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Schmerzen | 19. Juni 2021

Tina

Liebe Leser:innen,

der Schmerz ist ein mieser, kleiner Dieb: Er stiehlt Zeit und Lebensfreude, er nimmt Zuversicht. „Wenn alles, was du kennst, Schmerz ist, weißt du gar nicht, dass das nicht normal ist“, sagte die Schauspielerin Susan Sarandon.

Schmerzen werden von jedem anders und auch unterschiedlich stark wahrgenommen. Wichtig ist jedoch, das sie eine Warn - und Schutzfunktion sind, die man nicht missachten sollte. Schmerz signalisiert, dass etwas nicht in Ordnung ist. Wenn man  z.B. auf eine heiße Herdplatte fasst, bewirkt sofort der einsetzende Schmerzreiz, dass man die Hand rasch zurückzieht. Dies bewahrt den Körper vor einer größeren Verletzung.

Der Schmerz ist in unserem Alltag zu einem wichtigen Thema geworden: Er spielt bei seelischen Störungen eine große Rolle, auch wenn diese häufig durch körperliche Krankheitszeichen überdenkt werden. Denn Schmerzen müssen nicht immer eine rein körperliche Ursache haben: Wenn die Seele dauerhaften Belastungen ausgesetzt ist, schlägt der Körper Alarm.

Doch gibt es unter seelischen und körperlichen Schmerzen auch chronische Schmerzen. Diese beeinträchtigen die Lebensqualität vieler Menschen enorm. Dieser Leidensweg beginnt oft mit akuten Schmerzen aufgrund einer Verletzung oder Krankheit. Aus ihnen können sich mit der Zeit chronische Schmerzen entwickeln, die zu einer eigenständigen Erkrankung werden.

Es gibt unendlich viele Arten von Schmerz. Doch zu den schmerzvollsten gehört noch immer der Trennungsschmerz von geliebten Menschen. Lauras Beitrag hat mich tief berührt. Sie beschreibt sanftmütig und liebevoll die gemeinsame Zeit mit ihrem geliebten Opa. Welche Nachwirkungen der große Verlustschmerz nach seinem Tod mit sich brachte, findet ihr in unserer „Mensch zu Mensch“-Rubrik, wie auch Katharinas Geschichte. Nach einem langen Martyrium durch aussichtslose Versuche, Herr über ihre Rückenschmerzen zu werden, fand sie nicht nur die Ursache ihrer Schmerzen, sondern auch eine andere, ganz wichtige Erkenntnis….Anne liebt ihre Sportaktivitäten. Doch plötzlich wird die Angst ihr Begleiter. Wird Anne ihren Sport aufgeben?

Im Anschluss geht es direkt mit unseren informativen Nachrichten weiter. U.a. geht es um die Lockerungen der Bundesländer. Und auch auf einen lesenswerten Artikel über die Corona-Warn-App dürft Ihr euch freuen.

Im Schwarzbrot klärt Tim über die Impfinitiative Covax auf und was dahinter steckt. Außerdem gibt es einige Tipps, wie ihr mit Schmerzen besser umgehen könnt. Im „Dies und Das“ startet die DASH einen Aufruf und bittet um Eure Mithilfe. Bitte schaut rein! Die Aktion ist wirklich genial. Und natürlich müsst Ihr auch diese Woche nicht auf unsere legendäre Playlist verzichten.

Damit wünschen wir Euch ein schönes Wochenende mit viel Sonnenschein und jeder Menge Eiscreme bei diesen schweißtreibenden Temperaturen!

Tina und das Team von angstfrei.news

Wenn ihr Zeit, Lust und Interesse habt, auch mal in unserer Redaktion mitzumischen, dann schreibt uns gerne eine Nachricht auf Instagram oder schreibt uns eine kurze E-Mail an angstfrei.news@gmail.com.

Ganz wichtig: Was meint ihr zum neuen Konzept und zu dieser Ausgabe? Bitte gebt uns ein kurzes Feedback - das wäre hilfreich und sehr nett.

Übrigens nehmen wir unser Motto ernst: Angst hat eine Stimme - Deine. Wir sind ein Team von Freiwilligen und schreiben über unsere Angst-, Lebens- und Alltagserfahrungen, ohne ein Richtig oder Falsch, oft mit Verstand und immer mit Herz. Wir freuen uns über dich in unserem Team. Trau dich einfach und schreib uns eine Mail an angstfrei.news@gmail.com, oder über Instagram

Die gute Nachricht der Woche

Novavax: Weiterer Impfstoff auch gegen Virusvarianten wirksam 
Der Impfstoff des US-Amerikanischen Unternehmens Novavax verhindert 90,4 Prozent aller Infektionen. Zudem seien während der Studie des Herstellers keine schweren Erkrankungsverläufe in der Impfgruppe festgestellt worden. Außerdem sei das Vakzin ähnlich wirksam gegen mehrere Virusvarianten, einschließlich der neuen Delta-Form, die sich aktuell in Großbritannien verbreitet.

Anders als bisherige Impfstoffe ist das neue Präparat weder ein mRNA-Impfstoff (wie BioNTech oder Moderna) noch ein Vektor-Impfstoff (wie AstraZeneca). Stattdessen enthält das Mittel NVX-CoV2373 eine Version des Spike-Proteins von SARS-Cov-2, die das Virus angreifen soll. Es ist also ein klassischer Totimpfstoff wie auch der Grippeimpfstoff. Ähnlich wie andere Impfstoffe muss das Vakzin zweimal verabreicht werden, um seine volle Wirksamkeit zu entfalten. Die knapp 30.000 Teilnehmer:innen der Studie haben den Stoff gut vertragen. Lediglich zeitweilige Schmerzen an der Einstichstelle, Müdigkeit sowie Kopf- oder Muskelschmerzen traten in wenigen Fällen auf. Die Zulassung des Impfstoffes will der Hersteller bis September 2021 beantragt haben.

