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Donnerstag, 11. Juni 2020 | 8 Uhr

Katharina
Tim

Guten Morgen ihr Lieben,

ich (Katharina) sitze in einem Bundesland, in dem heute kein Feiertag ist und fahre in eines, wo der Tag frei ist. Ich finde, das ist eine passende Metapher dafür, dass man manchmal einfach die Situation zum Besseren ändern muss, wenn man gedanklich oder seelisch fest steckt. Mehr dazu lest ihr heute in meinem (nochmal Katharina) Mensch zu Mensch. Passend dazu gibt es einen Tipp des Tages, der dazu einlädt, seelische Turbulenzen ernst zu nehmen, gerade wenn es um uns herum pandemiebedingt noch immer etwas chaotisch ist. Dazu ein Strauß weitestgehend erbaulicher Nachrichten und ein bisschen Dies und Das. 

Viel Freude beim Lesen wünschen Katharina, Tim
und das ganze Team von angstfrei.news! 

Ihr habt Lob, Kritik oder Anregungen (z.B. zum Tipp des Tages oder den neuen Kategorien) für uns? Schreibt uns Euer Feedback.

Die gute Nachricht des Tages

Wirtschaftsstimmung verbessert sich
Endlich mal ein Bauchgefühl, das hilft: Laut dem SPIEGEL Wirtschaftsmonitor verbessert sich das Vertrauen der Deutschen in die Wirtschaft merklich.”Für die Deutschen ist der Tiefpunkt der ökonomischen Coronakrise offenbar überschritten”, fassen die Autor*innen zusammen. Insgesamt sind die Deutschen wieder optimistischer: Die Sorge vor dem Verlust des Arbeitsplatzes ist gesunken und auch der Anteil derjenigen, die eine Verschlechterung der wirtschaftlichen Situation erwarten, hat abgenommen. Eine systematische Krise befürchten Bürgerinnen und Bürger tendenziell nicht mehr. Diese Zuversicht wird für die wirtschaftliche Entwicklung als ein ermutigendes Zeichen gewertet, da dies den privaten Konsum begünstigt. Inwieweit diese Dynamik der Konsumfreude wirklich die nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung von morgen fördert, ist ein Thema für eine Ausgabe unserer Rubrik 360° an einem anderen Tag.
SPIEGEL Wirtschaftsmonitor

Die Nachrichtenlage

Nach den Ferien Schule für alle
Die Kultusminister*innen der Ländern möchten nach den Sommerferien in allen deutschen Schulen zurück zum Regelbetrieb. Das bekräftigte die Präsidentin der Kultusministerkonferenz (KMK), die rheinland-pfälzische Bildungsministerin Stefanie Hubig im ARD-Morgenmagazin. Entscheidend dabei sei, dass alle nötigen Regeln eingehalten werden können. Darüber, wie das Schuljahr konkret aussehen soll, beraten die Länderverantwortlichen in der kommenden Woche. Derzeit ist die Situation in allen Bundesländern unterschiedlich. Die Wege sollen nach Wünschen der KMK nun gebündelt und vereinheitlicht werden.
Tagesschau | Tagesschau (aktuelle Regeln in den Ländern)

Bundesregierung verlängert außereuropäische Reisewarnungen
Die Bundesregierung hat die Reisewarnungen für mehr als 160 Länder außerhalb des europäischen Schengenraums bis Ende August verlängert. Darunter ist auch die Türkei, das drittbeliebteste Reiseland für Tourist*innen aus Deutschland. Es soll aber Ausnahmen abhängig von den Infektionszahlen und des Gesundheitssystems des jeweiligen Landes geben. Von Kreuzfahrten rät das auswärtige Amt weiter grundsätzlich ab. 

