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Montag, 10. August 2020 | 8 Uhr

Wolfgang

Liebe angstfrei-Leser*innen,

heute zum Start in die zweite Augustwoche atmen wir erst mal tief durch. Diese Ausgabe steht unter dem Schlagwort „systemisch“. Alles ist organisch miteinander verbunden. Besonders auch die Abwehr und Prävention von Corona COVID-19. Wir highlighten den bereits im Mai gestarteten Klimaherbst in München mit einem innovativen Feuerwerk von Events für Systemwandel. Was hat es mit corona-inspirierten Gaia-Theorien auf sich? Dazu „systemische Ängste“, als Rückenmark von Gesellschaft und Macht – Schicksal? Die Zugabe, fast bühnenreif, wie Mut-Kasper und Angst-Krokodil sich über einen öffentlichen Auftritt in die Wolle geraten.

Mit dieser vielfältigen Mischkost wünscht Euch Wolfgang einen systemisch weit vernetzten Start in eine tropisch-heiße Sommerwoche.

Die gute Nachricht des Tages

Welt wohin? Reise in eine bessere Zukunft
Mit diesem Titel wirbt der Münchner Klimaherbst für seine Augustveranstaltungen. Klimaherbst steht für nachhaltig leben. In der bayerischen Landeshauptstadt hat er eine langjährige Tradition. Mit dem Ausbruch der Pandemie stellten die Veranstalter die Weichen rucki-zucki neu. Statt einen Monat lang im Oktober dauert der Klimaherbst ein ganzes Jahr lang, von Mai 2020 bis März 2021. Sein Motto: „Systemwandel“ und Systemwende – Lektionen aus COVID-19 für eine robustere Stadtgesellschaft.

„Um unsere Welt sozial und ökologisch nachhaltig zu gestalten, begeben wir uns mit euch auf eine Reise, an deren Ende ein Systemwandel stehen muss. Um dorthin zu gelangen, reicht es nicht, ausgetretene Wege zu bestreiten. Im August wollen wir die Stadt der Zukunft durch Kinderaugen sehen und können von Expert*innen erfahren, wie ein alternatives Wirtschaftssystem aussehen könnte.“

Im „Kunst im Quadrat“ lernen Kinder nachhaltige Zukunft. Zum Beispiel, indem sie Tetrapaks bepflanzen, Stoffbeutel gestalten oder am Glücksrad über Fragen zum Thema Klimaschutz knobeln. Gemeinsam wird ein großes, buntes Straßenpuzzle der künftigen Stadt gemalt. Im Abendpodium geht es um sozioökologische Ökonomie. Utopisches Denken ist dabei nicht verboten.

Den Ausfall des diesjährigen Oktoberfests mit dem kommerziellen Rummel drum herum feiert der Münchner Klimaherbst als Gewinn für die Stadt. Dadurch „ist plötzlich Platz, um den öffentlichen Raum innovativ, partizipativ und nachhaltig zu gestalten“. Wer sich nach dem Besuch von Werkstatt- und Kulturprogrammen stärken möchte, kann im Bio-Biergarten auf der Theresienwiese einkehren – Standort des Oktoberfests. Auf dem Traditionsplatz werden alternativ alkoholfreie Erfrischungen, regionale Bio- und vegane bayerische Würstl gereicht.
→ Klimaherbst

Nachrichten Update

Drosten: Corona-Strategie für den Herbst
Prognosen und Indikationen wie auch Spekulationen über eine zweite Corona-Welle kommen nicht zur Ruhe. In einem vielbeachteten Gastbeitrag in der ZEIT hat sich dazu Christian Drosten geäußert, Leiter der Virologie an der Berliner Charité. Sein Kernpunkt: Es darf in Deutschland auf keinen Fall erneut zu einem Lockdown kommen. Eine solche Maßnahme polarisiert, schürt die Ängste in der Bevölkerung weiter, wäre Gift für die wieder anspringende Wirtschaft. Drostens Empfehlung: Treiber der Seuche aufspüren, vor allem die Tests genauer auswerten – damit ließe sich eine Quarantäne, sofern nötig, verkürzen.
→ ZEIT

