angstfrei.news Feed abonnieren Teilen auf Facebook Teilen auf Twitter Teilen auf WhatsApp Teilen auf Xing Teilen auf Linkedin
« »

Entschuldigen | 29. Mai 2021

Tina

Liebe Leser:innen,

Jeder Mensch macht Fehler – das wissen wir alle. Wichtig ist jedoch, dafür um Entschuldigung zu bitten. Und zwar so, dass unser Gegenüber sie gerne annimmt. Deshalb kommt es darauf an, mit welcher Haltung wir uns entschuldigen. Denn halbherzige Entschuldigungen, oder Entschuldigungen, bei denen wir nur eine Teilschuld übernehmen und damit anderen die restliche Schuld anlasten, hinterlassen oft einen faden Beigeschmack.

„Es tut mir leid“ zu sagen ist offensichtlich gar nicht so einfach. Und häufig folgt auf das „Sorry“ ein großes Aber und damit verliert die Entschuldigung direkt wieder ihren Wert. Oftmals ist eine Entschuldigung nur ein Lippenbekenntnis, ohne dass ein aufrichtiges Gefühl dahinter steckt. Ich persönlich finde das Wort „Sorry“ furchtbar, denn es ist nichtssagend. Dieses Wort ist inzwischen so zweckentfremdet, dass es die wahre Bedeutung längst verloren hat. Wie oft hört man „Sorry, ich bin zu spät“, “Sorry, ich hab die Verabredung vergessen”, sorry, sorry, sorry … und nichts von diesem „Sorry“ ist ernst gemeint. Dieser unverfängliche Ausdruck, der mit einer Selbstverständlichkeit über unsere Lippen huscht, hat sich inzwischen so in unserem Alltag und unserem Wortschatz manifestiert, dass er kaum mehr wegzudenken ist.

Doch wie entschuldigt man sich richtig? Oft fällt uns die Bitte um Verzeihung schwer. Manchmal auch deshalb, weil Entschuldigungen als Zeichen von Schwäche ausgelegt werden könnte. Aber dem ist nicht so – im Gegenteil. Sich aufrichtig zu entschuldigen, zeugt von charakterlicher Größe und Stärke. Denn nur eine ehrliche Bitte um Entschuldigung wird auch als solche wahrgenommen. Darüber hinaus, kann ein kleines Präsent unsere Wertschätzung dem anderen gegenüber vermitteln und damit zeigen wie leid es uns tut. Doch auch wenn eine Entschuldigung noch so liebevoll gestaltet ist, sollte man diesen Fehler für den man um Verzeihung gebeten hat, nicht wiederholen. Denn somit verliert jede Entschuldigung, auch wenn sie noch so beeindruckend und ehrlich gemeint war, an Glaubwürdigkeit.

Es gibt diesen wahren Spruch:

Die Bitte um Verzeihung verbunden mit einem veränderten Verhalten ist die beste Entschuldigung.

Mal schauen, wie unsere Autor:innen mit Entschuldigen umgehen. Anne wird von ihrem Bekanntenkreis aufmerksam gemacht, dass sie sich viel zu oft für lapidare Dinge entschuldigt. Daraufhin wird ihr einen bezaubernden Vorschlag unterbreiten. Und auch Laura hat die Angewohnheit sich für banale Dinge zu entschuldigen, für die es in keinster Weise eine Entschuldigung bedarf. Und auch Katharina hat damit zu kämpfen, sich ungerechtfertigterweise sich in sämtlichen Lebenslagen zu entschuldigen. Hm, da stellt sich mir doch glatt die Frage: Ist das eigentlich ein Frauending, dass wir uns für alles und jeden entschuldigen oder gar verantwortlich fühlen? Wie immer findet ihr unsere authentischen Geschichten in der legendären „Mensch zu Mensch“ Rubrik.

Miriam setzt sich im Schwarzbrot mit dem Thema „Impfneid“ auseinander. Und stellt sich der Frage, ob Impfneid eine neue Form von Neid ist. Sehr spannend und detailliert geschildert, bei dem auch Isabella Heuser, Fachärztin für Psychiatrie und Psychoanalytiker Pioch zu Wort kommen. Interessant geht es auch mit unseren Nachrichten weiter, u.a. sinkt die 7-Tage –Inzidenz in Deutschland erstmalig seit Oktober unter 40. Und auch die Diskussionen über die Corona-Impfung bei Kindern halten weiter an.

Spannungsreich geht es mit unseren Tipps weiter. U.a. kommt die Verhaltenswissenschaftlerin und Psychotherapeutin Dami Charf zu Wort. Sie beschreibt, dass bei zu häufigen entschuldigen der Selbstwert in Mitleidenschaft gezogen werden kann. Und wenn ihr noch die ein-oder andere Empfehlung braucht, wie man sich angemessen entschuldigt, stellt euch die Ratgeber- Plattform Karrierebibel einige Anregungen zu Verfügung.

Jetzt hab ich noch ein kleines Schmankerl für euch, sofern ihr am Wochenende noch nichts vorhabt. Das erste internationale Kurzfilmfestival hat noch bis 30.Mai seine Pforten online geöffnet. Schaut gerne rein. Aber wie auch immer ihr euer Wochenende verbringt, startet gut gelaunt und mit jeder Menge Spaß hinein.

Tina und das Team von angstfrei.news

Ganz wichtig: Was meint ihr zum neuen Konzept und zu dieser Ausgabe? Bitte gebt uns ein kurzes Feedback - das wäre hilfreich und sehr nett.

Übrigens nehmen wir unser Motto ernst: Angst hat eine Stimme - Deine. Wir sind ein Team von Freiwilligen und schreiben über unsere Angst-, Lebens- und Alltagserfahrungen, ohne ein Richtig oder Falsch, oft mit Verstand und immer mit Herz. Wir freuen uns über dich in unserem Team. Trau dich einfach und schreib uns eine Mail an angstfrei.news@gmail.com, oder über Instagram.

Die guten Nachrichten der Woche

7-Tage-Inzidenz in Deutschland erstmals seit Oktober unter 40
Erstmals seit Oktober hat die 7-Tage-Inzidenz am vergangenen Freitag (28.5.) deutschlandweit unter 40 gelegen. In nur 8 Landkreisen lag die Zahl noch über 100 Neuinfektionen pro Woche pro 100.000 Einwohner:innen. Zwar gebe es einen Zusammenhang mit dem zurückliegenden langen Wochenende, so das RKI in seinem Lagebericht, jedoch sei der Trend stabil.

Gründe für die zurückgehenden Zahlen lägen in einer Kombination vieler Elemente: wärmere Temperaturen, vermehrte Schnelltests, Immunisierung und die anhaltende Einschränkung der Außer-Haus-Aktivitäten. Laut einer Berechnung von Wissenschaftler:innen der Technischen Universität Berlin senke außerdem die Quote an Erstimpfungen von 35 Prozent bereits die Reproduktionszahl und damit die Verbreitungsgeschwindigkeit des Virus um ein Viertel.

