Ricardo Dominguez/pexels.de

Kein leichter Höhenflug 

Wie ich lernte, meine Höhenangst in den Griff zu bekommen

06.01.2023 – Autorin: Heidi Bauer

Ich war schon seit einem knappen Jahr in Therapie – mit den Diagnosen Agoraphobie und generalisierter Angst -, als das Thema Höhenangst zur Sprache kam. Gegen die Agoraphobie hatte ich Gewöhnungsübungen für den Körper erlernt, etwa Schwindel und Herzrasen absichtlich zu erzeugen und auszuhalten. Später ging es darum, das Aufhalten in Menschenmengen einzuüben. Erst als dies einigermaßen gut funktionierte, begannen meine Therapeutin und ich, die Höhenangst zu bearbeiten. Leider ist es nicht möglich, alle Ängste auf einmal anzugehen, auch wenn das natürlich schön wäre und die Sache verkürzen würde.

Ich habe die Höhenangst nie als solche empfunden, mir war einfach komisch und unangenehm zumute in der Höhe und ich habe gedacht, lass es sein. Aber das ist ein Fehler. Als Angst-Patientin darf man nichts meiden, was Gefühle der Angst auslöst. Aber das wusste ich als Laie damals nicht.

Zu meiner ersten Exposition (Angstübung) begleitete mich meine Verhaltenstherapeutin. Wir stiegen auf einen 20 Meter hohen Turm. Da die Höhenangst bei weitem nicht meine schlimmste Angst war, ging es auch gleich nach ganz oben. Herzrasen bekam ich schon vom Treppensteigen, doch durch die Angst wurde es immer mehr.  In dieser Situation kann man sich ablenken und einfach in die Ferne schauen oder an etwas Schönes denken – dann schafft man es leichter, aber ihr belügt euch selbst! Genau das ist verkehrt, darum war auch die Begleitung meiner Therapeutin so wichtig.

Zur Verdeutlichung erkläre ich kurz das Prinzip der Angst-Bewältigung durch die Verhaltenstherapie. Das Gehirn muss neu lernen, in bisher angstbesetzten Situationen keine Angst mehr zu haben. Das funktioniert so: Angst-Situation betreten – Angststärke steigt – in der Situation bleiben – Angst aushalten, bis sie um die Hälfte der höchsten Angststärke sinkt – erst dann die Situation verlassen. Und das immer wieder! Ich musste das erst verstehen, aber es macht Sinn und funktioniert tatsächlich.

Foto: Heidi Bauer

 

Expositionsübung gegen Höhenangst (Foto: Heidi Bauer)

Zurück zum Turm: Ich durfte da nicht einfach oben stehen – nein, ich musste die 20 m direkt nach unten schauen, d. h. sich nicht irgendwo festhalten als Sicherheit, sondern über das Geländer nach unten schauen, bis mir so richtig schwindelig, schummrig, übel wurde. Meine Angststufe ging auf etwa 7 bis 8, wie gesagt, nicht meine schlimmste Angst. Meine Therapeutin passte auf, dass ich mich darauf konzentrierte. Beim ersten Mal dauerte es ca. 60 Minuten, bis die Angststärke um die Hälfte gesunken war. Ich wechselte den Platz mehrmals, aber schaute immer nach unten. Nach einer Stunde war ich völlig erschöpft und voller Adrenalin, aber ich hatte es geschafft und war stolz.

In den nächsten Wochen kletterte ich zwei- bis dreimal die Woche auf den Turm, ganz alleine ohne Sicherheitspersonen, die meine Ängste dämpfen konnten, und merkte mit jedem Mal, wie es mir leichter fiel und die Übungszeit sich verkürzte. Nach wie vor war ich erschöpft, Expositionen sind schwere Arbeit, aber auch das wurde weniger. Etwa drei Monate später konnte ich stolz meine Angstkurve abhaken. Meine Angst war nicht bei Null, aber nur noch ganz gering!

Wie ging es weiter? Bis heute besteige ich jeden Turm, manchmal glücklich und mit Freudentränen, an schlechten Tagen auch durchaus wieder mit Angst und Schwindel, aber dann weiß ich: Aushalten bis die Angst weniger wird und nicht schon vorher die Situation verlassen. Meine Höhenangst hält, wenn überhaupt, dann nur noch kurz an.

Mein kurzer Bericht soll anderen Betroffenen Mut machen. Ich kann euch versprechen: Es lohnt sich, den Kampf gegen die Angst aufzunehmen.

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