Corona-Gewinner Amazon
Die US Tech-Giganten boomen, ohne Ende. Kommunikation, die bis März im Präsenzmodus erfolgte, wird seit Ausbruch der Pandemie online und virtuell erledigt. Umsätze in einzelnen Sparten stiegen um bis fast fünfzig Prozent. Die Konzerne Apple, Facebook und Amazon teilen sich die Gewinne. Wobei Letzterer den höchsten Profit und den bislang absoluten Firmenrekord ausweist. Amazon meldet 5,8 Milliarden US Dollar Betriebsgewinn im abgelaufenen Quartal.
→ FAZ

Fenster auf – oder Lüftungsanlage an?
Disput Aerosole: Wird das Virus über die Luft und Partikel darin übertragen? Das untersuchen Forscher aus aller Welt. Vieles ist noch unklar, hier aber stellt Martin Kriegel, Professor TU Berlin, fest: Lüftungsanlagen mit Frischluft sind oft besser und wirksamer als das klassische „Fenster auf“.
→ Web.de

Furcht über unausgereifte Impfstoffe
Potente Impfstoffe gegen das COVID-19 Virus sind die Hoffnung der Welt. Für deren Entwicklung spielen die USA, seine Pharmaindustrie und Forscher eine maßgebliche Rolle. Die New York Times befürchtet, dass die Impfstoffe möglicherweise zu früh, unausgereift und daher mit sehr begrenzter Wirkungskraft auf den Markt kommen könnten. Denn Forschung und Industrie stehen unter dem Druck des Weißen Hauses. Es fordert „Warp Speed“ – Blitztempo. Für die erfolgreiche Wiederwahl von Präsident Trump im November müssten die Impfstoffe im Oktober bereits verwendbar sein. Das wäre eine extrem kurze Entwicklungs- und vor allem Erprobungszeit. Unterdessen bleiben die USA das Epizentrum der Pandemie mit derzeit 160.000 Toten. Täglich steigt die Zahl um mehr als tausend weitere Tote an. Trump hat wenig Worte des Trostes für die Sterbenden und Hinterbliebenen gefunden. „It is what it is” kommentierte er in diesen Tagen, was DER SPIEGEL übersetzte mit „sie sterben, stimmt … So ist das eben“.
→ NYT | DER SPIEGEL | CNN

Warten auf die nächste Media-Welle
Die Corona-Berichterstattung erschlafft. Deshalb lesen und hören wir jetzt wieder über andere Themen. Das ist gut so. Kommunikationsforscher wissen aber auch, wann die nächste Media-Welle anrollt.
→ Journalist

Corona in Zahlen
In Deutschland sind 216.327 Menschen als infiziert getestet worden (Stand: 10.08.2020 00:00 Uhr, Quelle: RKI), das sind 436 Personen mehr als am Tag zuvor.

Warum diese Zahlen? Wir zitieren hier die offiziellen Zahlen des RKI, diese werden einmal täglich – immer um Mitternacht – vom RKI aktualisiert und um 10 Uhr morgens online veröffentlicht. Und warum gibt es hier nicht mehr davon? Es ist wichtig, die aktuell angeratenen Verhaltensweisen zu befolgen, das wissen wir alle. Zahlen über Neuerkrankte helfen uns dabei nicht. Achtet aufeinander und haltet Distanz.

Gesundheitsticker: 12.904.043 Menschen sind weltweit wieder genesen, das sind 3.422 Personen mehr als gestern Früh. Davon 197.900 in Deutschland (Stand: 10.08.2020 07:42 Uhr, Quelle: Worldometers).

