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Wut | 31. Oktober 2020

Katharina

Liebe Leserinnen und Leser,

als wir in der Redaktion überlegt haben, wer das Editorial zur Wochenausgabe Wut schreiben möchte, habe ich aus dem Bauch heraus ja gesagt. Ich war so wütend! Gerade hatte ich das Video von Till Brönner zum Stand der Veranstaltungsbranche gesehen. Wie habe ich mich geärgert! So viele Arbeitsplätze, unsichtbar, wenn sie ihren Job gut machen und selbstverständlich, wenn wir das Radio anmachen, auf Social Media einen passenden Sound zu unseren melancholischen Herbstbildern raus suchen oder sehnsüchtig von unseren einst schillernden Wochenenden voll Theater und Musik berichten. Wir vermissen das alles - viele andere leben davon. Zu hören, dass das "Selbstverwirklichung" oder "Luxusprobleme" sind, macht mich wütend, weil es schlicht falsch ist. 

Da habe ich mich schon wieder in Rage geschrieben. Und genau das ist mein Problem mit meiner Wut: Sie ist oft laut und forsch und fordernd, aber selten produktiv. Bei Themen wie #AlarmstufeRot ist es verhältnismäßig leicht, meinen Ärger in Worte zu fassen, Missstände und Forderungen aufzuschreiben, um so wenigstens einen Vorschlag zur Veränderung zu machen. Je näher die Wut an mich heran reicht, desto mehr verschluckt sie mich ganz. Und dann sehe ich nicht mal mehr rot. Wut macht mich hilflos, weil ich sie nicht nach außen bringen kann. 

In dieser Wochenausgabe könnt ihr lesen, wie es auch anders geht: Im Mensch zu Mensch lest ihr, was wütend macht, wie wir uns Luft verschaffen können und warum man sich Wut auch prima an die Wand hängen kann. Unsere Tipps nehmen Euch an die Hand und laden Euch ein, zum oder zur Wutversteher*in zu werden und euch ganz aktiv einzubringen. Im Schwarzbrot lest ihr außerdem, wie man Maskenverweiger*innen die Wut aus den Segeln nehmen kann. 

Damit wünschen wir Euch eine starke Woche und eine spannende Lektüre!
Euer Team von angstfrei.news

Ganz wichtig: Was meint ihr zum neuen Konzept und zu dieser Ausgabe? Bitte gebt uns ein kurzes Feedback - das wäre hilfreich und sehr nett.

Übrigens nehmen wir unser Motto ernst: Angst hat eine Stimme - Deine. Wir sind ein Team von Freiwilligen und schreiben über unsere Angst-, Lebens- und Alltagserfahrungen, ohne ein Richtig oder Falsch, oft mit Verstand und immer mit Herz. Wir freuen uns über dich in unserem Team. Trau dich einfach und schreib uns eine Mail an angstfrei.news@gmail.com.

Die guten Nachrichten der Woche

Nothilfeprogramm für Studierende wird erneuert
Nicht nur Arbeitnehmer*innen, Künstler*innen oder Selbstständige sind von der Wirtschaftskrise im Zuge der Corona-Pandemie betroffen, wegen wegfallender Nebenjobs in Gastronomie oder Veranstaltungsbranche haben zahlreiche Studierende Probleme in der Finanzierung ihres Studiums bekommen. Hier will das Bundesbildungsministerium nun weiter helfen: Die Ende September abgelaufene Nothilfe für Studierende soll mindestens für die Zeit des Teil-Lockdowns bis Ende November verlängert werden. Das Instrument der Überbrückungshilfe habe sich bewährt, so eine Sprecherin des Ministeriums. Man führe derzeit Gespräche mit dem Deutschen Studentenwerk, das die Bearbeitung der Anträge und die Auszahlung der Nothilfe im Frühjahr und Sommer betreut hatte. Die Hilfen beliefen sich auf 100 bis maximal 500 Euro pro Monat, die anders als das BaföG nicht zurück gezahlt werden müssen. Außerdem haben Studierende auch weiterhin bis März 2021 die Chance auf einen zinsfreien KfW-Studienkredit.
Bildungsministerium (Auswertung des bisherigen Programms)
Bildungsministerium (Alle Hilfen im Überblick)
Tagesschau (News-Ticker)

Schwarzbrot: Demaskiert

Tim

In dieser Rubrik möchten wir etwas tiefer in die Nachrichtenlage der Woche einsteigen. Mal eher hintergründig, mal eher serviceorientiert recherchieren wir für euch selbst, statt wie im darunter folgenden Nachrichtenblock Nachrichten auszuwählen und in eine angstfreie Sprache zu übersetzen. Wir hoffen, es mundet euch.

Die Brille beschlägt, man bekommt gefühlt schlechter Luft, große Teile des Gesichts sind verdeckt und fehlen für die soziale Interaktion - kurz gesagt: Die Maske nervt und schränkt unseren Alltag ein. Wofür das Ganze? Wie lassen sich bestimmte Maskenmythen erklären? Wie ist das Verhältnis zwischen gesundheitlichem Nutzen und Schaden? Hier der aktuelle Stand der Wissenschaft:

Der Youtube-Hit: CO2-Vergiftung

Eine Frau hält sich ein CO2-Raumluftmessgerät unter die Maske. Nach wenigen Augenblicken beginnt das Gerät zu piepsen. Schnell ist das Gerät außerhalb des Messbereichs und damit deutlich über den vom Umweltbundesamt als ungefährlich definierten Grenzwerten für Kohlenstoffdioxid. Wenn du jetzt an Stickoxide und einen Adventskranz denkst - liegst du richtig: 

Die Raumluftmessgeräte sind zur Messung großer Volumen geeignet - ihre Sensorik entsprechend träge. Unsere Atemmuskulatur kann Luft viel schneller austauschen, als es das Gerät erfassen kann. Das Umweltbundesamt hat den Test wiederholt: Auch ohne Maske sind CO2-Raumluftmessgeräte sofort außerhalb des Messbereiches. Eine Vergiftung mit CO2 wäre nur durch einen luftdichten Abschluss von Mund und Nase möglich. Mittels typischer Alltagsmasken ist das ausgeschlossen. Man kann übrigens aus ähnlichen Gründen auch nicht Ersticken - also einen Mangel an Sauerstoff haben - wie es ein Youtube-Video eines US-amerikanischen Feuerwehrmanns darlegt.  

