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Kultur | 15. Mai 2021

Anne

Liebe Leser:innen,

in dem vergangenen Jahr haben wir Dinge schätzen gelernt, die vorher selbstverständlich für uns waren, über die wir uns womöglich keine allzu weitreichenden Gedanken gemacht haben. Kunst und Kultur gehört wohl dazu. Und vielleicht haben auch Menschen, die sich zuvor nicht mit dem Begriff identifiziert haben, die sich nicht als Konsument:innen von Kultur wahrgenommen haben, bemerkt, wie wichtig sie doch ist und in wie viele Lebensbereiche sie hineinspielt. Denn Kultur ist viel mehr, als das, was uns in Ausstellungen begegnet. Kultur fängt an bei unserer Sprache, bei Gesprächen, beim Umgang miteinander, geht über die bildende Kunst, Musik und Literatur, bis hin zur Unterhaltung in Kino und Comedy- und Kabarett-Programmen. 

Kultur ist ein Spiegel der Gesellschaft und gesellschaftlicher Missstände, aber auch ein Spiegel unserer Seele, wenn wir uns in Kunst und Kultur wiedererkennen. Und dieses Zusammenspiel aus Kultur und Seele haben wir in unseren Texten beleuchtet. Mal sehr persönlich beschreibt und Anne ihr Eintauchen in Musik, als Konsumentin, während Katharina das aktive Musikmachen und Singen für ihre Seele und das Im-Moment-Sein beschreibt. Nils hat einen weiteren Blick und führt uns von seinem eigenen Schaffen, hin zu beinahe banal wirkenden Phrasen mit Bezug auf Kultur, zurück zu den Kulturschaffenden und ihrer Relevanz auch, oder gerade in Krisenzeiten. 

Doch diese Ausgabe kommt natürlich nicht ohne Nachrichten aus und zu Beginn blicken wir auf die gute Nachricht und gesunkenen Inzidenzzahlen. Im Schwarzbrot hat sich Steffen mit dem Alltag in Psychiatrien und der veränderten Situation durch die Corona-Pandemie beschäftigt und dazu ein interessantes Interview geführt. 

In den Tipps empfehlen wir euch ein paar virtuelle Museen und mehr, bevor die Ausgabe, wie immer, ihren musikalischen Abschluss findet. 

Wir freuen uns, dass ihr eine so treue Leserschaft seid und wünschen euch eine gute Woche,
Anne R. und das Team von angstfrei.news 

Wenn ihr Zeit, Lust und Interesse habt, auch mal in unserer Redaktion mitzumischen, dann schreibt uns gerne eine Nachricht auf Instagram oder schreibt uns eine kurze E-Mail an angstfrei.news@gmail.com.

Ganz wichtig: Was meint ihr zum neuen Konzept und zu dieser Ausgabe? Bitte gebt uns ein kurzes Feedback - das wäre hilfreich und sehr nett.

Übrigens nehmen wir unser Motto ernst: Angst hat eine Stimme - Deine. Wir sind ein Team von Freiwilligen und schreiben über unsere Angst-, Lebens- und Alltagserfahrungen, ohne ein Richtig oder Falsch, oft mit Verstand und immer mit Herz. Wir freuen uns über dich in unserem Team. Trau dich einfach und schreib uns eine Mail an angstfrei.news@gmail.com, oder über Instagram

Die gute Nachricht der Woche

Erstmals seit dem 20. März: Sieben-Tage-Inzidenz bundesweit unter 100 
In Deutschland ist der Sieben-Tage-Inzidenzwert erstmals seit dem 20. März wieder unter 100 gefallen. Das berichtete das Robert-Koch-Institut (RKI) am Freitag (14.05.). Demnach ist die Sieben-Tage-Inzidenz bundesweit innerhalb von einer Woche von 125,7 auf 96,5 gesunken. Im Vergleich zum Freitag der Vorwoche wurden etwa 7.000 Corona-Neuinfektionen weniger registriert. Den niedrigsten Inzidenzwert im Land konnte Schleswig-Holstein mit 42,8 verzeichnen.
Tagesschau 

Schwarzbrot: Corona in der Psychiatrie - “Ein Umstellungsprozess” 

Steffen

In dieser Rubrik möchten wir etwas tiefer in die Nachrichtenlage der Woche einsteigen. Mal eher hintergründig, mal eher serviceorientiert recherchieren wir für euch selbst, statt wie im darunter folgenden Nachrichtenblock Nachrichten auszuwählen und in eine angstfreie Sprache zu übersetzen. Wir hoffen, es mundet euch.

Die Psychiatrie ist für viele Menschen ein herausfordernder Ort. Doch wie läuft in der Pandemie dort der Alltag ab? Was geht, was nicht? Wie erkennt man Emotionen unter einer Maske? Und was passiert bei einem Corona-Fall auf Station? Steffen Rosenbach hat diese Fragen für Angstfrei-News mit dem leitenden Psychologen der Psychiatrie im Klinikum Mutterhaus Trier für Euch geklärt. 

Angstfrei-News: Herr Dr. Luca Schaan, wie sieht Ihre Arbeit als leitender Psychologe normalerweise aus? 

Schaan: Ich behandle die Patienten und Patientinnen in der Tagesklinik in Einzel- und Gruppentherapien. Zusätzlich betreue ich die Psychologen und Psychologinnen in Ausbildung und leite Intervisions- und Supervisionssitzungen. Hinzu kommen noch einige organisatorische Dinge, unter anderem auf Personalebene und Mitgestaltung der Therapiekonzepte der jeweiligen Stationen.  

Angstfrei-News: Nach mittlerweile mehr als einem Jahr Corona-Pandemie: Was hat sich in Ihrem Arbeitsalltag in der Psychiatrie am stärksten verändert?

Schaan: Mit Beginn der Pandemie mussten wir die Therapiekonzepte neu gestalten. Das hat sich am stärksten auf unser großes Spektrum an Gruppentherapien ausgewirkt. Wir haben dann beispielsweise die Gruppengröße von zwölf auf maximal sechs Teilnehmerinnen und Teilnehmer pro Gruppe reduziert und bieten dadurch teilweise doppelt so viele Gruppentherapien an wie vor Corona. Zusätzlich führen wir aktuell keine stationsübergreifenden Gruppentherapien mehr durch, sodass nur noch Patienten von derselben Station in einer Gruppe zusammenkommen.

Angstfrei-News: Welche Gruppentherapien gibt es bei Ihnen?

Schaan: Wir haben beispielsweise kreativtherapeutische Gruppen der Musik-, Kunst- und Ergotherapie sowie u.a. Yoga in der Sport- und Bewegungstherapie. Dann gibt es noch störungsspezifische Therapien wie zum Beispiel die Angstbewältigungs-, Psychoedukations-, Depressions-, Sucht- oder Emotionsregulationsgruppen sowie störungsübergreifende Gruppentherapien (Adoleszenten-,  Achtsamkeits- und Akzeptanz- und Commitment-Gruppe). Hinzu kommen noch zahlreiche Therapieangebote wie Entspannungsverfahren, Autogenes Training oder Progressive Muskelrelaxation, tiergestützte Therapie mit Pferden und nicht zuletzt Gruppen zum Training sozialer Kompetenzen.

