Foto: Alexander Huber

 

Die Angst des Kletterers vor dem Berg

Perspektiven eines Berg-Profis beim Extremklettern

Alexander Huber ist einer der besten und bekanntesten deutschen Bergsteiger und Kletterer aller Zeiten. Insbesondere als „Huberbuam“ – zusammen mit seinem Bruder Thomas – kennen ihn auch viele Mitmenschen, die keinen Bezug zum Bergsport haben. Wenn man ihn (wie 2002 an der „Großen Zinne“ in den Dolomiten) in einer fast 500m hohen Wand, ohne Seilsicherung und nur an einer Hand hängen sieht, dann kriegen manche schon beim bloßen Hinsehen feuchte Hände und man könnte denken: Wer sowas macht, der kennt keine Angst! Alexander Huber hingegen hat ein Buch geschrieben mit dem Titel „Die Angst – Dein bester Freund“. Wie er das meint und welche Tipps er im Umgang mit Höhenangst für uns hat, das haben wir ihn selbst gefragt.

01.01.2023 – Deutsche Angst-Hilfe e.V.

daz.digital: Lieber Alexander, viele unsere Leserinnen und Leser kennen Dich als unseren langjährigen Schirmherren. Dein Engagement für die Deutsche Angst-Hilfe e.V. hat aber vermutlich nichts mit Höhenangst zu tun, richtig?

Nein, mein Engagement für die Deutsche Angst-Hilfe e.V. hat nichts mit Höhenangst zu tun. Mein Buch „Die Angst, dein bester Freund“ und die darin beschriebene Auseinandersetzung mit dem Thema Angst war der Anlass, dass ich mit euch, der Deutschen Angsthilfe, immer wieder zusammengekommen bin. Die im Buch beschriebene Angststörung, die ich selbst durchlebt habe, hat mein Leben entscheidend mitgeprägt und ich bin dabei unheimlich dankbar, dass ich damals die wichtige psychotherapeutische Unterstützung zur Überwindung dieser Krise bekam.

Was hat Dir damals geholfen?

Das wichtigste ist zuerst mal, dass man sich selbst eingesteht, die innere Mitte und den inneren Kompass verloren zu haben. Wie so oft war es auch bei mir ein schleichender Prozess, der am Ende mit einem Ereignis urplötzlich und fulminant eskalierte. Da zieht es dir den Boden unter den Füßen weg und ich hatte in diesem Moment nicht einmal mehr den Mut, meinen Freunden zu begegnen. Da habe ich für mich eine der besten Entscheidungen meines Lebens getroffen: Ich brauche und suche mir eine professionelle Hilfe.

Kommt diese Angst von damals manchmal wieder? Falls ja, wie gehst du damit um? Falls nein, was schützt dich davor?

Genauso wie es mir in der Therapie erklärt wurde, kamen die Ängste immer wieder. Eine Krise endet nicht einfach so, sondern schwingt nach. Wenn man sich aber konsequent mit seinen Problemen im Leben auseinandersetzt, dann werden auch Lösungen gefunden und mit jeder überwundenen Krise steigt die Selbstsicherheit, dass man auch diese neue Krise irgendwann hinter sich lassen wird.

Das Thema unseres aktuellen Schwerpunktes ist Höhenangst. Direkt gefragt: Kennst du Höhenangst?

Freilich kenne ich Höhenangst, denn sonst würde ich in der Senkrechten genauso entspannt ungesichert unterwegs sein wie in der Waagrechten. Diese Urangst bewahrt uns Menschen davor, im absturzgefährdeten Gelände allzu sorglos unterwegs zu sein. Allerdings bin ich natürlich sehr erfahren im Umgang mit der Höhenangst, so dass mich fast ausschließlich die positive Auswirkung der Angst begleitet: volle Konzentration.

Andrea Zenenga/pexels.de

 

Die Drei Zinnen in den Dolomiten. Die 500 Meter hohe Wand der Großen Zinne in der Mitte bestieg Alexander Huber free solo, also ohne Seilsicherung.

In deinem Buch „Die Angst, Dein bester Freund“ beschreibst du sehr anschaulich deine Beziehung zur und deinen Umgang mit der Angst, auch am Berg. Inwieweit spielt Angst beim Risikomanagement am Berg eine Rolle?

Am Berg ist ganz klar die Angst unsere wichtigste Überlebensversicherung. Und das nicht nur, wenn ich ohne Sicherung im steilen Fels unterwegs bin. Die Lawine zum Beispiel ist eine heimtückische Gefahr, die auch substanziell unser Leben bedroht. Hier braucht es tatsächlich schon ein hohes Maß an Wissen und Kompetenz, die Gefahren zu erkennen und diese richtig einzuschätzen, um dann die richtigen Schlüsse daraus zu ziehen. Wenn ich als erfahrener Bergsteiger nach der entsprechenden Analyse immer noch ein „schlechtes Bauchgefühl“ habe, dann gibt es zum Überleben nur eine richtige Schlussfolgerung: Umkehren! Und so gilt es auch bei der Höhenangst: Wenn man ein ungutes Gefühl hat, dann muss man umkehren. Später kann man es gegebenenfalls unter besseren Bedingungen, nach mehr Training oder mit einem kompetenten Partner noch einmal versuchen.