Trotzdem warnen Virolog:innen vor einer zu schnellen Entwarnung. Ein Jojo-Effekt durch Nachlässigkeit und Unterschätzung des Coronavirus müsse dringend verhindert werden, so Virologe Friedemann Weber von der Universität Gießen. Insgesamt sei er jedoch optimistisch, dass die Zahlen weiter sinken.
FAZ
Tagesschau
RKI
Interaktive Übersicht (rki)

Schwarzbrot: Neidisch auf den Pieks

Miriam

Bis jetzt haben wir an dieser Stelle viel über die medizinischen Aspekte des Impfens gegen die COVID-19-Erkrankung gesprochen. Dieses Mal möchte ich die psychologischen Aspekte näher beleuchten, genauer: einen Aspekt, über den in den vergangenen Wochen und Monaten häufiger in den Medien auftauchte: den Impfneid. Was genau ist Impfneid und wie verbreitet ist er? Was verursacht Impfneid und wie kann ich ihn als auf noch unbestimmte Zeit Ungeimpfte:r überwinden?

Was ist Impfneid?

Dazu möchte ich zunächst den Begriff „Neid“ definieren. Psychoanalytiker Ekkehard Pioch erklärt im Interview zum Thema, dass Neid vom Vergleich lebe:

Ich brauche etwas dringend und habe es nicht. Ich sehe aber jemand anderen, der es bereits hat. Dann entsteht dieses Gefühl, diese Mischung aus Angst, Wut und Traurigkeit, die wir Neid nennen.

Ekkehard Pioch, Psychonalytiker und Vorsitzender des Psychoanalytischen Instituts Berlin

Neid ist also eine Mischung aus Gefühlen und hat laut Pioch konstruktive und destruktive Aspekte. Konstruktiv ist beispielsweise, wenn Neid mich dazu anspornt, etwas Erwünschtes zu erreichen. Wenn Neid allerdings so stark wird, dass ich jemand anderem etwas überhaupt nicht gönne oder gar zerstöre, ist dies destruktiv. Beim Impfneid spielt das Nicht-Gönnen auch eine Rolle.

Ist der Begriff „Impfneid“ also einfach eine neue Form von Neid?

Isabella Heuser, Direktorin der Klinik und Hochschulambulanz für Psychiatrie und Psychotherapie an der Berliner Charité, unterscheidet Impfneid von klassischem Neid. Für sie ist es mehr ein Gefühl der Zurücksetzung. Ihrer Meinung nach stecke dahinter die Angst, „dass man zu kurz kommt und an COVID erkrankt, auch schwer.“ Dass der Impfstoff nun noch rationiert werde und neue Virusvarianten auftreten, befeuere dieses Gefühl noch. Dass Impfneid vielschichtig ist, wird in der Betrachtung der Ursachen weiter unten deutlich.

Das Online-Wörterbuch Bedeutungonline.de definiert Impfneid als

„das Gefühl der eigenen Vernachlässigung gegenüber anderen Menschen, die bereits eine Impfung erhalten haben“.

Auch hier geht es um darum, dass sich impfwillige Ungeimpfte zurückgesetzt fühlen.

Ist Impfneid ein häufiges oder eher ein Randphänomen?

In Deutschland haben bereits mehr ca. 10 Millionen Menschen beide Impfungen gegen Covid-19 erhalten. Laut einer repräsentativen Forsa-Umfrage, die der Stern Mitte April 2021 beauftragte, beneiden 40% der Ungeimpften in Deutschland die schon Immunisierten. Folglich beneiden mehr als ein Drittel der Befragten die schon Geimpften, d.h. Impfneid ist kein Randphänomen mehr.

Aber was sind die genauen Ursachen von Impfneid?

Ursache Angst vor COVID-19

Die Ursachen für Impfneid sind komplex. Eine davon ist laut Psychiaterin Heuser die Angst vor einer Infektion mit COVID-19, besonders vor einem schweren Verlauf oder vor Virusvarianten. Wie Sighard Neckel, Soziologe im Interview mit DLF Kultur betont, bewegt sich Impfneid zwischen nacktem Eigeninteresse und Kooperation. Eigeninteresse bedeutet, dass ich mich oder mir Nahestehende nicht infizieren möchte.

Ursache Ohnmachtsgefühl

Pioch stellt im DAK-Interview fest, dass wir Menschen es gewohnt seien, eine gewisse Kontrolle zu haben. Eine Pandemiesituation rufe Ohnmachtsgefühle hervor. Der Staat werde als idealisierte Elternfigur gesehen, die gerecht verteilen solle. Dies funktioniere aber immer nur annäherungsweise. Daher sei Transparenz in Bezug auf die Impfstoffverteilung wichtig. Trotzdem könne es immer wieder zu Neid kommen.

Ursache frühe Prägungen

Die Kindheit spielt beim Empfinden von Neid laut Pioch generell eine wichtige Rolle. Frühe Erfahrungen, in denen ich mich evtl. benachteiligt gefühlt habe, beeinflussen, wie ich heute mit Neid-Situationen umgehe.

Ursache Impfstoffknappheit und mangelnde Transparenz

Impfneid wird außerdem dadurch begünstigt, dass Impfstoffe weiterhin knapp sind. Dadurch fehlt eine klare Perspektive, wann Impfwillige tatsächlich geimpft werden können. Die Ankündigungen aus der Politik sind schwammig. So teilte Gesundheitsminister Spahn (CDU) jüngst mit, dass wir „weiterhin Geduld miteinander brauchen“ werden. Auch mit aufgehobener Priorisierung werde es nicht möglich sein, alle Impfwilligen im Juni zu impfen. Trotzdem werde jede:r „bis in den Sommer“ ein Impfangebot erhalten. Leider sind die Lieferprognosen für Impfstoffe weiterhin schwierig voraussehbar. Daher kommen zurzeit besonders die Erstimpfungen nur langsam voran, weil vorhandene Vakzine für die Zweitimpfungen gebraucht werden.

Ursache Corona-Müdigkeit

Eine weitere Ursache ist eine wachsende Frustration der jüngeren und gesünderen, die schon sehr lange zurückgesteckt haben. Allgemeinmediziner Oliver Funken, Mitglied im Vorstand des Hausärzteverbands Nordrhein, erklärt im WDR- Interview, dass Impfneid sich zunehmend in den Hausarztpraxen durchsetze und Patient:innen ab und zu sehr emotional reagieren . "Weil man natürlich in der Hoffnung ist, damit auch in die Freiheit entlassen zu werden." so Funken weiter.