Kleinkariert: Virus passt durch die Masken

Viren sind klein. Sehr klein. SARS-CoV misst etwa 80 Nanometer. Wenn du es schaffst ein Kopfhaar von dir in 1000 gleichdicke Teile zu zerlegen, kommst du etwa auf dieselbe Dicke. Stoffe aus denen Masken sind, bestehen aus viel gröberem Material. Natürlich passt ein einzelnes Virus durch die Maske. Allerdings bewegen sich Viren selten allein durch die Welt sondern auf Tröpfchen (>5 µm - zehntel Dicke eines Haares) oder als Aerosol (<5 µm). Ziel einer Mund-Nasen-Bedeckung ist vor allem das Abfangen der Tröpfchen bei feuchter Aussprache oder Husten. Es funktioniert also eher als Netz und nicht als Wand. 

Keimschleuder

In dem feuchtwarmen Klima einer über viele Stunden getragenen Maske finden vor allem Bakterien ein gutes Milieu zum Wachsen. Wie das RKI dem ZDF auf Anfrage mitteilte, bestehe vor allem Gefahr, dass die Maske mit der Mund-Rachen-Flora der Trägerin infiziert wird. Um fremde Keime in der Maske anzuzüchten und dann einzuatmen, müsste die Maske vorher bewusst verschmutzt oder von mehreren Personen nacheinander getragen werden.

Kinderkiller - Maske

Trotz zahlreicher kursierender Falschmeldungen, gibt es bisher keinen belegten maskenbedingten Todesfall von Kindern. Der 13-Jährige in Ostfriesland trug während seines Zusammenbruchs keine Maske. Bei einer 13-Jährigen aus der Pfalz ist die Todesursache bislang unklar. Der Fall eines sechsjährigen Mädchens, das erstickt sein soll, ist frei erfunden. Die WHO und verschiedene Verbände von Kinderärzt*innen empfehlen das Tragen einer Masken für Kinder ab sechs Jahren - unter zwei Jahren wird es nicht empfohlen.

Der Nihilist - Bringt eh nichts 

Immer wieder wurde der Nutzen von Mund-Nasen-Bedeckungen in Zweifel gezogen. Mittlerweile gibt es mehrere Meta-Studien, also Studien, die die Ergebnisse von vielen Einzelstudien zusammenfassen, um eine genauere Aussage zu einer Frage treffen zu können. Die beiden großen Meta-Studien stellen eine große Risikoreduktion von Atemwegsinfektionen durch Masken fest. Eine isolierte Aussage zu SARS-CoV-2 ist aber nicht möglich.

Besonders beeindruckend ist eine US-Studie im Fachmagazin “Nature medicine”, die zeigt, dass vor einem Maske tragenden Probanden, der mit einem harmlosen Corona-Virus infiziert war, keine Viren in der Ausatemluft detektiert werden konnten. Im ebenfalls renommierten New England Journal of Medicine erschien eine Studie, die mittels Laserstreulicht gut zeigte, wie Menschen beim Sprechen Tröpfchen verbreiten - und warum daher eine Maske eine gute Möglichkeit zur Begrenzung ist. Ein Vergleich von US-Bundesstaaten vor und nach der Einführung einer Maskenpflicht zeigte eine deutlich verlangsamte Verbreitung der COVID-19-Pandemie. Ebenso war die Gesamtsterblichkeit an COVID-19 in Ländern, in denen häufiger eine Maske getragen wurde, geringer.  

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass es zahlreiche gute Hinweise auf die Nützlichkeit von Masken gibt. Eindeutige, unwiderlegbare Beweise gibt es nicht. Eine an tausenden Menschen unter Laborbedingungen durchgeführte, kontrollierte (es gibt eine Kontrollgruppe), randomisierte (zufällige Gruppenzuordnung) und doppelt-verblindete (Experimentator*in und Auswerter*in wissen nicht, wer Maskengruppe und wer Kontrollgruppe ist) Studie - der Goldstandard unter den wissenschaftlichen Studien - ist unwahrscheinlich und ethisch bedenkenswert. Schließlich müssten sich hierfür tausende Menschen einem potenziell tödlichen Virus ohne Maske aussetzen, um einen Unterschied festzustellen. Freiwillige vor?   

Ist denn an Masken gar nichts schlecht? 

Doch: Masken suggerieren uns mehr Sicherheit, als sie bieten können, sodass andere Hygieneregeln (Hände waschen, Abstand halten, Kontakt beschränken) nicht mehr so wichtig genommen werden. Sie sind eines von vielen Elementen, die Infektionen deutlich unwahrscheinlicher werden lassen. Ausgeschlossen ist eine Infektion aber nie.

Deshalb: Maske auf, Hände waschen, Abstand halten, physische Kontakte reduzieren, Warn-App nutzen, solidarisch bleiben.Dieser Artikel ist der Auftakt zu einer losen Reihe von Basisinformationen zur COVID19-Pandemie. Es folgen ein Beiträge Infektionskennzahlen, Kontaktbeschränkungen, der Corona-App und weitere Themen. Gern könnt ihr uns Feedback geben, welche Themen euch besonders interessieren.

Nachrichten

angstfrei.news ist gestartet als ein Projekt, das unaufgeregt die Neuigkeiten des Tages - jetzt der Woche - zusammenfasst. Ihr habt uns bestärkt, dass dieser Service wichtig ist, daher bleiben wir ihm treu für all jene, denen die Flut an Nachrichten zu viel wird. Deswegen fassen wir hier für euch die wichtigsten Entwicklungen im Zusammenhang mit der COVID-19-Pandemie in der vergangenen Woche zusammen.