Angstfrei-News: Und wie hat sich die verringerte Gruppengröße auf die therapeutische Arbeit in den Gruppen ausgewirkt?

Schaan: Insgesamt sehr positiv. Für mich als Therapeut ist dadurch eine tiefgreifendere Arbeit mit einzelnen Teilnehmerinnen und Teilnehmer in den Gruppen möglich. Ich habe auch den Eindruck, dass viele Patienten und Patientinnen in den kleineren Gruppen eher dazu bereit sind, sich zu öffnen. Man kann durchaus sagen, dass durch die geringere Anzahl an Leuten eine vertrauensvollere Gruppenatmosphäre entstehen kann. Ich habe beispielsweise auch häufig die Erfahrung gemacht, dass nach Ende der Gruppensitzung einzelne Teilnehmerinnen und Teilnehmer noch untereinander Nachgespräche geführt haben. Auch die Tatsache, dass die Gruppen nur noch stationsintern gebildet werden, verstärkt das Vertrauen in der Gruppe und die Möglichkeit des gegenseitigen Austauschs. 

Angstfrei-News: Welche Änderungen haben sich im Psychiatriealltag durch die Corona-Pandemie noch ergeben?

Schaan: Das waren beziehungsweise sind einige. Je nach Inzidenzwert müssen wir natürlich immer wieder nachjustieren. Wir stehen im ständigen Austausch mit unserer Klinikhygiene und dem Gesundheitsamt, um auf die aktuellen Entwicklungen der Inzidenzen das Hygienekonzept entsprechend anpassen zu können. Ende März 2020 mussten wir die Tagesklinik beispielsweise für ein paar Wochen schließen. Danach konnten wir allerdings nur noch eine verringerte Anzahl an Therapieplätzen in der Tagesklinik anbieten.

Die stationäre Notfallaufnahme und Behandlung war hingegen unabhängig vom Inzidenzgeschehen immer möglich. Generell ist das Tragen eines medizinischen Mund-Nasen-Schutzes für Personal und Patienten und Patientinnen seit Pandemiebeginn Pflicht. Lediglich beim Essen und auf den Zimmern darf die Maske abgenommen werden. Selbstverständlich befolgen wir auch sämtliche Vorschriften in Sachen Lüftungstechnik und Händedesinfektion. Je nach Raumgröße ist beispielsweise auch nur eine bestimmte Anzahl an Personen zugelassen, was uns unter anderem auch bei Personalbesprechungen und Stationsvisiten vor Herausforderungen gestellt hat.

Angstfrei-News: Wie ist es für Sie, in Therapiegesprächen nicht mehr die komplette Mimik der Patienten und Patientinnen wahrnehmen zu können?

Schaan: Das war und ist auf jeden Fall ein Umstellungsprozess für mich. Ich habe gelernt, mich in den Gesprächen noch mehr auf die Stimme der Patienten und Patientinnen zu fokussieren. Es ist immer wieder beeindruckend für mich, wie viele Informationen man schon aus der Stimme und der Art zu sprechen gewinnen kann. Und ich konnte auch mit der Zeit mehr und mehr in den Augen der Menschen sehen. Auch wenn die Maske Mund und Nase verdeckt, wird man auch hier von Zeit zu Zeit sensitiver für das, was sich darunter abspielt. Auch ein Lächeln oder andere Emotionen kann ich trotz Maske mittlerweile erkennen. Aber es bleibt dennoch eine Umstellung.

Angstfrei-News: Wie wurde denn die Maskenpflicht von den Patienten und Patientinnen angenommen?

Schaan: Im Großen und Ganzen sehr gut. Ab und zu und vor allem zu Beginn der Pandemie mussten wir aber natürlich manche immer wieder daran erinnern, die Maske wieder über die Nase zu ziehen. Das Verständnis für diese Regelung ist auch auf Patientenseite sehr hoch.

Angstfrei-News: Gab es denn Corona-Fälle bei Ihnen? Und falls ja, wie sind Sie damit umgegangen?

Schaan: Die Patienten und Patientinnen werden wöchentlich einmal getestet und beispielsweise die Patienten aus der Tagesklinik müssen bei einem positiven Corona-Test genau wie alle durch das Gesundheitsamt angeordnet in die häusliche Quarantäne. Zusätzlich zu den wöchentlichen Testungen wird unmittelbar vor einem stationären Therapiebeginn jede Patientin und jeder Patient getestet. So können wir ausschließen, dass jemand ungetestet die Station betritt. Für an Corona erkrankte Patienten und Patientinnen, die beispielsweise aus einem medizinischen Grund stationär behandelt werden müssen, haben wir in Kooperation mit dem Krankenhaus der Barmherzigen Brüder in Trier mit dem Corona-Gemeinschaftskrankenhaus eine gute Lösung gefunden.

Angstfrei-News: Da werden dann also Patientinnen und Patienten aus beiden Krankenhäusern behandelt? Inwiefern sind Sie da als Psychologe auch eingebunden?

Schaan: Genau. Zusammen mit mehreren Kolleginnen und Kollegen aus dem gesamten Mutterhaus als auch aus dem Krankenhaus der Barmherzigen Brüder wirke ich im Kriseninterventionsteam im Corona-Gemeinschaftskrankenhaus mit. Wir bieten Unterstützung für das Personal der Corona-Intensiv- und der Corona-Normalstation, das seit Pandemiebeginn unter einer verstärkten Arbeitsbelastung steht; wir unterstützen aber auch beispielsweise die Angehörigen von Menschen mit einem schwerwiegendem Krankheitsverlauf.

Angstfrei-News: Inwiefern hat sich die Corona-Pandemie aus Ihrer therapeutischen Sicht auf die Psyche der Menschen ausgewirkt?

Schaan: Für viele Menschen sind seit Pandemiebeginn viele stabilisierende Faktoren im sozialen Bereich weggebrochen. Wir konnten das beispielsweise daran beobachten, dass einige Patienten und Patientinnen, die sich über Jahre psychisch stabilisiert haben, sich während der Pandemie wieder in Behandlung begeben haben. Viele Einrichtungen, die Patienten auch ambulant betreut haben, mussten schließen. Offen Anlaufstellen, Gruppen oder Termine, aber auch unter anderem Selbsthilfegruppen fanden teilweise nicht mehr statt

Angstfrei-News: Was genau hat die Menschen destabilisiert?

Schaan: Bei vielen ist es die Einsamkeit durch den fehlenden Austausch in persönlichen Treffen oder sonstige soziale Aktivitäten. Das beobachten wir vor allem auch bei jungen Erwachsenen, die alleine wohnen. Bei vielen jungen Menschen ist die Tagesstruktur weggebrochen. Sie berichten über belastende schulische Probleme oder auch über Schwierigkeiten im Studium. Sie fühlen sich letztlich sehr häufig überfordert und haben das Gefühl, zu vereinsamen.