Ursache Impfdrängler:innen

Menschen, die, wie im Januar 2021 Bernd Wiegand, Oberbürgermeister von Halle, eine übriggebliebene Impfdosis erhalten, werden daher oft angefeindet. Gegen ihn laufen mehrere Anzeigen, weil die Impfpriorisierung nicht eingehalten wurde. Die Hausärztin Astrid Tributh vom Hausärzteverband Brandenburg berichtet von vielen Impfdrängler:innen, die im Impfzentrum ein „mehr oder weniger erschlichenes Attest“ vorwiesen, um unrechtmäßig eine Impfung zu bekommen. Sie kritisiert das Ausstellen so genannter Gefälligkeitsatteste durch ihre Kolleg:innen.

Ursache Wissenslücken

Auch wäre Impfneid zu spüren, u.a. durch mangelndes Wissen mancher Patient:innen. So denken manche, die Priorisierung sei für alle Impfstoffe aufgehoben. Dies ist allerdings nur für das Vakzin AstraZeneca der Fall. „So mancher geht brüllend aus der Praxis“, so Tributh. Sie wünscht sich, neben mehr Impfstoffen, auch mehr Klarheit seitens der Politik, auch weil zurzeit wieder in mehreren Ländern nur Zweitimpfungen verabreicht werden sollen. Die ständig neuen Vorschriften seitens der Bundes- und Landesregierung sorgen für Verunsicherung bei den Patient:innen.

Folglich führt eine Mischung aus vielen Ursachen zu Impfneid, der, anders als Neid, nicht nur auf einem diffusen Gefühl von Benachteiligung beruht. Faktoren wie Impfstoffknappheit, mangelnde Transparenz, Impfdrängelei und Corona-Müdigkeit können Impfneid verursachen oder verstärken. Sind wie diesem Gefühl also hilflos ausgeliefert, weil die angespannte Situation noch auf unbestimmte Zeit anhalten wird? Hier sind ein paar Tipps, die helfen können, Impfneid zu überwinden oder zumindest zu verringern.

Tipp 1: Akzeptanz, auch von Begrenzungen

Isabella Heuser findet es wichtig, Impfneid nicht zu tabuisieren. Neid sei in dieser Situation vollkommen verständlich, so die Fachärztin für Psychiatrie.

Psychoanalytiker Pioch betont auch, dass es bedeutsam ist, zunächst einmal aufrichtig anzuerkennen, dass ich dieses unangenehme Gefühl, diesen Neid habe. Wir Menschen seien zudem unseren Gefühlen nicht hilflos ausgeliefert. Wir können konstruktiv auf Neidgefühle reagieren. Dafür ist es aber auch wichtig, Begrenzungen zu akzeptieren. Ungeimpfte können nicht viel mehr tun, als sich auf Wartelisten setzen lassen und ggf. immer wieder nachhaken.

Tipp 2: Vom Anspruchsdenken zum Gönnen-lernen

Bei aller Wut auf Impfdrängler:innen: je mehr Leute geimpft sind, umso besser. Sighard Neckel spricht hier von Kooperation. Die öffentliche Kommunikation sei hier falsch gelaufen und habe zu einer Polarisierung geführt. Man müsse auf das Eigeninteresse gar nicht verzichten, wenn man mit anderen kooperiert und Rücksicht nehmen übt. Wer anderen eine gleiche Chance zur Impfung einräume, senke auch sein eigenes Infektionsrisiko.

Schon geimpften Menschen ihre Freiheiten nicht zu gönnen, erscheint zwar zunächst menschlich und nachvollziehbar. Es ändert jedoch nichts an der eigenen Situation.

Tipp 3: Handlungsmöglichkeiten durch Kompromisse

Der Psychoanalytiker Pioch hält es für erstrebenswert, vom destruktiven zum konstruktiven Neid zu gelangen. Kompromisse einzugehen kann hierbei neue Handlungsmöglichkeiten eröffnen. Ein Beispiel ist, wenn ich durch die Wahl eines anderen Impfstoffs früher geimpft werden kann. Oder: Wenn ich bedingt durch die fehlende Impfung noch keine Auslandsreise unternehmen kann, kann ich vielleicht immerhin einen Freund am anderen Ende Deutschlands besuchen.

Fazit

Impfneid ist schambehaftet und fühlt sich unangenehm an, ist aber kein unabwendbares Schicksal. Die gute Nachricht ist, dass wir in den meisten Fällen einen Handlungsspielraum haben, und sei dieser auch noch so klein. Die Akzeptanz von Impfneid ist zunächst der erste Schritt. Wir sind damit nicht allein: immerhin betrifft das Gefühl 40% der Bevölkerung. Die weiteren Tipps drehen sich um das Loslassen und Gönnen-lernen. Oder, wie es ein Franziskanerpater im Domradio-Interview in Bezug auf den erwarteten Impfandrang ab dem 7. Juni auf den Punkt bringt: es ein bisschen sportlich nehmen.

Impfneid ist nach Meinung der Grazer Neid-Forscherin Katja Corcoran auch ein gutes Zeichen, beweist er doch, dass sich viele Menschen gegen COVID-19 impfen lassen möchten. Bis dahin hilft uns Ungeimpften immer noch am besten: Abstand halten, Hände waschen, Maske tragen, gut für sich sorgen.

Weiterführende Links

Impftermin-Rechner
Psychoanalytiker Piochs Tipps gegen Impfneid
Bruder Paulus gibt Tipps gegen Impfneid
Interview mit Neid-Forscherin Dr. Katja Corcoran

Dieser Artikel ist Teil der losen Reihe von Basisinformationen zur COVID-19-Pandemie, in der wir etwas tiefer in die Nachrichtenlage der Woche einsteigen. Mal eher hintergründig, mal eher serviceorientiert recherchieren wir für euch selbst, statt wie im darunter folgenden Nachrichtenblock Nachrichten auszuwählen und in eine angstfreie Sprache zu übersetzen. Wir hoffen, es mundet euch.

Nachrichten

angstfrei.news ist gestartet als ein Projekt, das unaufgeregt die Neuigkeiten des Tages - jetzt der Woche - zusammenfasst. Ihr habt uns bestärkt, dass dieser Service wichtig ist, daher bleiben wir ihm treu für all jene, denen die Flut an Nachrichten zu viel wird. Deswegen fassen wir hier für euch die wichtigsten Entwicklungen im Zusammenhang mit der COVID-19-Pandemie in der vergangenen Woche zusammen.

Corona-Impfung bei Kindern möglich, Diskussion hält an
Die EU-Arzneimittelbehörde (EMA) hat den Impfstoff des Herstellers BioNTech/Pfizer auch für Kinder und Jugendliche ab 12 Jahren zuzulassen. Der zuständige Expert:innenausschuss hatte darüber in einer außerordentlichen Sitzung beraten. Studien hätten eine sehr gute Wirksamkeit und Verträglichkeit des Impfstoffes bestätigt, so EMA-Direktor Marco Cavalleri. Der erweiterten Zulassung des Vakzins muss die EU-Kommission noch zustimmen, dies gilt allerdings als Formsache.

