Wieviel Angst ist noch normal?

Angst gehört zum Leben. Es geht nicht darum, keine Angst zu haben, es geht darum, wie wir mit unseren Ängsten umgehen. Ein Interview mit dem Arzt und Psychoanalytiker Dr. Egon Fabian zum Thema Angst und wann sie zu einer behandlungsbedürftigen Störung wird.

Herr Dr. Fabian, gibt es so etwas wie eine allgemein gültige Definition von Angst?

Angst gehört zu den menschlichen Grundaffekten, zu den Emotionen. Ihre ursprüngliche Funktion besteht darin, uns vor Gefahren zu schützen, eine Funktion, die sie auch schon bei Tieren hat. Bei Tieren ist die Angst ein angeborener Instinkt. Ein Tier unterscheidet instinktiv, in welcher Situation es Angst haben soll und in welcher nicht. Ein kleiner Vogel kann angeborenerweise unterscheiden, dass ein Habicht oder ein Falke gefährlich ist, andere Vögel dagegen nicht. Die Angst ist also eine genetisch programmierte Reaktion. 

Beim Menschen dagegen ist es anders. Bei uns ist diese instinktive Angst extrem abgeschwächt. Wir sind anders als Tiere kaum noch instinktgesteuert. Vielmehr ist unser Verhalten sehr stark sozial geprägt. Wir lernen durch die Einflüsse von Familie, Dorf, Land, Kultur, Ideologie usw. Diese Einflüsse sind enorm groß und sie prägen auch unsere Affekte und damit auch die Angst. Nicht das Gefühl der Angst, aber ihr Umfang und ihre Erscheinungsformen sind von Kultur zu Kultur unterschiedlich. Darüberhinaus ist der Mensch sich seiner Angst bewusst, sie ist eine urmenschliche Erfahrung, die jeder kennt, sie gehört zum Menschsein unabdingbar dazu. Insofern ist die Angst beim Menschen viel mehr als nur ein biologisches Phänomen. Wir können uns die Angst wie mit zwei Gesichtern, wie mit einem Januskopf vorstellen: auf der einen Seite die seelische, auf der anderen die körperliche Seite.

Bei einfachen phobischen Ängsten wie einer Spinnen- oder Schlangenangst zeigt sich bei uns noch die instinktive Basis?

Ja, aber eine solche Angst ist zunächst noch keine Phobie. Dass wir alle eine gewisse Zurückhaltung haben vor Schlangen oder Spinnen, das ist sinnvoll. Diese Tiere könnten gefährlich sein oder auch nicht – der Laie weiß es nicht. Wir können nicht spontan unterscheiden zwischen einer giftigen oder ungiftigen Schlange. Bei Pilzen habe ich diese Vorsicht auch, aber eine solche Zurückhaltung ist noch nicht als pathologisch zu bezeichnen.

Also an sich ist Angst noch keine Krankheit?

Nein, natürlich nicht! Wir erleben die Angst als unangenehmes Gefühl, aber eben darin erfüllt sie ihre Aufgabe, uns vor gefährlichen Situationen zu schützen. Beim Menschen kommt aber nun noch eine neue Dimension hinzu. Wir Menschen sind, als Säuglinge und kleine Kinder, sehr lange hilflos. Wir sind sozusagen eine „normalisierte Frühgeburt“. Während die meisten Tiere innerhalb von wenigen Wochen oder maximal Monaten ausgereift sind und ihr Leben allein meistern können, müssen wir jahrelang – etwa ein Fünftel unseres Lebens – mit dieser, am Anfang nur körperlichen, später auch seelisch erfahrenen Hilflosigkeit umgehen. Wir sind von Geburt an abhängig von anderen.

Ist das auch der Grund, warum Kinder so viele Ängste haben? Kinder sind ja in der Regel noch sehr viel ängstlicher als Erwachsene?

Ja, weil Kinder in einer Umwelt leben, die sie noch nicht kennen und richtig einschätzen können. Deshalb müssen sie noch sehr viel mehr Ängste haben als Erwachsene, das ist vollkommen natürlich. Da nun die Angst bei uns Menschen, wie ich vorhin schon sagte, nicht mehr so instinktgesteuert ist wie bei den Tieren, ist das kleine Kind viel stärker auf die tragende und schützende Funktion der menschlichen Umgebung angewiesen. Bei uns Menschen ist es so, dass die Familie jahrelang dafür sorgt, dass das Kind Schutz erhält. Es lernt in dieser Gemeinschaft, was Angst ist und wie man mit ihr umgeht, denn es erhält vor allem das Gefühl, dass es sich auf die Menschen um sich herum verlassen kann. Das nennt man Urvertrauen.

