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Die Angst mit rosa Mütze

Wie ein kleiner Trick helfen kann, aus der Angstspirale auszusteigen

30.11.2022 – Autorin: Bianca

Ich weiß nicht, warum die Angst so penetrant wurde

Ich weiß nicht mehr, wann es anfing. Wenn ich an meine Kindheit, Teenagerzeit oder die frühen Zwanziger denke, erinnere ich mich nicht, dass sie schon da war. Ich habe auch keine Erklärung dafür, woher sie kam oder was – wenn sie doch schon da war – sie dazu gebracht hat, so penetrant zu werden. Aber Fakt ist: Ich habe Angst. Oft. Und vor allem Möglichen.

Ein enger Freund von mir fasste es perfekt zusammen, als ich bei ihm im Auto saß und ihm erzählte, welche Worst-Case-Szenarien durch meinen Kopf gehen in Bezug darauf, was alles passieren könnte hier auf der Autobahn. „Irgendwie hast Du einfach Angst vorm Leben!“ sagte er liebevoll. Ich fand das krass, aber mir war auch klar, nie zuvor hat es jemand treffender formuliert. Denn insbesondere alles, worauf ich keinen Einfluss habe, macht mir Angst. Und es gibt nun mal sehr viele Situationen im Alltag, im Leben, auf die wir alle keinen Einfluss haben.

Mein Kopf – mein größter Feind

Ich bin ein Kopfmensch: Immer alles gut durchdacht, bestens organisiert, vorgeplant und vorgebeugt, strukturiert, häufig ein bisschen reserviert. Ich bin kreativ, Entscheidungen werden mit Bedacht getroffen und ich denke viel nach. Ich bin gerne so und gleichzeitig ist mein Kopf auch mein größter Feind, wenn es um Angst geht. Meine Gedanken treiben mich wortwörtlich in den Wahnsinn. Ich habe Gedankenspiralen, die als Drehbuch für einen schlechten Film herhalten könnten und mein Kopf spielt in vermeintlich ungefährlichen Alltagssituation ständig durch, was im schlimmsten Fall passieren kann. Negative Ausgänge von Situationen empfinde ich als sehr wahrscheinlich, positive hingegen werden kaum in Erwägung gezogen.

Ich habe Angst vor Bewertungen anderer, vor Ablehnung. Ich habe Angst mir oder meiner Familie könnte etwas zustoßen. Ich mache mir ständig Sorgen in alltäglichen Situationen, habe Angst vor Krankheit und vor finanziellen Nöten und das, obwohl es von außen betrachtet keinen Grund dafür gibt. Ich habe Angst vor der Zukunft.

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Meine Gedanken treiben mich wortwörtlich in den Wahnsinn. Ich habe Gedankenspiralen und mein Kopf spielt in vermeintlich ungefährlichen Alltagssituation ständig durch, was im schlimmsten Fall passieren kann. Negative Ausgänge von Situationen empfinde ich als sehr wahrscheinlich, positive werden kaum in Erwägung gezogen.

Ständiges Katastrophieren 

Zusammengefasst: Ich katastrophisiere. (Übrigens kennt der Duden das Wort „katastrophisieren“ nicht. Kaum zu glauben, denn ich wette, jeder der das liest und selbst mit einer Angststörung zu kämpfen hat, weiß ganz genau, wovon ich spreche.) In meinem Kopf heißt es nicht „Ich freue mich darauf, morgen in den Urlaub zu fahren“, sondern „Was, wenn ich auf der Autofahrt morgen im Stau stehe, es anfängt zu regnen und ich aufgrund von Starkregen keine Kontrolle mehr über mein Auto habe?“ Es gibt kein „Er hat vergessen, mich anzurufen“, sondern „Er ist bestimmt sauer, der konnte mich noch nie leiden“. Meine Gedanken lauten nicht „Ich bin oft müde in letzter Zeit, vielleicht sollte ich mir mehr Ruhe gönnen“, sondern „Meine Müdigkeit könnte ein Anzeichen einer schweren Krankheit sein.“ Ich kenne kein „Das wird schon klappen“ oder „Alles wird gut.“

Doch die Angst spielt sich nicht nur im Kopf ab, sie ist auch physisch spürbar. Bei mir kommt es in akuten Angstsituationen vor allem zu Herzrasen, Zittern, extremer Anspannung und manchmal halte ich sogar für ein paar Sekunden unbewusst den Atem an. Und diese körperlichen Symptome führen letztendlich zur größten Angst unter den Ängsten: Der Angst vor der Angst.