Nach BioNTech/Pfizer hat nun auch der Impfstoffhersteller Moderna angekündigt, sein Vakzin für Kinder und Jugendliche anzubieten. Einer noch nicht veröffentlichten Studie zufolge böte es bis zu 100 Prozent Schutz bei Kindern im Alter zwischen zwölf und 17 Jahren. Ein “bedeutsames Sicherheitsrisiko” bestehe nach aktuellen Erkenntnissen nicht.

In Deutschland entscheidet die Ständige Impfkommission (STIKO) über die Empfehlungen zu Impfstoffen. Privatleben oder Urlaub mit den Eltern seien Gründe, die “für sich alleine genommen keine ausreichende Begründung liefern, um jetzt alle Kinder zu impfen.” sagte STIKO-Vorsitzender Thomas Mertens im Deutschlandfunk. Auch die Schulöffnung sei kein hinreichender Grund, die Impfung der Kinder voranzutreiben. Die Indikation zur Impfung ergäbe sich einzig und allein durch die gesundheitliche Gefährdung der Kinder, so Mertens. Diese medizinische Begründung liege derzeit noch nicht vor.

Bundesregierung und Bundesländer kündigten zuletzt an, dass Kinder und Jugendliche ab dem 7. Juni gegen das Coronavirus geimpft werden können. Während sich die STIKO vorbehält, aus wirtschaftlichen Gründen von einer Impfempfehlung abzusehen, kündigte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) an, auch ohne die STIKO-Empfehlung die Impfung zu ermöglichen. Spahn lehnt jedoch eine Impfpflicht weiterhin ab.
Bundesregierung (zur EU-Entscheidung)
Tagesschau (EU Entscheidung)
StiKo (Corona-Impfung - Übersicht über die Empfehlungen)
Bundesregierung: FAQ zur Coronaimpfung
Tagesschau (Corona bei Kindern und Jugendlichen)
Tagesschau (moderna)
Deutschlandfunk (Corona-Impfung Bei Kindern und Jugendlichen)
Spiegel (Spahn zur Impfung bei Kindern und Jugendlichen)

Polizei: Mehr Fälle von Kindesmisshandlungen 2020 erfasst
Die deutsche Polizei hat 2020 mehr Fälle von Gewalt gegen Kindern erfasst. Das geht aus der am Mittwoch (28.5.) veröffentlichten Kriminalstatistik hervor. Besonders stark stieg die Verbreitung von aufgezeichneten Kindesmissbrauch an. Ursächlich hierfür könnten die vermehrten Hinweise der halbstaatlichen US-Organisation NCMEC an die deutschen Ermittler:innen sein. Direkte Gewalthandlungen gegen Kinder stiegen leicht im Vergleich zum Vorjahr.

Dass der Zuwachs auf die Corona-Pandemie zurückzuführen sei, ließe sich laut dem Chef der Bundeskriminalamts, Holger Münch, nicht belegen. Aber die Pandemie sei eine Ausnahmesituation für Familien. "Die räumliche Beengtheit, Existenzängste, familiäre Spannungen, können dazu beitragen, dass sich Gewalt stärker entlädt, und wenn dann Täter und Opfer kontinuierlich daheim sind, besteht auch für Kinder nur sehr eingeschränkt die Möglichkeit, auf Gewalterfahrung aufmerksam zu machen." Der Missbrauchsbeauftrage der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, forderte mehr Ressourcen für die Strafverfolgung.

Die polizeiliche Kriminalstatistik erfasst abgeschlossene Fälle, sodass etwa ein Viertel der Taten nicht in 2020 begangen wurde.
DER SPIEGEL

2,5 Milliarden für Kulturschaffende
Der Bund unterstützt Kulturschaffende mit einem 2,5 Milliarden Euro. Mit dem Kulturfonds sollen laut Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) unter anderem die geringeren Einnahmen von kleineren Veranstaltungen kompensiert werden. Ab Juli können Kulturschaffende wieder Veranstaltungen mit bis 500 Personen bei den Ländern anmelden, ab August dann bis zu 2000. Zusätzlich sieht der Fonds eine Ausfallversicherung für größere Events ab 2000 Teilnehmer:innen vor. Die Entschädigungssumme sei hierbei auf einen Betrag von 8 Millionen Euro begrenzt.
Stuttgarter Nachrichten
Tagesschau

Südamerika: Viele Gesundheitssysteme an der Belastungsgrenze
In Südamerika stehen derzeit die Gesundheitssysteme vieler Länder an der Belastungsgrenze. So infizierten sich in Argentinien in der letzten Woche bis zu 40.000 Menschen pro Tag mit dem Coronavirus. In der Metropolregion um Buenos Aires waren bereits der Großteil an verfügbaren Intensivbetten belegt. Seit letztem Samstag (22.05.) gelten landesweit strenge Ausgangsbeschränkungen. Auch in den Nachbarländern Uruguay, Paraguay und Peru sind die Gesundheitssysteme ähnlich stark ausgelastet.

Expert:innen führen die steigenden Infektionszahlen unter anderem auf die brasilianische Virusvariante P1 zurück. Bei dieser sei eine höhere Übertragbarkeit sowie ein schwerer Krankheitsverlauf zu beobachten. Zudem falle die Impfquote im internationalen Vergleich in den meisten südamerikanischen Ländern deutlich geringer aus. Derzeit sind acht Prozent aller Südamerikaner:innen vollständig geimpft. Daher forderten zuletzt mehrere lateinamerikanische Staatspräsident:innen eine gerechtere globale Verteilung der Impfstoffe.
Tagesschau

WHO-Pandemie-Tagung: Mehr Solidarität und bessere Vorbereitung
Mehrere Regierungschef:innen haben auf der WHO-Pandemie-Tagung eine größere Solidarität in der Pandemiebekämpfung gefordert - darunter auch Bundeskanzlerin Merkel (CDU). Laut Generaldirektor der Weltgesundheitsorganisation (WHO), Tedros Adhhanom Ghebreyesus wäre die Pandemie erst dann unter Kontrolle, wenn die Übertragung in allen Ländern unter Kontrolle sei. Die aktuelle derzeitige Verteilung der Impfstoffe sei “skandalös”.