Am 17. März hatte Außenminister Heiko Maas (SPD) eine weltweite Reisewarnung aufgrund der COVID19-Pandemie bekanntgegeben. Reisewarnungen des Außenministeriums sind kein Ein- oder Ausreiseverbot. Allerdings richten viele Versicherungen und Fluggesellschaften sich nach den Empfehlungen. Ab dem 15. Juni ist die Reisewarnung für die 26 EU-Mitglieder, das Vereinigte Königreich, sowie die übrigen Nicht-EU-Staaten im Schengenraum (Norwegen, Island, Schweiz, Liechtenstein) aufgehoben. Für Norwegen und Spanien bestehen dennoch bis zum 30. Juni Einreisebeschränkungen.
ZDF

Debatte über “Grundgesetz ohne Rasse”
Auf Basis eines Vorstoßes der Grünen soll der Begriff "Rasse" aus dem Grundgesetz gestrichen werden. Sie werden dabei von SPD, Linken und FDP unterstütz. Innenminister Horst Seehofer (CSU) zeigt sich offen für Gespräche und hebt hervor, dass die praktische Eindämmung von Rassismus für ihn im Vordergrund stünde. Wie der Gesetzestext konkret geändert werden soll, ist noch nicht klar. Konkret geht es um Artikel drei Absatz drei des Grundgesetzes:

"Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden."
Tagesschau

Gesundheitsämter nicht beteiligt bei Corona-App
Die geplante Corona-Warn-App soll keine Schnittstelle für die Gesundheitsämter haben. Das bedauert die Vorsitzende des Bundesverbandes der Ärztinnen und Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes (BVÖGD), Ute Teichert-Barthel. “Wenn Sie ein Signal über die App bekommen, dass Sie eine Kontaktperson sind, dann fragen Sie sich ja “Was soll ich jetzt machen?”, sagte die Ärztin im Interview mit n-tv. Es brauche mehr Beratung und damit wachse die Arbeitsbelastung für die Gesundheitsämter weiter. Teichert forderte daher eine bessere Verknüpfung von Gesundheitsämtern mit der App und mehr Personal im öffentlichen Gesundheitsdienst.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hatte für Mitte Juni eine freiwillige, dezentrale Corona-Warn-App angekündigt. Die App soll mittels Bluetooth feststellen, ob man Kontakt zu mit COVID19-infizierten Menschen hatte. Wegen Datenschutzbedenken war der Start der Handy Anwendung, die nun von SAP und deutscher Telekom entwickelt wird, mehrfach verschoben.
n-tv

EU-Komission ruft Plattformbetreiber zu Maßnahmen gegen Desinformation auf
Die Vizepräsidentin der EU-Kommission, Věra Jourová (ANO), hat die Betreiber der großen Internetplattform zu mehr Maßnahmen gegen Desinformationen aufgerufen. Jourová sorgt sich insbesondere um Falschbehauptungen zu Impfungen gegen das Corona-Virus in Deutschland. Hintergrund ist eine EU-weite Meinungsumfrage nach der nur 67 Prozent der Befragten in Deutschland ein Impfangebot annehmen würden. Nur in Frankreich lag die Impfbereitschaft der Befragten noch niedriger. Für eine Herdenimmunität sind allerdings Impfquoten weit über 90 Prozent notwendig.

Um die Verbreitung von Falschbehauptungen zu begrenzen, arbeitet Facebook mit der Deutschen Presse-Agentur (dpa) zusammen. Twitter und Youtube blenden bei fragwürdigen Inhalten Links zu vertrauenswürdigen Quellen ein. Die öffentlich-rechtlichen Medien betreibten ebenfalls Faktencheckerteams. Es gibt aber auch private Vereine, wie Mimikama, die besonders weit verbreitete Falschbehauptungen aufgreifen.
Deutschlandfunk | → Mimikama

Ausland

UK: Premierminister Johnson verteidigt späte Ausgangsbeschränkungen
Der britische Premierminister Boris Johnson (Torries) hat im Interview mit Sky den Zeitpunkt der Ausgangsbeschränkungen verteidigt. Die Entscheidungen seien auf Grundlage der Empfehlungen der Scientific Advisory Group for Emergencies getroffen worden, sagt er. Johnson reagierte damit auf die Kritik eines ehemaligen Mitglieds des wissenschaftlichen Beratergremiums, Neil Ferguson. Ferguson hatte im Interview mit dem Guardian erklärt, die Zahl der Todesopfer im Vereinigten Königreich wäre nur halb so hoch (aktuell über 41.000), wenn Johnson eine Woche früher Ausgangsbeschränkungen verhängt hätte. Johnson sagte im Interview, dass es für solche Aussagen noch viel zu früh sei, sie aber in jedem Fall noch viel lernen müssten. 