Bis Jahresende könnten rund 150 Millionen Dosen hergestellt werden, die wahrscheinlich vor allem außerhalb der USA zum Einsatz kommen werden. Die Lagerungsbedingungen sind nämlich deutlich weniger anspruchsvoll sind als bei anderen Impfstoffen. 
ZEIT Online 

Schwarzbrot:
COVAX - Vom Einkaufsmechanismus zum Almosensammler

Tim

In dieser Rubrik möchten wir etwas tiefer in die Nachrichtenlage der Woche einsteigen. Mal eher hintergründig, mal eher serviceorientiert recherchieren wir für euch selbst, statt wie im darunter folgenden Nachrichtenblock Nachrichten auszuwählen und in eine angstfreie Sprache zu übersetzen. Wir hoffen, es mundet euch.

Die Pandemie ist für alle erst zu Ende, wenn sie in allen Ländern beendet ist. Doch bei der Verteilung von Impfstoffen ist ein massives Ungleichgewicht zum Gunsten der Industriestaaten entstanden. Warum diese ungerechte Verteilung zum Schaden aller ist. 

Eine gute Idee wird geboren

Da eine Pandemie per Definition weltweit herrscht, muss sie auch weltweit bekämpft werden. Ein wichtiges Mittel hierfür sind Impfstoffe. Um diese gerecht in der Welt zu verteilen gründeten fast alle Staaten der Welt im April 2020 die Impfinitiative COVAX - kurz für COVID-19 Vaccines Global Access. Gemeinsam wollten über 190 Staaten Geld sammeln, damit Impfstoffe kaufen und diese dann gerecht verteilen. Dabei sollten reichere Staaten einen größeren finanziellen Beitrag als ärmere Staaten tragen. 

„Covax besteht aus zwei Elementen. Da sind zum einen die allerärmsten Länder, die grundsätzlich kostenlose oder subventionierte Impfstoffe erhalten sollen. Dann gibt es Länder, die für den Zugang zu dem Covax-Vakzinportfolio zahlen. Außerdem nimmt Covax Spenden an. Allerdings sind die nicht so hoch wie erhofft, so dass sie für die Ambitionen derzeit jedenfalls noch nicht reichen.“, so erklärt Rachel Silverman, Analystin vom US-amerikanischen Think-Tank Center for Global Development, dem Deutschlandfunk das Konzept.  

Ziel der Initiative war es, dass bis Ende des Jahres 2021 zwei Milliarden Impfstoffe verteilt werden, bis März sollten in jedem Land der Welt mindestens drei Prozent der Bevölkerung vollständig immunisiert sein. Das entspricht etwa dem medizinischen Personal in jedem Land - das sowohl besonders hohe Risiken für eine Infektion hat, aber auch natürlich kritisch für die Versorgung in der Pandemie ist. Dieses Ziel wurde weit verfehlt. Tatsächlich wurden in den Ländern des globalen Südens im März etwa nur 1,3 Prozent der Menschen vollständig geimpft. Auch das Impfziel von zwei Milliarden Dosen bis Ende des Jahres ist unwahrscheinlich. Zwischenziele korrigierte COVAX mittlerweile deutlich nach unten. 

Wie konnte diese Idee so scheitern? 

Das regelt der Markt

Indem die reichen Industrienationen sich bereits im Dezember 2020 einen überwiegend Teil der Impfstoffproduktion von 2021 gesichert haben.

„Unsere Untersuchungen zeigen, dass etwas mehr als sieben Milliarden Dosen bereits als verkauft sind, über weitere 2,6 Milliarden Dosen wird verhandelt oder sie sind als Optionen im Rahmen bestehender Vereinbarungen reserviert.“, sagt Andrea Taylor dem Deutschlandfunk. Sie hat eine Studie zur Impfstoffverteilung an der Duke University in North Carolina geleitet. Die große Masse sei von den USA und Kanada gekauft worden, von Großbritannien und der EU, Japan, der Schweiz oder Australien. 

„Die meisten Länder mit hohem Einkommen haben von unterschiedlichen Vakzinkandidaten genug gekauft, um ihre Bevölkerung mehrfach zu impfen. Das machte in der Welt, in der wir vor sechs Monaten lebten, durchaus Sinn, als wir noch nicht einmal wussten, ob überhaupt eines der Mittel auf den Markt kommen würden.“

Dass die bilateralen Abkommen nicht hilfreich seien um einen gerechten Zugang zu Impfstoffen gehe, weiß auch stellvertretende Generaldirektorin der WHO, Mariângela Simão: „Wir arbeiten deshalb mit Hochdruck daran sicherzustellen, dass Vakzine, die zugelassen werden, auch Teil des Covax-Portfolios werden. Derzeit sind neun Impfstoffkandidaten im Portfolio, und es laufen Verhandlungen mit weiteren Herstellern.“

Wären die bisher etwa zwei Milliarden verimpften Dosen weltweit gerecht verteilt worden, hätte man nicht nur das medizinische Personal, sondern auch viele ältere Risikogruppen impfen können „Von den 2 Milliarden Dosen sind drei Viertel in nur zehn Ländern verimpft worden. Ganze drei Länder, China, die USA und Indien, haben 60 Prozent aller Impfdosen verbraucht”, sagte Bruce Aylward, der Chef der globalen Anti-Covid-Allianz ACT Accelerator der TAZ, “Auf der anderen Seite stehen die ärmsten Staaten, in denen jeder zehnte Erdenbürger lebt. Sie haben nicht einmal ein halbes Prozent der verfügbaren Impfdosen erhalten.“

Mittlerweile steht COVAX vor allem vor dem Problem, dass sie zwar genügend Geld eingesammelt haben, um Impfdosen zu kaufen - aber am Markt gibt es einfach keinen Impfstoff zu kaufen, weil sich wenige Nationen die gesamte Produktion gesichert haben. Von den eigentlich bis Ende März angestrebten 100 Millionen Impfdosen, wurden nur 38 Millionen verimpft. 26 Millionen kam davon aus Indien. Das hat aber seinen Export aufgrund des dortigen COVID-19-Geschehens stark beschränkt, ähnlich wie im Vereinigten Königreich und den USA verließ lässt dort seit März quasi keine Impfampulle das Land. 