Ab 2. November:
Bundesweites Herunterfahren des öffentlichen Lebens 
Das öffentliche Leben in Deutschland soll in großen Teilen heruntergefahren werden - so ein Beschluss von Bund und Ländern am vergangenen Mittwoch. Ab 2. November werden Freizeiteinrichtungen wie Theater, Schwimmbäder oder Kinos für vier Wochen geschlossen, Restaurants auf Liefer- und Abholdienste reduziert. Kitas und Schulen bleiben hingen offen, genauso wie Supermärkte, deren Zugang durch die Verkaufsfläche beschränkt wird. 

Ziel der bundesweit einheitlich Maßnahmen ist es, Kontakte zu vermindern und so die exponentielle Ausbreitung von SARS-CoV-2 zu verhindern. Daher dürfen sich Menschen in der Öffentlichkeit nur mit Angehörigen des eigenen und eines weiteren Hausstandes aufhalten, maximal jedoch zu zehnt. In zwei Wochen werden Bundeskanzlerin Merkel (CDU) und die Ministerpräsidentinnen erneut über die Lage beraten. 
zeit.de
tagesschau.de
deutschlandfunk.de

Uneinigkeit unter Fachpersonal zu neuen Corona-Maßnahmen
Ärzt*innen und Wissenschaftler*innen sind uneinig über neue COVID-19-Schutzmaßnahmen. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV), eine Interessenvertretung der niedergelassenen Ärzt*innen, sprach sich mit anderen Berufsverbänden und wissenschaftlichen Fachgesellschaften gegen allgemeine Ausgangsbeschränkungen in Deutschland aus. Unterstützt werden sie auch von den prominenten Virologen Streeck und Schmidt-Chanasit. Sie fordern mehr Gebote als Verbote, um die Akzeptanz für Maßnahmen zu wahren.

Berufsverbände und Fachgesellschaften von klinischen Disziplinen wie Anästhesie und Intensivmedizin distanzieren sich hingegen von der Position der KBV. Sie befürchten ohne deutliche Einschränkung die Überlastung der Krankenhäuser. Zur Vorbeugung empfahl auch Virologe Drosten im NDR-Podcast eine dreiwöchige  Ausgangsbeschränkung.   
tagesschau.de 
KBV-Papier 
spiegel.de 
ndr.de 

Bundesarbeitsminister für weiterhin erleichterten Zugang zu Hartz IV
Der vereinfachte Zugang zu Hartz IV soll nach dem Willen von Bundesarbeitsminister Heil (SPD) bis Ende 2021 verlängert werden. Das sagte er der Funke-Mediengruppe am Freitag. Die Maßnahme richte sich besonders an Selbstständige sowie an Arbeitnehmer*innen in Kurzarbeit, so Heil. Aktuell läuft die Vereinfachung bis Ende 2020.

Ergänzend fordert Verdi-Chef Werneke einen Bonus von 150 € für Hartz IV-Bezieher*innen für den November. Die Bereitstellung von Lebensmitteln durch die Tafeln funktioniere derzeit nicht und so kämen viele Bezieher von Grundsicherung nicht über die Runden, sagte Wernecke. 
FAZ.de 

Ausland

Weite Teile Europas COVID-19-Schwerpunktgebiete
Weite Teile Europas gelten wieder als COVID-19-Schwerpunktgebiete. Das teilte das Robert-Koch-Institut auf seiner Website mit. Die meisten Länder sind vollständig betroffen, in einigen Staaten sind nur einzelne Regionen ausgewiesen. Die Einstufung sei nach gemeinsamer Analyse und Entscheidung durch das Gesundheits-, Außen- und Innenministerium erfolgt. 

Mit der Einstufung als COVID-19-Schwerpunktgebiet geht laut Außenministerium eine automatische Reisewarnung einher. Zwar sind Reisen aus Deutschland heraus jederzeit möglich, die Einreise in den anderen Staat könnte aber mit Einschränkungen versehen sein. Zudem kann eine Reisewarnung zum Verlust verschiedener Versicherungsansprüche führen. Bereits gebuchte Reisen können typischerweise kostenfrei storniert werden. Reiserückkehrer*innen müssen einen aktuellen, negativen COVID-19-Test vorweisen, um die angeordnete Quarantäne zu verkürzen. 
Liste der Risikogebiete (RKI)
FAQ Reisewarnungen (Außenministerium)

Britische Regierung gegen landesweiten Lockdown
Die britische Regierung hält an uneinheitlichen Corona-Maßnahmen fest und spricht sich gegen erneute Ausgangsbeschränkungen aus. Premierminister Johnson führt wirtschaftliche Gründe dafür an. Regierungsberater*innen fordern hingegen wegen der steigenden Fallzahlen einheitliche Regeln. In Teilen der Bevölkerung könnte hierfür die Akzeptanz fehlen. Dennoch sind strenge, aber zeitlich beschränkte Maßnahmen für ganz Großbritannien im Gespräch.
tagesschau.de 

Spanien - Corona Notstand bis Mai 2021 verlängert
Spanien hat vergangene Woche erneut einen landesweiten Gesundheitsnotstand ausgerufen. Vorerst gilt er seit dem 30. Oktober für fünfzehn Tage, nach dem Willen der Regierung soll er bis Mai 2021 verlängert werden. Hintergrund für die Entscheidung sind die wachsenden Infektionszahlen in den vergangenen Wochen und Krankenhäuser, die vor Überlastung warnen.
Landesweit (mit Ausnahme der kanarischen Inseln) tritt ein Ausgehverbot zwischen 22 und 6 Uhr in Kraft. Zusätzlich darf die eigene Gemeinde zwischen Freitag 6 Uhr und Montag 6 Uhr nur mit triftigen Gründen verlassen werden. Museen, Bars, Restaurants, Geschäfte (außer Lebensmittelgeschäfte unter 800 Quadratmeter) und weitere Sport- und Freizeiteinrichtungen werden geschlossen. Museen bleiben mit einem Drittel der Kapazität weiter geöffnet. Zusammenkünfte von mehr als sechs Personen sind verboten.
Spanien gilt als eines der am stärksten von der Pandemie betroffenen Ländern in Europa. Hintergrund sind Expert*innen zu Folge der mehrwöchige Lockdown im Frühjahr, der zu unverantwortlichem Kompensationsverhalten im Sommer geführt habe sowie Versäumnisse der Regionalverwaltungen zu Beginn der zweiten Welle. Ob der Gesundheitsnotstand bis Mai 2021 verlängert wird, wie Ministerpräsident Pedro Sanchez plant, entscheidet in den kommenden Monaten das Parlament.
Süddeutsche
Handelsblatt
Tagesschau (warum Spanien die Pandemie so hart trifft)
Tagesschau (Über den Gesundheitsnotstand)
Auswärtiges Amt