In den ersten Wochen der Corona-Pandemie hatte die britische Regierung nur sehr wenige Einschränkungen erlassen. Trotz einer baldigen Anpassung der Maßnahmen gegen COVID19 sind bisher in keinem anderen Land in Europa mehr Menschen mit dem Corona-Virus gestorben. Weltweit haben nur die USA mehr Tote zu betrauern. 
Interviewauszug Fergusson vom Guardian
Meldung im tageschau.de-Ticker

Österreich und Slowakei: Keine Reisewarnungen mehr für viel EU-Staaten
Österreich und die Slowakei verlängern nicht die aktuellen Reisewarnungen für viele EU-Länder. In Österreich gilt dies ab 16. Juni für 31 europäische Länder. Dazu gehöre auch das besonders von der Corona-Pandemie betroffene Nachbarland Italien, sagte Außenminister Alexander Schallenberg (ÖVP) in Wien. Ausgenommen seien allerdings Spanien, Portugal, Schweden und das Vereinigte Königreich. Die Slowakei öffnete schon gestern wieder ihre Grenzen für Menschen aus Deutschland und 15 weiterer europäischer Staaten. Aus Frankreich, Italien und Schweden, aber auch aus den Nachbarländern Polen und Ukraine dürften aber noch keine Einreisen erfolgen. 
Südtirolnews.it
Deutschlandfunk

WHO unsicher über Jahreszeiteneffekt für Pandemie
Für die Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist der Einfluss der Jahreszeiten auf den weiteren Pandemieverlauf unklar. Bislang gebe es keine Daten, die auf eine veränderte Übertragung des Virus hindeuteten, sagt WHO-Experte Mike Ryan. „Wir können uns nicht darauf verlassen, dass die Jahreszeit oder die Temperatur die Lösung sein wird.“ Zudem stehe auf der Südhalbkugel der Winter bevor. 
Meldung im Ticker des Tagesspiegel von Reuters

Sport

DFL und DFB: Keine Maskenpflicht mehr am Spielfeldrand
Die Deutsche Fußball-Liga (DFL) und der Deutsche Fußball-Bund (DFB) haben ihr Hygienkonzept gelockert. Bei Spiele der ersten und zweiten Bundesliga sowie der 3. Liga müssen Trainer*innen, Schiedsrichter*innen und Spieler*innen keine Mund-Nasen-Bedeckung mehr tragen, sofern sie 1,5 Meter Abstand zur nächsten Person halten. "Außer Frage steht, dass für die DFL und den DFB weiterhin die Gesundheit aller Beteiligten sowie der gesamten Bevölkerung und die Eindämmung des Virus höchste Priorität genießen", schrieben die beiden Organisationen in einer gleichlautenden Stellungnahme. Die grundsätzlichen Hygiene- und Abstandsmaßnahmen "bleiben dabei die Basis". Zudem würden in Zukunft 26 statt bisher nur 13 Sportjournalist*innen Zugang zum Stadion erhalten. 
Zeit.de

Corona in Zahlen

In Deutschland sind 184.861 Menschen als infiziert getestet worden (Stand: 10.06.2020 00:00 Uhr, Quelle: RKI), das sind 318 Personen mehr als am Tag zuvor.

Warum diese Zahlen? Wir zitieren hier die offiziellen Zahlen des RKI, diese werden einmal täglich – immer um Mitternacht – vom RKI aktualisiert und um 10 Uhr morgens online veröffentlicht. Und warum gibt es hier nicht mehr davon?  Es ist wichtig, die aktuell angeratenen Verhaltensweisen zu befolgen, das wissen wir alle. Zahlen über Neuerkrankte helfen uns dabei nicht. Achtet aufeinander und haltet Distanz.