Tipps des Tages

Lebewesen Erde
Die Pandemie erinnert daran: Die Ausbeutung der Natur durch den Menschen ist die Ursache vieler seiner Probleme. Die großen Herausforderungen der heutigen Welt hängen eng miteinander, systemisch zusammen: Übernutzung von Ökosystemen, Verbreitung neuer Krankheitserreger, Klimawandel. So meldet die Arktis neue Rekordtemperaturen und der Juli war der drittheißeste seit Aufzeichnung von Wetterdaten. Die neue Ausgabe der Zeitschrift GAIA hinterfragt unseren Umgang mit der Natur und plädiert für systemisches Umdenken. Gaia ist in der griechischen Mythologie die personifizierte Erde. Der Begriff steht für holistisch und ganzheitlich.
→ oekom

Achtung, hohes Infektionsrisiko!
Wie geht‘s Menschen, die mit einem besonders hohen Infektionsrisiko die Pandemie durchleben? Interview mit Silvia, die mit einem transplantierten Herzen lebt.
→ Riff Reporter

Lehren aus der Seuchen-Historie
Die Pestwellen, die durch die Welt ebbten, zeigten ein und dasselbe menschliche Verhaltensmuster: Erst wird die Gefahr totgeschwiegen, dann wuchern Verschwörungstheorien, schließlich eskaliert Gewalt. Sie sprengte oft gesellschaftliche Normen und öffnete neue Wege.
→ Tagesspiegel | DLF

360° - Von Mensch zu Mensch

Systemische Angst

Corona ist ein wertvolles Zeitgeschenk. Es gibt Gelegenheit, uns nicht nur mit unseren persönlichen Ängsten auseinanderzusetzen. Sondern auch mit den Etagen darüber: institutionell-strukturell-systemischen Ängsten. Viele sind in unserer Gesellschaft tief verankert, werden uns praktisch anerzogen. Ein persönlicher Blick darauf von Wolfgang.

Während meiner anhaltenden kolumbianischen Quarantäne habe ich mich endlich durch George Orwells „1984“ gefräst. Nach 50 Seiten setzte mein Standardreflex bei Langweilern ein. Zuklappen und anderes Buch. Aber so viel Ignoranz bei diesem Werk der Weltliteratur über Big Brother, Angst-Macht respektive Macht-Angst? Bei Seite 200 hob das Buch endlich ab. Derart, dass ich den Orwell fast in die Ecke gepfeffert hätte. Die minuziöse Beschreibung der Foltertorturen des systemnichtkonformen Romanhelden war mir zutiefst zuwider.

Man gewöhnt sich dran, bis zum Höhepunkt. Ein Käfig mit Ratten baumelt vorm festgeschnallten Winston. Die Drohung, dass sich die Nager beim Loslassen durch Augen und Backen ins Gehirn fräßen – eine beliebte Folter im alten China – frisst seinen letzten Widerstand auf. Er verrät seine Geliebte und Mitstreiterin, der er ewige Treue geschworen hatte. Damit verliert Winston den Glauben an seinen unabhängig-kritischen Geist. Aber das System vergibt nicht. Ihn ereilt das Schicksal aller Selbstdenker, eine Kugel in den Hinterkopf.

Winston hadert nicht mehr. Er stirbt gerne, in bekennender Schuld und Reue, in tiefer Liebe zu Big Brother (einer fiktiven Person, die sich mit beliebigen Realmächtigen ersetzen ließe, was die Interpretation zeitlos aktuell macht).

1984 erschien 1949, aus Händen eines Autors, getrieben vom unfassbaren Wahnwitz der Diktaturen seiner Zeit. Dem spanischen und italienischen Faschismus der 1930er und 1940er und dem gerade besiegten Nazi-Deutschland. Dem Stalinismus, seinen Säuberungswellen und Gulags, mit 20 Millionen Ermordeten. Dazu Hitlers sechs Millionen Holocaust-Opfer, mehreren Millionen ermordeter Sowjet-Zivilisten, zwei Millionen Polen, Hunderttausenden ermordeter Dissidenten, Rasseschändern, Euthanasieopfern mit wertlosen Leben, obenauf 50 Millionen Weltkriegstote. Nie in der Geschichte zuvor hatten Macht und Machtmissbrauch sowie Angst davor größere Blutmeere angerichtet. Für uns Heutige nach 75 Jahren Frieden, Sozialstaat, Wohlstand surreal.