Lage in Frankreich: strengere Maßnahmen ab dem 30.10. 
Aufgrund der weiterhin steigenden Infektionszahlen hat Staatschef Emmanuel Macron weitere Maßnahmen angeordnet. So bleiben auch in Frankreich die Bars und Restaurants geschlossen, Schulen und Kindergärten jedoch geöffnet. Die Menschen sollen nach Möglichkeit von zu Hause arbeiten und nur für notwendige Einkäufe oder Arztbesuche dieses verlassen. Die vor zwei Wochen erlassenen Maßnahmen, unter anderem nächtliche Ausgangsbeschränkungen, hatten nicht die nötige wirkung um die Infektionszahlen auf einem gleichbleibenden, oder sinkenden Niveau zu bringen. Die nun neuen starken Beschränkungen gelten vorerst bis zum 1.Dezember.  
Tagesschau 

Sport: Vereinssport kein Infektionstreiber laut DOSB
DOSB-Präsident Hörmann kritisiert das Verbot des Amateursports trotz funktionierender Hygiene-Konzepte. Die Hygiene-Konzepte seien bisher mit großer Disziplin erfolgreich umgesetzt worden, so der Chef des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB). Der Sport bleibe weiter solidarisch, sei aber kein Infektionstreiber. Um auch künftig auf den Vereinssport zählen zu können, forderte Hörmann Unterstützung im Rahmen der angekündigten Nothilfen.
Deutscher Olympischer Sportbund (DOSB)

Corona in Zahlen
In Deutschland sind 1.053.869 Menschen als infiziert getestet worden (Stand: 30.11.2020 00:00 Uhr, Quelle: RKI), das sind 11.169 Personen mehr als am Tag zuvor.

Warum diese Zahlen? Wir zitieren hier die offiziellen Zahlen des RKI, diese werden einmal täglich – immer um Mitternacht – vom RKI aktualisiert und um 10 Uhr morgens online veröffentlicht. Und warum gibt es hier nicht mehr davon? Es ist wichtig, die aktuell angeratenen Verhaltensweisen zu befolgen, das wissen wir alle. Zahlen über Neuerkrankte helfen uns dabei nicht. Achtet aufeinander und haltet Distanz.

Gesundheitsticker: 43.587.601 Menschen sind weltweit wieder genesen, das sind 41.136 Personen mehr als gestern Früh. Davon 722.300 in Deutschland (Stand: 30.11.2020 09:28 Uhr, Quelle: Worldometers).

Von Mensch zu Mensch

Wut ist ein Gefühl, das viele Verwandtschaften hat - es ist sensibel für Fairness, Unsicherheit, Kränkung und auch Angst. In dieser Ausgabe feiern wir ein Familienfest der Wut und lesen von ermutigenden, verzweifelten und erleichternden Wuterfahrungen. Auch über die aktuelle Krise - manchmal tut es sogar gut, jemandem einfach nur dabei zuzusehen, wie er oder sie die Luft rauslässt. Den Anfang macht Tina, die aus ihrer Angst über die Wut zur Selbstbehauptung gefunden hat - ganz schön mutig war das Ganze auch. Aber lest selbst.

Wut feat. Angst
Tina

Vor 2 Jahren jobbte ich an den Wochenenden als Bedienung in einem Café. Ich verbrachte dort gerne meine Zeit. Meine Kollegen waren für jeden Spaß zu haben und die Gäste liebten mich. Auch mit meiner Chefin bildete ich ein gutes Team. Bis zu jenem Tag!

In Frankfurt am Main findet alljährlich das legendäre Schweizer Straßenfest statt. An diesem Tag tummelt sich dort alles, was Rang und Namen hat. Hunderte von Menschen feiern  ausgelassen bis in die späten Abendstunden. Und genau mittendrin in der Einkaufsmeile lag das Café. Für ein Angsthäschen wie mich, der blanke Horror. Also überlegte ich Wochen zuvor, wie ich galant aus dieser Situation herauskam ohne meine Angststörung preiszugeben. Da Urlaub auf Krankenschein nicht meine Art ist, entschied ich mich, einen offiziellen Urlaubstag zu beanspruchen. Doch bevor ich das in die Wege leitete, wollte ich erst einen Kollegen finden, der für mich einsprang. Dieser war auch schnell gefunden, Jackpot!  Nun konnte ich problemlos das Straßenfest umgehen. Na das läuft doch wie am Schnürchen, dachte ich, doch damit nahm die Katastrophe ihren Lauf.

Als ich freudestrahlend mit meinem Ass im Ärmel, am nächsten Tag bei meiner Chefin um diesen Urlaubstag bat, reagierte sie völlig unerwartet. Sie war außer sich. Auch, dass ich schon Ersatz gefunden hatte, besänftigte sie nicht. Sie wollte unbedingt, dass ich an diesem Tag bediente. Ihre Stimme wurde lauter und ihr Ton rauer. So wütend hatte ich sie noch nie erlebt. Wie versteinert stand ich da und verstand nicht, was gerade vor sich ging. Immer wieder betonte sie, dass ich zum Dienst erscheinen müsse. So langsam erkannte ich den Ernst der Lage und ein mulmiges Gefühl beschlich mich.