Gesundheitsticker: 3.702.803 Menschen sind weltweit wieder genesen, das sind 83.064 Personen mehr als gestern Früh. Davon 170.700 in Deutschland (Stand: 10.06.2020 19:59 Uhr, Quelle: Worldometers).

Tipp des Tages

(Angehender) Depression begegnen
Lagerkoller, Konflikte, Produktivitätsverlust im Homeoffice - die meisten von uns können von seelischen Turbulenzen in der Corona-Krise berichten. Jetzt, wo sich die Lage entspannt, wächst bei vielen die Wertschätzung für ‘die Kleinen Dinge’, die besonderen Lernerfahrungen oder schlicht für den Alltag an sich. Die Seelen entspannen sich mit. Für andere haben sich die seelischen Fallstricken nicht entlang der Lockerungen mitgelockert - vielleicht auch deswegen, weil sie schon vor der Pandemie von einer depressiven Erkrankung betroffen waren, wie rund fünf Millionen Deutsche (Wie diese Corona empfunden haben, hat Inforadio in einer Reportage zusammengestellt → INFOradio (Depression in der Krise). Wenn Euch diese Gefühle neu sind und ihr sie verstehen wollt, Strategien dagegen entwickeln möchtet oder schlicht unterstützt in Euch reinhorchen möchtet, ob für Euch professionelle Hilfe sinnvoll ist, dann ist der Tipp genau das Richtige für Euch.

Traurig oder depressiv?
Kein Online-Test ersetzt eine Diagnose. Das gilt für das gebrochene Bein wie für die Seele. Trotzdem ist es manchmal hilfreich, wenn wir eine Einschätzung haben, gerade dann, wenn wir unseren Einschätzungen selber nicht trauen - übrigens ein Mechanismus, der mit Depression einhergehen kann. Die Deutsche Depressionshilfe hat einen Online-Selbsttest entwickelt, der binnen drei Minuten eine Einschätzung gibt.
Zum Selbsttest

Der Test legt Euch nahe, Hilfe in Anspruch zu nehmen oder ihr habt selber das Bedürfnis dazu? Dann geht der Intuition nach. Wenn es nicht direkt ein Facharzttermin ist, hilft im ersten Schritt auch der Hausarzt. Für alle, die das noch nicht möchten oder brauchen, habe ich ein paar Online-Hilfen und -Angebote zusammengestellt, die euch auch in den Gefühlen abholen:

Persönlich: Eine Seite, die besonders abholt, ist “Die Mitte der Nacht” von der Deutschen Depressionshilfe. Im Kapitel, das sich um Corona dreht, sprechen Betroffene, Therapeuten und Angehörige über ihre Erfahrungen. Es ist ein niederschwelliges, persönliches Angebot, das binnen weniger Klicks dazu führt, dass man sich nicht alleine fühlt. Wer helfen möchte, kann auch selber seine Geschichte teilen.

Begleitend: iFightDepression® ist ein internet-basiertes Selbstmanagement-Programm, das normalerweise nur ärztlich angeleitet angeboten wird. Während der Corona-Krise ist es noch bis Ende Juni, auch ohne ärztliche Begleitung, freigeschaltet. Es ist zertifiziert und ärztlich geprüft. Das Programm richtet sich an Patient*innen mit leichteren Depressionsformen. Euch begegnen Elemente der kognitiven Verhaltenstherapie und Informationen über Depression an sich (Psycholog*innen nennen das “Psychoedukation”). Die Macher*innen raten auch zur Nutzung dieses Tools, wenn man gerade auf einen Therapieplatz wartet.
ifight depression (informationen der Deutschen Depressionshilfe) | → Online-Tool

Corona-spezifische Hilfe: Selfapy ist ein kommerzieller Anbieter von App-basierten Therapieangeboten, bei unterschiedlichsten Krankheitsbildern der Psyche. Durch Studien (z.B. mit der Charité) wurde die Wirksamkeit einiger Angebote bestätigt. Insbesondere dann, wenn die App gemeinsam mit Video Sprechstunden zur Therapie genutzt wird. Spezifisch für die Corona-Krise hat das Team nun ein Programm entwickelt, das in der aktuellen Situation bei Einsamkeit, depressiven Symptomen und der generell bedrückenden Stimmung helfen soll. Das Programm ist kostenlos.
Selfapy (Corona-Programm)