1984 ist literarische Kunst, gleichzeitig auch ein geschichtlicher Abdruck, wie mit Angst Politik gemacht und blinde Gefolgschaft gezüchtet wird. Deutschland mit zwei bestialischen Gewaltdiktaturen im letzten Jahrhundert, seit 30 Jahren erst in nationaler Gänze Teil einer freiheitlichen Welt, hat die Handschrift der Politik der Angst maßgeblich mitgestaltet. Für das NS Regime und SED Regime war die Herrschaft über die Angst systemrelevant. Teil der Herrschaftssicherung, Werkzeug der Macht, konstitutionelles Element politischer DNA. Mit einer Vor- wie auch Nachgeschichte in Deutschland und deutlichen Spuren darin.

Meine beiden Großväter sind im Nazi-Krieg „gefallen“, wie wir beschönigend sagen. Oder sind von den Ideologen für ihre Rassenpolitik auf den Schlachtfeldern Europas „hingeschlachtet worden“, in welcher Verstrickung auch immer mit dem menschenverachtenden NS-Geist. Darüber zu sprechen war bei unseren Familienfesten tabu. Mutters Familie mit 20 Kriegstoten fühlte sich als armes Opfer, Vaters Familie betete sich durch NS- und später SED Diktatur.

Wir Kinder hatten einen angenommenen Opa. Unseren heißgeliebten Opa Dubrow. Er war im Kaiserdeutschland aufgewachsen, trug in den 1950ern voller Stolz noch seinen kaiserlichen Schnauzbart und war ein in der Wolle gefärbter Kaisertreuer, im Ersten Weltkrieg kaiserlicher Marinesoldat. Seine Kinderliebe und seine Stories (am Bau des Nord-Ostsee-Kanals hatte er mit eigenem Spaten mitgewirkt) – große Klasse. Der Kaiser war für ihn die absolute Autorität auf Erden, in bedingungslosem Gehorsam ihm ergeben, in einer Mischung aus tiefster Ehrfurcht sowie Angst vor ihm. Wie ein mittelalterlicher Christ vorm Papst.

Diese Angst mit kritikloser Unterwerfung ist systemisch für alle Diktaturen und autoritären Regime dieser Welt. Das Deutsche Kaiserreich war im Spektrum der Politsysteme während der letzten zwei Jahrtausende noch eine relativ humane Variante. So wie auch das von Voltaire aufgeklärte Preußentum, ideelle Basis des Kaiserreichs.

Die Einführung der allgemeinen Schulpflicht Preußens im Jahr 1717 wird bis heute als große Reform gefeiert. Sie trug dazu bei, gebildete Untertanen heranzuziehen, die dem Staat willenlos folgten, ob als Beamter oder Heeresoffizier. Schulen werden bis heute Anstalten genannt, was sich von Preußens Kadettenanstalten ableitet, die seine Soldaten schulten. Sie lieferten den Stoff für den legendären „Hauptmann von Köpenick“.

Meine Grundschul- und Gymnasialzeit in den 1950ern und 1960ern erinnere ich als Abrichtung zum Gehorsam. In ersterer regierte der Rohrstock zum Durchsetzen von Schulmacht. In Letzterer, einem „humanistischen Gymnasium“, wurden Verletzer von Schul-Codizes in der Aula vor der gesamten Schüler- und Lehrerschaft vom Direktor persönlich gerichtet. Durch Faustschläge. Wir alle, inklusive Lehrer zitterten vor „Herrn Direktor“ und hatten eine Mordsangst. Er beging im Dachstuhl dieser humanistischen Bildungsanstalt Selbstmord. Weil er es nicht ertrug, dass 68er-Rebellen in seinem Boxring, der Aula, zum Schulstreik aufriefen. Wie wir unsere Mitschüler bewunderten! Die sich über sein Angstregime erhoben und den vermeintlich Allmächtigen in seine Angstschranken verwiesen.

