Einige Informationen und Empfehlungen sollen Ihnen das Einhalten eines
vernünftigen Ausmaßes an Sauberkeit erleichtern.
Selbsthilfe-Programm bei Wasch- und Reinigungszwänge
Einige
Informationen und Empfehlungen sollen Ihnen das Einhalten eines
vernünftigen Ausmaßes an Sauberkeit erleichtern.
In der Zeitschrift Z-aktuell der
Deutschen Gesellschaft Zwangserkrankungen e. V. weist der Wiener
Dermatologe W. Jurecka auf folgende dermatologisch relevante Fakten
hin, die von Menschen mit Waschzwängen unbedingt beachtet werden
sollten:
"Die Haut ist unter normalen Umständen relativ undurchlässig für
chemische Substanzen bzw. krankmachende Keime. Der Schutz gegen diese
Substanzen ist vorwiegend in der Hornzellschicht der Oberhaut
(Epidermis) gelegen und wird vor allem durch den Säurefettschutzmantel
der Haut erzeugt. Dies ist ein dünner Film von Lipiden (Fetten), der
durch die Talgdrüsen an die Hautoberfläche gelangt. Das saure Milieu an
der Hautoberfläche mit einem pH-Wert von ungefähr 5,5 entsteht
einerseits durch das Sekret der Schweißdrüsen, andererseits durch
Spaltung von Lipiden wie Triglyzeriden in freie Fettsäuren und
Cholesterin. Dieser sogenannte Säurefettschutzmantel der Haut hat eine
doppelte Funktion: Zum einen sorgen die Fette dafür, daß die Haut
geschmeidig bleibt und keine wesentlichen Risse oder Rauhigkeiten an
der Hautoberfläche entstehen. Zum anderen sorgt das saure Milieu an der
Hautoberfläche dafür, daß verschiedene chemische Substanzen
neutralisiert werden bzw. daß verschiedene pathogene Keime an der
Hautoberfläche ein schlechtes Milieu für ihr Wachstum vorfinden, da die
meisten dieser Keine eher ein neutrales Milieu bevorzugen.
Durch einen verstärkten Waschzwang kommt es vor allem zu einer
Zerstörung der Säureschutzschicht der Haut. Der intensive Gebrauch von
Wasser bewirkt ein Aufquellen der Hornschicht an der Hautoberfläche,
sodass der feste mechanische Verband der Hornzellen zerstört und damit
das Eindringen von chemischen Substanzen bzw. krankmachenden Keimen in
die Haut erleichtert wird. Seifen erfüllen ihre Waschfunktion vor allem
dadurch, daß sie zu einer massiven Entfettung der Haut führen.
Die meisten konventionellen Seifen sind mit ihrem pH-Wert im basischen
Bereich angesiedelt. Somit ist es gut verständlich, daß häufiger
Gebrauch von Seifen zu einer Zerstörung des Säurefettschutzmantels der
Haut führen kann. Eine so geschädigte Haut imponiert meistens als eine
sehr trockene, teilweise rissige und rauhe Haut. Auch können mehr oder
weniger diskrete Rötungen, Entzündungen und Schuppungen entstehen. Sind
diese aufgetreten, spricht man von einem Exsikkations- oder
Austrocknungsekzem.
Diese vorgeschädigte Haut ist prädestiniert für die Entwicklung
weiterer Hautprobleme. Die harmlosesten sind sicherlich die Entstehung
verschiedener Ekzeme, die nach Kontakt mit chemischen Substanzen
auftreten können und meist toxisch (giftig)-irritativer Natur sind. Es
kann jedoch auch zu einer leichteren Sensibilisierung gegenüber
allergieauslösenden Substanzen kommen, sodass es nicht verwundert, wenn
Patienten mit Waschzwang auch gehäuft unter allergischen
Hauterkrankungen leiden.
Wesentlicher jedoch dürfte das erhöhte Risiko für infektiöse
Hauterkrankungen sein. Besonders zu erwarten ist das vermehrte
Auftreten von verschiedenen Pilzerkrankungen. Aber auch das Auftreten
einer Impetigo contagiosa (oberflächliche bakterielle Infektion der
Haut) oder einer tieferen Infektion der Haut unter Mitbeteiligung der
Weichteile sind zu erwarten."
Beachten Sie beim Waschen grundsätzlich folgende Richtlinien:
- Stellen
Sie sich allen Situationen, die einen Waschzwang auslösen könnten.
Vermeiden Sie keine Gelegenheit nur deshalb, weil sie sich selbst sonst
mehrfach waschen oder die Wohnung stundenlang putzen müssten. Je mehr
Sie grundsätzlich zu jeder Konfrontation bereit sind, um so eher werden
Sie Ihre zwanghaften Tendenzen überwinden.
- Waschen
Sie sich die Hände nicht öfter als fünfmal am Tag, jedes Mal höchstens
30 Sekunden lang und baden bzw. duschen Sie täglich nur einmal für
höchstens 10 Minuten.
- Waschen
Sie Ihre Hände nur nach dem Benutzen der Toilette, vor dem Essen bzw.
vor dem Umgang mit Lebensmitteln oder wenn Ihre Hände sichtbar
schmutzig sind.
- Verwenden Sie Seife nur bei sichtbarem Schmutz.
- Vermeiden
Sie es, Ihre Angehörigen in Ihren Waschzwang einzubeziehen. Ihre
Angehörigen zwingen Sie dadurch auf ganz natürliche Weise, sich mit den
gefürchteten Situationen auseinanderzusetzen.