Plötzlich stand ich mit dem Rücken zur Wand. Jetzt konnte mich nur noch die Wahrheit retten.  Doch sollte ich meine Angststörung wirklich preisgeben? Wenn ich meinen Nebenjob behalten wollte, musste ich wohl oder übel in den sauren Apfel beißen. Also erklärte ich ganz selbstverständlich, dass ich solche großen Menschenmassen aufgrund meiner Platzangst vermeide. Hätte ich es mal besser gelassen! Denn die Aussage (auch wenn sie der Wahrheit entsprach), ließ sie fast explodieren. Sie schrie mich an, dass ich meine Phobie beim Einstellungsgespräch hätte erwähnen sollen, denn dann wäre ich niemals eingestellt worden. Ihr lautes hysterisches Gebrüll schallte quer durch’s gesamte Café. Diskretion? Fehlanzeige! Geschockt sah ich sie an und brachte keinen Ton über meine Lippen. Ich war unfähig, zu reagieren. Mir hat es schlichtweg die Sprache verschlagen. Niemals hätte ich mit dieser Reaktion gerechnet. In diesem Moment, ahnte ich, dass dies nicht ohne Folgen bleiben würde.

Einige Tage später, bekam ich die fristlose Kündigung, mit der Begründung, dass sie mit meiner Angststörung so gar nicht umgehen kann. Naja, nach ihrem filmreifen Auftritt, war das abzusehen. Trotz allem war ich unendlich traurig und wütend zugleich. Tagelang lief ich mit verquollenen Augen herum, weil ich mich nachts in den Schlaf weinte. Ich fühlte mich unbedeutend und wertlos. Es wollte nicht in meinen Kopf, dass man so schnell ersetzbar ist. Ganz egal, wie gut ich meinen Job gemacht habe und wie sehr die Kundschaft von mir begeistert war. Ich wurde von jetzt auf gleich, wie ein altes paar Schuhe entsorgt. All meine positiven Eigenschaften, von denen meine Chefin so begeistert war, zählten plötzlich nicht mehr. Diese unfassbare Ignoranz war für mich unbegreiflich. Eine Kündigung zu erhalten, wegen einer Angststörung, die in keiner Weise bisher mein Arbeitsverhalten beeinträchtigt hatte... ich verstand es einfach nicht! Es ging doch lediglich nur um einen lapidaren Urlaubstag.

Eine liebe Freundin unterbreitete mir den Vorschlag, aufs Arbeitsgericht zu gehen und bot mir ihre uneingeschränkte Unterstützung an. Aber diesen Schritt zu wagen, jagte mir Angst ein. Wie sollte das mit meiner Höhen/Platzangst funktionieren? Und erschwerend kam noch hinzu, dass ich ziemlich unwissend in gerichtlichen Angelegenheiten war. Somit würde ich mich komplett auf neues Terrain begeben. Jedoch ließ mich der Gedanke nicht mehr los, denn diese Ungerechtigkeit wollte ich nicht länger dulden. Mein Selbstwertgefühl war am Boden und dort konnte es nicht länger liegen bleiben. Schlagartig bäumte sich meine Wut auf. Sie trocknete meine Tränen und verlieh mir die nötige Kraft, die ich so dringend brauchte.

Meine Freundin schlug mir vor, dass wir uns gemeinsam das Arbeitsgericht anschauen. Begeistert nahm ich ihren Vorschlag an. Denn so hatte ich die Möglichkeit, ein Gespür dafür zu bekommen, ob ich der Prozedur überhaupt gewachsen war. Also machten wir uns gemeinsam auf den Weg dorthin. Allen voran die treibende Kraft - meine Wut. Jedoch, umso näher wir dem Gerichtsgebäude kamen, umso leiser wurde meine Wut. Meine Freundin nahm mich an die Hand und sagte: „Du schaffst das“. Doch so sicher war ich mir nicht mehr. Denn plötzlich war diese unaufhaltsame Angst da. Meine Angst löste die Wut ab. Na das konnte ja heiter werden! Von meiner Wut war weit und breit nichts mehr zu spüren. So ein Feigling!

Jetzt stand ich mit meiner dominanten Angst vorm Gericht und wollte nur weg. Doch meine Freundin hinderte mich daran zu flüchten. Sie sagte: „Lass die Angst kommen“. Zitternd ließ ich meine Angst zu. Was hatte ich auch für eine andere Wahl? Denn ich war schon so in dem Strudel der Angst gefangen, dass es in diesem Moment kein Entrinnen mehr gab. In Minutenschnelle bekam ich die geballte Kraft einer Panikattacke zu spüren. Hilflos und unfähig, mich zu bewegen, stand ich einfach nur da und hielt mich an meiner Freundin fest. Ich realisierte nicht mehr was um mich herum geschah. Jetzt blieb mir nichts anderes übrig, als mich der Situation zu fügen. Doch zu meiner Überraschung verflog die Panikattacke, so schnell  wie sie gekommen war.  Wow, diesen Ablauf hatte ich mir morgens beim Frühstück auch noch ganz anders vorgestellt. Als sich meine Angst wieder verflüchtigt hatte, kam meine Wut erneut zum Vorschein. Wie schön, dass du dich auch mal wieder blicken lässt, schimpfte ich innerlich. Du bist schließlich der Grund, warum ich hier bin, dann bleib auch  gefälligst hier! 

Und somit war der Startschuss gefallen, um einen Gerichtsprozess in die Wege zu leiten. Denn was sollte erfolgversprechender sein, als eine durchstandene Panikattacke vorm Gerichtsgebäude.

Bis zur Gerichtsverhandlung ging ich regelmäßig zweimal die Woche dorthin und nahm an öffentlichen Verhandlungen teil, um ein Gespür für den Ablauf und die Atmosphäre zu bekommen. Immer im Gepäck: meine Wut, die mich bis nach der Verhandlung nicht mehr verließ. Sie erinnerte mich daran, tapfer durchzuhalten, wenn mir doch mal die Puste ausging. Denn es waren wirklich harte Wochen die mir einiges abverlangten. Meine Wut entpuppte sich als Katalysator, der mich immer wieder antrieb. Sie ließ mir sprichwörtlich Flügel wachsen.

Meine Gerichtsverhandlung meisterte ich Bravour und hatte das Recht auf meiner Seite.