Angstfrei-News: Gibt es auch positive Entwicklungen, die Sie nach über einem Jahr Corona-Pandemie feststellen können? Oder anders gefragt: Welche Chancen sehen Sie für die Zukunft?

Schaan: Mir ist aufgefallen, dass im Laufe der Pandemie vermehrt auf Hilfsangebote für Menschen mit psychischen Problemen hingewiesen wurde. Ich glaube, zumindest mehr Werbung für Unterstützungsmöglichkeiten bemerkt zu haben. Vor allem der Service von telefonischen Beratungsstellen hat hier meiner Ansicht nach zugenommen. Das ist meiner Meinung nach eine sehr wertvolle Entwicklung, die zu mehr Transparenz für den konstruktiven Umgang mit psychischen Problemen beiträgt. Ich denke, dass viele Menschen mit Leidensdruck dadurch sehen können, dass sie nicht alleine mit ihren Problemen dastehen, dass vielleicht viele andere Menschen ebenso mit der Situation zu kämpfen haben und dass es Unterstützung und Hilfe gibt. Auch gibt es zahlreiche Beispiele von Nachbarschaftshilfe und Unterstützung, die es vor der Pandemie nicht gab.

Angstfrei-News: Abschließend noch eine persönliche Frage: Was wünschen Sie sich für den gesellschaftlichen Umgang mit seelischem oder psychischem Leid?

Schaan: Ich wünsche mir, dass sich das gesellschaftliche Klima weiterhin in die Richtung bewegt, dass noch mehr Menschen eine niedrigere Hemmschwelle entwickeln, über ihre persönlichen Sorgen oder Ängste, sei es vielleicht auch im engsten Vertrautenkreis, zu sprechen. Und wenn professionelle Hilfe benötigt wird, eine höhere Bereitschaft und weniger Scheu, diese einmal auszuprobieren. Es gibt immer Hilfsangebote und keiner sollte mit seinen Problemen alleine dastehen.

Angstfrei-News: Herzlichen Dank für das Gespräch Herr Dr. Schaan. 

Dr. Luca Schaan (30) hat an der Uni Luxemburg und Koblenz-Landau Psychologie studiert. In Trier promovierte er zu Interozeption und Angst vor spezifischen Körpersensationen bei Jugendlichen mit chronischen Schmerzen. Seit drei Jahren arbeitet er in der Psychiatrie im Mutterhaus Trier, seit einem Jahr in leitender Funktion. Die Klinik besitzt die stationäre Versorgungsverpflichtung für ca. 250.000 Menschen aus Trier und Umgebung. Auf fünf offen geführten Stationen mit insgesamt 100 Betten, in einer psychiatrischen Tagesklinik und einer Institutsambulanz werden Menschen mit akutpsychiatrischen Erkrankungen sowie chronischen Verlaufsformen behandelt. Die Patientenaufnahme und das therapeutische Konzept der Klinik folgen dem sogenannten ,,Durchmischungsprinzip‘‘, das heißt, es findet keine Differenzierung nach Alter, Geschlecht oder Krankheitsbild statt.

Nachrichten

angstfrei.news ist gestartet als ein Projekt, das unaufgeregt die Neuigkeiten des Tages - jetzt der Woche - zusammenfasst. Ihr habt uns bestärkt, dass dieser Service wichtig ist, daher bleiben wir ihm treu für all jene, denen die Flut an Nachrichten zu viel wird. Deswegen fassen wir hier für euch die wichtigsten Entwicklungen im Zusammenhang mit der COVID-19-Pandemie in der vergangenen Woche zusammen.

Inland

Berlin: Ab Montag keine Impfpriorisierung bei Haus- und Betriebsärzt:innen
In Berlin fällt ab Montag (17.05) die Priorisierung der Corona-Schutzimpfung bei Haus- und Betriebsärzt:innen weg. Das gab die Berliner Gesundheitsverwaltung am Donnerstag (13.05.) bekannt. Folglich können ab nächster Woche alle verfügbaren Corona-Vakzine in den Berliner Arztpraxen unabhängig von Alter, Vorerkrankungen oder Berufsgruppe verimpft werden.

Die kassenärztliche Vereinigung der Hauptstadt kritisierte die Ankündigung scharf, da sie falsche Erwartungen schüre und Chaos in den Praxen auslöse. Zudem habe es bezüglich des geplanten Vorgehens im Vorfeld keine Absprachen mit den Ärzt:innen gegeben. Berlins Gesundheitsstaatssekretär Matz dämpfte jedoch die Erwartungen von allen Impfwilligen, kurzfristig einen Termin erhalten zu können. Dafür übersteige die Nachfrage die derzeit verfügbare Impfstoffmenge zu stark, so Matz. Ab Juni könne jedoch wieder mit größeren Mengen gerechnet werden. 
tagesspiegel.de

Bund, Länder und Kommunen:
2,7 Milliarden weniger Steuern wegen Pandemie
Der deutsche Staat muss 2021 mit etwa drei Milliarden Euro weniger Steuern als gedacht auskommen. Das Bundesfinanzministerium korrigierte die Steuerschätzung aus November leicht nach unten. Auch für 2022 werden weniger Einnahmen als bisher erwartet. Die mittelfristigen Prognosen der Steuerschätzer:innen fallen hingegen positiver als noch im vergangenen Herbst aus: Bis 2025 sollten Bund, Länder und Kommunen zehn Milliarden mehr als geplant bekommen – vor allem 2024 und 2025 wird mit einer deutlichen Erholung gerechnet.

Der Finanzpolitiker der Union, Eckhardt Rehberg, betonte, die niedrigen Steuereinnahmen gingen vor allem zulasten des Bundes. Länder und Gemeinden dagegen erreichten schon in diesem Jahr wieder das Vorkrisenniveau. Der deutsche Staat hatte 2020 und 2021 mehrere Hunderte Milliarden an Schulden zur Finanzierung der Corona-Hilfen aufgenommen. Dabei bekommt Deutschland teilweise Geld für die Kredite, statt für sie Zinsen zahlen zu müssen. 2020 machte der deutsche Staat mit Negativzinsen etwa eine Milliarde Gewinn.
tagesschau.de 

Erleichterte Einreise nach Deutschland
Die Quarantänepflicht bei Einreise nach Deutschland ist aufgehoben. Bei mehr als 100 Ländern, darunter viele europäische Urlaubsländer, entfällt die Quarantänepflicht. Stattdessen ist ein negativer Corona-Test ausreichend. Für Genesene und vollständig Geimpfte entfällt auch der Test. Ausgenommen von den Lockerungen sind Länder und Gebiete, in denen sich besorgniserregende Virusvarianten ausbreiten. Hierzu zählen aktuell, unter anderem, Indien, Brasilien und Südafrika. 