Das G7-Geschenk: Nett gemeint, aber halt erst im nächsten Jahr

Wie nobel wirkte in diesem Licht die Ankündigung von US-Präsident Biden 500 Millionen Dosen an COVAX zu spenden. Andere Staaten des westlichen Nationenbündnisses G7 wie Deutschland und das Vereinigte Königreich folgten seinem Beispiel und versprachen ebenfalls Impfdosen. Bundeskanzlerin Merkel (CDU) hat bisher 30 Millionen Dosen und 2,2 Milliarden Euro für COVAX zugesagt. Leider haben diese Versprechen zwei Schönheitsfehler: 

Erstens ist noch nicht klar ob tatsächlich insgesamt 2,3 Milliarde Impfampullen überlassen werden oder ob die G7 größtenteils nur die Finanzierung trägt. Letztere entfaltet nur eine geringere Wirkung, wenn es schlicht keine Impfdosen zu kaufen gibt. Zweitens wird die Lieferung nicht für den Sommer 21 oder auch bis zum Ende des Jahres, sondern bis Ende 2022 versprochen. Zuvor hatte dem WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus eindringlich um Hilfe gebeten: „Wir brauchen 250 Millionen Impfdosen bis September und jeweils 100 Millionen davon noch im Juni und Juli.“ Nur so lasse sich das ohnehin schon korrigierte Impfziel, 10 Prozent der Weltbevölkerung bis September zu impfen, erreichen. 

Weil dieser Hilferuf aber nicht erhört wurde, sprechen Entwicklungshilfeorganisationen auch von einem "Ablenkungsmanöver". "Das hört sich besser an, als es ist", sagte Fiona Uellendahl vom Kinderhilfswerk World Vision der Tagesschau.

Wessen Schaden? 

Das ein globaler Impfnationalismus für alle Beteiligte große Schäden mit sich bringen könnte war schon früh klar. Einerseits gibt es hier die medizinische Perspektive: Je länger das Virus in möglichst vielen Menschen zirkuliert, desto größer ist die Chance, dass sich neue Varianten herausbilden. Diese könnten weniger gut auf etablierte Impfstoffe ansprechen, sodass im ungünstigsten Fall es zu einer zweiten Pandemie für alle, auch für die schon intensiv beimpften Industriestaaten kommt. 

Anderseits ist ein globales Wirtschaftssystem ja genau darauf angelegt, Handel zwischen Nationen und Kontinenten zu ermöglichen. Wenn die günstigen Rohstoff und Arbeitskräfte für Vorprodukte wegfallen, bricht auch die Produktion im globalen Norden zusammen. Deshalb haben zahlreiche Politiker:innen schon betont, dass die Pandemie erst vorbei ist, wenn sie für alle vorbei ist. Warum COVAX dennoch sich vom globalen Einkaufsmechanismus zum Almosensammler gewandelt hat, ist nur durch andere politische Zwänge erklärbar. 

Wie repariert man das? 

Lara Dovifat von der Medikamentkampagne von Ärzte ohne Grenzen unterscheidet zwischen kurzfristigen und langfristigen Aspekten: Kurzfristig müssen die Länder des globalen Nordens dem Süden Impfdosen aus ihrer Produktion zur Verfügung stellen. Langfristig müssten die Industrienation den Aufbau der Impfstoffproduktion in den Ländern vor Ort unterstützen. COVAX als fairer Einkaufs- und Verteilmechanismus scheint gescheitert. 

Ob die Aufhebung des Patentschutzes, so wie ihn die USA nun angeboten haben, tatsächlich große Wirkung ohne vorhandene Produktionsstätten hätte ist fraglich. Nichtsdestotrotz wird die ablehnende Haltung der EU und insbesondere von Deutschland von manchen Hilfsorganisationen kritisiert:   "Dass Kanzlerin Angela Merkel nach wie vor eine Aussetzung des Patentschutzes blockiert, ist unverständlich und empörend", sagte Jörn Kalinski von Oxfam International. 

Die Pandemie ist in einer globalisierten Welt erst vorbei, wenn sie für alle vorbei ist. Entsprechend müssen wir auch in Deutschland weiter umsichtig sein: Maske auf, Hände waschen, Abstand halten, physische Kontakte reduzieren, Warn-App nutzen, solidarisch bleiben.

Nachrichten

angstfrei.news ist gestartet als ein Projekt, das unaufgeregt die Neuigkeiten des Tages - jetzt der Woche - zusammenfasst. Ihr habt uns bestärkt, dass dieser Service wichtig ist, daher bleiben wir ihm treu für all jene, denen die Flut an Nachrichten zu viel wird. Deswegen fassen wir hier für euch die wichtigsten Entwicklungen im Zusammenhang mit der COVID-19-Pandemie in der vergangenen Woche zusammen.

Inland

Gesundheitsministerkonferenz:
Zukunft der Impfzentren und Delta-Variante
Die Bundesregierung fordert von den Ländern ein Zukunftskonzept für Impfzentren. Das ist eins der Ergebnisse der Gesundheitsministerkonferenz vergangenen Mittwoch (16. Juni). Zunächst wird der Bund die Impfzentren bis Ende September finanziell unterstützen. Gesundheitsminister Spahn (CDU) hat allerdings schon Bereitschaft signalisiert, über das Fristende hinaus die Impfzentren zu finanzieren. Voraussetzung sei ein klares Konzept dafür. Der bayerische Gesundheitsminister Holetschek plant, nach Beratungen mit seinen Kolleg:innen, in zwei Wochen ein Konzept vorzulegen. Sein Ziel ist, dass die Impfzentren bis Ende 2021 weiter bestehen.

Weil sich die hochansteckende indische Delta-Variante des COVID-19-Virus weiter ausbreitet, besteht auch weiterhin die Testpflicht für Flugreisende vor Ihrer Rückkehr nach Deutschland. Auch in Schulen und Kitas soll weiterhin zwei Mal wöchentlich getestet werden. An den Quarantäneregeln für Rückkehrende aus Hochrisikogebieten und Gebieten mit neuen Virusvarianten wird ebenfalls nichts verändert.