Merkel sicherte zu, bis Ende des Jahres 30 Millionen Impfdosen an Länder des globalen Südens abzugeben. Zudem unterstütze es die globale Impf-Initiative COVAX mit 2,2 Milliarden Euro. Außerdem forderte die Bundeskanzlerin bereits jetzt einen internationalen Pandemievertrag aufzusetzen. Dieser ermögliche es in Zukunft schneller auf Gesundheitsgefahren vorbereitet zu sein, zu reagieren und international besser in ihrer Bekämpfung zu kooperieren. Der ursprünglich vom globalen Gesundheitsrat stammende Vorschlag traf auf gemischte Rückmeldungen. Einige Staaten fürchteten um ihre Souveränität.
Tagesschau
Rede von Angela Merkel vom Global Solutions Summit im Wortlaut

EU verklagt AstraZeneca wegen Lieferverzugs
AstraZeneca steht wegen Vertragsverletzung vor Gericht. Grund dafür sind die Lieferverzögerungen beim Impfstoff in EU-Länder. Die EU-Kommission hatte AstraZeneca schon Ende April deswegen verklagt. Nun fordert sie die Lieferung der fehlenden 200 Millionen Dosen aus dem noch bis Mitte Juni laufenden Vertrag. Ansonsten drohen Schadensersatzforderungen. EU-Anwalt Jeffarelli begründet die Klage damit, dass das Unternehmen „nicht alle ihm zur Verfügung stehenden Instrumente eingesetzt“ habe, um die vertraglich zugesicherten Impfdosen zu liefern. Es wurden sogar „50 Millionen Dosen in Drittstaaten abgezweigt“, so Jeffarelli. Die Lieferungen nach Großbritannien wurden ebenfalls nicht eingeschränkt. Im Juni wird mit einem Urteil im Verfahren gerechnet.
Zeit (Vertragsverletzung)
N-TV (Streit um Vertragsverlängerung)

Massenimpfzentren in Tokio und Osaka sollen Olympische Spiele ermöglichen
Zwei Massenimpfzentren sollen in Japan für eine Beschleunigung der Impfkampagne vor Beginn der olympischen Spiele sorgen. In Osaka und Tokio sollen je Zentrum bis zu 10.000 Menschen täglich geimpft werden können. Damit reagiert Japan auf Kritik aus der Bevölkerung an der langsamen Impfkampagne. Aktuell sind nur zwei bis vier Prozent der Japaner:innen doppelt geimpft und damit gegen das Coronavirus geschützt. Seit der vergangenen Woche setzt Japan neben dem Impfstoff von BioNTech/Pfizer auch den Wirkstoff des US-amerikanischen Herstellers Moderna ein.

Die guten Nachrichten zur Impfung in Bezug zu Olympia zu setzen, scheint dringend nötig: Mehr als 80 Prozent der Japaner:innen sind für eine zweite Verschiebung oder gar Absage der Olympischen Spiele. Planmäßig sollen diese am 21. Juli beginnen und bis zum 8. August andauern.
Tagesschau

Corona in Zahlen
In Deutschland sind 3.626.393 Menschen als infiziert getestet worden (Stand: 20.05.2021 00:00 Uhr, Quelle: RKI), das sind 12.298 Personen mehr als am Tag zuvor.

Warum diese Zahlen? Wir zitieren hier die offiziellen Zahlen des RKI, diese werden einmal täglich – immer um Mitternacht – vom RKI aktualisiert und um 10 Uhr morgens online veröffentlicht. Und warum gibt es hier nicht mehr davon? Es ist wichtig, die aktuell angeratenen Verhaltensweisen zu befolgen, das wissen wir alle. Zahlen über Neuerkrankte helfen uns dabei nicht. Achtet aufeinander und haltet Distanz.

Gesundheitsticker: 146.558.324 Menschen sind weltweit wieder genesen, das sind 1.950.399 Personen mehr als gestern Früh. Davon 3.374.600 in Deutschland (Stand: 21.05.2021 05:10 Uhr, Quelle: Worldometers).

Von Mensch zu Mensch

“Oh! Sorry!” –- “Eeeentschuldigung! Kann ich da mal vorbei!” –– “Wirklich? Das tut mir leid.” Vielen von uns rutschen so oft Entschuldigungen über die Lippen, dass wir es kaum bemerken. Einige sind aufrichtig, andere nur eine Floskel und wieder andere tun uns eigentlich nicht gut, auch wenn wir meinen, wir tun mit ihnen Gutes. Von all diesen Entschuldigungen berichten unsere Autorinnen heute. Den Start macht Anne. Sie berichtet von einem Entschuldigungsberg und erklärt, warum eine mit Mut gefüllte Kaffeekasse dagegen helfen kann.

Entschuldigungsvorrat vs Kaffeekasse
Anne

Es tut mir leid, aber dieser Text wird kein wahnsinnig kluger, feinfühliger und tiefgründiger werden, obwohl ich gerne etwas Kluges und Tiefgründiges schreiben würde. Aber die Nachbarn bohren, was die Wände hergeben, bald müssten sie einem Schweizer Käse gleichen. Außerdem hat meine Tochter Geigenunterricht und mein Sohn sitzt friedlich freudig, seinen Kuscheltieren eine Geschichte erzählend, neben mir. Ist dies jetzt eine Entschuldigung oder eine Erklärung, weshalb ich nicht so kann, wie ich möchte? Und egal ob Entschuldigung oder Erklärung, wem sage, oder schreibe ich dies, an wen ist es gerichtet? An euch Leser:innen, oder vielmehr an mich selbst?

Letzte Woche, habe ich eine Nachricht geschrieben und mich darin entschuldigt, weil ich etwas vergessen hatte, etwas untergegangen ist. Es waren nur ein paar Tage, die ich die Aufgabe später erledigt habe und es gab auch gar keinen Druck, keine Deadline, oder dergleichen. Aber ich hatte gesagt, mach ich Morgen und aus Morgen wurde Über-Übermorgen. Wenn anderen so etwas passiert antworte ich: “Ach nicht schlimm! Macht nix, passiert mir auch oft!” Und das ist die Wahrheit, es passiert mir auch oft und es macht ja nun wirklich nichts, es ist okay, es ist menschlich. Und es ist auch nicht so, dass es mich grämt, weil ich zu spät dran war, meine Aufgabe später erledigt habe.

Das ist in Ordnung und vielleicht müsste man sich dafür gar nicht entschuldigen. Aber es war mir wichtig, Entschuldigung zu schreiben, um eben auch zu zeigen, dass ich weiß, dass ich meine Aufgabe zu spät erledigt habe und vielleicht auch, weil ich gerne zuverlässig sein möchte, ich aber mein eigenes Leben ja nur zu genüge kenne und mein eigenes Selbst und deswegen weiß, dass das mit der Zuverlässigkeit nur so weit klappt, wie der Tag nach Plan verläuft. Und das tut er eigentlich nie.

Just einen halben Tag später, selbe Chat-Gruppe, wieder eine Entschuldigung, weil ich etwas nachfragen musste, mir etwas entfallen war. Wobei, das stimmt noch nicht mal, ich hatte einfach nur nachgefragt, ob ich eine Sache richtig auf dem Schirm habe. Keine wilde Sache, weder die Entschuldigung, noch meine Not nachzufragen. Passiert.
Wie zuweilen überflüssig solche Entschuldigungen jedoch sind, zeigte mir eine Kollegin, die auf meinen Post antwortete. “Liebe Anne, für jede Entschuldigung musst du jetzt einen Euro in die Kaffeekasse stecken.;-)… Und für nen Kaffee reichts schon heute. Ich kauf dir auch nen Keks dazu.”