Außenminister Heiko Maas (SPD) kündigte an, dass es keine Rückholaktionen aus Urlaubsländern geben wird, sollte sich dort die Pandemielage verändern. 
Tagesschau

Ausland

EU: Vertrag mit AstraZeneca beendet, BioNTech/Pfizer-Kapazitäten erhöht
Die Europäische Union lässt Vertrag mit AstraZeneca auslaufen und setzt stattdessen verstärkt auf die Impfstoffe von BioNtech und Pfizer. Nach Juni werde es keine Neuauflage der Liefervereinbarung geben, so EU-Binnenmarktkommissar Thierry Breton. Hintergrund sind vergangene Lieferverzögerung und ein laufender Rechtsstreit zwischen der EU Kommission und dem Impfstoffhersteller. Nichtsdestotrotz sei AstraZeneca "ein sehr guter Impfstoff", versicherte Breton.

Unterdessen kündigte die EU den Kauf von weiteren 900 Millionen Dosen des Impfstoffes von BioNTech/Pfizer an und optionierte weitere 900 Millionen Dosen für einen späteren Zeitpunkt. Die Lieferungen sind bis 2023 vorgesehen. Dies ermögliche die Impfung der 70 bis 80 Millionen Kinder in der EU sowie Auffrischung des Impfschutzes von Erwachsenen. Damit wolle man auch für etwaige Mutationen des Coronavirus gerüstet sein. Dafür bezahlt die EU im neuen Vertrag rund 50 % mehr. Ein konkreter Preis wurde nicht veröffentlicht. Mit der Kostensteigerung möchte das Unternehmen die hohen Forschungsinvestitionen refinanzieren.
Tagesschau (AstraZeneca)
Tagesschau (BioNTech/Pfizer)
Redaktionsnetzwerk Deutschland

USA: Aufhebung der Maskenpflicht und Anreize für Geimpfte
Die US-Regierung hat die Maskenpflicht für Geimpfte weitgehend aufgehoben. Grund dafür sind neue Richtlinien der Gesundheitsbehörde CDC, die dies mit der hohen Wirksamkeit der COVID-19-Impfstoffe begründen. Für vollständig geimpfte Menschen gilt die Masken- und Abstandspflicht auch in Innenräumen nicht mehr. Ausnahmen gelten, wo Menschen dicht gedrängt sind, z.B. in Flugzeugen, Zügen, Bussen, Krankenhäusern und Flughäfen. Auch bei entsprechenden Vorgaben durch Arbeitgeber:innen, Behörden oder Geschäfte müssen doch noch Masken getragen werden.

Zuletzt ist die Impfbereitschaft in den USA gesunken. Wurden Mitte April noch täglich über 3 Millionen Impfdosen verabreicht, waren es aktuell nur noch ca. 2 Millionen. Daher wurden z.B. im Bundesstaat Ohio Impfanreize geschaffen. Hier können Geimpfte an einer Lotterie teilnehmen und dabei eine Million Dollar gewinnen. Ab Ende Mai wird jeden Mittwoch ein:e Gewinner:in ausgelost. Geimpfte Jugendliche zwischen 12 und 15 Jahren aus Ohio können ein Stipendium für ein Studium an einer staatlichen Hochschule gewinnen. Seit einigen Tagen hat der Impfstoff BioNTech/Pfizer eine Notfallzulassung in den USA für 12- bis 15-Jährige. In Europa prüft die EMA aktuell noch die Zulassung für diese Altersklasse. Aktuell ist der Impfstoff in der EU ab 16 Jahren zugelassen. 
Tagesschau (Aufhebung der Maskenpflicht)
Tagesspiegel („Ein großer Tag für Amerika“)
Tagesschau (Impflotterie in Ohio)
Tagesschau (Impfstrategie)

Spanien: Ende des Alarmzustands und Mahnung zur Vorsicht
Spanier:innen haben das Ende der Ausgangsbeschränkungen ausgelassen gefeiert. Seit vergangenem Sonntag (9. Mai) hat die spanische Regierung die sechsmonatigen Bewegungseinschränkungen infolge des landesweiten COVID-19-Alarmzustands fast überall aufgehoben. Ein- und Ausreisen aus anderen Regionen sind auch wieder erlaubt. Nur auf den Balearen, in der Autonomen Gemeinschaft Valencia und in Navarra gibt es noch Ausgangsbeschränkungen, sofern diese nicht durch regionale Oberlandesgerichte aufgehoben werden. Grund für die Lockerungen war ein landesweit gesunkener Inzidenzwert von unter 100.

Die spanische Regierung mahnte angesichts der Straßenfeiern zur Vorsicht, da die Pandemie noch nicht zu Ende sei. Der Inzidenzwert in Madrid liegt noch bei 130 (Stand Montag, 10. Mai). Vor einem Jahr wurde im Juni ebenfalls gelockert, worauf im November wegen sehr hoher Infektionswerte der Alarmzustand ausgerufen werden musste. Eine Wiederholung dieses Infektionsanstiegs nach umfassenden Lockerungen möchte man auf jeden Fall verhindern. Für die Einreise von Deutschland nach Spanien ist weiterhin ein negativer PCR-Test nötig, da Deutschland als Risikogebiet gilt.
Tagesschau
Ärzteblatt
Berliner Zeitung (Situation auf Mallorca)

Sport

BVB-Pokalparty missachtet Hygieneregeln
BVB-Fans haben den Pokalsieg gefeiert und dabei die Hygieneregeln und nächtliche Ausgangsbeschränkungen missachtet. Nach dem 4:1 Sieg von Borussia Dortmund über RB Leipzig, im DFB-Pokalfinale, kamen bis zu 200 Anhänger des Vereins am Dortmunder Borsigplatz zusammen. Die Zusammenkunft wurde nach kurzer Zeit von der Polizei aufgelöst. Die meisten Fans verhielten sich jedoch verantwortungsbewusst und feierten zu Hause. 
t-online

Corona in Zahlen
In Deutschland sind 3.626.393 Menschen als infiziert getestet worden (Stand: 20.05.2021 00:00 Uhr, Quelle: RKI), das sind 12.298 Personen mehr als am Tag zuvor.

Warum diese Zahlen? Wir zitieren hier die offiziellen Zahlen des RKI, diese werden einmal täglich – immer um Mitternacht – vom RKI aktualisiert und um 10 Uhr morgens online veröffentlicht. Und warum gibt es hier nicht mehr davon? Es ist wichtig, die aktuell angeratenen Verhaltensweisen zu befolgen, das wissen wir alle. Zahlen über Neuerkrankte helfen uns dabei nicht. Achtet aufeinander und haltet Distanz.

Gesundheitsticker: 146.558.324 Menschen sind weltweit wieder genesen, das sind 1.950.399 Personen mehr als gestern Früh. Davon 3.374.600 in Deutschland (Stand: 21.05.2021 05:10 Uhr, Quelle: Worldometers).