Die Gesundheitsministerkonferenz bat den Bundestag, eine Kommission zu Forschungszwecken einzurichten. Hier sollen die Spät- und Langzeitfolgen der Schutzmaßnahmen von COVID-19 auf Kinder und Jugendliche erforscht werden. Die Konferenz wurde von Protestaktionen der Gewerkschaft ver.di begleitet, um auf die immer noch schwierige Situation in der Pflegebranche hinzuweisen.
MDR
Tagesschau
Tagesschau (Video zur GMK)
Deutschlandfunk
ZDF
GMK Online (Beschlüsse)
GMK beschließt Beratungen zum Thema „Schmerz“

Verfassungsschutzbericht: Radikalisierung in der Pandemie
Der Verfassungsschutzbericht 2020 zeigt einen zuwachs der rechten Szene. Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) warnte vor zunemendem Rechtsextreminmus und Antisemitismus, bei der Vorstellung des Verfassungsschutzberichtes des Jahres 2020. Die Queerdenker Szene bietet Reichsbürgern und rechten Gruppierungen einen Plattform. Einzelne Personen der Bewegung werden deswegen vom Verfassungsschutz beobachtet.  
Tagesschau 

Corona-Warn-App: Tausende Infektion verhindert
Die Corona-Warn-App soll im vergangenen Jahr tausende Infektionsketten unterbrochen haben. Das geht aus einer Zwischenbilanz zur Nutzung der App hervor, die die Bundesregierung vor einigen Monaten in Auftrag gab. Laut Bundesregierung zeigte sich jetzt schon, dass ca. 2000 Menschen täglich gewarnt wurden, die tatsächlich mit COVID-19 infiziert waren. Nutzer:innen haben fast 16 Millionen Mal COVID-19-Testergebnisse eingetragen, wodurch tausende Infektionsketten unterbrochen werden konnten. 

Die digitalpolitische Sprecherin der Linken, Domscheit-Berg, kritisierte, dass viele der neuen Funktionen viel zu spät hinzugefügt wurden. So hätte etwa die Check-in-Funktion ein halbes Jahr früher verfügbar sein müssen. Trotzdem warnte sie davor, die App schlecht zu reden, die sie wegen der vielen unterbrochenen Infektionsketten als „stille Heldin der Pandemie“ bezeichnete. Spätestens ab Juli soll die App als europaweiter Impfpass fungieren können. Außerdem soll sie weiter vor Infektionen warnen. 

Die Corona-Warn-App feierte diese Woche ihr einjähriges Jubiläum. Seit dem 16. Juni 2020 wurde die App mehr als 28 Millionen Mal heruntergeladen. Aus dieser Zahl lassen sich wegen der Datensparsamkeit allerdings keine Nutzerdaten ableiten.
Tagesschau (ein Jahr Corona-Warn-App)
Zeit.de (Vertrauen in App steigt)
HR-Inforadio (Top oder Flop?)

Ausland 

EU lockert Einreisebeschränkungen
Die Europäische Union lockert coronabedingte Einreisebeschränkungen. Für verschiedenen Länder, unter anderem die USA, wird die Einreise in EU- Mitgliedsländer für vollständig geimpfte wieder möglich. Im März 2020 hatte die EU nicht notwendige Reisen aus Drittstaaten untersagt. Dazu zählen auch touristische Reisen. Im Mai 2021 hatten sich die EU-Staaten dann auf Lockerungen bei einem Inzidenzwert unter 75 pro 100.000 Einwohner innerhalb von 14 Tagen geeinigt.   
Spiegel 

ILO: Millionen Hausangestellte in Pandemie ausgebeutet
Während der Corona-Pandemie haben sich die Arbeitsbedingungen für Hausangestellte deutlich verschlechtert. Das zeigt ein aktueller Bericht der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO). Viele Menschen haben während der Pandemie ihren Job verloren. Zudem hätten sich die Rahmenbedingungen verschlechtert, so ILO-Generaldirektor Guy Ryder. Mehr als ein Drittel aller 76 Millionen Hausangestellten verfügen über keinen Versicherungs- oder Arbeitsschutz. Besonders betroffen seien Frauen, die deutlich häufiger als Hausangestellte arbeiten als Männer. Die Lage sei ein Rückschritt zu einer eigentlich positiven Entwicklung vor der Pandemie, so der Bericht. 

Hintergrund ist eine UN-Schutzkonvention, die seit zehn Jahren ein Anrecht auf einen sicheren, nicht-gesundheitsgefährdenden Arbeitsplatz garantieren soll. Angestellte haben darin das Recht auf einen Arbeitsvertrag, der gerichtlich durchgesetzt werden kann – dieses Recht werde allerdings nach wie vor häufig ignoriert, kritisierte ILO-Chef Ryder. Mit Blick auf die aktuellen negativen Entwicklungen erneuerte er deshalb die Forderung nach fairen Verträgen sowie einen Arbeitsplatz- und Sozialschutz für alle Hausangestellten.
Tagesschau

TUI-Jugendstudie: Junge Europäer:innen gestresst und unsicher durch Pandemie
Die Mehrheit der jungen Europäer:innen fühlen sich durch die Corona-Pandemie gestresster und unsicherer. Zu diesem Ergebnis kam die TUI-Jugendstudie “Junges Europa”. Laut der Studie hat sich für 52 Prozent der unter 26-Jährigen die Lebensqualität durch die Corona-Pandemie verschlechtert. Am belastendsten empfanden die jungen Erwachsenen dabei das fehlende öffentliche und soziale Leben. Zudem berichtete jede:r vierte Befragte über finanzielle Einbußen. Dennoch sind über zwei Drittel der Befragten optimistisch für die Zukunft gestimmt. 