Es war leicht, gleich mit wütend zu sein! Was Tina da widerfahren ist, ist Grund genug auch aus der Distanz heraus wütend zu werden. Gleichzeitig ist es versöhnlich zu lesen, wie sie Kraft aus diesem Erlebnis gezogen hat. Annikas Text hingegen holt uns mitten in der Wut ab. Einer Wut, die viele von uns in den letzten Wochen gefühlt haben: gegenüber Menschen, die einfach nicht verstehen, dass wir das Pandemie Geschehen beeinflussen können. Menschen, gegenüber denen unsere Hilflosigkeit spürbar wird - und sich dann schnell in Wut wandeln kann.

Von Verzweiflung, Ignoranz und Toilettenpapier
Annika

Ich bin wütend, sauer, traurig. Kein schöner Einstieg für einen Text? Stimmt. Aber es fühlt sich auch nicht schön an. Und je länger ich darüber nachgedacht habe, wie ich ihn leichter formulieren könnte, desto mehr steigerten sich meine negativen Gefühle. Das hier ist nun die Konsequenz dessen.

Was mich so wütend macht? Menschen. Oder vielmehr die Ignoranz und der Egoismus mancher Personen. Corona-Leugner*innen, Wutbürger*innen, Querdenker*innen - wie auch immer sie sich nennen mögen. Für mich sind sie nur eins: eine echte Bedrohung für all das, was mir lieb ist. Sie machen wir Angst. Und Angst führt bei mir nun einmal oft zu Wut. 

Ich möchte nicht mehr mit anderen Menschen beim Wocheneinkauf diskutieren müssen, ob die Maske jetzt „tatsächlich auch über die Nase“ zu ziehen ist. Ich möchte nicht immer wieder darauf hinweisen müssen, dass Abstände eingehalten werden. Und ich möchte, verdammt nochmal, nicht mehr gefragt werden, ob ich denn „tatsächlich jemanden kenne, der erkrankt ist“. Ja. Ich kenne sogar jemanden, der vor Kurzem an COVID-19 verstorben ist. Ohne Vorerkrankungen. Und ich habe lange überlegt, ob ich das im Rahmen dieses Textes überhaupt erwähnen möchte - ob es innerhalb dieses Formats überhaupt erwähnt werden darf. Ich habe mich schlussendlich dafür entschieden. Denn dass es sich bei Corona nicht um einen harmlosen Schnupfen handelt, wissen wir mittlerweile alle. Das Virus zu bekämpfen, liegt allerdings auch an uns allen. Wir sind nicht machtlos. Jede Entscheidung, eine Massenveranstaltung nicht zu besuchen, einen Mund-Nasen-Schutz zu tragen oder persönliche Kontakte zu minimieren, kann das Infektionsgeschehen mindern und uns schützen. 

Dass es inmitten dieser Situation tatsächlich noch Menschen gibt, die die Pandemie leugnen oder an COVID-19-Sterbende mit Verkehrsunfallopfern vergleichen, die nun einmal nicht zu vermeiden wären, macht mich so wütend, dass ich mich in persönlichen Kontakten mit diesen Menschen manchmal sehr zusammenreißen muss. Nicht, weil ich sonst handgreiflich werden würde (zugegeben, in meiner Vorstellung vielleicht manchmal schon), sondern weil ich dazu neige, auf meine Wut sehr emotional zu reagieren. Und das Letzte, was ich in diesen Situationen machen möchte, ist weinen. Vermeintliche Schwäche zeigen. Das würde meine Wut nur auf mich selbst lenken und das macht das Problem schließlich auch nicht besser. Also verlasse ich die Situation, wenn ich merke, dass sachliche Argumente zu keinem Ergebnis oder einer in irgendeiner Form konstruktiven Diskussion führen. 

Und dann ist da in mir ganz viel Verzweiflung. Und - mal wieder - Wut. Wut darüber, dass ich mich der Situation nicht weiter gestellt habe. Rein kognitiv weiß ich zwar, dass jeder weitere Versuch, ein konstruktives Gespräch zu führen, nicht gefruchtet hätte. Aber wer sagt das jetzt meinem Bauch? Der rumort nämlich ordentlich und fordert eindrücklich einen Abbau meiner negativen Gefühle. Aber ich weiß einfach nicht, wohin mit ihnen. Die Beklemmung bleibt.

Das führt dann auch mal dazu, dass mir beim Anblick der leeren Toilettenpapierregale im Supermarkt Tränen in die Augen steigen (vor Wut, nicht vor Trauer - ihr wisst?). Nicht, weil ich unbedingt welches kaufen wollte und das nun nicht mehr kann. Sondern weil mir diese Situation  den Egoismus, aber auch die Verzweiflung einiger Menschen bewusst werden lässt. Weil ich selbst nicht genau weiß, wohin mit meiner eigenen Verzweiflung. Und dann stehe ich vor dem Supermarktregal und versuche hektisch, meine Tränen wegzublinzeln.

Vielleicht wartet ihr nun darauf zu erfahren, wie meine Techniken gegen die Wut aussehen. Allerdings muss ich euch enttäuschen - ich habe keine. Das Einzige, was mir manchmal hilft, meine Verzweiflung und meine Wut abzubauen, ist das Gespräch mit lieben Menschen aus meinem Umfeld. Menschen, die mir zeigen, dass es auch noch Personen gibt, die die Pandemie ernst nehmen, ohne dabei Panik zu verbreiten. Dass es um mich herum nicht nur Corona-Leugner*innen oder Querdenker*innen gibt. Dass es okay ist, sich über deren Argumente auch mal aufzuregen - aber dass das nicht meinen einzigen Tagesinhalt darstellen darf. Und manchmal beruhigt sich dann auch mein Bauch wieder ein bisschen.


Annika beschreibt einen Frust, den viele von uns nur zu gut verstehen können - zum Beispiel Anne. Sie hat auf angstfrei.news sogar einen Brief an das Virus geschrieben, dessen Tinte ihr Ärger über diese ganze Situation war. Und sie hat es geschafft, ihrem Ärger Luft zu machen und in etwas kreatives umzusetzen. Ein versöhnlicher Abschluss dieser Rubrik für alle, die nach einem Ventil für ihre Wut suchen.