Dabei spielt ja auch das „richtige“ Selbstvertrauen, also eine gute Selbsteinschätzung eine große Rolle. Sprich: Inwieweit kann ich mir, meinen Erfahrungen und Skills vertrauen, dass ich die Risiken richtig einschätzen und die Situation tatsächlich meistern kann. Wenn ich mir da nicht ganz sicher bin, was würdest du empfehlen?

Wenn man sich nicht sicher fühlt, dann gibt es nur das Zurückziehen als richtige Konsequenz. Wenn es aber ein wichtiges Ziel ist, die bisher bekannte Barriere und damit sich selbst zu überwinden, dann muss man konsequent daran arbeiten: unter kompetenter Anleitung, unter guten Bedingungen und im angepassten Niveau beginnen und langsam steigern. Frei nach dem Prinzip: sich immer wieder herausfordern, aber dabei nie überfordern. Schlechte Erfahrungen bei Überforderung sind extrem kontraproduktiv!

Passt dazu auch dein Ausspruch: „Lerne mit der Angst zu leben und Du wirst daran wachsen“?

Passt natürlich auch hier und bedeutet: Setze dich mit deiner dir bekannten Höhenangst beständig und konsequent auseinander, lass dir helfen, fordere dich dabei selbst heraus, vermeide aber negative Erfahrungen. Wie auch sonst alles im Leben, ist auch die Auseinandersetzung mit der Höhenangst trainierbar!

Zu deiner free-solo Besteigung der „Großen Zinne“ steht auf deiner Website: „Die Angst löst die notwendige volle Konzentration aus, die Welt reduziert sich auf die wenigen Quadratzentimeter des nächsten Griffes.“ Viele Betroffene von Höhenangst befürchten eher das Gegenteil: Blockade, zittrige Hände, Hektik und Panik. Hattest du diese Sorge auch schon mal?

Auch ich hatte im Vorfeld der Free-Solo-Begehung dieses Wechselbad der Gefühle. Einerseits das Vertrauen in mich selbst, dass ich es kann und andererseits der Zweifel, mit dem Schreckensbild der Panik. Das hat mir aber gezeigt, dass ich mich voll und sehr bewusst mit den Konsequenzen auseinandergesetzt hatte und so entstand die interessante Frage, welches der Gefühle im Moment des Loskletterns gewinnen würde.

Trägt die Angst sogar wesentlich dazu bei, deine Leistung nochmal deutlich zu steigern?

Nein, die Angst lässt dich aber 100 Prozent deines Potenzials abrufen, denn das gelingt dir immer nur dann, wenn du voll bei der Sache bist und es in diesem Moment nichts anderes gibt als das, was du gerade machst.

Das wird schwer Betroffene von Höhenangst sicher erstmal verwundern. Denn vielen Menschen mit starker Höhenangst ist diese (subjektiv erlebt) nur im Weg, ein Klotz am Bein, bis hin zu einer wirklich schweren Belastung im Leben. Bei dir hingegen hat man den Eindruck, die Angst trägt einen wichtigen Teil zu deinen Höchstleistungen bei. Wie erklärst du dir diese Diskrepanz in der Wirkung der Angst?

Ich denke, bei den vielen von Höhenangst blockierten Menschen fehlt einfach die Strategie und das Selbstvertrauen, diese konsequent anzugehen. Hilfe von außen anfragen und dann auch annehmen, ist hier der Schlüssel zum Erfolg. Und merke: Auch hier gibt es nicht den schnellen Sieg. Slowly but steady wins the race. Kann schon sein, dass mancher beizeiten über ein Jahr Hilfe und Unterstützung von außen braucht. Aber irgendwann ist die unkontrollierte, eskalierende Höhenangst auch mal weg. Und das ist dann ein verdammt gutes Gefühl, für das es auch wert ist, einiges zu investieren.

Im Zusammenhang mit Höhenangst am Berg hört man immer wieder Leute (meist ohne ausgeprägte Höhenangst) sagen: „Selbst schuld! Wieso gehen die auch in die Berge, wenn sie Höhenangst haben. Sollen halt besser Urlaub am Meer machen!“ Was sagst du solchen Menschen?

Jeder Mensch hat seine eigenen Träume und gerade Ziele, die nicht leicht erreicht werden können, sind besonders reizvoll. Und eigentlich braucht es auch keine Erklärung, warum es so unbeschreiblich großartig ist, auf so einem fantastischen Gipfel wie dem Matterhorn zu stehen. Da steht man dann im wahrsten Sinne des Wortes „über den Dingen“.

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