Systemische Angst zieht sich durch unsere Kultur. In dieser paarte sich die weltliche Macht mit der religiösen und deren Machtwerkzeug, die Verdammnis, Androhung der Hölle, wenn das nicht half: Scheiterhaufen. Orwell spielt in 1984 damit, wenn Winstons Foltermeister O’Brien ihn darüber aufklärt, dass die christliche Inquisition psycho-terroristischer Pfusch gewesen sei, weil es den Freigeist von Menschen nicht gebrochen hätte. Unter Big Brother werde so lange gefoltert, wenn nötig jahrelang, bis Widersacher zur Liebe zum Regime bekehrt worden seien, wie Winstons Ende bezeugt.

Auch mit Kirche und Religion habe ich persönliche Erlebnisse. Wie der Pastor bei der Generalprobe zur Konfirmation wegen eines verhaspelten Bibelverses mich öffentlich verdammte: „Wolfgang, aus dir wird nie was!“ Im Gotteshaus kam er wie ein Donnerschlag über mich.

Bei der Moon-Sekte, bei der ich später in Kalifornien für ein paar Tage hineinstolperte, habe ich Brainwashing live miterlebt. Wie Menschen, die in existenzieller Unsicherheit und Ängsten lebten, innerhalb von Stunden konvertierten und später in Berkeley als fremdbestimmte Moonie-Sklaven Gelder für die Sekte eintrieben. Wie mit Phrasen programmierte Roboter. Mein Frei- und Widerspruchsgeist rettete mich. Weil ich mit kritischen Fragen die Gehirnwäsche störte, wurde ich aus dem KZ-ähnlichen Lager mit Karacho hinausgeschmissen. Abgeführt mit bewaffneten Wachen und scharfen Hunden.

Ständig will uns jemand an unsere Seele! Aber wie verdammt anstrengend es ist, immer seinen eigenen Kurs zu steuern wie auch zu verteidigen. Anpassung erscheint leichter.

Opportunismus kenne ich auch in meinem Leben. Dafür schäme ich mich. Bei einem CVJM Camp schlug ich als Pubertierender einen Schwächeren grün und blau, um mich vor meinen Peers zu profilieren und in deren Anerkennung zu sonnen. Gerne bäte ich mein Opfer um Entschuldigung.

Mein Leben ist durchzogen, in beide Richtungen, von Begegnungen mit systemischen Konformitätszwängen und systemischer Angst. Auch in der modernen Bundesrepublik. Ein Chefredakteur tobte einst durch die Redaktion und drohte, „jedem einen in die Fresse zu hauen“, falls er wage, eine Petition gewerkschaftlich organisierter Kolleg*innen zu unterschreiben. Alle kuschten, auch die couragierten Polit-Kommentatoren. Als ich tags darauf einem deutschen Vorzeigejournalisten darüber berichtete, der über die Vorgänge im Pressehaus einen Aufmacher schrieb, antwortete dieser: „Ach, das hat er so nicht gemeint.“ Presse und Leitmedien, vierte angstfreie Gewalt?

Der Akt wurde trotzdem publik. Bei einer Universitätsveranstaltung mit leitenden Redakteuren des Blattes meldete ich mich zu Wort und berichtete über den Vorfall. Das Publikum raunte, die Herren wanden sich in Nichtwissen. Hierfür traf mich der Fluch der Mächtigen. Auch den Chefredakteur. Der neue Verleger schickte uns beide in die Wüste.