 Von Mensch zu Mensch

Kultur ist ein Begriff, zu dem wir alle eine Vorstellung oder sogar eine Beziehung haben. Und doch ist beides total individuell. Bei angstfrei.news sind wir uns bei einem einig: Kultur ist wertvoll. Das zeigen unsere Autor:innen auch in ihren Texten dieser Rubrik. Den Anfang macht Anne. Sie führt uns vor Augen, wie wir auch in Pandemiezeiten Kultur ‘konsumieren’ – und warum wir das für die Kulturschaffenden auch dringend tun sollten.

Blow your Mind…
Anne

Laut Wikipedia bezeichnet Kultur „im weitesten Sinne alles, was der Mensch selbstgestaltend hervorbringt – im Unterschied zu der von ihm nicht geschaffenen und nicht veränderten Natur.“

Die weitere sachliche Ausführung im Artikel ist so umfassend wie das, was Kultur für jeden Einzelnen von uns bedeutet. Wir alle sind Kultur, sind Teil unserer aktuellen, uns umgebenden Kultur, in die wir hineingeboren sind, Konsument und Schaffende zugleich, häufig unbewusst. 

Wenn das Feld so breit ist, dann muss man sich für eine Sache entschieden, die man näher beleuchten möchte. Ich entscheide mich für die Konsumentenrolle, die pandemiebedingt nicht ausgelebt werden kann, wie gewünscht. 

Aber stimmt das überhaupt? Hier in Köln können alle Bürger:innen der Stadt mit einem gültigen Ausweis am ersten Donnerstag im Monat verschiedenen Museen kostenlos besuchen. Das finde ich großartig und nahm mir Monat für Monat vor, von dem Angebot Gebrauch zu machen. Umgesetzt habe ich diesen Plan jedoch seltenst, weil er im Alltagstrott meist untergeht und hej, der nächste erste Donnerstag im Monat kommt bestimmt. Aber jetzt, wo ich dieses Angebot nicht habe, vermisse ich es schmerzlich. Also sitze ich, während ich über dieses Thema Kultur nachdenke, auf meinem Sofa und blättere durch einen dicken Wälzer „Geschichte der Malerei“ und durch das „Millerntor Gallery-Magazin“ und eine Mischung aus Wehmut und Vorfreude, bald hoffentlich mal wieder Kunst in voller Größe in einer Ausstellung, im Museum begegnen zu dürfen überkommt mich. 

Ähnlich ist es mit der Musik. Ich gehe nicht häufig auf Konzerte, aber wenn, dann ist es jedesmal wie ein kleiner Kurzurlaub. So divers das Publikum ist, so eint sie doch das Erleben des Moments, der Musik, auch wenn der Moment unterschiedlich wahrgenommen wird. Die Mischung aus Aufregung und Vorfreude, wenn man sich vorab eventuell mit Freund:innen trifft. Der Weg zum Veranstaltungsort, das Schlangestehen und Warten auf den Einlass, all diese kleinen Momente machen den Abend aus und ganz automatisch passiert, was im Alltag selten gelingt, man ist ganz im Moment. Und ich glaube dieses “im Moment sein” eint alle Konzertbesucher:innen Jedweder Subkultur, von Punk bis Klassik, von Metal bis Jazz. Es gibt kluge Bücher über Achtsamkeit und Meditation und ich will den Sinn und den Nutzen dessen gar nicht kleinreden, aber mir persönlich reicht da meist die Musik, der Konzertbesuch. Über meinem Sofa hängt ein Siebdruck von Alex Solman für Audiolith, auf dem steht „Blow Your Mind With Good Music“ und das trifft es für mich persönlich auf den Punkt. Allerdings schafft dies die Musik, je länger die Pandemie andauert immer seltener und die Sehnsucht nach Livemusik wächst mit jeder Platte die, sich auf dem Plattenteller dreht. 

Ich habe nach Ersatz gesucht und es mit Streamingkonzerten versucht, diese haben schon einen schönen Abend bereitet, jedoch die Vorfreude und Sehnsucht nur weiter befeuert. Fehlen doch eben die Momente vor und nach dem Konzert, denn wenn zum Schluss auf dem Bildschirm „Ende des Streams“ steht, macht sich ein beklemmendes Gefühl breit. Und es muss doch auch für den:die Künstler:innen ein schräges Gefühl sein, so ohne Interaktion in die Kamera zu singen. Dass Sie und Wir es dennoch tun finde ich ausgesprochen wichtig, um so die angeschlagene Kunst-und Kulturbranche und alle Menschen, die im Hintergrund agieren, ein wenig zu unterstützen und in uns allen wenigstens eine Hauch dessen, was wir sonst auf einem “Präsenzkonzert” fühlen würden, hervorzurufen.   

In ein paar Jahren kann man dann vielleicht gar nicht glaube, dass das mal so war oder dass sich das mal so angefühlt hat, so seltsam schön und schräg und wehmütig und demütig zugleich. Auch wenn man jetzt denkt, dass man sich an dieses Gefühl und an diese Zeiten gar nicht mehr so genau erinnern will. Ich glaube jedoch, dass wir in ein paar Jahren unseren Blick auf 2020/21 ändern. Wie, wenn man in ein altes Fotoalbum schaut, sich erinnert und staunt, was man so erlebt hat und wie man dieses damals wahrgenommen hat. Vielleicht wird der Blick, genau wie beim betrachten der Fotoalben, ein wenig verklärt sein. Das ist völlig in Ordnung. Ich jedenfalls habe diese Konzerte, zumindest zwei davon, in ein paar Worten festgehalten (Wenn es euch interessiert, könnt ihr dies hier nachlesen) und hoffe, dass im (Spät-)Sommer wieder „Präsenz-Konzerte“ möglich sind. Vielleicht werde ich mir schon dann die Konzertbericht aus dem Frühjahr nochmal, mit einem nostalgischen “so schlimm war es doch garnicht, aber schon gut, dass es jetzt wieder anders ist”-Gefühl, durchlesen und mich wundern. Ich würde mich darüber freuen. Und bis dahin ziehe ich mir ein Band-Shirt über, drehe ich dann doch nochmal die Musik auf, betrachte mein Bild über dem Sofa und halte dabei meine Tickets für das nächste „echte“ Konzert in der Hand. 

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Nach einer sehr konkreten Schilderung von Kulturliebe und unserer Verantwortung darin schaut sich Nils das große Thema Kultur und Kunst mit weiterem Blick an und kommt zu dem Schluss: Kultur muss sich auch für die Künstler:innen lohnen. Und das ist eine gesellschaftliche Aufgabe.

