|
Zugriffe |
Seitenaufrufe : 2473189
|
|
|
Wann meine Angsterfahrungen begannen, kann ich eigentlich gar nicht genau sagen. Ich weiß nur, dass ich immer schon ein introvertierter Mensch war, der nicht so besonders gerne mit vielen fremden Menschen zusammen war, auch als Kind und Jugendlicher nicht.
In der Zeit meines Studiums in Aachen wurden meine Probleme stärker, ich ging teilweise nicht gerne zu Vorlesungen, eine zeitlang kaum noch. Ich hatte danach natürlich ein schlechtes Gewissen und zudem Schwierigkeiten, mit dem Studium voranzukommen, auch weil ich nebenher noch arbeitete. Irgendwann wurden meine Ängste so schlimm, dass ich im Herbst 1991 Depressionen bekam und mich in meinem Körper nicht mehr wohlfühlte. Ich litt damals auch unter starker Akne und fühlte mich untergewichtig, konnte das aber irgendwie nie ändern. Wie gesagt: alles wurde so schlimm, dass ich eine stationäre Therapie in Münster machen musste. Zuerst hieß es, meine gesundheitliche Verfassung zu verbessern. Und gleichzeitig hatte ich Gespräche mit einer Psychologin. Die Gesprächsthemen, die zurück ins Kindes- und Jugendalter reichten, waren teilweise sehr unbequem für mich. Ich hätte die Psychologin manchmal am liebsten zum Mond geschickt. Aber dadurch wurde bei mir eine soziale Phobie festgestellt, also Ängste im Zusammenhang mit sozialen Kontakten. Schön (oder besser nicht schön) sagte ich zu mir, aber so richtig half mir das nicht weiter: nur zu wissen, was ich habe, aber nicht zu wissen, wie ich’s ändere. Meine Stimmung besserte sich bald, da ich in der Therapie mit Leidensgenossen zusammen war, und ich bald auch wieder motiviert war, mein Studium schnell weiterzumachen. So richtig wurde zu dem Zeitpunkt nicht an der sozialen Phobie gearbeitet. Ich war insgesamt zweieinhalb Monate in der Therapie und wurde dann entlassen, allerdings mit dem Unterschied, dass ich ambulante Gespräche am Aachener Klinikum von da an alle zwei Wochen hatte.In Aachen hatte ich ja zu dem Zeitpunkt studiert. Ich stürzte mich also wieder in das Studium und hatte gleichzeitig Gespräche mit einem Psychologen, die mir auch anfänglich geholfen haben. Aber dennoch änderte sich an meinen Ängsten und vor allem der sozialen Phobie nichts. Es dauerte bis zum kommenden Sommer, dass ich wieder Depressionen bekam, meine Ängste wieder gegenwärtig waren und ich einfach als Single, der sich selbst versorgen muß, nicht mehr so weitermachen konnte. In den Zeiten, wenn’s mir schlecht ging, hatte ich Angst rauszugehen, einzukaufen und zu Vorlesungen zu gehen. Mein Psychologe riet mir wieder zu einer stationären Therapie und zwar diesmal in Aachen im Klinikum. Hier wurde ich diesmal nicht nur psychologisch sondern psychosomatisch betreut. Ich habe nämlich seit meiner Geburt einen Herzfehler: meine Aortenklappe schließt nicht ganz perfekt und bei jedem Herzschlag fließt Blut zurück. Dadurch muß also das Herz mehr arbeiten. Aber bis dahin machte dieser Fehler gar keine Probleme, ich wurde nur regelmäßig kardiologisch untersucht. Diesmal wollte man im Klinikum abklären, ob dieser Herzfehler etwas mit meinen Ängsten zu tun haben könnte. Bei mir wurden verschiedene Untersuchungen durchgeführt, vom Ruhe- und Belastungs-EKG über Ultraschalluntersuchung, Langzeit-EKG und Langzeit-Blutdruckmessung bis zur Einschwemm-Katheter-Untersuchung. Aber so richtig konnte man nicht nachweisen, dass es davon kam. Auch hier ging es mir nach etwa zwei Monaten wieder so gut, dass ich wieder entlassen werden konnte. Und auch hier stürzte ich mich wieder ganz schnell in das Studium und mir gelang es, etwa eineinhalb Jahre später den Abschluß zu machen. Ich kämpfte mich durch Vorlesungen und Prüfungen und eine Zeitlang hatte ich mit Ängsten weniger Probleme. Zu dem Zeitpunkt dachte ich, ich wäre geheilt. Im Frühjahr 94 beendete ich erfolgreich das Studium und mir wurde aufgrund meiner Diplomarbeit auch sofort eine Stelle in Stuttgart angeboten. Ich begann dort als Diplom-Ingenieur im Mai 94 und musste mich erst mal um meinen neuen Job – meinen ersten - kümmern. Alles andere war für mich erst mal Nebensache. Aber nach etwa drei bis vier Monaten begann ich, auch freizeitmäßig mehr zu unternehmen. Ich belegte z.B. Volkshochschulkurse, um auf diesem Wege neue nette Leute kennenzulernen. Auch schaute ich ab und zu in die Zeitung, um auf dem Weg von Bekanntschaftsanzeigen mal eine nette Frau kennenzulernen. Aber zunächst schrieb ich nur auf Anzeigen, mit wenig Erfolg. Dann kam mir die Idee, selbst eine Anzeige aufzugeben, worauf ich auch nette Zuschriften bekam. Aber die ganze Sache war ein absoluter Reinfall. Und da ich sehr sensibel bin, hat es mich so auch wieder total runtergerissen. Ich bekam wieder Depressionen und zog mich wieder in mein Schneckenhaus zurück. Allerdings hatte ich ja einen Job und konnte es mir nicht leisten, zu fehlen wie zu der Zeit als ich noch Student war. Die Folge: ich verlor den Job und stand vor dem großen Scherbenhaufen, den ich mir selbst eingebrockt hatte. Tja, und das ganze hat mich so mitgenommen, dass ich wieder eine stationäre Therapie mitgemacht habe, diesmal über einen längeren Zeitraum: drei Monate und anschließend ein Monat Tagesklinik. Und diese Therapie ist die bislang letzte. Seitdem geht es mir auf jeden Fall wesentlich besser, auch wenn ich fast ein Jahr warten musste, bis ich wieder einen neuen Job hatte. Ich habe seitdem meine Akneprobleme im Griff (habe eine Aknetherapie gemacht!) und auch so wesentlich mehr Selbstbewusstsein. Aber mit so manchen Problemen habe ich auch heute noch zu kämpfen. Zum Beispiel schwitze ich sehr stark, wenn ich in einer sozialen Situation bin. Aber ich weiß, dass das vorübergeht, so nach einer Viertelstunde. Mir hat ein Arzt mal gesagt, es sei eben meine Art, innere Unruhe und Druck abzubauen. Andere hätten Herzprobleme oder Magenschmerzen, und ich würde den Druck mit Schwitzen kompensieren. Damit müsste ich leben. Nur ist das nicht so einfach. Wenn ich manchmal im Berufsleben damit zu kämpfen habe, ist es mir einfach peinlich und dadurch verstärkt sich alles noch. Aber es stimmt: nach einer Viertelstunde hört es auf und ich fühle mich dann besser als vorher. Ich werde wohl wirklich damit leben müssen. Heute geht es mir eigentlich ganz gut. Eigentlich, weil man ja nie weiß, wann einen die Angst wieder einholt. Ich bin gerade 35 Jahre alt geworden. Ich versuche auch, regelmäßig soziale Kontakte zu haben, nur hier tue ich mich sehr schwer, denn ich bin vor ein paar Monaten wieder umgezogen. Über Musik kann ich ganz gut unter Menschen kommen, ich spiele Saxophon und bin z.Zt. in zwei Bands. Aber wenn ich in Kneipen bin oder im Kino, das sehr voll ist, spüre ich sofort, daß die Ängste, das Unwohlsein und das Schwitzen noch nicht vorbei sind. Und dann ist es ein absoluter Kampf mit mir selbst: Flüchten oder Aushalten. Und später: wieder in die Situation begeben oder vermeiden. Und ich bin heute immer noch kein regelmäßiger Kneipen- und Kinogänger, leider... So, viele liebe Grüße allen anderen Betroffenen und ich finds toll, dass es diese Site gibt! Kompliment, Steve! Dieter
|
|
|
|