Bei der Recherche für diesen Beitrag suchte ich nach wissenschaftlicher Unterfütterung. Die meisten Fundstücke beschränken sich darauf, dass die politische Rechte mit Angst und Rassismus vor Ausländern und Asylant*innen arbeitet. Richtig, aber systemische Angst schürft viel tiefer, ist eher eine historische Grundkonstante und baut auf Herdenmentalität. Gleichwohl das aktuelle Deutschland nach tiefen Abstürzen in der Vergangenheit seinen Autoritäten mutig die Stirn bietet, wie die öffentliche Debatte über die Einschränkung von Bürger- und Freiheitsrechten durch COVID-19 demonstriert. Das vermisse ich in meiner Zweitheimat Kolumbien. Sie ist eher mittelalterlich, spät-absolutistisch – wie so viele andere Länder und Menschen dieser Welt.

Als Schlusswort ein Zitat aus meiner Literaturrecherche von einem New York Times Kolumnisten. In „Politics of Fear“* schreibt John Tierney:

“Regierende folgen instinktiv Machiavellis Rat aus dem 16. Jahrhundert. ‚Es ist sicherer gefürchtet als geliebt zu werden.‘ Oder in den Worten von Ökonom Robert Higgs: ‚Ohne populäre Angst kann keine Regierung mehr als 24 Stunden überleben.‘ Er erläutert dazu, dass die ersten Königreiche von Kriegern gegründet wurden. Ihre Autorität stützte sich auf religiöse Führer. Das kriegerische Element von Regieren lässt die Menschen um ihr Leben fürchten – das priesterliche Element lässt sie um ihr Seelenheil fürchten. Diese beiden Ängste fügen sich zu einer mächtigen Verbindung – stark genug, um Regierungen für mehrere tausend Jahre überall auf der Welt hervorzubringen.“

Angst in der Politik sollte Schwerpunkt in der Deutschen Angstzeitschrift daz sein. Wegen des plötzlichen Wegfalls von Fördergeldern musste die daz bedauerlicherweise eingestellt werden. Mit diesem Beitrag soll das Thema dennoch angesprochen werden. In der Hoffnung, dass „Systemische Angst“ ins öffentliche Zeitgespräch über Angst, Behandlung und Therapie, Selbsthilfe und Zivilgesellschaft einfließe. Der Beitrag des Autors „Angst ist eine mächtige politische Kraft“ in 2019 beleuchtet aktuelle Formen politischer Angst.
→ DASH | 1984 | *) City Journal

daz - die angst zeitschrift

360° Im Gespräch

Ihr Auftritt, Herr/Frau M-K!

Wir führen ständig Zwiegespräche mit uns selbst. Das Ich, das sich entfalten will, wird vom Zensor in Schach gehalten. Die Figuren Mutkasper und Angst(macher)krokodil bringen diesen inneren Disput zutage. In der gleichnamigen Serie spielen wir typische Situationen durch. Sie mögen dazu anregen, angstbesetzte Situationen zu inszenieren. Handpuppen aus dem Kasperletheater oder kleinere Fingerpuppen machen diese Kontroversen gegenständlicher. Damit lassen sich auch Rollenspiele inszenieren. Wir beginnen heute mit dem Angstklassiker, der tiefsitzenden Angst von Zweidrittel der Menschheit vor öffentlichen Auftritten. Viel Erfolg beim Nachstellen und Inszenieren eigener Situationen, wünscht Wolfgang.

Angst-Krokodil: Jetzt kommt gleich dein Auftritt. Schaffst du es?

Mut-Kasper: Hm, mal sehen, so viele Menschen, was sag ich bloß?

Angst-K: Genau, wenn du dich verhedderst, dir die Sprache wegbleibt, die Leute dich alle fragend anstarren.

Mut-K: Oh mein Gott. Was mache ich hier bloß. Wieso habe ich überhaupt den Mut aufgebracht, in dieser Konferenz was zu sagen? Verrückt!

Angst-K: Du könntest dich doch einfach entschuldigen lassen, wegen Unpässlichkeit. Machen doch viele.