Diese Reaktion hat mich so erfreut und empfinde ich als tausendmal wertvoller als jedes “passt schon! Macht doch nix…” - egal wie ehrlich es gemeint ist. Mit so viel Sanftheit, Empathie und Wärme diese eigentlich, zumindest für die anderen, Unnötigkeit der Entschuldigung darzustellen, ohne dass es wie eine Phrase wirkt, sondern zum Schmunzeln verführt. Ich kann gar nicht sagen, wie schön und klug ich das fand und wie sehr es mich gefreut hat.

Manchmal benutzen wir Entschuldigungen inflationär, wo sie unnötig sind, aber an den Stellen, in den Momenten, in denen sie uns auf der Seele lasten, in denen sie wirklich wichtig sind, für uns und für den Menschen, der uns hoffentlich entschuldigt, wenn wir darum bitten, tun wir uns damit schwer, sie auszusprechen. Warum das so ist, kann ich nicht beantworten.

Eventuell, weil wir unseren Entschuldigungsvorrat schon aufgebraucht haben, mit den vielen kleinen Alltagsentschuldigungen. Eventuell ist es einfacher die kleinen Entschuldigungsberge zu erklimmen und dies gibt uns ein gutes Gefühl, nennen wir es Belohnung. Aber die großen Entschudligungsberge, vor denn fürchten wir uns, fürchten auf halber Strecke aufgeben zu müssen, den Gipfel niemals erreichen zu können, fürchten, dass keine Hand uns hilft und vom Gipfel entgegen gestreckt wird, mit den Worten “Ist schon okay.” Eventuell bedarf es für die notwendigen Entschuldigungen auch einfach nur eine mit genügend Mut gefüllte Kaffeekasse, auf die wir zurückgreifen können. Vielleicht sollte jeder diesen Gedanken für sich selbst zu Ende denken und sein eigenes Wahr in der Wahrheit finden, mir fehlt es gerade an Ruhe dazu.

Von einer Mut-Geschichte geht es zu einer anderen: Laura erzählt davon, wie es ist, wenn man sich ständig für seine eigenen Gefühle entschuldigt, obwohl das Fühlen doch so wenig mit Schuld zu tun hat. Und sie kommt zu dem Schluss: es ist in Ordnung schlechte Tage, schlechte Laune oder schlechte Gefühle zu haben. Und: Das meiste, für das wir uns schuldig fühlen passiert ohnehin in uns selbst.

Sorry not sorry!
Laura

Entschuldigen, sich von Schuld freisprechen oder lossagen, eine Bedeutung, über die man im ersten Moment vielleicht gar nicht so sehr nachdenkt, weil eine Entschuldigung oftmals auch einfach nur mit Höflichkeit verbunden ist. Manchmal ist es vielleicht sogar nicht so gemeint. Schon fast im täglichen Sprachgebrauch verwendet, verliert das Wort vielleicht sogar etwas an Bedeutung: „Sorry“ kommt in den meisten meiner Tage mehrfach vor. Sei es ein versehentlicher Rempler, eine vermeintlich blöde Frage, eine inadäquate Antwort, eine Laune oder ein Fehlverhalten, wofür man sich vielleicht lapidar entschuldigt.

Es kann jedoch auch schwer sein, sich für ein gewisses Fehlverhalten zu entschuldigen, welches man sich hierfür eingestehen muss; ehrlich zu sich selbst sein und einsehen, dass man für etwas die Schuld trägt und hier um Entschuldigung bitten sollte.

Manchmal jedoch trifft einen selbst gar keine Schuld, von der man sich freisprechen müsste, dennoch entschuldigt man sich. So geht es mir nicht selten. Ich entschuldige mich häufig für Dinge oder Umstände, für die ich gar nichts kann, für die ich also keine Schuld trage und für die ich mich rein theoretisch überhaupt nicht entschuldigen kann. Ich entschuldige mich auch oft für meine Person, aus Sorge, einem anderen Menschen zu viel zu sein, zur Last zu fallen, missverstanden zu werden, jemanden zu verletzten.

Nicht selten ist dies eine Entschuldigung des schlechten Gewissens wegen, die Bitte um Vergebung aus einer übermoralischen Überlegung des Schuldbewusstseins heraus, um sich selbst freizusprechen oder freisprechen zu lassen von einer gewissen Schuld, die durch moralische Glaubenssätze über einem steht. Bei genauerem Hinsehen aber trägt man oftmals keine Schuld. Ich persönlich bin nicht streng katholisch gläubig, jedoch trage ich diese ausgeprägte Moralvorstellung in mir, die mir weismachen will, nur nach ihren Standards kann ich ein guter Mensch sein, kein Fehlverhalten ist erlaubt und wenn doch, dann habe ich dafür Buße zu tun.

Woher diese extreme moralische Macht in mir stammt, ist mir nicht ganz bewusst, vermutlich systemisch über Generationen übernommen und verankert, denn meiner klaren Wertvorstellung entspricht dieses übermoralische Denk- und Verhaltenskonstrukt nicht. So kommt es häufig dazu, dass ich mich eben entschuldige, ohne wirklich Schuld für das zu tragen, wofür ich mich entschuldige oder schlecht fühle.

Ein Phänomen, was mir hierzu einfällt, ist, dass ich und auch Menschen in meinem Umfeld sich oft dafür entschuldigen, dass es ihnen nicht gut geht und sie vielleicht nicht so fröhlich und gesellig sind in einem Moment oder einer gewissen Zeit, wie die Gesellschaft sich das womöglich wünscht. Dieses toxische „positive vibes only“ macht unglücklich, ist irrational und nicht gesund. Negativ konnotierte Gefühle wie beispielsweise Trauer, Angst und Wut sind gesellschaftlich oftmals nicht erwünscht, werden be- bzw. abgewertet und führen dazu, dass sich Menschen für diesen ganz normalen, im Leben eines jeden Menschen vorkommenden Gefühle entschuldigen.

Meiner Meinung nach ein klassisches Beispiel für eine Entschuldigung, die fehl am Platz ist, denn hier muss man nicht von einer Schuld freigesprochen werden. Ich mag meine Freunde, meine Familie und generell Menschen nicht weniger, weil sie schlechte Tage haben, weil es ihnen mal nicht gut geht, weil sie mal keine gute Laune haben. Ich mag sie genau dafür, ich mag sie für ihre Menschlichkeit, ihre Ehrlichkeit und Authentizität, denn niemand ist jeden Tag immer nur gut gelaunt und glücklich, und sich dafür zu entschuldigen und zu glauben, man müsse sich hierfür entschuldigen, ist meiner Ansicht nach ein Problem. Es kann dazu führen, dass man sich weniger wert vorkommt, man sich schlecht und nicht richtig fühlt, man vergleicht sich mit Menschen im Internet oder auch Bekannten im Umfeld, die vermeintlich immer gute Laune haben, keine schlechten Tage oder auch mal Sorgen und Ängste und versucht a) vielleicht, diese „negativen“ Gefühle gar nicht erst zuzulassen und zu unterdrücken, was bekannterweise sehr ungesund ist und/oder b), man fühlt sich schuldig und bittet um Verzeihung. Also „sorry not sorry“ für schlechte Tage, für Traurigkeit, für Angst, für Sorgen, für Kummer und stattdessen mehr Offenheit, Toleranz und Akzeptanz für diese Gefühle.