Veranstaltungen, Supermärkte, kleine Kinder und die liebe Kunst
Anne

Vor ein paar Wochen schrieb ich einen Brief an das Corona-Virus. Ich schrieb ihn aus Wut. Aus Wut über eine abgesagte Veranstaltung, auf die ich mich schon sehr gefreut hatte. Vergangenen Samstag hätte diese Veranstaltung der Lit.cologne nun eigentlich statt gefunden. Mein Kalender wies mich unsanft darauf hin. Und nun? Wieder Wut? Nein, viel mehr Erleichterung. Erleichterung, dass die Veranstalter so weitsichtig waren und ich mich nun nicht entscheiden musste, ob ich dort hingehen sollte. 

Dennoch überkommt mich dieser Tage häufig Wut. Wut auf Menschen, die scheinbar sorglos ohne Maske durch die Straßen gehen, auf denen Maskenpflicht herrscht. Wut auf Menschen, deren Atem man im Nacken spürt, wenn man an der Supermarktkasse ansteht. Und mit jedem mal fällt es mir schwerer, sie freundlich anzusprechen. „Entschuldige bitte, aber könntest du zwei Schritte zurück gehen? Ich fühle mich unwohl, wenn du so nah stehst. Und schneller geht es ja nun auch nicht, wenn wir enger an der Kasse stehen.“ Diese Sätze habe ich schon so häufig gesagt. Die Reaktionen waren im Sommer meist verdrehte Augen, inzwischen begegnen mir die Angesprochenen aber mit mehr Verständnis und entschuldigen sich meist. „Sorry, ja klar. Hatte ich vergessen,“ höre ich dieser Tage häufig. Und zack ist sie da, die Wut. “Wie kann man das denn vergessen? Nach über einem halben Jahr leben in und mit der Pandemie.” Denke ich, aber sage nichts.. Ich halte an mich, atme tief durch und erwidere nichts. 

Manchmal überkommt uns die Wut mit einem Satz, einer Geste, in einem Moment und ich frage mich, wo sie denn so schnell herkommt. 

Aber das stimmt ja so gar nicht. Plötzlich kommt sie selten. Meistens bahnt sie sich an, auf leisen Sohlen. So leise, dass wir sie in Alltagsstress und Hektik nicht anschleichen hören, bis sie mit einem lauten „Buuhhh“ um die Ecke springt und wir nicht anders können, als zu reagieren. Entweder wir geben ihr, meistens laut, Raum und lassen sie raus, oder wir geben unser Bestes, sie wieder hinter die Ecke zu verbannen, in unser Innerstes, wo sie nur auf die nächste Gelegenheit wartet, wieder hervor zu springen. Mit noch mehr Kraft und Energie. Und wir müssen noch mehr Energie aufbringen, die Wut abermals wegzusperren. Mit jedem mal scheint sie an Kraft dazu zu gewinnen, nähert sich scheinbar aus der Unterdrückung.  

Aber ist das so klug und gesund? Sich immer im Griff zu haben und die Wut zu beherrschen und zu unterdrücken? 

Wut ist ein Gefühl, genauso wie Freude, Liebe, Angst und Schmerz und hat als solche eine Daseinsberechtigung. Sie ist nicht per se schlecht, oder gut. Sie ist einfach nur. Der Umgang mit diesem Gefühl lässt sich schon eher in diese Kategorien, gut und schlecht, einteilen. Aber wie soll man einen guten Umgang mit Wut erlernen, wenn wir von klein auf beigebracht bekommen, dass wir nicht wütend zu sein haben? Dies trifft auf Mädchen und Frauen noch mehr zu, als auf Jungs und Männer. Eine Antwort darauf habe ich nicht. 

Ich glaube, ein wichtiger Schritt wäre es aber zu lernen, Wut auszuhalten. Auch wenn es zunächst unangenehm ist. Denkt man nur an das wütende, trotzige Kind, was sich im Supermarkt schreiend auf den Boden wirft, weil es dieses oder jenes Produkt nicht haben darf. Und die Wut steigert sich noch, weil das Elternteil keine Zeit hat, sich jetzt gerade mit dem Unmut auseinander zu setzen, wollten sie doch nur schnell ein Paket Nudeln kaufen. Aber jedes Elternteil, jeder der mal so einen Wutanfall eines Kindes erlebt hat weiß, der Einkauf geht schneller vonstatten, wenn man sich diese Zeit nimmt. Wenn ich dem Kind und seinen Bedürfnissen in diesem Moment Gehör schenke, was noch lange nicht heißt, dass man den Wünschen nachgeben muss. Aber der Supermarktbesuch ist bestimmt schneller erledigt, als wenn man den Gefühlsausbruch mit einem „NEIN“ abschmettern und im Keim ersticken möchte. Dies funktioniert in der Regel nicht. Glaubt mir, ich habe da einige Erfahrung. 

Und vielleicht ergibt sich hieraus doch eine Antwort auf die Frage, wie wir mit Wut umgehen können. Zuhören. Zuhören unseres wütenden Gegenüber, aber auch uns selbst. Denn so können wir die Gründe erkennen. Und Gründe für Wut gibt es immer. Also hören wir ihr zu, nehmen sie an und schaffen es vielleicht, sie in konstruktive Lösungen zu kanalisieren, statt sie auf unbestimmte Zeit in unserem Innersten weg zu sperren. 

Ich habe mir, nach meinem letzten Supermarktbesuch und der eben beschriebenen Wut über das “Hab ich vergessen“ am Abend ein Bild geschnappt. Eine Leinwand, die stets von A nach B in der Wohnung wanderte, weil ich mit dem Motiv stets unzufrieden war. Schon seit einem Jahr habe ich immer wieder etwas geändert, aber zufrieden war ich nie. 

Mit meiner Wut im Gepäck habe ich mir Farbe geschnappt und alles überpinselt. Die Wut verebbte während dieser Arbeit und tatsächlich bin ich nun sehr zufrieden mit dem Bild. Als Erinnerung an einen konstruktiven, befreienden Umgang mit Wut, hängt es nun im Wohnzimmer. 