Wir wissen aus der Bindungsforschung, dass Kinder, die eine sogenannte unsichere Bindung haben, viel ängstlicher sind als andere. Wenn die Mutter oder eine sonstige Beziehungsperson zum Beispiel aus dem Zimmer geht, reagiert ein Kind, das eine gute Bindung hat – d.h. in seiner Familie Schutz, Liebe, Empathie erfährt, in seinen Bedürfnissen und Gefühlen ernst genommen wird – angemessen und adäquat. Es jammert vielleicht anfangs ein bisschen, danach beschäftigt es sich aber schnell wieder mit irgendetwas, spielt und kann Kontakt zu anderen Menschen aufnehmen.

Die Urangst des Menschen ist das Verlassenwerden durch die Mutter

Für ein Kind, das eine unsichere Bindung hat, ist das Hinausgehen der Mutter womöglich eine Katastrophe. Es reagiert untröstlich, weil es kein Urvertrauen hat und das Hinausgehen der Mutter am Anfang nicht unterscheiden kann vom Verlassenwerden durch die Mutter. Das ist die Quelle der großen Verlassenheitsangst des erwachsenen Menschen! Dieses Kind bildet Urangst statt Urvertrauen aus.

Und dann gibt es noch die Kinder, bei denen das Misstrauen gegenüber der Umwelt schon so groß ist – die Verlassenheitsangst schon so chronifiziert ist –, dass sie gar nicht mehr reagieren, wenn die Mutter hinausgeht. Sie werden autistisch, sind in ihrer Innenwelt gefangen. Sie reagieren nicht, wenn die Mutter hinausgeht und freuen sich auch nicht, wenn sie zurückkommt. Dieses Abschotten und Nicht-Merken ist eine Schutzreaktion, um die Angst, die Urangst, nicht zu spüren. Ich sehe die Urangst – also die existenzielle Angst, die Todesangst – als Quelle aller pathologischen Ängste.

Wo also würden Sie sagen ist die Grenze von normaler, noch gesunder Angst zur krankhaften Angst?

Es gibt „das Normale“ nicht. Erich Fromm hat das in seinem Buch „Furcht vor der Freiheit“ von 1941 sehr schön ausgedrückt: „Es gibt eine Normalität, die die Gesellschaft bestimmt, unabhängig davon, ob diese Gesellschaft normal oder verrückt ist.“ Daher kann man auf die Frage, was „normal“ ist nur mit der Gegenfrage antworten: Was meinen Sie mit normal?

Was in Norwegen z. B. noch als normal gilt, wäre in Nigeria vollkommen krankhaft. Dort leben die Menschen ununterbrochen mit anderen zusammen. Ich war einige Zeit in Afrika und habe dort nie eine kleine Familie alleine spazierengehen sehen. Dieses europäische Bild – Vater, Mutter und Kind als Familie auf der Straße – das gibt es dort nicht! Die Männer sind in großen Gruppen mit anderen Männern zusammen, die Frauen mit anderen Frauen. Und wenn ein Kind erscheint, tauchen dahinter noch 20 bis 40 andere Kinder gleichen Alters auf. Die Kinder und Jugendlichen wachsen in Peergroups auf. In Norwegen oder in Deutschland hielte man so etwas für merkwürdig. Im Norden Deutschlands gelten schon andere Normen als im Süden und in Sizilien wieder andere. Die Frage, was „normal“ ist und was nicht, ist weitgehend soziokulturell bedingt. 