Ent-schuldigen
Katharina

Ich bin eine von denen, die sich permanent für alles entschuldigt. Manchmal auch dann, wenn ich selber weiß, dass ich eigentlich gar nichts dafür kann. Ich merke das oft nicht mal mehr - also ob ich etwas dafür kann. Ich habe schon Entschuldigung gesagt, bevor meine eigene Schuld-Evaluation abgeschlossen ist. (Zugegeben, wenn diese Evaluation abgeschlossen wäre, käme ich in 99 von 100 Fällen wohl auch dank eines schillernden Cocktails von Zweifeln, Empathie und mangelndem Selbstwert auf eine Schuld meinerseits, aber das ist eine Geschichte für einen anderen Text.)

Mein Entschuldigen hat nämlich so direkt gar nichts mit der Schuld zu tun. Es ist vielmehr ein Deckmäntelchen, ein Schutzschild oder ein Schaumstoffring, der meine Ecken und Kanten vor der Welt verbergen soll. Denn wenn ich sage, dass es mir leid tut, dann beuge ich potentieller Kritik oder vielleicht auch nur dem leichtesten Anecken vor und schütze so mich selbst. Das glaube ich zumindest – denn eigentlich nehme ich mir so nur die Kanten, mit denen ich mich fest verankern könnte, sodass mich nicht jeder Windhauch umpustet. Für dieses Selbstbild sollte ich mich eigentlich vor mir selbst entschuldigen – denn eigentlich möchte ich das nicht sein: Das umpustbare Wesen, was an der Welt entlanggleitet, sich anschmiegt wie Knete und nicht seinen eigenen Raum einfordert. Und ich glaube, ein Teil von mir ist das auch nicht, der zankt sich nur immer mit dem Teil, der das ist - aber auch das ist eine andere Geschichte.

Heute geht es um das Entschuldigen, das ich das schlimmste finde. Eines, das nötig wird, wenn ich wirklich - Wirklich! Wirklich! - weiß, dass ich etwas falsch gemacht, in den Sand gesetzt, unachtsam herausgehauen oder schlichtweg vergessen habe. So wie letzte Woche. Ich habe einige dicke Bretter zu bohren und bin derzeit alles andere als mit Zeit, Muße oder Konzentration gesegnet, weil ich so wahnsinnig viel zu tun habe. (Merkt ihr was? Bevor ich noch davon erzähle, was ich eigentlich falsch gemacht habe, rechtfertige ich mich schon! Faszinierend.). Warum auch immer, jedenfalls, habe ich letzte Woche die Angstfrei-Endredaktion total vergessen. Seit über einem Jahr schreibe und schrieb ich zunächst täglich, dann mehrfach die Woche und nun mindestens wöchentlich mit einem wundervollen Team an diesem Projekt. (Schon wieder! Ich wollte noch schnell zeigen, wie wichtig mir das Projekt ist, damit ihr mich bitte nicht verurteilt, nachdem ich es gesagt habe. Verrückt. Das war so gar nicht geplant!) Aber gut. Das ändert nichts: Das erste Mal, seit es dieses Projekt gibt, habe ich einfach vergessen, pünktlich mitzuschreiben. Ich habe es erst gemerkt, als ich am Samstagmorgen den ersten Post auf Instagram sah.

Mir ist schlagartig schlecht geworden. Herrjeh! Diese tollen Menschen hatten wegen mir Mehrarbeit! Vielleicht sogar Stress! Vielleicht möchten sie mich gar nicht mehr dabei haben! Ich habe bestimmt für immer mein Gesicht verloren! Wie konnte mir das nur passieren? Ich habe mich ganz fürchterlich gefühlt. Und ungefähr das habe ich auch an das Team geschrieben. Und siehe da: Mein Kopf ist noch dran - mehr noch - es war ok. Alle waren super lieb. (Es ist halt ein tolles Team!) Uff. Aber dennoch: Das Gefühl, versagt zu haben, blieb.

Eine ähnliche Situation hatten wir vor einem Jahr. Da lag es nicht so direkt an mir, eher an der Technik, aber ich habe auch das Gefühl gehabt: "Jetzt habe ich verkackt." (Wortwahl hin, Wortwahl her.) Und diese Last bohrt sich in mich hinein, ohne dass ich irgendetwas daran tun kann. Rationalisieren hilft nicht. "Es ist schon ok"- oder "Kein Ding!"-Versicherungen helfen nicht. Es wieder gut machen (wie diese Woche viel mehr zu schreiben, als ich eigentlich leisten kann, damit man mir verzeiht - so ein Quatsch!), hilft nicht.

Am schlimmsten ist es dann, wenn der Fehler, den ich mache, direkt auf meine Werte zurückgeht. Wenn ich nicht helfen kann, obwohl ich es wollte. Wenn ich nicht verbindlich war, obwohl mir das wichtig ist. Wenn ich jemanden gekränkt habe und es mir nicht bewusst war oder ich nicht sensibel genug war, um es zu merken. Das Gefühl, es besser gewusst haben zu müssen ist stark, schwer wie ein Mühlstein und scharf wie ein Rasiermesser. Noch schlimmer sind Entscheidungen, die ich getroffen habe, von denen ich weiß, dass sie nicht für alle Beteiligten optimal sind, die aber für mich die richtigen waren. All das fährt mir in Körper und Seele: Ich bleibe innerlich getrieben, mein Herz flattert, mein Brustkorb ist schwer, ich bin sauer. Auf mich. So richtig.

Während ich das hier schreibe, durchfühle ich zahlreiche Situationen der vergangenen Monate, in denen ich mich so gefühlt habe. Und die Gefühle reißen mich mit. Meine Fehlbarkeiten sind so laut und präsent und mächtig - obwohl sie vielleicht nur für mich groß waren und/oder von anderen schon längst vergeben und vergessen wurden.

Ich habe sie nicht angenommen.

Nicht die Versicherung der anderen, dass es schon ok ist oder sie erst gar keinen Grund für eine Entschuldigung gesehen haben. Und vor allem nicht meine eigene Entschuldigung. Meine eigene Nachsicht mit mir selbst. Mein inneres Versprechen, dass ich wie jede:r andere auch Mensch sein darf. Mit Haut und Haar und Fehlern und Tollpatschigkeiten. Ich glaube wirklich, dass das etwas ist, was eine Quelle für ganz viel innere Ruhe und Stärke sein kann: Sich selbst ent-schuldigen. Und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Wir nehmen uns die Last der Schuld von den Schultern, indem wir – von mir aus schweren Herzens und mit einem abschließenden strengen Blick – sie hinter uns lassen. Auch und sogar dann, wenn ich es hätte besser wissen müssen. Das ist doch eigentlich auch etwas Gutes - immerhin bin ich für vieles des Dummen, das ich so tue, nicht blind. Das ist doch schonmal etwas, oder?