Die TUI-Jugendstudie befragte im April 2021 mehr als 6.200 junge Europäer:innen im Alter von 16 bis 26 Jahren. Die Teilnehmenden der Studie kamen aus Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Spanien, Italien, Griechenland und Polen. 
ZEIT 
TUI-Stiftung 

Sport: Ausweisung von Olympioniken bei Bruch von Corona-Regeln möglich 
Olympioniken können beim Bruch der Corona-Regeln ausgewiesen werden. Das gaben die Verantwortlichen der Olympischen Spiele in Tokio diese Woche in der endgültigen Fassung des sogenannten ,,Playbooks’’ bekannt. Darin ist beispielsweise geregelt, wann Athlet:innen einen Mund-Nasen-Schutz zu tragen haben. Zudem müssen sich Sportler:innen jeden Tag testen lassen und eine App zur Kontaktnachverfolgung installieren. Eine Impfpflicht besteht nicht. Nach Angaben des Internationalen Olympischen Komitees sollen dennoch rund 80 Prozent aller Teilnehmenden der Olympischen und Paralympischen Spiele geimpft sein. Neben einer möglichen Ausweisung bei Missachtung der Corona-Regeln können Teilnehmende zusätzlich verwarnt, disqualifiziert oder finanziell sanktioniert werden. 
Spiegel 

Corona in Zahlen
In Deutschland sind 3.752.592 Menschen als infiziert getestet worden (Stand: 23.07.2021 00:00 Uhr, Quelle: RKI), das sind 2.089 Personen mehr als am Tag zuvor.

Warum diese Zahlen? Wir zitieren hier die offiziellen Zahlen des RKI, diese werden einmal täglich – immer um Mitternacht – vom RKI aktualisiert und um 10 Uhr morgens online veröffentlicht. Und warum gibt es hier nicht mehr davon? Es ist wichtig, die aktuell angeratenen Verhaltensweisen zu befolgen, das wissen wir alle. Zahlen über Neuerkrankte helfen uns dabei nicht. Achtet aufeinander und haltet Distanz.

Gesundheitsticker: 176.497.104 Menschen sind weltweit wieder genesen, das sind 24.900 Personen mehr als gestern Früh. Davon 3.644.900 in Deutschland (Stand: 25.07.2021 08:21 Uhr, Quelle: Worldometers).

Von Mensch zu Mensch

Schmerzen sind eine persönliche Angelegenheit und vor allem grundverschieden. Davon berichten auch unsere Texte aus der Kategorie von Mensch zu Mensch. Den Anfang macht Laura, die sehr intensiv von ihrer seelischen Schmerzerfahrung erzählt, die mit dem Tod ihres Großvaters zusammen hängt. 

Vom Schmerz des Loslassens 
Laura

Für Opa Willi ♥️ 

Über diesen sonnigen Tagen liegt für mich ein dunkler Schleier. Ein Schleier der Angst, der Trauer und des Schmerzes. 

Am 16.6. hat mein Opa Willi Geburtstag und nur 5 Tage später ist er auf tragische Weise verstorben. Seitdem sind diese Tage im Juni getrübt und mit Sorgen und Ängsten erfüllt und ich merke wieder: Ich habe den Tod als Teils des Lebens noch immer nicht akzeptiert. 

Mein Opa war ein herzlicher, offener und lustiger Mensch. Er hatte eine warme, ehrliche Art und brachte Menschen zum Lachen. Er hat viel erlebt und überlebt, den Zweiten Weltkrieg unter anderem in Gefangenschaft, er verlor einen seiner drei Söhne an Krebs und er verlor seine geliebte Frau, meine Oma. 

Als meine Oma starb, die Frau, die er liebte und pflegte, da baute er nach und nach ab, bis er irgendwann nicht mehr alleine leben konnte und zu uns und meinen Eltern zog. Es war schön, noch einmal sehr viel Zeit mit ihm zu verbringen bevor er starb. Es war oft sehr witzig mit ihm, weil er trotz allem ein lebensfroher, humorvoller Mensch war. Es gab jedoch auch traurige Momente: Aufgrund seiner Erkrankung wusste er nicht, dass Oma bereits gestorben war, und das machte ihn jedes Mal aufs Neue traurig, so stiegen ihm die Tränen in die Augen, weil er sie vermisste. 

Der Schmerz stand ihm ins Gesicht geschrieben, jedes Mal, wenn wir ihm sagen mussten, dass Oma nicht nach Hause kommt. Das tat weh, auch uns. 

Mein Opa hatte Parkinson und hatte daher Schwierigkeiten beim Essen. Ich hatte jedes Mal Angst, viel mehr Panik, dass er am Essen ersticken würde und wir ihm nicht helfen könnten. Diese Angst und Panik wurden so stark, dass ich es kaum aushielt, gemeinsam mit ihm zu essen, aus so großer Sorge, er könnte auf tragische Weise sterben. 

Dies geschah einige Monate später, als mein Opa bereits in einem Pflegeheim lebte und er fünf Tage nach seinem Geburtstag auf einem fröhlichen Sommerfest an einer Bratwurst erstickte. 

Ich werde diesen schrecklichen Tag in meinem Leben wohl niemals vergessen. Als meine Mutter mich an meinem Auto nach der Arbeit auf der Straße vor unserem Haus abholte und mir diese schreckliche Nachricht überbrachte. Ich spüre den Schmerz noch heute, mein Herz tut weh, mein Bauch krampft sich zusammen, weil ich diese Trauer und diesen Schmerz nicht ertrage. Die Angst, die ich hatte, hat sich bestätigt, mein Opa, mein liebenswerter, lustiger Opa musste auf diese tragische Weise sterben, das hatte er nicht verdient. Das zu akzeptieren ist für mich eine Lebensaufgabe. Es hilft zu glauben, dass er und Oma jetzt wieder zusammen sind, das, was er sich so sehr wünschte. Doch der Schmerz in meinem Herzen, die Angst und Panik, die bleiben. 

Mitunter das Schlimmste, was einem Menschen mit übermäßiger Angst passieren kann ist, dass sich diese Angst bestätigt, dann brennt sich dieses Ereignis ein und stellt die meisten Ereignisse, in denen sich die Angst nicht bestätigte, in den Schatten. 

Seither habe ich Angst, dass Menschen, die völlig gesund sind, in meinem Beisein am Essen ersticken. Vor allem bei Menschen, die mir nah stehen, und vor allem, wenn wir auswärts essen. Esse ich zusammen mit meinen Eltern außerhalb von Zuhause, da steigt eine Panik in mir hoch, wenn jemand ein Gericht mit Spaghetti oder Rucola bestellt, weil in meinem Kopf Erstickungs-Szenarien ablaufen und mein System in Alarmbereitschaft versetzen. Ich habe Angst, Angst vor dem Tod, Angst vor Verlust und Angst vor dem Schmerz, von dem ich auch jetzt noch glaube, ihn nicht auszuhalten, sollte so etwas noch einmal passieren. 