Bevor die Angst kommt, lasse ich es lieber

Die Angst vor der Angst führt häufig zu Vermeidung. Bevor ich riskiere, Angst oder Panik zu bekommen, lasse ich es lieber gleich sein. Vermeidungsverhalten ist dramatisch, denn nicht nur lässt es die Angst immer größer werden, es nimmt einem vor allem viele schöne, einzigartige und unvergessliche Lebensmomente.

Nicht zu vermeiden und sich der Angst zu stellen, raubt sehr viel Energie. Es ist anstrengend. Und es macht müde. Aber das ist ok, denn ich weiß inzwischen, dass es sich lohnt, mit Angst zu leben, anstatt sie zu vermeiden. Dass das Leben zu schön ist, um es wegen der Angst immer nur mit angezogener Handbremse zu leben.

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Heute stelle ich mir oft, wenn die Angst wieder auftritt, die Frage, warum sie da ist und was sie mir eigentlich sagen will. Und ich glaube ich kenne die Antwort. Die Angst will mich daran erinnern, Vertrauen ins Leben zu haben.

Die rosa Mütze

„Wenn die Angst wieder auftritt, setzen Sie ihr doch einfach mal eine rosa Mütze auf“, riet mir vor Jahren mal eine Therapeutin, als wir über meine Angst sprachen. Ernsthaft jetzt??? „Na klar, ‘ne rosa Mütze wird’s bestimmt richten“, machte ich diesen, in meinen Augen völlig absurden Vorschlag gedanklich erstmal zunichte. Aber der Gedanke an die rosa Mütze ließ mich irgendwie auch nicht mehr los und so probierte ich es einfach mal aus. Inzwischen wende ich die Strategie der rosa Mütze immer mal wieder an. Und nein, sie lässt meine Angst natürlich nicht verschwinden. Aber sie personifiziert sie und distanziert sie so von mir, die Absurdität dieser Vorstellung kann mich kurzfristig aus der Gedankenschleife reißen und lässt mich einfach schmunzeln. Die Angst mit einem gewissen Maß an Humor zu betrachten, kann mir in manchen Situationen helfen.

Ist also an dem sprichwörtlichen „Lachen ist die beste Medizin“ tatsächlich etwas dran? Soweit würde ich nicht gehen. Aber, wie das Beispiel der rosa Mütze zeigen soll, schafft es Abstand zur Angst. Mal ganz abgesehen von der durch Lachen ausgelösten Hormonausschüttung, die stimmungsaufhellend wirkt und Ängste verringern kann.

Zugegeben: Angst ist nicht lustig und sie lässt sich auch nicht beschönigen. Wenn es mir richtig schlecht geht, hilft mir Humor auch nicht und dann ist mir ganz und gar nicht zum Lachen zumute. Aber in weniger schlimmen Momenten gelingt es mir manchmal, mich mit meinem Humor ganz gut von den Ängsten abzugrenzen. Und auf diese Momente kommt es doch an.

Die Angst macht mich nicht aus

Doch noch wichtiger als der Humor wurde für mich die Akzeptanz. Ich habe aufgehört, die Angst mit aller Macht loswerden zu wollen. Stattdessen versuche ich inzwischen, Sie zu akzeptieren. Zu akzeptieren als Teil von mir, aber eben nur als einen kleinen Teil von mir. Ich bin nicht die Angst, sie macht mich nicht aus, aber sie ist eben einfach manchmal da.
Heute stelle ich mir oft, wenn die Angst wieder auftritt, die Frage, warum sie da ist und was sie mir eigentlich sagen will. Und ich glaube ich kenne die Antwort. Die Angst will mich daran erinnern, Vertrauen ins Leben zu haben.

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