Tipps der Woche

Tipps gegen die Entschuldigungsberge
„Wer sich ständig entschuldigt, macht sich klein“, so Verhaltenswissenschaftlerin und Psychotherapeutin Dami Charf. Damit beschreibt sie, dass bei häufigen Entschuldigungen der Selbstwert leidet, was im Arbeitsalltag sehr ungünstig ist. Entschuldigungen im Übermaß können aus noch mehr Gründen problematisch werden: Eine eigentlich angebrachte Entschuldigung verliert ihre Wirkung, wenn die Person sich sowieso schon für fast alles entschuldigt. Charf nennt außerdem einige Alternativen zur Entschuldigung, z.B. abwarten, ob mein Gegenüber überhaupt ein Problem mit meinem Verhalten hat oder bedanken („Danke, dass Ihr auf mich gewartet habt.“).
Impulse.de

Tipps für angemessene Entschuldigungen
Die Ratgeber-Plattform Karrierebibel stellt Grundregeln für „gute und ehrliche“ Entschuldigungen für den privaten und den Arbeitskontext vor. Dabei geht es z.B. um den Zeitpunkt (sich sofort entschuldigen), um die Form (sich persönlich entschuldigen) und das Anbieten einer Wiedergutmachung. Wenn Kolleg:innen durch meinen Fehler mehr Arbeit haben, ist es eine gute Idee, zumindest Unterstützung anzubieten. Abschließend finden sich noch Formulierungsvorschläge für den verpatzten Auftrag, die Entschuldigung für den Sportunterricht oder die schriftliche Entschuldigung an den:die Chef:in.
Karrierebibel

Dies und Das

Feinheiten beim Entschuldigen
Ich versuche einmal etwas hinter verschiedene Arten, eine Entschuldigung zu formulieren, zu blicken:

(Ich bitte um) Entschuldigung

Der Klassiker. Meistens sagt man nur das letzte Wort, aber zumindest im ursprünglichen Sinne meint man es als Bitte. Oder lässt man die “Bitte” vielleicht doch absichtlich weg, weil man sich im wahrsten Sinne des Wortes selbst entschuldigt?

(Ich bitte um) Verzeihung

Das gleiche in Grün, äh, ‘tschuldige, “mit Verzeihung” meine ich. Geht auch mit Vergebung.

Pardon

Kommt aus dem Französischen und bedeutet, ihr habt richtig geraten, “Verzeihung” oder “Vergebung”.

Excuse me

“Entschuldigung” oder “Entschuldige mich” auf Englisch.

(I am) Sorry.

“Sorry” bedeutet als Adjektiv auch bekümmert oder betrübt. “Ich bin betrübt darüber, dass das, was ich getan habe, dir Leid zugefügt hat”. Ob sich die wohl meistgenutzte Entschuldigung tatsächlich so entwickelt hat, weiß ich nicht.

Ich/wir bitte(n) um Verständnis

… mir / uns ist dieser und jener Fehler unterlaufen. Oft folgt diese Entschuldigung darauf, dass man den Fehler nennt. Wird meist eher formell verwendet, etwa wenn die Bahn mal wieder zu spät kommt. Bei Freund:innen würde zumindest ich mich eher anders entschuldigen. Der Kern dieser Entschuldigung: “Irren ist Menschlich, das kann jedem passieren.” Oder, um es biblisch zu sagen: “Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein”.

(Es) Tut mir Leid.

Ausführlicher könnte man auch sagen “Ich habe etwas falsch gemacht, und damit fühle ich mich jetzt schlecht. Das tut mir Leid!”. Hier steckt im wörtlichen Sinne keine Bitte um Entschuldigung drin, dafür eine Portion Empathie: Eigentlich tut das, was man getan hat ja dem/der anderen Leid, doch man spürt dieses Leid selbst und nimmt es selbst auf sich.

Nun bitte ich Euch um Entschuldigung, mir fallen keine weiteren Entschuldigungen ein!

Ein besonders Kurzfilmfestival
Go Mental! Ist das erste internationale Kurzfilmfestival, bei dem sich alles um die mentale Gesundheit dreht. Pandemiebedingt findet es nur online statt. Für 6-8 Euro können die Kurzfilme ausgeliehen und gestreamt werden. Das Beste daran: 10% des Erlöses wird an die Mental Health Initiative gespendet, einem Social-Impact-Startup, das sich für die mentale Gesundheit junger Menschen einsetzt, z.B. mit Präventionsprogrammen. Go Mental! läuft noch bis einschließlich 30. Mai.
Go Mental! International Film Festival Berlin (englischsprachig)
Mental Health Initiative

Serotonin
Die norwegische Sängerin Marie Ulven alias Girl in Red singt in ihrem Lied “Serotonin” über psychische Probleme. Serotonin gilt als Glückshormon, und im Text geht es darum, dass ihr dieser Botenstoff ausgehe. Die Folge seien unter anderem depressive Stimmung und selbstverletzendes Verhalten, auch wenn Medizin sie stabilisiert.

Es gibt zwei Videos zu diesem Lied: Die erste ist eine beeindruckende A-Capella-Version ohne Instrumente namens “I’m running low on serotonin”, mit traurig-depressiver Stimmung. Das eigentliche Lied verbreitet aber musikalisch trotzdem eine positive, fast manische Stimmung. Das Video unterstützt diese mit wilden Trampolinsprüngen. Entscheidet selbst, welches ihr zuerst schauen wollt.
Girl in red - I'm running low on serotonin
Girl in red - Serotonin (Offizielles Video)

Eine Playlist zum Entschuldigen
Halsey - Sorry
Kay One - Tut mir Leid
Mathea - Tut mir nicht leid
Annenmaykantereit - Pocahontas
Die Toten Hosen - “Entschuldigung, es tut uns leid!
Fury in the Slaughterhouse - “Sorry”

Damit sagt das ganze Team von angstfrei.news Tschüss bis nächste Woche!

Kleine Erinnerung
Wir freuen uns sehr, wenn ihr dieses neue Format mit einem Extra-Feedback bedenkt, nur so können wir lernen. Vielen Dank! Und wer Lust hat, täglich von uns zu hören und mit uns in Kontakt zu treten, der kann uns auf Instagram finden, folgen und Nachrichten schicken.

Ihr wollt unsere Arbeit unterstützen
Spenden und Fördermitgliedschaft bei der Deutschen Angst-Hilfe e.V.

Bei Ihrem Besuch auf unserer Webseite verwenden wir Cookies. Indem Sie unsere Webseite benutzen, stimmen Sie unseren Datenschutzrichtlinien und dem Einsatz von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen