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Gestufte Reizkonfrontation |
Es erfolgt ein schrittweises
Vorgehen von leichteren zu schwierigeren Situationen, um langsam
Selbstvertrauen aufzubauen. Spontan wird dieses Vorgehen von den
meisten Betroffenen gewünscht
Es erfolgt ein schrittweises
Vorgehen von leichteren zu schwierigeren Situationen, um langsam
Selbstvertrauen aufzubauen. Spontan wird dieses Vorgehen von den
meisten Betroffenen gewünscht, auch wenn sie oft nur langsam
vorankommen und den nächstschwierigeren Aufgabenstellungen vielleicht
mit Erwartungsängsten entgegenblicken.
Erstellung von Angsthierarchien
Erstellen Sie eine Liste Ihrer Ängste und reihen Sie diese nach dem
Grad ihrer Bedrohlichkeit (Bewertung von 0-100). Nach der Erstellung
einer Angsthierarchie werden die Ängste nach steigendem
Schwierigkeitsgrad zu bewältigen versucht.
Man unterscheidet zwei Arten von Angsthierarchien (Auflistung der Ängste nach dem Schwierigkeitsgrad):
- Annäherungshierarchien.
Das Angstausmaß wird durch das Ausmaß der zeitlichen oder räumlichen
Nähe zu bestimmten Dingen oder Situationen bestimmt. Die Angst steigt,
je näher man einem gefürchteten Reiz kommt, und sinkt, je größer der
Abstand ist.
- Objekthierarchien.
Die Ängste werden als unterschiedliches Ausmaß an Ängsten vor
bestimmten Gegenständen, Lebewesen oder Situationen bestimmt. Vor
bestimmten Objekten besteht eine größere Angst als vor anderen.
Objekthierarchien sind sinnvoll, um die unterschiedlichen
Angstsituationen nach dem Ausmaß ihrer Bedrohlichkeit darzustellen.
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Grundprinzipien der gestuften Reizkonfrontation
Bei der gestuften Reizkonfrontation sind folgende Punkte zu beachten:
- Legen
Sie klare und konkrete Übungsziele auf einer Liste fest und reihen Sie
diese der Schwierigkeit nach. Die Beschreibungen müssen so exakt sein,
dass bei den Übungen Missverständnisse ausgeschlossen sind.
- Gehen
Sie schrittweise vor, indem Sie mit den leichtesten Übungen beginnen.
Auf diese Weise sichern Sie sich Erfolgserlebnisse, die Ihnen Mut und
Zuversicht zum weiteren Üben geben. Ein gewisses ertragbares Ausmaß an
Angst ist notwendig, um angstmachende Situationen bewältigen zu lernen.
- Wiederholen
Sie die einzelnen Übungen regelmäßig mit ansteigender Schwierigkeit, um
Ihre Erfolge zu sichern und auszubauen. Wiederholen Sie die einzelnen
Übungen zur Stärkung Ihres Selbstvertrauens bis zu 3 mal täglich und
steigern Sie den Schwierigkeitsgrad. Rechnen Sie damit, dass Sie gute
und schlechte Tage haben und Ihnen die Übungen einmal leichter und
einmal schwerer fallen werden.
- Üben
Sie in den nächsten Wochen so oft als möglich täglich mindestens 2-5
Stunden lang. Regelmäßiges Üben schafft rasch neue Gewohnheiten,
während gelegentliches Üben stets neue Aufregung verursacht. Je öfter
Sie etwas tun, um so selbstverständlicher wird es.
- Machen
Sie "Zwischenübungen" als Brücken zu schwierigeren Übungszielen. Wenn
Sie einmal keine Fortschritte machen sollten, weil die Ziele zu hoch
waren, wählen Sie Zwischenziele, um doch Erfolgserlebnisse zu haben.
- Wenn
Sie aus Angst eine Situation verlassen haben, führen Sie dieselbe Übung
noch am gleichen Tag erfolgreich durch. Auf diese Weise überwinden Sie
Misserfolgserlebnisse.
- Bei
übermäßiger Angst entfernen Sie sich nur ein kleines Stück vom
angstbesetzten Ort. Vermeiden Sie jede Flucht, kehren Sie dann wieder
in die Situation zurück, wenn Sie sich etwas erholt haben.
- Verlassen
Sie die angstauslösende Situation erst dann, wenn Ihre Angst auf ein
erträgliches Ausmaß gesunken ist. Verwenden Sie eine Angstskala von 0
(keine Angst) bis 10 (unerträgliche Angst) als "Angstthermometer".
Verwenden Sie diese Skala auch außerhalb der Übungssituation (z.B. vor
Beginn der Übung). Es ist nicht das Ziel, keine Angst mehr zu haben,
sondern dass die Angst erträglich wird (z.B. Stufe 2 oder 3).
- Üben
Sie auch an "schlechten Tagen", dann vielleicht etwas weniger lang.
Stimmungsschwankungen sind normal. Führen Sie Ihr Trainingsprogramm
unabhängig von Ihrer Befindlichkeit durch. Sie brauchen die Erfahrung,
dass Sie Ihre Ängste auch dann bewältigen können, wenn diese nach
vorübergehender Besserung in einem Stimmungstief wieder vermehrt
auftreten sollten. Für die Übungen müssen Sie also nicht topfit sein.
- Üben
Sie schwierigere Situationen zuerst zusammen mit einem Angehörigen oder
einer Vertrauensperson. Wenn möglich, schließen Sie sich mit einer
anderen, ebenfalls agoraphobischen Person zusammen oder trainieren Sie
die Angstbewältigung im Rahmen einer Selbsthilfegruppe.
Bewältigungserfahrungen zusammen mit anderen stärken Ihr
Selbstvertrauen. Betrachten Sie jede aufgesuchte Situation jedoch erst
dann als bewältigt, wenn Sie sich dieser auch allein auszusetzen wagen.
- Rechnen
Sie mit Rückschlägen, ohne dass Sie sich davor fürchten, und nutzen Sie
diese als Chance, etwas daraus zu lernen. Die stärksten Rückschläge
erfolgen oft aus einer Panikattacke heraus. In diesem Fall sollten Sie
erkennen, dass eine gestufte Angstbewältigung allein unzureichend ist,
weil Sie dabei nicht lernen, mit extrem starken Ängsten umzugehen, wie
diese bei Panikattacken auftreten. Anstelle der Methode "Wasch’ mich,
aber mach’ mich nicht nass" sollten Sie direkt in das "kalte Wasser"
der Angst springen und eine massierte Reizkonfrontation allein, mit
Hilfe einer vertrauten Person oder eines Psychotherapeuten beginnen. In
diesem Fall lernen Sie, Ihre stärksten Ängste zu provozieren und damit
umzugehen.
- Nehmen
Sie weder vor der Übung Beruhigungsmittel ein noch führen Sie diese
während der Übungen mit sich, auch wenn Sie vorhaben, keine
einzunehmen. Lernen Sie von Beginn an, sich ausschließlich auf sich
selbst zu verlassen und nicht auf Beruhigungsmittel, die Sie wie einen
Talisman mit sich führen. Sie schaffen damit die Voraussetzungen, dass
Sie alle erreichten Erfolge sich selbst und nicht den Tabletten
zuschreiben.
- Wenn
Sie derzeit Beruhigungsmittel nehmen, setzen Sie diese in Absprache mit
Ihrem Arzt langsam ab, bevor Sie mit den Übungen beginnen. Eine Woche
vor Beginn der Übungen sollten Sie frei von Beruhigungsmitteln sein.
Wenn Sie sich gegenwärtig dazu nicht in der Lage fühlen, sollten Sie
wenigstens alle Übungsaufgaben inklusive der schwierigsten mit Hilfe
der Beruhigungsmittel bewältigen können, ohne dass Sie diese wegen der
Übungen in verstärktem Ausmaß einnehmen. Anderenfalls geben Sie
letztlich zu, dass Sie sich nicht einmal unter dem Schutz Ihrer
Tabletten in angstmachende Situationen zu begeben wagen.
- Wenn
Sie derzeit angstdämpfende Antidepressiva einnehmen, insbesondere
solche, die nachweislich gegen Panikattacken wirken (z.B. Seroxat®,
Floxyfral®, Seropram®), setzen Sie die Einnahme in der verordneten
Weise fort, weil deren Wirksamkeit eine mehrmonatige kontinuierliche
Einnahme erfordert. Wenn Sie zur mittelfristigen Unterstützung auf
Anraten des Arztes diese Medikamente einnehmen sollen, beginnen Sie
damit nicht gerade am Anfang der Konfrontationstherapie, zumindest
nicht sofort mit der Zieldosis (z.B. 40 mg bei Seroxat®), sondern mit
einer niedrigeren Dosis, d.h. nehmen Sie diese Medikamente in Absprache
mit dem Arzt "einschleichend" in wöchentlich steigender Dosis bis zur
Zieldosis, weil auch diese Medikamente in den ersten zwei Wochen
Nebenwirkungen haben können, wenngleich wesentlich geringere als andere
Antidepressiva. Sie könnten die Nebenwirkungen anderenfalls leicht als
Angstsymptome im Rahmen Ihres Übungsprogramms interpretieren und wären
dann gefährdet, Ihr Angstbewältigungstraining einzustellen.
- Achten
Sie schon von Beginn Ihres Angstbewältigungstrainings an darauf, dass
Sie nicht so sehr gegen Ihre Ängste kämpfen, sondern vielmehr für Ihre
Freiheit, tun und lassen zu können, was Sie wollen, d.h. üben Sie nicht
nur das Aushalten unangenehmer Situationen, die auch weniger ängstliche
Menschen ungern erleben, sondern unternehmen Sie viele Dinge, die Sie
eigentlich gerne tun möchten. Dies stärkt Ihre Motivation zum
Durchhalten. Vergegenwärtigen Sie sich, was Sie früher gerne getan
haben, und malen Sie sich in der Phantasie möglichst plastisch aus, wie
Sie jene Situationen aufsuchen können, deren Bewältigung Sie in der
nächsten Zeit erst noch üben müssen.
