmt. Dieser Wert gibt verlässlich Auskunft über die
Leistungsfähigkeit.
Sport verbessert die oft depressive Stimmung vieler Angstpatienten,
weil dabei die Ausschüttung von Endorphinen, d.h. körpereigenen
Opiaten, bewirkt wird (was bislang trotz häufiger Behauptungen
allerdings nicht ausreichend klar erwiesen ist), steigert den oft
niedrigen Blutdruck und verbessert die Gehirndurchblutung.
Bei Ängsten und Depressionen werden durch Sport Muskelspannungen
abgebaut und intensivere Atemzüge bewirkt. Von Menschen mit belastenden
Erlebnissen litten jene weniger häufig unter verschiedenen Krankheiten,
die regelmäßig Sport betrieben.
Ein Forscherteam aus Göttingen hat in den letzten Jahren den
Stellenwert von Sport in der Behandlung psychischer Erkrankungen
untersucht und den aktuellen Forschungsstand zusammenfassend
dargestellt. Im folgenden werden diese bedeutsamen Erkenntnisse
ausführlich referiert.
Zahlreiche Studien an Gesunden haben den positiven Einfluss eines
Ausdauertrainings auf Faktoren wie Ängstlichkeit, Depressivität,
Selbstbewusstsein, Konzentrationsfähigkeit und Stressbewältigung
nachgewiesen. Sport senkt die Eigenschaftsangst (trait anxiety) und
beeinflusst in positiver Weise physiologische Faktoren, die als
Ausdruck von Angst und Spannung angesehen werden. Aerobes Training hat
auch günstige Auswirkungen auf die Schlafqualität (erhöhter
Tiefschlafanteil, größere REM-Latenz).
Bei Sportlern mit einer Trainingspause weist das "akute
Entlastungssyndrom", d.h. eine "Sport-Entzugssymptomatik", auf die
Bedeutung neurobiologischer Adaptationsprozesse hin. Eine akute
Sportpause führt nach 1-2 Wochen bei durchtrainierten Sportlern zu
Symptomen wie Herzstichen, Schwindel, Verdauungsstörungen,
Unruhezuständen, Schlafstörungen und depressiver Verstimmung. Bei
Wiederaufnahme der sportlichen Betätigung verschwinden alle Symptome
innerhalb kurzer Zeit. Die neurobiologischen Ursachen dieses Phänomens
sind derzeit noch unbekannt, man schreibt jedoch dem serotonergen
Neuronensystem eine bedeutsame Rolle zu.
Die erste größere praktische und wissenschaftliche Bedeutung im
psychiatrischen Kontext erlangte die Sporttherapie Ende der 70er Jahre
in den USA, wo depressive Patienten mit Erfolg an einem
Ausdauertrainingsprogramm teilnahmen.
Verschiedene Studien an psychisch Kranken belegen mittlerweile
eindeutig, dass Sport bei Depressionen und Angststörungen heilsam wirkt
(zu anderen psychischen Störungen liegen noch zuwenig Studien vor). Die
Göttinger Arbeitsgruppe legte 1997 die erste vollrandomisierte,
placebokontrollierte Studie zur therapeutischen Wirksamkeit von
Ausdauertraining bei Patienten mit Panikstörung und/oder Agoraphobie
vor. Im Rahmen der 10 Wochen dauernden Studie wurden die
Therapieeffekte bei 49 Panikpatienten untersucht, die drei
verschiedenen Behandlungsbedingungen zugeordnet wurden:
Ausdauertraining (3-4 mal 30-60 Minuten Laufen pro Woche), Clomipramin
(112,5 mg pro Tag) und Placebo. Clomipramin und Ausdauertraining
führten im Vergleich zur Placebogruppe zu einer deutlichen Besserung
der Angstsymptomatik, gleichzeitig sank auch das Ausmaß der
Depressivität. Die gemessene Steigerung der körperlichen Fitness
bestätigt die Wirksamkeit des Ausdauertrainingsprogramms. Diese Studie
weist darauf hin, dass bei Panikpatienten bereits ein Ausdauertraining
ohne spezifische Begleittherapie zu einer deutlichen Besserung der
Symptomatik führt.