Mut-K: Nein, nein. Wenn schon, denn schon!

Angst-K: Bist du denn auch so ein bedauernswerter Sklave deiner Worte?

Mut-K: Was ist denn das für eine geistige Wegwerfmentalität. Nein, ich bin meinen Worten und Entscheidungen treu.

Angst-K: Na gut, dein Entschluss. Damit wirst du dich bis auf die Knochen blamieren. Du bist ja schon ganz weiß im Gesicht vor Angst.

Mut-K (wischt sich Schweißtropfen von der Stirn und atmet tief durch): Durch tiefes Atmen wird mir gleich wieder besser.

Angst-K: Wo hast du eigentlich dein Manuskript?

Mut-K (fingert nervös durch sämtliche Taschen): Gerade hatte ich es noch in der Hosentasche.

Angst-K: Papier, das ist doch Steinzeit. Damit raschelst und zitterst du. Willst du nicht wie die Profis gleich vom Handy lesen?

Mut-K: Nee, nee, wenn die Batterie plötzlich leer ist oder der Strom ausfällt.

Angst-K: … oder die Welt untergeht?

Mut-K: Bitte keine Ironie und keine Witze. (Hat sein Manus gefunden und begonnen, es mit dem Zeigefinger Zeile für Zeile durchzugehen). Stör mich bitte nicht in meiner Vorbereitung.

Angst-K: Noch zehn Minuten. Warst du denn schon auf dem Klo. Stell dir vor, du musst mal und kannst dein Wasser nicht halten. Mitten auf der Bühne.

Mut-K: Hm, ich war doch gerade vor einer Viertelstunde. Meinste, ich sollte noch mal gehen?

Angst-K: Dein Bier. Aber sag mal, was ist denn dein erster Satz?

Mut-K: Na was schon? Meine sehr verehrten Damen und Herren.

Angst-K (mangels Haar zu raufen beißt sich in den Schwanz): Mann, so’n langweiliger Killersatz, du Flasche. Da fällt ja der Interessierteste sofort in den Tiefschlaf.

Mut-K (betroffen, jetzt fast schreiend): Hier stehe ich und kann nicht anders!

Angst-K windet sich und verdreht die Augen: Luther, jetzt biste aber völlig durch den Wind, mein Lieber.

Mut-K: Bitte, hab Gnade mit mir, du Scheißangstmacher. Warum schüttest du denn immer Salz in meinen Wunden. Warum sagst du mir nichts Positives. Um meinen Mut zu unterstützen?

Angst-K: Ich will doch immer nur dein Bestes, weißt du doch. Mit meiner Kritik sind wir doch immer gut gefahren. Erinnerst du dich, als ich dich davor warnte, auf diesen Berg zu klettern und eine Stunde später zog über ihn ein Mordsgewitter?

Mut-K: Ja, ja, schon. Aber was kann denn hier bei meiner Begrüßung schon Großes passieren? Keine Gewitter, Weltuntergang ist auch nicht angekündigt. Allenfalls dass ich in Ohnmacht falle. Aber dann könntest du ja den Gruß aussprechen.

Angst-K: Das könnte dir so passen. Erst den Helden spielen wollen, dann kein Arsch in der Hose, und ich muss dir die Kohlen aus dem Feuer holen. Noch fünf Minuten. Willst du es wirklich wagen, innerlich so zerrissen, wie du bist?

Mut-K: Ach, halt’s Maul, du schrecklichstes Scheusal unter der Sonne. Stimme des Zweifels. Wie ich dich hasse. Ich wünsche dir den sofortigen Tod an den Hals!

Angst-K: Dann garantiere ich dir, dass du und die Menschheit nicht überleben würden. Dann würdet ihr völlig aus dem Häuschen geraten und noch mehr Unsinn anstellen.

Mut-K: Also, keine Philosophie jetzt. Was mach ich armes Häufchen.