Und das Veranstaltungsticket? Ich habe es nicht zurückgegeben. Nicht gegen einen Gutschein, Geld oder eine Spendenquittung eingetauscht. Ich habe es eingerahmt, zusammen mit einem Blatt Klopapier. Wie es aussieht, füllt diese Pandemie meine Wohnzimmerwand zunehmend. 

Von der Energie, die Wut freisetzen kann, handelt auch Annes Text. Vielleicht erinnert er Euch an ein eigenes Erlebnis, in dem ihr Eurer Wut mal so richtig Luft gemacht habt?

Tipps der Woche

Wut wird in der Regel negativ assoziiert. Schnell unterstellt man einer wütenden Person, dass sie sich wenig beherrschen kann. Was Wut positives hervor bringt wird wenig beachtet. Aber seiner Wut Raum zu geben hat auch viel mit Selbstwirksamkeit zu tun. Wenn man den Blick auf aktuelle gesellschaftspolitische Proteste lenkt, dann stellt man schnell fest, dass sie aus einer Wut heraus entstanden sind. Seien es die Black live matters Proteste in den USA, die auch hierzulande stattfanden. Sei es die Wut von Schüler*innen auf eine unzureichende Klimaschutzpolitik, aus denen Fridays for Future entstanden ist. 

Die Liste ließe sich endlos fortsetzen. Und aus diesem Blickwinkel hat Wut einen positiven Effekt, wenn sie denn entsprechend kanalisiert wird. Natürlich besteht immer auch die Möglichkeit, dass ein wütender Protest umschlägt und sich die Wut auch körperlich Bahn bricht. Doch um so wichtiger ist es, Wege zum Umgang mit ihr zu finden und ihr und den wütenden Menschen, Gehör zu schenken. 

Wut verstehen?
Willst Du Deine Wut besser verstehen, wünschst Dir einen konstruktiven Umgang mit diesem Gefühl? Dann schau dir das Video von der Glücksdetektivin an. Vielleicht hast Du danach ein ganz neues Bild von diesem wichtigen Teil Deiner Gefühlswelt.
Umgang mit Wut - 12 Tricks um loszulassen (Glücksdetektiv)

Was nützt Wut (im Netz)?
Wut sorgt für Klicks - wer sich so richtig aufregt, der kann gewiss sein, dass er oder sie auf Twitter, Instagram oder Facebook auch Aufmerksamkeit bekommt. Sie ist aber auch - im Netz oder in der realen Welt - Ressource für Kraft und Veränderung. Warum also sollten wir diese Kraft nicht nutzen und digitale Wut auf die reale Straße bringen, wie Fridays for Future es machen. Einen flammenden Beitrag über den Nutzen der (digitalen) Wut hört ihr bei medias res. 
Deutschlandfunk

Wut bewusst fühlen!
Betrachten wir die in erster Linie negative Grundstimmung, die das Thema Wut mit sich bringen kann, liegt es auf den ersten Blick vielleicht nahe, Wut und Ärger herunterzuschlucken oder sogar zu verdrängen. Frei nach dem Motto: „Wenn wir bloß nicht mehr daran denken und uns nicht mehr aufregen, geht es uns besser“. Weshalb das nicht ganz der Wahrheit entspricht, das Unterdrücken von Wut sogar krank machen kann und wieso es bereits sogenannte „Wut-Seminare“ gibt, könnt ihr in einem Beitrag auf Deutschlandfunk Kultur nachlesen.
Deutschlandfunk Kultur

Mach was! Werde zum Kiez-Retter!
Macht es dich wütend, dass dein Lieblingscafé, oder dein Lieblingsclub die Pandemiezeit möglicherweise nicht überlebt? Möchtest Du deinen Kiez unterstützen, oder suchst als Betreiber nach einer Möglichkeit, Spenden zu sammeln? Dann schau doch mal auf dem Portal Kiezretter vorbei. 20 motivierte Köpfe haben sich beim #WirvsVirus Hackathon zusammengeschlossen und eine Plattform ins Leben gerufen, über die Geld gespendet werden kann. Support your Kiez!!
zu den Kiez-Rettern

Dies und Das

Erziehung zur Anpassung
Die meisten von uns wurden wahrscheinlich so erzogen, dass sie ihre Wut nicht als solche zum Ausdruck bringen. Gerade bei Mädchen war dies meist noch stärker ausgeprägt als bei Jungs, auch wenn es langsam zu einer anderen Entwicklung kommt. Diesem Thema, Wut und Frauen, mit Blick sowohl auf gesellschaftspolitische als auch ganz persönliche Aspekte, hat sich Teresa Bücker gewidmet. In der schon im März erschienen Kolumne der Süddeutschen fragt sie “Ist es radikal, wütend zu sein?” Ihre Antwort auf eine zeitlose und zeitgemäße Frage könnt ihr hier nachlesen.

“Druck” unter Corona-Bedingungen
Von der Webserie “Druck” läuft gerade die fünfte Staffel. Die Serie begleitet einige Jugendliche, wie sie erwachsen werden. In der aktuellen Staffel stehen psychische Krankheiten und Alkoholismus in der Familie im Fokus. Auch die Corona-Situation wird thematisiert, stellt aber nicht das zentrale Thema dar.
Die Folgen werden über die Woche abschnittsweise in einzelnen Clips und freitags dann vollständig veröffentlicht.
Offizielle Seite von "Druck" | "Druck" auf YouTube

Wut in Versen
Zum großen Finale laden wir Euch ein, diesem Poetry Slam Beitrag zu Wut zu lauschen. Treffsicher, galante Wortwahl und relevant. Mehr muss man dazu nicht sagen - hört einfach mal rein!
zum Video

Wir hoffen, euch hat die Ausgabe gefallen und ihr nehmt eure eigene Wut nun vielleicht etwas anders war. Freut euch auf unsere nächste Ausgabe zum Thema “Loslassen”. Bis dahin eine gute Woche wünscht euch Euer angstfrei.news-Team. 

Kleine Erinnerung:
Wir freuen uns sehr, wenn ihr dieses neue Format mit einem Extra-Feedback bedenkt, nur so können wir lernen. DANKE!

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