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Was Kunst alles sein kann
Nils

Nachdem Anne die Kultur aus der Konsumentenrolle beleuchtet hat, möchte ich einen kleinen Rundumblick auf das Thema “Kultur/Kunst” werfen. Ich verdiene mein Geld nicht mit einer künstlerischen Tätigkeit, doch meine Freizeit wird wesentlich davon bestimmt. So kann ich mich mit Stolz als “Amateurkünstler” bezeichnen, das Wort stammt vom lateinischen amator = Liebhaber.
(Anm.: Ich konzentriere mich hier auf “Kunst” als Teil von Kultur)

So habe ich die längste Zeit meines Lebens Musik gemacht, angefangen beim Schlagzeug, das aber irgendwann vom Klavier abgelöst wurde. Vor nicht allzu langer Zeit begann ich noch, in einem Chor zu singen und aktuell lerne ich Akkordeon. Ansonsten habe ich noch bei einigen Theaterproduktionen mitgewirkt (wie gesagt, als Amateur). Und dass ich gerne schreibe ist einer der Gründe, warum ich hier bei Angstfrei mitarbeite. Zuletzt habe ich an einigen Schreibworkshops teilgenommen, was ebenfalls einen sehr erfüllenden Austausch mit anderen Amateurkünstler*innen mit sich brachte. Jedoch stand die Musik für mich (zumindest bis jetzt) stets an vorderster Stelle.

Neben dem, was Kultur für mich bedeutet, möchte ich hier etwas darauf eingehen, warum sie für die Gesellschaft insgesamt wichtig ist. Dabei hangele ich mich an einigen Sprichwörtern entlang.

“Brot und Spiele”:

Dass alle unsere lebensnotwendigen Dinge erarbeitet werden müssen, bestreitet niemand. Das sind zunächst Dinge wie Nahrung, Wärme, Unterkunft oder auch Medikamente, zusammengefasst das “Brot”. Heutzutage sagt man dazu auch “systemrelevant”. Damit die Menschen motiviert sind, diese Dinge zu erarbeiten, müsse man sie bespaßen, man müsse ihnen also “Spiele” bieten, oder auch Kunst.

“Ist das Kunst oder kann das weg?”:

 Dieses Sprichwort hat verschiedene Ebenen. Eine wichtige ist, dass Kunst NICHT einfach weg kann. Im Sprachgebrauch wird es aber oft so verwendet, dass die Kunst eben doch weg kann. Das rührt wohl daher, dass Kunst oft komplex und vielschichtig ist, und man nicht immer (gleich) den richtigen Standpunkt hat, um für sich eine Aussage darin zu finden. Ich schreibe hier bewusst nicht “um die Aussage zu finden”, denn auch wenn Künstler:innen oft bewusst bestimmte Aussagen in das Kunstwerk legen, finden Betrachter:innen häufig komplett andere Aussagen darin, die auch für den:die Künstler:in überraschend sind.

“Brotlose Kunst”:

Hier wird ein Missverhältnis aufgezeigt, nämlich, dass man mit Kunst mehr schlecht als recht den Lebensunterhalt bestreiten kann. Für viele Kulturschaffende ist dieses Sprichwort leider bittere Realität.

“We love to entertain you”

Zugegebenermaßen ist das kein Sprichwort, sondern ein Werbeslogan eines Fernsehsenders. Trotzdem lässt sich auch hier einiges über den Blick auf die Kunst ablesen. “Wir” (We), also der Sender, sind dafür da, die Zuschauer zu bespaßen. Zuschauer sollen sich zurücklehnen, abschalten, sich berieseln lassen, sie sind hier in einer klar passiven Rolle.

Das mag häufig auch genau das Richtige sein, was man braucht, doch um der Rolle von Kunst gerecht zu werden, möchte ich einen zusätzlichen (oder alternativen?) Spruch vorschlagen:

“We love to challenge you”:

Wir lieben es, euch herauszufordern! Ihr sollt nicht bloß zuschauen, ihr sollt mitmachen! Wir haben hier etwas für euch, aber wir brauchen euch als Publikum, oder auch als Amateurkünstler:innen, damit es vollständig wird! Wir bieten euch das an, damit ihr daraus etwas ziehen und lernen könnt. Was genau ihr daraus zieht, das können wir selbst noch nicht wissen, da sind wir genauso gespannt wie ihr!

Wenn Kunst also so unwichtig, also “nicht systemrelevant” wäre, warum verschwenden wir dann soviel Zeit und Energie damit? Die “Spiele”, aus dem ersten Zitat geben da für mich einen wichtigen Hinweis. Spielen könnte man, wie eben auch Kunst, als nutzlos abtun. Doch beim Spielen probieren wir uns aus: “Was können wir? Mal angenommen, du müsstest das und das machen, wie kannst du das schaffen? Stell es dir vor oder probier’s gleich aus! Ob es klappt/klappen kann ist erstmal egal, denn danach sind wir auf jeden Fall schlauer!”.

Insbesondere für Kinder ist der Lerneffekt beim Spielen unglaublich wichtig, doch für Erwachsene bleibt er wichtig. So spricht man häufig auch vom “lebenslangem Lernen”, man “lernt immerhin nie aus”. Kunst regt unsere Fantasie an, und die brauchen wir nicht nur für die “Spiele”, sondern auch zum “Brot backen”. Also für alles, bei dem man nachdenken muss. Kunst hält uns fit im Kopf, und sie schafft etwas, was für unsere sonstige beschreibende, analysierende oder auch mathematische Sprache zu hoch ist: Sie kann Gefühle ausdrücken, in ihrer Komplexität und Widersprüchlichkeit.

In Krisensituationen kann man immer wieder beobachten, dass die Kunst gerade dann aufblüht, wenn es rational gesehen eigentlich viel Wichtigeres zu tun gäbe. Warum ist das so? Ist die Kunst etwa doch nicht so überflüssig, wie mancher behauptet?

Die Kulturbranche befindet sich aktuell in einem alles andere als guten Zustand. Doch seit Beginn der Pandemie und den damit einhergehenden Kontaktbeschränkungen gibt es zahlreiche Online-Veranstaltungen, in denen Konzerte, Lesungen, Theaterstücke oder Ausstellungen gestreamt werden. Meist ist das für die Zuschauer:innen kostenlos. Aktuell beobachte ich, dass bei immer mehr Veranstaltungen auf Interaktion gesetzt wird: So bitten die Künstler:innen bei Konzerten über Zoom das Publikum zunehmend, die Webcams anzuschalten, um wieder besser in einen Austausch zu kommen, anstatt für eine stumme Kamera zu spielen. Bei Comedy oder Kabarett werden die Zuschauer ebenso wieder mehr einbezogen. Offene (Lese-)Bühnen finden über Zoom statt, wer Lust hat, kann mitmachen.

Dass die Kunst- und Kulturbranche Probleme hat, ist nicht erst seit Corona so. Über das Internet sind massig Inhalte kostenfrei verfügbar, von Amateuren und auch von Profis. Das macht es immer schwerer, den Wert der Kunst “zu Brot zu machen”. Auch hier zeigt Corona Probleme auf, die schon lange vorher existierten - und vervielfältigt sie mit dem faktischen Berufsverbot für viele Künstler.

Ich hoffe jedenfalls, dass wir neue Wege finden, wie die Künstler*innen und alle anderen im Kultursektor zu der Wertschätzung zurückkommen, die ihnen zusteht. Nicht nur in Form von Anerkennung und Klatschen, sondern auch als weltliche Vergütung - also Geld. Ich habe mir selbst nie zugetraut, meinen Lebensunterhalt auf Musik und Kunst aufzubauen. Doch in einer Welt ohne all das zu leben, das kann und will ich mir nicht vorstellen!