Das Ausdauertraining beeinflusst das autonome Nervensystem und zentrale
Neurotransmittersysteme. Das Göttinger Forscherteam befasst sich mit
verschiedenen möglichen Wirkmechanismen. Vor allem wird die Frage
geprüft, ob ein Ausdauertraining die Reaktionsbereitschaft zentraler
serotonerger Neurone verändert und dies wiederum das psychische
Befinden von Gesunden und Angstpatienten beeinflusst.
Nach der Endorphinhypothese führt ein Ausdauertraining akut zu einem
Anstieg von Beta-Endorphinen im Plasma, Trainingswiederholungen
bewirken eine potenzierte Ausschüttung von Beta-Endorphinen. Die
häufige Annahme, dass der Anstieg an Endorphinen zu einer
Stimmungsverbesserung führt, ließ sich bislang durch
Korrelationsstudien nicht empirisch bestätigen. Psychische
Zustandsverbesserungen scheinen daher beim gegenwärtigen Wissensstand
nicht durch die Ausschüttung von Endorphinen aus der Adenohypophyse
erklärbar zu sein, vor allem auch deshalb nicht, weil das Protein
Beta-Endorphin die Blut-Hirn-Schranke nicht überschreiten kann.
Nach der Serotoninhypothese führt eine intensive motorische Aktivität
zu einem erhöhten Umsatz von Serotonin. Möglicherweise kommt es dadurch
nach einiger Zeit zu einer adaptiven Rezeptor-Downregulation in einer
Weise, wie dies dem postulierten Wirkmechanismus von
Serotonin-Wiederaufnahmehemmern entspricht.
Ausdauertraining aktiviert auch das Noradrenalin- und Dopaminsystem.
Bei Depressiven wurde nach einem körperlichen Training eine erhöhte
Zahl von Noradrenalin- und Serotoninmetaboliten im Liquor
cerebrospinalis gefunden.
Nach zahlreichen Untersuchungen weisen Angstpatienten eine reduzierte
Belastbarkeit des Herz-Kreislauf-Systems und der Atmung auf:
- Eine verminderte Leistung bei der Fahrrad-Ergometrie stand mit der Häufigkeit von Panikattacken in Zusammenhang.
Herzneurotiker zeigten im Vergleich zu einer Kontrollgruppe eine
mangelnde ergometrische Belastbarkeit auf und lagen mit ihren Werten
nur knapp oberhalb der Leistung von Patienten mit organischen
Herzerkrankungen. Der Beta-Blocker Metoprolol (Beloc®, Lopresor®)
bewirkte eine höhere Belastungsfähigkeit. - Angstpatienten zeigten im Vergleich zu Gesunden eine höhere Herzfrequenz im Stehen und bei submaximaler Belastung.
Bei Patienten mit Panikstörung bzw. Depression war die maximale
Sauerstoffaufnahme im Vergleich zu einer Kontrollgruppe deutlich
erniedrigt, obwohl die Lungenfunktion unbeeinträchtigt war.
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Die verminderte kardiopulmonale Leistungsfähigkeit stellt nach
Auffassung des Göttinger Forscherteams eine pathogenetisch wirkende
Komponente innerhalb eines multifaktoriellen Modells zur Genese der
Panikstörung dar. Stress in Verbindung mit Bewegungsmangel und einer
entsprechenden biologischen Disposition führt zu einem erhöhten
Sympathikotonus und infolgedessen zu einer vegetativen Übererregbarkeit.
Die Wahrnehmung von Kreislaufsymptomen (diffuser Schwindel,
Ohnmachtsgefühl, Herzrasen) und deren Bewertung als gefährlich führt zu
Herzangst, Hyperventilation und Panikattacken. In weiterer Folge kommt
es zu ausgeprägtem Vermeidungsverhalten, psychosozialem Rückzug und
vollständigem Verzicht auf sportliche Betätigung, auch wenn diese
früher oft einen wichtigen Teil des Lebens darstellte. Der Mangel an
Bewegung und körperlicher Fitness verstärkt den Teufelskreis der Angst.