Es war der Schmerz der Ungerechtigkeit, der Schmerz des Mitleids, der Schmerz des nicht loslassen Wollens. Ich wollte einfach nicht, dass das, was passiert war, passiert ist. Ich wehrte mich innerlich und fütterte so den Schmerz. 

Ich behalte meinen Opa die meisten Tage in sehr guter Erinnerung, er war und ist für mich ein ganz besonderer Mensch, den ich liebe und vermisse, bei dem ich noch heute schmunzle und auch über seine Geschichten von damals lache. 

Ich würde jedoch lügen, würde ich sagen, da ist kein Schmerz mehr, wenn diese Tage im Juni anstehen, Jahr für Jahr. 

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Nach diesem intensiven Bericht von Laura, der Schmerz, Verzweiflung und Angst zusammen bringt, wechseln wir nun die Perspektive. Katharina beschreibt, warum Schmerzen für sie immer auch etwas mit Erlaubnis zu tun haben und wieso das nicht unbedingt hilfreich ist. 

"Selbstliebe ist der größte Mittelfinger aller Zeiten."
Katharina

Seit fast zwei Monaten schlage ich mich mit Rückenschmerzen und einem tauben Bein rum. Bandscheibenvorfall. Na toll! Ich kann nicht Joggen, ich fühle mich unausgeglichen und unwohl, ich bin frustriert. Schmerzen zehren an mir und meiner Seele. Ich möchte endlich mal wieder antworten "Gut!", wenn mich jemand fragt, wie es mir so geht. Aber irgendwas ist immer – und jetzt sind es nun eben Rückenschmerzen. Kennen viele, hatten viele, macht viele hilflos. 

Wenn Schmerzen so lange anhalten, frage ich mich manchmal, ob ich noch ernst genommen werde. Mitleid nutzt sich ab. Verständnis nutzt sich ab. Tipps nutzen sich ab – und die Psychologie weiß: Wenn Menschen nicht helfen können, frustriert sie das. Entsprechend wird mein Schmerz und die damit verbundene Stagnation auch für alle um mich herum irgendwann frustrierend. Und das drückt dann doppelt auf meine Laune. Ich möchte doch für die Menschen um mich herum ebenso wie für mich endlich wieder leicht sein. Und ich möchte wieder in die Rolle der Ratgeberin, der Helfenden, der Tröstenden zurück. Stattdessen zucke ich immer wieder hilflos mit meinen verkrampften Schultern und entschuldige mich, dass es mir noch immer nicht besser geht. Natürlich ist das eine Entschuldigung, die nun auch keiner so richtig haben will. Denn was kann ich schon dafür? Der Schmerz ist da und ich tue mein Möglichstes, ihn zu akzeptieren oder zu verändern. Aber so richtig loslassen kann ich die Verantwortung dafür nicht. 

Und plötzlich war da ein Grund!

Wisst ihr, was es besser gemacht hat? Die Diagnose, dass mein Bandscheibenvorfall zu den 20 Prozent gehört, die sich wohl nur durch eine OP bessern. Klar, das hat mir Angst gemacht - ich komme unters Messer, unter Vollnarkose, irgendwo in der Region meines Rückenmarks, das ich ja nun wirklich brauche. Aber gleichzeitig stand hinter dieser einfachen Diagnose der Fakt: Es gibt einen Grund, dass es doof ist. Es war plötzlich erlaubt, Schmerzen zu haben. Denn die hatten einen Platz: Auf einem MRT-Bild, in langwierigen, erfolglosen Physio-Behandlungen, in freudvollen wie ergebnislosen Yoga-Sessions, die mein morgendliches Laufen ersetzt haben. All das hat bewiesen: der Schmerz hat ein Zuhause in einem beeindruckend großen Haufen Bandscheiben-Sekret, das auf meinen Spinalkanal drückt und dort einen Nerv stresst, der wie so mancher Arbeitgeber den Druck nach unten weiter gibt. Das Ergebnis: mein taubes Bein. 

Erleichtert begab ich mich also in die Hände eines Neurochirurgens und ließ den mal machen. Aus der Narkose aufgewacht begrüßten mich mehr Schmerzen und mein völlig zermarterter Kreislauf. Aber irgendwie war es das wert: Ich litt und es war ok, denn - ihr ahnt es - es gab ja einen Grund. Jemand hatte meinen Rücken aufgeschnitten. Und als der Operateur dann auch noch sagte, die OP war wohl nötig, stellte sich ein absurdes Gefühl des inneren Friedens ein: Vergangener Schmerz und gegenwärtiger Schmerz hatten ein Zuhause. Wie schön! Liebe Menschen dachten an mich, schrieben mir Nachrichten, besuchten mich im Krankenhaus. Meine Eltern versorgten mich in den ersten Tagen nach der Klinik und ich konnte mir endlich erlauben, das alles anzunehmen: Die Schmerzen, den Frust, das eingeschränkt Sein.

Frieden mit dem Schmerz.

Jetzt geht es mir langsam besser, wenn ich auch noch nicht wieder hergestellt bin, und prompt schleicht sich die Angst wieder ein: Was, wenn es mir körperlich bald besser geht, ich aber immernoch nicht wieder "die Alte" bin oder immer noch mit meinen Beschwerden zu kämpfen habe? Der Druck, dass es nun besser wird, wächst äquivalent zu der Größe des Schmerzes. Das ist doch absurd! Ich müsste doch eigentlich dankbar sein für die Genesung – und das bin ich auch! Trotzdem überwiegt die Sorge, nicht schnell genug wieder gut genug drauf zu sein. Für wen? Na für die anderen! Der Druck, für diese Menschen wieder irgendetwas zu sein, kommt jedoch ganz klar aus einer anderen Quelle: Nämlich aus mir selber. Alle meine Freund:innen, meine Familie und die Menschen, mit denen ich Projekte gestalte, lassen mir mehr Leid und mehr Zeit, es zu beseitigen, als ich mir lasse.