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Von “den Künstler:innen” geht es nun zu unserer Beteiligung am Kulturschaffen. Katharina beschreibt den Genuss, selber Kultur zu schaffen und wie es sich anfühlt wenn die direkt aus der Seele kommt.

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Seelensprache
Katharina

Beim Begriff Kultur sehe ich vor meinem inneren Auge weiße Ausstellungsorte, goldbeschlagene Gemälde, Opern oder Touristenfotos mit Semmeln, Sauerkraut und Trachten. Vielleicht bahnt sich noch der Gedanke an die unsägliche Leitkulturdebatte seinen Weg in mein Bewusstsein oder aber Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann, die zusammen mit ihrem Mann den Begriff des kulturellen Gedächtnisses schuf.

Vieles an diesem Begriff Kultur klingt nach Distanz, Bühne, Theorie und Unerreichbarkeit. Wenn ich die Perspektive vom Was auf das Wie wechsle, wird das Konzept Kultur für mich plötzlich ganz warm, weich und persönlich. Denn für mich kommt das, was Kultur schafft, direkt aus der und in die Seele. Wenn ich lange genug vor Hieronymus Boschs “Narrenschiff” stehe, verliere ich mich in der vergnüglichen Untergangsszenerie; verwickle ich mich erstmal in die dichte Sprache eines Romans, gibt es für mich kaum ein Entrinnen; stolpere ich auf meinem Mittagsspaziergang in ein spontanes Neuköllner Straßenkonzert, nimmt es mich für einen Moment ganz ein. 

Noch deutlicher wird mir Macht von Kultur, wenn ich selber gestalten darf. Das hier - schreiben – ist für mich ein solcher Ausdruck. Versteht mich nicht falsch, ich halte mich nicht für eine große Literatin. Aber daran messe ich meinen Kulturbegriff auch nicht. Vielmehr merke ich, dass ich fühle, was ich schreibe. Die Worte reihen sich nicht aus rationaler Sinnlosigkeit aneinander – vielmehr wollen sie genau da hin, wo sie am Ende landen. Denn sie haben die schwierige Aufgabe eine Brücke zu schlagen zwischen meinen Gefühlen, meinem Kopf und der Gegenwart von Dir, liebe:r Leser:in. Und mit Glück bewegen sie etwas in Dir, wenn Du meine Wirklichkeit für einen Satz in Deine lässt.

Kulturelles Schaffen ist eine Form der Seelensprache. Das merke ich noch stärker beim Singen als beim Schreiben. Der einzige Ort auf der Welt, an dem ich vollends im Moment aufgehe, ist zwischen meinen Mitsingenden im Chor, wenn wir gemeinsam harmonieren. Verdis Requiem mit voller Orchesterbegleitung zu singen war für mich ein Erlebnis aus einer anderen Welt. Ich bin bis heute jedes mal fasziniert davon, wie leise Relevanz sein kann, wenn dieses Stück beginnt. Kein Fachartikel oder Philosophiebuch, kein Priester oder Meditationschoach hat mir ein Gefühl für den Wert des Lebens im Lichte der eigenen Vergänglichkeit gegeben wie Brahms deutsches Requiem. Auf der Bühne der Berliner Philharmonie, begleitet vom Rundfunk Sinfonieorchester Berlin habe ich verstanden, was Soziologieprofessor Hartmut Rosa meint, wenn er von Resonanzbeziehungen spricht: Im gemeinsamen Schwingen weltsensibel die Wirklichkeit gestalten. In der überfüllten Kirche im Rahmen des Haldern Pop Festivals habe ich gespürt, wie ein kleiner Chor eine große Masse zu einem einzigen, fühlenden Gegenwartsgebilde machen kann – ohne Instrumente, nur mit der Leidenschaft zur Stimme. 

Diese Erfahrungen haben mich über die kulturelle Durststrecke der Pandemie gebracht und tuen es noch. Die verregnete und düstere Heimreise zum auf besondere Weise coronageschädigten Weihnachtsfest verfing sich in den Klängen von Brahms Requiem. Meine Sorgen flossen in die düsteren Passagen und wurden mit den Harmonien der Musik gen Himmel geschickt. Das Vermissen von Festivals und Livekonzerten wurde von zahlreichen Aufnahmen von Festivalauftritten in den Arm genommen und mit Zuhauseaufnahmen von Chorstücken erträglich. Meinen ersten von vielen Lagerkollern im ersten Lockdown betäubte ich mit Verdis Requiem, bis nichts mehr in meinem Kopf war als der Klangrausch, die Erinnerung an die vergangenen Wundermomente und die Zuversicht, dass ich sie wiederbekommen werde, wenn – und nicht falls – die Pandemie ein Ende findet. 

Wenn ich das hier schreibe, wird mir wortwörtlich warm ums Herz. Den Kloß im Hals nehme ich mit einem dankbaren Lächeln an. Denn die Traurigkeit entspringt aus großem Vermissen, aber auch aus der noch größerer Dankbarkeit für diese Erlebnisse und der Vorfreude auf die Zeit danach. Bevor ihr übrigens glaubt, dass meine klangliche Seelensprache immer kompliziert sein muss, lasst mich noch eine Anekdote von gestern Abend erzählen: In einer weiteren Distanzprobe probierten wir ein Programm aus, mit dem man mit geringster Verzögerung beinahe zusammen singen kann. Wir sangen ein russisches Volkslied, das uns schon seit Jahren begleitet. Trotz Kratzen, Rauschen, einigen Tränen und kurzen Lachanfällen war ich für einen kleinen Moment wieder an diesem magischen Ort, an dem alles in Ordnung war. Wie wird das wohl werden, wenn wir wieder so richtig zusammen singen werden? Ich kann es kaum erwarten.

Tipps der Woche

Akustische Konzerte mit Wohnzimmeratmosphäre aus den USA
„Wednesdays at Café D“ / „Wednesdays @ 1“ ist eine wunderbare englischsprachige Konzertreihe mit akustischer Musik. Meist auf Spendenbasis, manchmal für umgerechnet 8 Euro spielen hier Musiker:innen aus den USA und aus Kanada von Bluegrass über Folk bis Jazz alle möglichen Stile und Mischungen. Wer teilnimmt, findet sich in einem Zoom-Meeting mit einer kleinen Gruppe echter Fans wieder. Die Kamera kann natürlich ausgeschaltet bleiben. Fun Fact: Um sich einzuwählen, muss man sich auf einer Landkarte in das Café hineinzoomen. Die Konzerte finden in Deutschland mittwochs um 19 Uhr (vor Ort um 13 Uhr, daher “Wednesdays @1”) statt.
Wednesdays @ 1 –Live Music Café Series

Mona Lisa in 3D
Viele große Museen bieten in Corona-Zeiten virtuelle Rundgänge an. Ob Berliner Pergamon-Museum, Hamburger Kunsthalle oder Folkwang-Museum — oft kann man sich im Menüpunkt „Sammlung online“ einfach kostenlos durch Miniaturen der Werke klicken und bekommt zusätzliche Infos. Das Essener Museum Folkwang präsentiert mehr als 80.000 Werke online. Darunter sind Arbeiten von Vincent van Gogh, August Macke, Paul Gauguin und vielen anderen.

