Yan Krukov/pexels.de

 

Online sind wir besser

Studie zeigt Tendenz zu idealisierter Selbstdarstellung im Internet

Wissenschaftler:innen der Kölner Sozial- und Medienpsychologie haben erforscht, in welchen Bereichen und bei welchen Gelegenheiten Menschen zu einer idealisierten Selbstdarstellung neigen. Die Ergebnisse zeigen: Gerade bei psychischen Eigenschaften gibt es eine deutliche Neigung, dem eigenen virtuellen Abbild idealisierte Züge zuzuweisen.

08.06.2022 – Universität zu Köln

Wie gestalten Menschen ihren Internet-Avatar?

Das Internet gibt Menschen die Möglichkeit, ihre physischen und psychologischen Eigenschaften in einem Ausmaß zu präsentieren, welches nicht mit der Realität übereinstimmt. Eine Forschungsgruppe um den Kölner Psychologen Professor Dr. Dr. Kai Kaspar stellte sich die Frage, ob und bei welchen Eigenschaften Internet-Nutzer zu einer idealisierten Selbstdarstellung neigen. Da Menschen sich in unterschiedlichen Handlungskontexten unterschiedlich verhalten und präsentieren, wurden sechs verschiedene Kontexte entworfen: Online-Dating Plattform, kompetitives Online-Gaming, kooperatives Online-Gaming, Social Network mit Freunden, Social Network mit Fremden, Social Network mit Job-Kontakten.

Für die vorliegende Studie wurden 568 Personen zufällig einem dieser sechs Online-Handlungskontexten zugewiesen. Sie mussten physische (Körpergröße und Gewicht) und persönliche Angaben (Alter, Geschlecht) machen sowie psychologische Eigenschaften angeben. Letztere sollten sie für ihr tatsächliches Selbstbild erklären, also wie sie sich tatsächlich einschätzten, für ihr ideales Selbstbild, also wie sie gerne wären, und für den Online-Avatar, über den sie sich virtuell darstellen möchten. Die Hauptfrage, der die Forscher:innen nachgingen, war: Gestaltet man den Avatar eher so, wie man wirklich ist (reale Darstellung) oder eher so, wie man gerne wäre (idealisierte Darstellung)?

Es zeigte sich, dass bei den meisten Internetnutzer:innen Körpergröße, Körpergewicht, Alter und Geschlecht zwischen tatsächlichem Selbst, idealisiertem Selbst und Avatar übereinstimmten. „Es gab in den verschiedenen Handlungskontexten in diesem Punkt nur eine geringe Tendenz, sich als Avatar anders darzustellen als man tatsächlich ist, oder als man gerne wäre“, so Kaspar, der die Studie leitete.

Schönfärben neurotischer Tendenzen

Bei den psychologischen Eigenschaften gab es hingegen eine deutliche Neigung, dem Avatar idealisierte Attribute zuzuweisen. Personen gaben sich online als extrovertierter, sozial verträglicher, gewissenhafter und weniger neurotisch aus, als sie sich tatsächlich einschätzen. Zwischen den sechs Handlungskontexten sahen die Forschenden dabei kaum einen Unterschied. „Die idealisierte Selbstdarstellung via Avatar scheint ein generelles Internet-Phänomen zu sein und sich  mehr auf psychologische Eigenschaften als auf Äußerlichkeiten zu beziehen. Dies ist angesichts der zunehmenden Bedeutung der Selbstpräsentation im Internet ein spannendes Ergebnis“, so Daniel Zimmermann, Mitautor der Studie. „Vor allem die besonders starke Idealisierung von neurotischen Tendenzen fällt direkt ins Auge“.

Zudem zeigte sich im Hinblick auf die zugeschriebenen psychologischen Charakteristika, dass die tatsächliche Unterschiedlichkeit zwischen den Personen größer ist, als die Unterschiedlichkeit, die zwischen ihren Avataren zu beobachten ist. Das bedeutet, dass Internetnutzer:innen zumeist nicht die volle Bandbreite möglicher Avatargestaltungen ausnutzen. Vielmehr scheint es eine Orientierung an sozialen Normen zu geben, weshalb sich die Avatare ähnlicher sind als die Personen im realen Leben.

Für die DASH als Betroffenenorganisation von Angsterkrankten zeigt diese Studie: Trotz aller Offenheit für Diversität gilt in unserer Gesellschaft noch immer eine soziale Norm, die scheinbare psychische Schwächen oder gar eine psychische Erkrankung lieber verheimlicht als dazu zu stehen, unabhängig von der äußeren Situation. Psychisch anders zu sein als die Masse gilt nach wie vor als Makel. Die Stigmatisierung in unseren Köpfen ist noch lange nicht vorbei.