Ich kann das wahrnehmen, sehen und total bescheuert finden. Aber ändern kann ich es ad hoc nicht. Wie ich erleichtert war, als ich einen externen Grund für die Schmerzen fand, so brauche ich jetzt einen externen Agenten für die Erlaubnis, zu genesen und das in einem angemessenen Zeitraum. Ein Projektpartner hat mir eine liebe Email geschrieben, in der das Stand. Das war schonmal gut. Eine meiner sehr guten Freundinnen war gestern spontan bei mir und sagte das gleiche. Auch das half. Meine Eltern mahnen, ich soll mich nun bloß nicht übernehmen! Auch das geht auf das Erlaubnis-Konto. Und doch hilft es alles nichts, wenn ich nicht diejenige bin, die am stärksten darauf einzahlt. Auch - ja gerade wenn! - ich Angst vor negativem Feedback habe, wenn ich Aufgaben nicht gerecht werde oder länger brauche. In mir rattern die Kalendersprüche: "Wenn du nicht auf dich aufpasst, tut es keiner!", "Manchmal bringt uns eine kleine Pause weiter als die größte Anstrengung!", "Würdest du mit deiner besten Freundin umgehen wie mit dir selber?!"

"Selbstliebe ist der größte Mittelfinger aller Zeiten." (Susan Hyatt)

Ich weiß das doch alles. Aber ich habe es noch nicht verinnerlicht. Da eine Studie sagt, neue Gewohnheiten brauchen 66 Tage, um sich einzuschleifen, habe ich nun beschlossen, die Selbstliebe, die hinter der ganzen Erlaubnis-Kiste steht (wie so oft), zu einer Gewohnheit zu machen. Und dazu habe ich heute in meinem Tagebuch einen Satz gefunden, der mir hilft, weil er meinen Trotz gegen und gleichzeitig für mich selbst so wundervoll in Worte fasst: "Selbstliebe ist der größte Mittelfinger aller Zeiten." Nicht, dass ich meiner Umwelt den Mittelfinger zeigen möchte - weiß Gott nicht! - aber ich möchte mir einen Selbstliebepanzer anlegen, der meine Ängste, nicht angenommen zu werden, wenn ich für mich einstehe, puffert. Und das ist ein guter Anfang. 

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Nach Katharina nimmt uns auch Anne mit in eine sehr persönliche Schmerzerfahrung und die Verbindung zu ihrer ganz inneren Angst. Und sie zeigt, welche Strategien ihr helfen, die Angst zu überwinden.

Ein langer Weg

Wie kann mir das, was ich am meisten liebe, solche Schmerzen zufügen?

Sport war für mich über einige Jahre das Allerwichtigste. Fünf Tage die Woche Training in der Halle, daneben noch Krafttraining und Yoga zu Hause. Als Ausgleich zur Schule und zu meinem restlichen Leben, aber auch aus absoluter und unverrückbarer Liebe zum Sport.

Bis letztes Jahr. Da kamen die Schmerzen; nicht körperlich, aber psychisch. Und ich habe trotzdem versucht, alles wie vorher weiter durchzuziehen. Dass das nicht so ganz funktioniert hat, ist fast selbstverständlich.

Der Beginn war langsam. In anderen Situationen kannte ich die Angst zwar schon, auch sonst ging es mir nicht besonders gut, aber der allabendliche Gang in die Sporthalle war für mich jeden Tag wie eine Flucht aus dieser Realität. Und irgendwann kam dann die erste Angst beim Sport. Das war einigermaßen schlimm für mich, aber ich habe es zunächst als einmaliges Erlebnis hingenommen und versucht, so gut wie möglich darüber hinwegzugehen.

Nach diesem ersten Mal bin ich für einige Wochen verschont geblieben, aber dann ist es wieder passiert. Und wieder und wieder und wieder. Dadurch bin ich irgendwann in die Lage gekommen, es Trainern und Mitspielern erklären zu müssen, weil es natürlich auffällt, wenn jemand beinahe jedes Training am Rand sitzt oder liegt, nach Luft schnappt, nicht mehr reden kann. Das war vermutlich das Bild, das von außen zu erkennen war. Aber das, was in mir vorgegangen ist, hat niemand mitbekommen. Auch nicht das, was passiert ist, wenn ich mit der Entschuldigung, auf Toilette zu müssen, in die Umkleide gegangen bin, nachdem das Schlimmste vorbei war. Die Verzweiflung über meine eigene Situation.

Und trotzdem habe ich es geschafft, weiterzumachen. Ich habe weiter trainiert, ich habe Turniere gespielt, in höheren Mannschaften ausgeholfen, und das alles mit erstaunlichem Erfolg. Insgesamt habe ich so gut gespielt wie noch nie, ich habe Spiele gewonnen, die noch ein Jahr zuvor außer Reichweite gewesen wären. Das war absolut wundervoll. Die Glücksmomente währenddessen haben alles Schlechte und alle Aufopferungen für den Sport immer aufgewogen.

Als dann Ende des letzten Jahres die Hallen geschlossen wurden, habe ich angefangen darüber nachzudenken, ob es das alles wert ist. Ich hatte schließlich nicht mehr jeden Abend den Beweis dafür. Ich habe Stunden damit zugebracht, über die oben gestellte Frage nachzudenken. Ab einem gewissen Punkt war dann auch das Training, das ich zu Hause gemacht habe, zu schlimm, als dass ich auch nur eine einzige Sache davon noch ein weiteres Mal hätte machen können. Für ein paar Monate haben die Angst und die Erinnerung an die Schmerzen, die ich erlebt habe, gesiegt; ich habe mich vollkommen geschlagen gegeben.

Die ganze Zeit über standen sich zwei Seiten gegenüber: Ich möchte wieder das tun, was ich liebe, was mich so glücklich macht wie nichts anderes. Und: Ich will nicht wieder das erleben, was über das letzte Jahr trauriger Alltag geworden ist; das ist es alles nicht wert, ich sollte es einfach sein lassen.