Und das gilt auch für die Angst. Einige Kulturen nehmen die Angst viel natürlicher und sehen auch diese Beziehung zur kindlichen Verlassenheit. Bei den Zulus gibt es das Wort „Angst“ nicht; statt „Angst“ sagen sie: „Mutter, kommst du wieder?“ Diese Worte bezeichnen dort unseren Begriff für Angst. Unsere europäische Tradition ist patriarchalisch geprägt. Bei uns hat Angst mit Feigheit zu tun und Angstlosigkeit mit Mut. Diese Sichtweise verfälscht unser Empfinden für Angst und unseren Ausdruck des Gefühls, wie wir die Angst spüren. In unserer westlichen Gesellschaft wird Angst eher unterdrückt. Die Kinder lernen, Angst nicht zuzulassen, keine Angst zu spüren. Das erscheint mir viel wichtiger als die Frage danach, was als „normal“ anzusehen ist. 

Angst wird in unserer Kultur zu negativ gesehen und beurteilt?

Angst hat bei uns keinen guten Ruf. Wenn ein Kind ein anderes in der Schule kränken will, schreit es: „Angsthase!“ Das ist schon eine Bedrohung. Aber das lernen die Kinder bereits zu Hause, sie haben es quasi mit der Muttermilch aufgesogen, dass Angst – besonders bei Jungen – keine Normalität ist. Das kommt aus einer langen, Jahrhunderte, wenn nicht Jahrtausende alten patriarchalisch-militaristischen Tradition. Und diese Tradition lernen die Kinder. Sie lernen es durch Identifikation. Wenn die Mutter vor einer Katze zurückschreckt, dann lernt das Kind dadurch, Angst vor Katzen zu haben, ohne eigene negative Erfahrungen. Wenn der Vater von zwei Meter Höhe runterspringt, dann bekommt das Kind das Gefühl, das kann es auch, weil es sich mit ihm identifiziert. Jungen identifizieren sich mehr mit den Vätern, Mädchen mehr mit den Müttern. Aber es zählt nicht das, was die Eltern sagen, sondern das, was die Eltern selber spüren. Kinder kann man nicht irreführen. Sie spüren ganz genau, ob die Tapferkeit des Vaters echt ist.

Wir müssen anders mit unseren Ängsten umgehen?

Zuerst müssen wir erkennen, was sie für unser Leben bedeuten. Wo ist die Angst eine Verbündete, wo ist sie ein Teil, der unser Leben erheblich stört? Was für den einen eine Kontakt- oder Gruppenangst ist, stört den anderen gar nicht, es entspricht seinen Neigungen, er will z. B. lieber alleine sein, nur zwei oder drei gute Freunde haben. Er leidet gar nicht unter der Situation. Da ist es abwegig, von „normal“ oder „pathologisch“ zu sprechen.

Wir sollten die Angst differenziert sehen - sie kann auch Motor des Lebens sein.

Aber angenommen, ich komme mit meinen Ängsten zu Ihnen: Wann würden Sie mir als Arzt oder Psychotherapeut raten, mich behandeln zu lassen?

Dazu habe ich drei Ideen, was diese Frage angeht, die für mich in der Praxis hilfreich sind. Erstens ist eine Angst dann krankhaft, wenn sie nicht bewusst ist ….

… sie wird mir doch sofort bewusst! Ich spüre sie doch!

… aber das ist nicht bei jedem so. Es gibt Menschen, die z.B. ununterbrochen auf der Flucht sind, die ständig etwas tun müssen. Aktionismus habe ich in meinem Buch als eine der Arten beschrieben, Angst abzuwehren. Angst kann auch auf Umwegen andere Ausdrucksformen finden, sich z.B. in Wut oder in psychosomatischen Formen manifestieren. Dann wird dem Betroffenen die Angst gar nicht bewusst. Deshalb ist es wichtig, die erst mal Angst spüren zu können. 

Dann geht es auch um das Ausmaß der Angst. Wenn eine Angst in den sozialen Kontakten, im Beruf, im Leben insgesamt nicht besonders störend ist, würde ich nicht darauf bestehen, dass man sie behandeln muss und sie auch nicht unbedingt als krankhaft bezeichnen. Es ist vielleicht nur eine intensive Angst oder besondere „Angstbegabung“.

Drittens sollten wir uns auch die Angst vor der Angst bewusst machen – die Begegnung mit uns selber beinhaltet immer auch die Begegnung mit unserer Urangst. Ein Mensch ist für mich gesund mit seiner Angst, wenn er es nicht scheut, sich selbst zu begegnen, seinen Ängsten zu begegnen – auch dem Phänomen Krankheit, Sterben und Tod, das gehört dazu – und wenn seine Angst ihm genug Freiraum lässt, um zu leben. Es gibt etwa 300 verschiedene beschriebene Phobien, mit einigen kann man aber ganz gut leben, einer Froschphobie beispielsweise. Eine solche würde ich darum nicht als behandlungsbedürftig ansehen.