Manche Museums-Webseiten bieten auch eine Suchfunktion, um z.B. Werke bestimmter Künstler:innen zu suchen. Und hier noch ein besonderes Feature für Mona-Lisa-Fans: mit einer speziellen App wird das Smartphone zur VR-Brille und man kann sich das berühmte Gemälde in 3D in Ruhe anschauen (siehe Louvre-Seite).
Süddeutsche: Kultur online
Louvre.fr: Mona Lisa
Museum Folkwang: Sammlung online

An die frische Luft
Da Museumsbesuche und Ähnliches, was sich meist in geschlossenen Räumen abspielt, derzeit (noch) nicht wieder möglich sind und auch die Sonne einen eher nach draußen lockt, als zum verweilen im Drinnen, schaut doch mal in eurer Region, was man auch draußen, verbunden mit einem kleinen oder größeren Spaziergang entdecken kann. Es gibt auch verschiedene Wanderwege, die beides, Bewegung und Kultur, miteinander verbinden. Auch wenn viele Burgen und Schlösser geschlossen sind, lohnt sich oft schon ein Blick von außen. Oder macht einen Spaziergang durch die Stadt, mit Blick auf besondere Gebäude und Architektur, oder auf Streetart und Sticker und schärft den Blick für die großen und die kleinen kulturellen Besonderheiten, die euer Ort bereithält, wenn man sie wahrnehmen möchte. 

Dies und Das (XXL)

100 Jahre
Am 12.Mai 1921 erblickte Joseph Beuys das Licht der Welt und zählt noch heute zu den wichtigsten Künstler:innen der Nachkriegszeit. Seine Werke und sein Schaffen war und ist umstritten; unbestritten ist jedoch wie wichtig er für die Kunstszene nach wie vor ist. 3Sat hat sich anlässlich seines 100.Geburtstages mit Beuys Kunst und ihm selbst auseinandergesetzt.
3Sat- Kulturzeit 

Festival, aber wie?
Der Sommer steht vor der Tür und mit ihm eine große Anzahl an Festivals, von Metal bis Klassik. Aber auch dieser Sommer 2021 sieht anders aus, viele Festivalveranstalter:innen haben abgesagt, aufgrund zu hoher Planungsunsicherheit. Verständlich. Doch manche Betreiber:innen hoffen, dass die Inzidenzzahlen weiter sinken und über den Sommer niedrig belieben, so soll das Wacken-Festival in Schleswig -Holstein stattfinden, auch wenn die Bedingungen noch unklar sind. Klar ist, es ist ausverkauft. Ähnlich sieht es mit den Bayreuther-Festspielen aus, welche im Juli und August stattfinden sollen. Für das Rheingau Musikfestival wird sogar ein größerer Konzertsaal gebaut, damit Abstand gewahrt werden kann und dennoch die entsprechende Stimmung für Kammermusik herrscht. 
Deutschlandfunk Kultur

Humor als Therapeutikum
Das empfiehlt zumindest Nora Tschirner. Die Schauspielerin spielt in der Serie “The Mopes” eine Depression mit Namen Monika und war auch selbst schon von Depressionen betroffen. Nun wünscht sich Tschirner mehr Offenheit im Umgang mit psychischen Erkrankungen, aber auch ein generelles gesellschaftliches Umdenken mit größerem Blick auf das Innen, als auf das Außen. 
Deutschlandfunk Kultur

Eine Playlist zur Kultur 
Auch diese Woche bieten wir Euch wieder eine fröhlich-frei assoziierte Playlist zu unserem Wochenthema, diese Woche “Kultur”. Freut Euch über ganz frische Tracks und Klassiker, lustige und ernste Beiträge und keine Sorge: es geht hier nicht zu kultiviert zu!
→  Culture Club: Karma Chameleon
Danger Dan ft. Igor Levit ft. RTO – Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt
Helge Schneider – Ich setz mein Herz bei eBay rein
Blank & Jones – DJ Culture
The Black Keys – Sad Days, Lonely Nights
Ja, Panik – Die Gruppe
Crucchi Gang - Sophie Hunger - “Valzer per nessuno” 
Ed Nash feat. Liz Lawrence - “Mad World”

Systemrelevant (Lieder und andere Videos)
Kunst und Kultur gilt nicht als systemrelevant und steht bei möglichen Lockerungen der Pandemiemaßnahmen eher hinten an. Unter Titeln wie “(Nicht) Systemrelevant” haben wir zahlreiche Beiträge gesammelt, die sich mit dieser Thematik beschäftigen, vor allem Musikalisches. Das alles zusammen gibt auch ein schönes Bild ab, was Kultur alles ist und sein kann. Für mein (Nils)  persönliches “Lebenssystem” ist Kultur jedenfalls systemrelevant!
Suchtpotenzial - Systemrelevant
Sarah Grad feat. United Artists - Systemrelevant
Systemrelevant - Kurzfilm von Rainer Wolf
Georg Partes - Systemrelevant
Kabarett Distel - Systemrelevant
Banda Internationale & Bernadette La Hengst - Systemrelevant 
Spangenberg und Leidensgenossen - Nicht systemrelevant
Franziska Kuropka und  Lukas Nimscheck - Systemrelevant: Ein Minimusical

Da es schließlich doch recht viele Videos geworden sind, mussten wir etwas aufteilen, um nicht noch unübersichtlicher zu werden. Also, wer noch weitere Systemrelevanz will, hier sind noch ein paar “B-Seiten”:
Cagey Strings - Schade Nicht Systemrelevant
Rainer von Vielen feat. Hubsi Aiwanger - Ich bin systemrelevant 
Die Schweine Steffi & Torsten: Wer oder was ist "systemrelevant"?
Heiner Bornhard - Lied von der Systemrelevanz 
Michael Jakob - Ich bin systemrelevant (Poetry-Slam-Beitrag)  
Alexander Martin - Systemrelevant 
Irregang - Kultur ist systemrelevant 
Jasna Schmuck - NICHT systemrelevant

Da haben wir euch ein ordentliches Päckchen zum Thema Kultur zusammengeschnürt, aber wie immer, alles kann nichts muss und nicht alles muss sofort. Also habt eine ruhige, entspannte Woche, bis zur nächsten Ausgabe,

euer Team von angstfrei.news.

Und falls Ihr nun Lust bekommen habt, eigene Beiträge zu schreiben und uns in unserer Arbeit zu unterstützen. Schreibt uns gerne unter angstfrei.news@gmail.com - wir freuen uns auf Euch!

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Kleine Erinnerung: wir freuen uns sehr, wenn ihr dieses neue Format mit einem Extra-Feedback bedenkt, nur so können wir lernen. DANKE!

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