Keine Panik
Übrigens: Die Corona-Krise begünstigt auch andere psychische Erkrankungen. Darüber hat Deutschlandfunk Kultur mit einem Psychologen gesprochen. Mein Fazit: Ein spannendes Gespräch in einem produktiven Gleichgewicht, zwischen Sorgen ernst nehmen, aber nicht jede Gefühlsregung pathologisieren (also zur Krankheit machen).
Deutschlandfunk Kultur

360° - Von Mensch zu Mensch

Staubkorn außer Kontrolle
von Katharina

Manchmal fühle ich mich wie ein Staubkorn zwischen den Sternen. Hin- und hergeworfen von Supernovas, aufgewirbelt von Sonnenstürmen und orientierungslos inmitten des ungreifbar großen, schwarzen Universums. Und ich bin all diesen Gewalten hilflos ausgeliefert. Ich ziehe den Kopf ein, versuche ein möglichst gutes Staubkorn zu sein und der Supernova, den Sonnenstürmen und dem Schwarz nicht im Weg zu stehen, wenn die so ihr Ding machen. Höchstwahrscheinlich bin ich ohnehin daran Schuld. 

Wenn ich mich so fühle, dann gehe ich zwei wesentlichen Fehlannahmen auf den Leim, die zusammengenommen zu einer Überzeugungshaltung führen, die Psycholog*innen "erlernte Hilflosigkeit" nennen: (1) Ich bin davon überzeugt, bestimmte Ereignisse nicht beeinflussen oder kontrollieren zu können. Damit gehe ich von der Annahme aus, die Fähigkeit zur Veränderung meiner eigenen Lebenssituation - hätte ich sie je gehabt - verloren zu haben. 

(2) Dieser gefühlte Kontrollverlust geht mit der Überzeugung einher, diese Situation eigenhändig herbeigeführt zu haben (was stehe ich auch so mitten im Universum der Supernova im Weg?). Zusammengenommen führen beide Überzeugungen dazu, dass ich mich selbst einschränke und passiv versuche, zu ertragen. Wobei bei mir der zweite Wortteil besonders relevant ist: tragen. Denn im Bewusstsein meiner Schuld wächst der Selbstanspruch, zumindest die Verantwortung zu tragen, wenn ich schon nichts ändern kann. Ein Kontrollanspruch inmitten meines Staubkorn Daseins. 

Ein Beispiel:

Angenommen, wir lebten zu Zeiten einer weltweiten Pandemie. Ich lebte gerade nicht in meinem normalen Umfeld, sondern hätte mich dafür entschieden, zusammenzurücken. In der Konsequenz veränderten sich Arbeitsabläufe, Verantwortlichkeiten und Personen, die im Alltag eine Rolle spielten. Trotzdem hätte ich die Themen, die auch vor dieser Sondersituation da waren: Promovieren, Freunde, Nebeneinkünfte sicherstellen. Aber das alles fände in einem Alltag statt, der schon vor mir dagewesen wäre, in dem ich zu Gast wäre. Das allein hätte mir schon Samtpfoten angezogen. Aber zusätzlich wäre dieser fremde Alltag pandemiebedingt ebenfalls auf den Kopf gestellt - und die ihn lebenden Menschen mit ihm. Ich sähe das und dächte mir: (1) "Wie sollen meine Bedürfnisse und ich in dieser auf mich einstürzenden Gemengelage ihren Platz finden?" (Völlige Einflusslosigkeit) und (2) "Au weia. Jetzt bin ich auch noch da und wirbel noch mehr Staub auf." (Schuld). In der Konsequenz finge ich an, zu tragen. Ich trüge die Verantwortung dafür, dass meine Bedürfnisse sich möglichst lautlos in das Universum einfügten. Ich trüge das Chaos der anderen von A nach B, das - davon wäre ich überzeugt - durch meine Anwesenheit nur noch größer würde. Ich er-trüge, wenn ich beim Tragen aus Versehen irgendwo gegen gestoßen wäre, weil ich mich in bester Intention übernommen hätte. Und dabei würde ich immer stiller. Das wiederum führte dazu, dass ich noch weniger das Gefühl hätte, Einfluss zu haben. Denn wenn man nichts sagt, wird man nicht gehört. Aber vielleicht wäre das auch gut so, würde ich mir denken, denn wenn ich mich nicht genau richtig äußerte, dann eckte ich nur an. Und das schüfe wieder mehr Chaos, für das ich verantwortlich wäre. Dann lieber Augen zu und durch. Was wäre schon eine Supernova gegen das Gefühl, schon wieder etwas falsch gemacht zu haben, obwohl man doch alles dafür täte, dass dem nicht so sei?

Martin E. P. Seligman und Steven F. Maier, die den Begriff "erlernte Hilflosigkeit" Ende der Sechziger Jahre prägten, hätten die Passivität und die damit einhergehenden Gefühle akkurat vorhergesagt: Der erlebte Kontrollverlust führt mit höherer Wahrscheinlichkeit zu Enttäuschungen und weiterer Hilflosigkeit. In der Konsequenz sinkt die Motivation, Menschen werden passiv. Es kommt zu depressiven Verstimmungen, geringerer Selbstachtung und sinkender Sensitivität für die Umwelt. Kurz gesagt: Menschen ziehen sich in sich selbst zurück, ohne sich dort besonders wohl zu fühlen. 

Aber warum ist das so? Man entscheidet sich ja nicht für die eigene Hilflosigkeit, oder doch? Jain sagen Seligman und Maier. Dafür, dass man diese falschen Ausgangsannahmen (Kontrollverlust und Schuld) entwickelt, kann man in der Regel nicht viel. Menschen, denen es so geht, haben häufig die Erfahrung gemacht, dass sie trotz viel investierter Energie und dem Glauben an den eigenen Einfluss, das Ergebnis nicht beeinflussen konnten. Das können einschneidende Erlebnisse mit Mobbing sein, mit Gewalt im Kindesalter oder dem Gefühl, sich elterliche Liebe verdienen zu müssen. Es können aber auch weniger gravierende Erfahrungen dahinter stehen, wie, dass Beziehungen trotz Kampf und Selbstaufgabe zerbrochen sind oder auch nur die Zusammenarbeit mit einem Chef, dem man es trotz völlig irrationalen Engagements einfach nicht recht machen kann. 

Dem*der aufmerksamen Leser*in entgeht nicht die versöhnliche Nachricht: Menschen, die anfällig für diesen Prozess sind, scheinen im Grunde Menschenfreunde zu sein - denn ganz vieles entspringt dem Bedürfnis geliebt zu werden und zu lieben. 

Wenn es um Liebe geht, warum macht das Ganze dann trotzdem solche Probleme? Das erklärt vielleicht der Blick auf die Fehlannahmen, die uns, die wir in diesen Prozessen hängen, manipulieren. Die Wissenschaft zählt drei, so genannte Attributionsstile - also Mechanismen, wie wir Probleme wahrnehmen, um daraus unsere Lösungsstrategie zu entwickeln: (1) der Mensch sieht sich selbst als Problem, nicht die äußeren Umstände, (2) das Problem erscheint allgegenwärtig und nicht durch eine Situation begrenzt oder (3) das Problem ist unveränderlich und wird somit nicht zeitlich begrenzt. Alle drei Stile gaukeln uns vor, dass wir keinen Einfluss auf die Lösung haben. Liebe hin, Liebe her - eine Strategie zur Lösung, mit der wir als Person leben könnten, können wir so nicht entwickeln. Entweder wir müss(t)en uns selbst ändern, uns einem allgegenwärtigen Problem ergeben oder ertragen, dass es uns für immer begleitet. Kontrolle? Fehlanzeige.