Bei Ausdauertrainierten wurden im Vergleich zu anderen Personen
folgende positive Effekte hinsichtlich der körperlichen Fitness
festgestellt:
- Nach
einem physischen und psychischen Stresstest ergaben sich kürzere
Erholungszeiten bezüglich der Herzfrequenz und der elektrodermalen
Reaktion.
- Nach Stresstests bestand eine
geringere kardiovaskuläre Reaktion, während Untrainierte bei
körperlicher Belastung einen stärkeren Anstieg der Herzfrequenz, d.h.
eine Neigung zu Tachykardie, aufwiesen und auch in Ruhe eine höhere
Herzfrequenz zeigten.
- Nach einer sportlichen oder psychischen Belastung war ein geringerer Anstieg des Kortisolspiegels nachweisbar.
Die Ausschüttung von Adrenalin war vermindert. - Sportler
weisen anders als unsportliche Personen bei Belastung keine wesentliche
Erhöhung der Herz- und Atemfrequenz auf, vielmehr arbeitet das Herz
durch den Auswurf einer größeren Blutmenge effektiver, und die Lunge
erreicht eine bessere Sauerstoffausbeutung der Einatemluft.
- Bei Trainierten ist ein geringerer Laktatanstieg feststellbar als bei Untrainierten.
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Ein Teil der Angstpatienten weist eine erhöhte Laktatsensitivität auf,
wie bei experimentellen Panikstudien festgestellt wurde. Bei
Laktatinfusionen wird oft geklagt über Parästhesien
(Körpermissempfindungen), Zittern, Schwindel, starkes Herzklopfen,
Kälte, Nervosität und Atemnot. Dieser Umstand könnte auch für das
Vermeidungsverhalten verschiedener Panikpatienten gegenüber sportlicher
Betätigung bedeutsam sein.
Ein Ausdauertraining reduziert bei Angstpatienten die vegetative
Erregbarkeit, führt zu einer gesunden Abhärtung des Körpers, stellt
eine aktive Bewältigungsstrategie angesichts von unvermeidlichen Härten
des Lebens dar und verbessert das allgemeine körperliche Befinden und
Selbstbewusstsein.
Körperliche Betätigung führt zu einer sofortigen Unterbrechung des
ängstlichen und/oder depressiven Grübelns, weil durch die Konzentration
auf die Umwelt, in der die Ausdauersportart ausgeführt wird, eine
sofortige Aufmerksamkeitsumlenkung erfolgt, z.B. Konzentration auf die
Natur beim Laufen oder Radfahren, Kontakt mit anderen Menschen im
Schwimmbad oder während des Schiurlaubs.
Ein Ausdauertraining stellt für viele Agoraphobiepatienten mit und ohne
Panikstörung bereits eine Art Konfrontationstherapie dar, so dass
sportliche Betätigung in ein verhaltenstherapeutisch orientiertes
Angstbehandlungsprogramm leicht und gut integrierbar ist. Gleichzeitig
führt vermehrte körperliche Aktivität zu der oft gewünschten
körperlichen Entspannung, ohne dass zu diesem Zweck Medikamente (vor
allem zum Schlafen) eingenommen werden müssen, wie dies ansonsten
häufig der Fall ist.
Die alleinige Anwendung eines Ausdauertrainings ohne weitere
Behandlungskomponenten kann nach neuesten Befunden bei bestimmten
Panikpatienten mit und ohne Agoraphobie bereits eine ausreichende
Besserung bewirken.
Die Erfahrungen des Göttinger Forscherteams zeigen jedoch auch, dass
Angstpatienten eine entsprechende Information, Motivation und
Handlungsanleitung benötigen, um in dieser Weise aktiv zu werden. Die
gutgemeinten Ratschläge, sich etwas mehr zu bewegen und in die frische
Luft zu gehen, weil dies gesund sei, bleiben in der Regel so lange
wirkungslos, als sie nicht in ein konkretes Erklärungsmodell zur
Wirksamkeit bei Angststörungen eingebettet werden.
Autor:
Dr.Hans Morschitzky
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