Die verzweifelten Überlegungen wurden dadurch erschwert, dass ich es nicht einfach noch mal ausprobieren konnte. Vereinssport war ja nicht erlaubt. Und Joggen beispielsweise war eine Vollkatastrophe. Ehrlich gesagt kann ich nicht genau sagen, was mich dazu gebracht hat, wieder anzufangen. Der Anfang war sehr schwierig, aber es wird einfacher. Zuerst hat es sich nicht danach angefühlt, als ob es je einfacher werden würde, aber das tut es.

Ich glaube, das gilt für die meisten Dinge. Wenn der Anfang einmal gemacht ist, ist der größte Schritt schon getan. Dann ist der Weg vielleicht immer noch lang, aber man hat ihn angetreten, und das ist doch das Wichtigste. Es geht bergauf und bergrunter, an manchen Tagen regnet es, an manchen scheint die Sonne. Einige Teile des Weges erfordern mehr Pausen als andere und ja, vielleicht geht man auch mal ein paar Schritte zurück anstatt vorwärts. Aber das ist alles nicht schlimm.

Genau das versuche ich gerade: Meinen Weg so zu akzeptieren, wie er ist. Und ich möchte auch für all das dankbar sein, das ich gelernt habe, das mich überhaupt erst bis hierhin gebracht hat.

An manchen Tagen spüre ich das, was war, noch ziemlich stark. An anderen Tagen fühlt es sich nur wie leichte Nachwehen des mentalen Schmerzes an. Und vereinzelt gibt es da Tage, an denen ich mich beim Sport einfach nur frei fühle. Das ist ganz hervorragend. Dadurch werde ich immer wieder daran erinnert, wofür ich das Ganze eigentlich mache. Ich bin mir noch nicht im Klaren darüber, ob ich wieder dahin zurück möchte, wo ich einmal war. Deshalb ist gerade nicht mehr jedes Training selbstauferlegte Pflicht, ich nehme mir Pausen, wenn ich sie brauche und habe als einzigen Anspruch, glücklich zu sein durch das, was ich tue, auch wenn manche Tage einfacher sind als andere. Jeder Tag ist schließlich ein Schritt auf meinem Weg, wohin er auch führen mag.

Tipps der Woche

Mit Achtsamkeit gegen den Schmerz
In einem sensiblen Feature erklärt die Psychologin Main Huong Nguyen im Deutschlandfunk Nova, wie wir mit Schmerzen umgehen können:

"Zuallererst sollten wir auf jeden Fall erst mal anerkennen, dass wir krank sind und nicht so tun, als wären wir es nicht. Anerkennen und feststellen: Ich kann gerade nicht alles machen, was ich vielleicht machen will. Das ist auch Achtsamkeit. Aber danach ist die Frage: Wie geht es weiter?"

In dieser Schmerzausgabe des Achtsamkeitspodcasts gibt es wertvolle Tipps und eine bestärkende Sicht auf das Thema. Hörenswert!
zum Feature (Deutschlandfunk Nova)

Liebscher und Bracht - Schmerzlexikon
Die Physiotherapeut:innen haben ein umfangreiches Lexikon angelegt, wo sie über unterschiedlichste Schmerzen aufklären: Von A wie Asthma bis X wie X-Beine erklären sie, wo der Schmerz herkommen könnte, welche Symptome typisch sind und schlagen körperliche Übungen vor, die helfen können. Natürlich sind Liebscher & Bracht mittlerweile auch eine Marke, die man so und so sehen kann – trotzdem ist diese Übersicht wahnsinnig hilfreich, unaufgeregt und besser, als Beschwerden in eine Google-Maske zu tippen.
Zur Webseite

Dies und Das

Gib uns Deine Stimme (NUR NOCH BIS MONTAG DEN 21.6.)
Die Deutsche Angst-Hilfe e.V. ist mit ihrem Vorhaben eine kostenlose Angstselbsthilfe-App zu entwickeln, ganz kurz davor, in die zweite Runde der Gesellschaft der Ideen zu kommen. Gelingt dies, dann würde das Projekt für zwei Jahre eine sichere Finanzierung vom Bundesministerium für Bildung und Forschung bekommen. Ziel der App ist, dass sich Betroffene unter guter Anleitung von Angsterfahrenen begleiten, Erfahrungen austauschen und gegenseitig in herausfordernden Situationen unterstützen. Mit Hintergründen zum Thema und Übungen, um Kraft zu sammeln und sich Mut zu machen.

Dafür brauchen wir Deine Stimme! Zum Wettbewerb gehört eine Online-Bewertung, die noch bis Montagabend läuft. Deine Stimme entscheidet mit, welches Projekt weiter kommt:

ZUR ABSTIMMUNG

Vielen Dank für Deine Unterstützung! Und wir würden uns sehr freuen, wenn Du unser Anliegen mit möglichst vielen Freunden oder Bekannten teilst. Dein Team von der Deutschen Angst-Hilfe e.V

Mit virtueller Realität gegen Schmerzen
Ein EU-gefördertes Projekt hat sich dem Feld der Phantomschmerzen gewidmet – also Schmerzen, die nach Amputation eines Körperteils auftreten. Die Lösung, die das Team erforscht: Ein Spiel (“gamification”), das über virtuelle Realität bei Überwindung und Umgang mit den Schmerzen helfen soll. Spielerisch schmerzfrei? Das wäre doch was.
Zur Pressemitteilung des Projektes

Eine Playlist über (und gegen) Schmerzen
Hier findet Ihr Musik, in der es Rund um das Thema Schmerzen geht, ohne dass sie in den Ohren weh tut - uns zumindest nicht! 
Johnny Cash: “Hurt”
The War on Drugs: “Pain” 
Christina Aguilera: “Hurt”
Foo Fighters: “These Days”
R.E.M.: “Everybody hurts”
Three Days Grace: “Pain”
Simple Plan: “Untitled”
Alex Hepburn: “Pain is
Elif: "Nichts tut für immer weh"
Arlo Parks: “Hurt”
Anson Seabra: “I Can’t Carry This Anymore”
Arlo Parks: “Black Dog”

Wir wünschen Euch eine wundervolle Woche mit dem längsten Tag des Jahres darin! 

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Euer angstfrei.news Team.

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Kleine Erinnerung: wir freuen uns sehr, wenn ihr dieses neue Format mit einem Extra-Feedback bedenkt, nur so können wir lernen. DANKE!

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