Dabei ist es Selbstwirksamkeit - ein verhaltenstherapeutischer Begriff für die Kontrolle oder den Einfluss auf eigene Handlungen und deren von uns gewünschtes Ergebnis - die uns aus dieser Passivitätsdynamik herausbringt. Um eine politische Posse zu missbrauchen: Arbeit muss sich wieder lohnen. Das fängt mit kleinen Dingen an: Auch wenn ich ein Staubkorn bin, hab ich wenigstens das Universum überlebt. Andere brauchen dafür einen Raumanzug. Ich bin nicht erstickt, das ist doch schonmal was. Entlang der drei Attributiven könnte man am Beispiel oben noch viel konkreter werden: (1) Ich wäre nicht selbst das Problem. Mal ehrlich: Es ist Corona, verdammt. Andere haben auch ihr Päckchen zu tragen und auch, wenn mich ihre Gefühlswelten berühren, trage ich dafür nicht die Verantwortung. (2) Das Problem ist durch eine Veränderung der Situation lösbar oder ich kann ihm, durch einen Wechsel der Situation, einfach - von mir aus auch nur für eine gewisse Zeit - aus dem Weg gehen. Es ist ein Problem, dass es keinen Arbeitsplatz in der Wohnung gibt? Dann muss ich diesen schaffen oder brauche ich einen anderen Ort, an den ich gehen kann. Gesagt, getan. (3) Irgendwann ist Corona auch vorbei. 

Das klingt so verlockend einfach. Nur irgendwo, hinter diesen Worten, die mir beibringen könnten, mit Sonnenstürmen und Supernovas umzugehen, wartet weiterhin das Schwarz. Ich traue dem Frieden nicht. Ich vertraue nicht darauf, dass es ok ist, wenn ich die Situation wechsele. Ich vertraue nicht darauf, dass die Gefühlswelten der anderen sich auch ohne mich regulieren. Dass es ok ist, nur da zu sein und ein liebevoller Mensch, aber nicht die Verantwortung zu übernehmen. Ich vertraue nicht darauf, dass es nach Corona besser ist. 

"Warum hat sie da oben nicht einfach aufgehört zu schreiben? Das war doch so ein schönes Ende da oben." Stimmt. Aber ich glaube, dass es das Vertrauen in sich selbst und seine Umwelt ist, das Selbstwirksamkeit erst möglich macht. Und wenn man es nicht hat, dann muss man es lernen, ansammeln, zulassen. Dafür brauchen wir ein Gegenüber, das uns eine Hand reicht, wenn wir unsicher sind, bis wir sicher sind. Dafür brauchen wir Übungssituationen, in denen wir erleben können, dass es ok ist. Und Geduld von anderen aber vor allem von uns selbst.

→ Hier gibt es eine Definition zur erlernten Hilflosigkeit

daz - die angst zeitschrift

Dies und Das

“Alkohol aus Langeweile”
In Coronazeiten trinkt die Mehrheit der Deutschen mehr und früher - und das oft aus Langeweile. Das und vieles mehr hat eine spannende Studie der Zeit herausgefunden. Lesenswert!
ZEIT online

Wie Rassismus an einer Überschrift zerlegt werden kann…
… wird in diesem sehr spannenden TED-Talk (englisch) beschrieben. Eine spannende Lektion mit Unterhaltungswert.
Zum TED-Talk

Anonyme Instaholiker
Carolin Kebekus hat wieder zugeschlagen und persifliert das aktuelle Postingverhalten auf sozialen Netzwerken. Herausgekommen ist ein unterhaltsames Kurzvideo, bei dem man sich ab und an auch mal ertappt vorkommt.
Zum Video

Damit entlassen wir Euch in den Feiertag oder in einen feierlichen Donnerstag an alle, die uns in nicht-Feiertags-Bundesländern lesen!

Beste Grüße von Tim, Katharina
und dem ganze Team von AngstFrei.news.

Gerne hören wir über das Feedbackformular von euch. Ihr wollt unsere Arbeit unterstützen: Spenden und Fördermitgliedschaft bei der Deutschen Angst-Hilfe e.V.

Quellen
Corona in Zahlen (RKI) | Gesundheitsticker | Über die Landesregierung NRW sind wir außerdem an den dpa-Nachrichten-Ticker angebunden, den wir immer als Quelle verwenden, wenn wir (dpa) schreiben.