Der Leidensdruck ist also mitentscheidend bei der Frage, ob eine Angst behandlungsbedürftig ist oder nicht?

Natürlich. Niemand wird nur aus Interesse zu einem Therapeuten gehen, sondern aus einem bestimmten Leidensdruck heraus. Das Leid muss nicht körperlich sein, es kann sich auch um eine soziale Angst handeln. Menschen, die anderen fern bleiben, leiden unter Kontaktängsten. Oder Studenten, die ihren Stoff zwar beherrschen, aber bei einer Prüfung aus Angst versagen, leiden ja darunter.

Viele Angstpatienten haben den Wunsch, nie mehr Angst zu haben. Ist das eine Illusion?

„Ein Leben ohne Angst“ – das ist tatsächlich eine Illusion, eine glatte Lüge, auch wenn es von manchen Populärwissenschaftlern propagiert wird. Und es wäre auch schädlich, weil wir die Angst ja brauchen: Ohne Angst sind wir nicht menschlich, ohne Angst können wir nicht in die Tiefe gehen. Ohne Angst können wir das Leben nicht richtig wahrnehmen und richtig leben, weil wir die Orientierung verlieren. Ohne die Angst können wir die anderen Menschen nicht wirklich verstehen. Angst hat auch sehr viel mit Empathiefähigkeit zu tun. Das heißt, ohne sie können wir auch keine tieferen Beziehungen zu anderen herstellen. Ohne Angst wären wir verloren!

Es geht Ihnen darum, die Angst auch mal zu loben?

Menschen ohne Angst sind gefährlich, schreibt Arno Grün, ein sehr lesenswerter Schweizer Psychoanalytiker. Sie sind gefährlich, weil sie die eigene und die Angst anderer nicht spüren. Das sind gefährliche Menschen, weil sie auch Leid und Trauer nicht spüren. Sie werden zu Technokraten, zu Automaten, zu Maschinen, die zu allem fähig sind. Deshalb sollte man die Angst nicht verteufeln, sondern versuchen, sie erst einmal differenzierter zu sehen: Ist es eine Angst, die uns weiterführt? Die uns auch für die Möglichkeiten des Lebens offen macht? Eine Angst, die „Motor des Lebens“ ist, wie es Albert Schweitzer sagt.

Was ist das Ziel einer Angsttherapie? Was kann man mit Hilfe von Therapie erreichen?

Das ist ein großes Kapitel, weil es sehr unterschiedliche Therapien gibt. Aber wenn Sie allgemein nach dem Ziel einer Angsttherapie fragen, das liegt auf der Hand: Das Leid an der Angst, ihre Dominanz im Alltag zu vermindern, also die Angst vor der Angst. Dies kann man in einer guten Therapie erreichen. Man kann auch das Bewusstsein für die Angst und für die Differenziertheit dieser Emotion, das Annehmen der Angst durch Therapie durchaus fördern. In diesem Sinne schrieb Sven Olaf Hoffmann, ein in Deutschland sehr namhafter Angstforscher: „Gesund wäre somit nicht der Angstfreie, sondern der, der seine Ängste kennt, mit ihnen umgehen kann und weiß, dass Angst zuerst und vor allem ein Teil der ‚condition humaine’ ist. Dies einem Patienten zu vermitteln, kann bereits die eine Hälfte der Therapie darstellen.“ Was eine Therapie aber nicht versprechen sollte, das ist ein Leben ohne Angst. Das ist genauso unmöglich wie ein Leben ohne Schmerz oder ein Leben ohne Tod

Autor

Dr. med. egon Fabian

Hier steht ein kurzer Text über den Autor. Die Hintergrundfarbe kann je nach belieben ausgetauscht werden. Hier steht ein kurzer Text über den Autor. Die Hintergrundfarbe kann je nach belieben ausgetauscht werden. Hier steht ein kurzer Text über den Autor.


So können dann auch Buchempfehlungen dargestellt werden.


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