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Die folgenden Anleitungen zur Selbstbehandlung beruhen großteils auf
dem leider vergriffenen Selbsthilfebuch "Hör endlich auf damit" von Foa
& Wilson (Anmerkung Juni 2000: dieses Buch isst vergriffen und wird
leider nicht mehr aufgelegt). Recht empfehlenswert sind auch die
Selbsthilfebücher von L. Baer und N. Hoffmann. Bei Zwangsstörungen sind
aufgrund der Hartnäckigkeit der Symptomatik Selbsthilfeprogramme ohne
begleitende Psychotherapie zumeist weniger erfolgreich als bei
Agoraphobie und Panikstörung.
Gehen Sie zur Selbstbehandlung von Wasch- und Reinigungszwängen folgendermaßen vor:
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Wählen Sie aus der Liste Ihrer Waschzwänge,
die Sie nach den oben angeführten Kriterien erstellt haben, einen
Waschzwang mittleren Schwierigkeitsgrades (um 50) für Ihre erste
Konfrontationsübung aus.
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Berühren Sie mit Ihren Händen intensiv einen "verschmutzten" Gegenstand
(Türgriff mit den Bazillen anderer Menschen, Fleischmesser mit Blut,
Schuhsohle mit dem Schmutz der Straße, Verpackungsmaterial für
bestimmte chemische Produkte usw.), eine "verseuchte" Oberfläche
(Boden, Klobrille usw.) oder mit Ihren Fingern eine Körperausscheidung
(Urin, Menstruationsblut, Vaginalsekret, Schweiß). Halten Sie die
Berührung so lange durch, bis Angst, Unruhe und Unbehagen deutlich
abnehmen und erträglich erscheinen.
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Erleichtern Sie sich bei großem Unbehagen das Durchhalten durch
entspannende Atemübungen mit Betonung der verlängerten Ausatmung
(später ohne Atemtechniken) sowie durch bestimmte Selbstinstruktionen
("Das ist ekelig, aber nicht gefährlich"; "Es muss mir nicht gut gehen,
ich muss es nur aushalten"). Rechnen Sie damit, dass Sie anfangs
vielleicht längere Zeit und wiederholtes Üben benötigen, bis Sie sich
einigermaßen beruhigen können.
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Berühren Sie mit Ihren "verschmutzten" Händen Ihren ganzen Körper
(Gesicht, Haar, Arme, Beine, Kleidung), weiters Ihre Angehörigen, alle
Wohnräume und Gegenstände (Türgriffe, Polstermöbel, Sesseln,
Schreibtisch, Esstisch, Essbesteck, Lichtschalter, Elektrogeräte,
Bettzeug, Handtücher, saubere Kleidung im Schrank, Arbeitsplatte in der
Küche usw.). Über ein intensiv berührtes Tuch können Sie auch
gefürchteten Schmutz von außerhalb Ihrer Wohnung mit nach Hause nehmen,
Ihre Angehörigen damit "anstecken" und durch entsprechendes Wischen
überall verteilen.
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Verzichten Sie hinterher auf alle Reinigungsrituale
(Waschen, Putzen, Desinfizieren), kognitive Rituale (Stoßgebete,
magisches Zählen usw.) oder Absicherungsfragen an Ihre Angehörigen
("Kann wirklich nichts passieren?"). Ihre Hände waschen Sie frühestens
nach drei Stunden maximal 1-3 Minuten lang ohne spätere Wiederholung,
am besten jedoch waschen Sie sich die Hände den ganzen Tag nicht,
ertragen die Verschmutzung und provozieren dadurch bewusst ein
mögliches Unglück ("Wer wird wohl schwer krank werden oder gar sterben
müssen?"). Die Wohnung reinigen Sie frühestens erst nach 3-7 Tagen, das
"verschmutzte" Bettzeug wechseln Sie ebenfalls erst nach diesem
Zeitraum. Vielleicht kann ein anderes Familienmitglied den nächsten
Wohnungsputz übernehmen, damit nicht alles so ordentlich gereinigt ist,
wie Sie dies ansonsten möglicherweise tun würden.
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Konfrontieren Sie sich auf diese Weise im Laufe der Zeit (am besten durch ein 2-4wöchiges Intensivprogramm) mit allen Reizen, die Wasch- und Reinigungszwänge auslösen können.
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Wenn Sie Schwierigkeiten haben, diese und ähnliche Übungen sofort in
der Realität auszuführen, üben Sie die Konfrontation mehrfach in der
Vorstellung, beschreiben Sie den ganzen Vorgang in der Ich-Form und in
der Gegenwart (z.B. "Ich stecke jetzt meinen Zeigefinger in meinen Harn
und berühre damit den Fußboden und die Wohnungstür"), diktieren Sie den
Ablauf auf Tonband (ohne kognitive Rituale) und hören Sie den Text
mehrfach täglich an, bis Sie eine Konfrontation in der Realität wagen.
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Denken Sie die unangenehmen Szenen möglichst bildhaft bis zum Ende
durch, lassen Sie einen inneren Film ablaufen mit der größtmöglichen
Katastrophe, bewerten Sie anschließend die
Wahrscheinlichkeit eines derartigen Endes und wägen Sie ab, ob Sie
angesichts des möglichen Gewinns (mehr Lebensqualität und innere
Freiheit) nicht doch dieses Risiko eigenverantwortlich (ohne
Absicherung bei anderen) eingehen könnten.
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Bei Schwierigkeiten, mit den Übungen anzufangen oder durchzuhalten,
denken Sie daran, dass Sie öfters vielleicht mehr ein Gefühl von Ekel
als von Angst und Unbehagen haben werden
(z.B. im Kontakt mit den eigenen Körperausscheidungen). Ekel führt oft
zu Übelkeitsgefühlen. Das ist ganz normal. Sie müssen Ekelgefühle nicht
überwinden, sondern nur besser aushalten lernen.
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Autor:
Dr.Hans Morschitzky
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