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Übungsvorschläge für eine gestufte Reizkonfrontation
Die folgenden Übungsvorschläge sollen eine Anregung darstellen, Ihre
Ängste im Sinne einer Objekthierarchie darzustellen. Die einzelnen
Aufgabenstellungen können Sie dann im Sinne einer Annäherungshierarchie
je nach Bedarf leichter bzw. schwieriger gestalten. Führen Sie alle
Übungen allein durch, um Ihr Selbstvertrauen zu stärken.
- Gehen Sie mindestens 20 Minuten in einem Supermarkt umher.
- Stellen Sie sich bei der Kasse in einer Schlange mit mindestens 10 Leuten an.
- Schauen Sie 15 Minuten lang in einem Kleidergeschäft die neue Mode an.
- Probieren Sie in Geschäften Kleider oder Schuhe, ohne etwas zu kaufen.
- Bleiben Sie eine halbe Stunde lang in einem Lokal oder Café in der Mitte sitzen.
- Nehmen Sie ein Menü in einem überfüllten Restaurant ein.
- Gehen Sie in ein Konzert, Theater, Kino oder in einen Gottesdienst und bleiben Sie bis zum Ende.
- Setzen Sie sich im Kino oder bei einer Veranstaltung in die Mitte einer Reihe.
- Leisten Sie sich beim Friseur einen zeitaufwendigen Haarschnitt.
- Gehen Sie zum Zahnarzt, wenn Sie dies schon lange nicht mehr getan haben.
- Besuchen Sie eine Sportveranstaltung oder Freiluftveranstaltung mit vielen Zuschauern.
- Besuchen Sie einen Jahrmarkt oder Unterhaltungspark mit vielen Leuten.
- Fahren Sie auf dem Rummelplatz mit bisher stets gemiedenen Fahrzeugen (z.B. mit dem Riesenrad oder der Hochschaubahn).
- Gehen Sie für mindestens eine Stunde in ein überfülltes Hallenbad bzw. Freiluftbad.
- Gehen Sie für mindestens eine Stunde in eine öffentliche Sauna.
- Gehen Sie in einem Krankenhaus mindestens eine Stunde lang durch alle möglichen Stationen.
- Fahren Sie mit der Straßenbahn eine halbe Stunde sitzend in einem Viererabteil.
- Fahren Sie mindestens eine halbe Stunde lang stehend in einem Bus.
- Fahren Sie eine Stunde lang in der Stoßzeit mit einem öffentlichen Verkehrsmittel.
- Gehen Sie in einer überfüllten Straßenbahn von einem Ende bis zum anderen durch.
- Machen Sie mit dem Postbus einen Tagesausflug zu einem Ort, an dem Sie noch nie waren.
- Fahren Sie mit dem Auto auf der Autobahn mindestens 100 km in einer Richtung.
- Fahren Sie mit einem Schnellzug mindestens 200 km.
- Besuchen Sie mindestens 100 km entfernte Verwandte oder Bekannte.
- Fahren Sie mit einem Schiff oder Boot über einen See bzw. machen Sie eine Seerundfahrt.
- Fahren Sie mit einer Seilbahn bis zur Endstation hinauf.
- Fahren Sie mit dem Auto durch einen längeren Tunnel.
- Fahren Sie in einem Hochhaus 3 mal mit dem Lift auf und ab, ohne auszusteigen.
- Machen Sie beim nächsten Flughafen einen mindestens halbstündigen Rundflug.
- Gehen Sie durch einen langen düsteren Gang.
- Nehmen Sie an einer unterirdischen Führung teil (Bergwerk, Katakomben).
- Besteigen Sie einen Turm (z.B. den Dom oder Fernsehturm einer größeren Stadt).
- Gehen Sie eine offene Wendeltreppe (z.B. einen Notausgang) hinauf und wieder hinunter.
- Schauen Sie von einem mindestens 6 Stockwerke hohen Haus bei offenem Fenster hinunter.
- Gehen Sie über eine gefürchtete Brücke und schauen Sie in der Mitte auf den Fluss hinunter.
- Gehen Sie mindestens eine Stunde lang durch einen Wald.
- Gehen Sie Blutspenden bei einer öffentlichen Blutsammelstelle.
- Machen Sie einen dreistündigen Stadtbummel ohne Mitnahme von Beruhigungsmitteln.
- Fragen Sie Leute auf der Straße nach der Zeit, nach einem Weg oder um Wechselgeld.
- Gehen Sie bei Nacht mindestens eine halbe Stunde lang in einer belebten Straße spazieren.
- Verreisen
Sie über Nacht in eine Stadt, in der Sie noch nie waren, ohne jemand zu
informieren, wo Sie sind, und übernachten Sie dort allein in einem
Hotel.
- Übernachten Sie in einer voll belegten Jugendherberge.
- Bleiben
Sie eine bestimmte Zeit (mindestens 4 Stunden) allein in der Wohnung,
ohne mit jemand Kontakt aufzunehmen (auch nicht telefonisch).
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Autor:
Dr.Hans Morschitzky
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