Angst-K: Das ist ein wichtiger Event. Ein verunglückter Auftakt wäre unschön. Du könntest doch deinen Freund Hugo bitten. Der findet immer so eloquente Worte. Der ist doch gleich hinter der Bühne.

Mut-K, knetet das Papier hin und her, sucht hilflos mit den Augen im Raum umher, liest, stottert, schlottert.

Angst-K (forschend): Und? Eine Minute!

Mut-K, fast heulend: Hilfe! Warum ist das Leben so kompliziert. Ich armes Seelchen!

Angst-K: Du bist ja völlig aus der Spur, du Ärmster. Mach’s nicht! Stürz dich nicht in dein eigenes Schwert!

Mut-K: Du Arsch. Aber ich wird’s dir zeigen. Jetzt gerade. (Drohend). Ich mach’s!

Ein Gong ertönt. Mut-K streckt sich. Sammelt sich und streicht sich dabei langsam durch die Haare. Das zerknitterte Gesicht konzentriert sich, beginnt sogar ein wenig zu lächeln. Langsam schreitet er auf die Bühne zum Rednerpult. Das Stimmengewirr im Saal verebbt, alle Blicke richten sich auf ihn. Forschend, neugierig, gelangweilt.

Mut-K (zu sich selbst): Dies ist mein Publikum. Ich werde es durchkneten. Auf geht’s!

→ Netzwerk Gemeinsinn

Dies & Das

Nichts deutscher als über Masken zu meckern
Wir haben einen neuen nationalen Aufreger: Uns über pro und contra von Schutzmasken zu echauffieren. Die ZEIT gibt Einblick in die Bandbreite deutscher Meckerei. Unterdessen hat NRW ihr einen Riegel vorgeschoben. Maskenmuffel, die in Bahn und öffentlichen Verkehrsmitteln ohne angetroffen werden, blechen. Ohne Diskussion und Gemecker 150 Euro.
→ ZEIT | n-tv

Spendensammler zum Ritter geschlagen
Ehrenamt lohnt sich. Tom Moore nennt sich jetzt Sir Tom Moore. Der 100-Jährige hat für das notleidende britische Gesundheitssystem über 32 Millionen Pfund (36 Mio Euro) an Coronaspenden gesammelt. Dafür wurde er von der Queen zum Ritter geschlagen.
→ Washington Post

19 Trilliarden Teilnehmer auf Corona-Demo
Mit Humor gegen die Corona-Krise. Das macht in diesen Tagen Der Postillon vor. Beim Nachrechnen hochkontroverser Schätzungen über die Anzahl von Corona-Demonstranten kam der satirische Nachrichtenservice auf ungewöhnliche Werte.
→ Der Postillion

Corona Art
Das Virus mausert sich. Es ist mittlerweile kultur- und kunsttauglich. Bei Facebook wiederauferstehen Werke von da Vinci, Van Gogh, Picasso, Warhol im aktuellen Corona-Art-Look.
→ Facebook

“Man kann niemanden überholen, wenn man in seine Fußstapfen tritt.“
Der Spruch stammt vom großen französischen Filmemacher François Truffaut (1932-1984). Er leitete ihn bei seinen 25 Filmen. Sie zeichnen sich durch große Originalität aus. Das Zitat ruft uns zu: Zupackendes Neudenken erfordert auch der Corona-Exit.
→ Wikipedia

26.760 Zeichen Corona- & Angst-Konzentrat, aus vielen Zig-Millionen Zeichen rund um den schier unendlich großen Themenkreis: Möge diese hochkonzentrierte Betankung Euch mit reichlich Weitsicht und Power durch die Sommertage bringen, hofft das gesamte angstfrei.news-Team!

Quellen
Corona in Zahlen (RKI) | Gesundheitsticker | Über die Landesregierung NRW sind wir außerdem an den dpa-Nachrichten-Ticker angebunden, den wir immer als Quelle verwenden, wenn wir (dpa) schreiben.