Foto: Marina Bauer

 

Pilgern mit Angststörung

Was man auf dem Jakobsweg über das Reisen mit Angst lernen kann 

Im Juni 2021 ist Marina Bauer über den portugiesischen Jakobsweg von Porto nach Santiago de Compostela gepilgert – obwohl sie sich vorher nicht mal als besonders religiös bezeichnet hätte. Dennoch hat der Weg etwas in ihr ausgelöst, vor allem, weil er nach 20 Jahren Alltag mit Angststörung ihre erste große Reise allein war. Die Geschichte ihrer Pilgerfahrt hat sie in dem Buch Muschel, Meer und Mut aufgeschrieben. Im Interview spricht sie über die Magie und die Herausforderungen des Jakobswegs und erklärt, warum ihr gerade dieser Weg besonders gut erscheint, der Angst entgegenzutreten.

13.01.2023 – Interview und Text: Sandra Kathe

Es kribbelt beim Lesen, und das aus zweierlei Gründen. Einmal, weil das Fernweh ruft, einem sagt, dass man eine Reise wie diese unbedingt auch mal antreten sollte: für das persönliche Wachstum, das Zusammentreffen mit Fremden, aus denen für kurze oder lange Momente Freunde werden, für die Sonnenuntergänge und die Glücksgefühle nach jeder geschafften Tagesetappe bis Santiago de Compostela. Zum anderen aber auch, weil ein Teil der Geschichte aus Angst besteht, die aus dem so optimistisch und humorvoll geschriebenen Reisebericht ein Buch macht, das bei empathischen Leser:innen für einen kurzen Moment an die Spannung eines Thrillers heranreicht. Einem mit Happy End.

Und wer schon einmal selbst erlebt hat, was Marina Bauer in ihrem Buch von der Reise auf dem Caminho Português erzählt, weiß, welche Überwindung es gekostet haben wird, trotz Angststörung den Jakobsweg zu laufen. Man fühlt mit, wenn bereits am ersten Tag die öffentlichen Verkehrsmittel in einer fremden Stadt zur Hürde werden, wenn es sich an manchen Tagen anfühlt, als würde die Etappe mit jedem Schritt länger statt kürzer werden und wenn die erste Nacht in einer der vielen Gruppenunterkünfte des Jakobswegs die Autorin um den Schlaf bringt. Und ebenso fühlt man die Ehrfurcht und die Glücksgefühle, die einen überkommen müssen, wenn nach knapp 260 Kilometern zu Fuß endlich die berühmte Kathedrale in Santiago de Compostela erreicht ist.

Marina Bauer begleiten seit ihrer Jugend eine generalisierte Angststörung und Panikattacken, die sie regelmäßig davon abhalten, in die Trambahn um die Ecke zu steigen. Was sie dennoch dazu gebracht hat, sich auf das Abenteuer Jakobsweg einzulassen, bis zum Ende durchzuhalten und direkt nach der nächsten Herausforderung zu suchen, verrät die 38-Jährige im Interview.

Foto: Marina Bauer

 

Bereit zum Losgehen: Marina Bauer auf dem portugiesischen Jakobsweg

Gibt es eine Marina vor und eine nach dem Jakobsweg?

Marina Bauer: Unbedingt! Das Bemerkenswerte ist: Ich merke, dass der Jakobsweg noch ganz andere, größere Dinge mit sich bringt. Und das trotz einer Angststörung, die mich begleitet, seit ich 18 bin. In den Akutphasen hatte ich mich nicht mal vor die Tür getraut, geschweige denn in einen Supermarkt oder eine Straßenbahn. Dann kommt dieser Weg um die Ecke und sorgt dafür, dass ich allein in einen Flieger nach Portugal steige und jeden Tag rund zwei Dutzend Kilometer zu Fuß zurücklege. Und obwohl die Reise nicht ohne Herausforderungen verlaufen ist: Ein paar Wochen später hatte ich Flugtickets nach Mittelamerika in der Hand, wo ich im Frühjahr 2022 zwei Monate in Costa Rica und Panama verbracht habe. Ohne den Jakobsweg hätte ich das niemals gemacht!

Das heißt, der Jakobsweg hat einen Knoten zum Platzen gebracht?

Ich würde sagen, die Idee des Wegs hat dafür gesorgt, mir selbst das Versprechen zu geben, mich von Angst nicht mehr länger begrenzen zu lassen. Ich lebe seit knapp 20 Jahren mit einer Angststörung und habe mir so viele Lebensbereiche dadurch nehmen lassen und gleichzeitig wieder und wieder beobachtet, was andere Tolles erleben. Das brachte mich irgendwann an den Punkt, an dem ich sagte, es gibt jetzt zwei Optionen: sich weiter einsperren oder etwas tun, womit sich das Leben zurückgewinnen lässt. Und weil ich wusste, dass mich ein Leben wie vorher auf Dauer nicht glücklich machen würde, war mir klar: Ich muss einen ersten Schritt wagen.

Wie viel Vorlaufzeit hast du gebraucht, vom ersten Plan bis zur Reise?

Tatsächlich relativ viel, was aber damit zu tun hatte, dass der Beginn der Corona-Pandemie dazwischen lag. Auf den Gedanken Jakobsweg hatte mich eine Freundin gebracht, bevor Corona überhaupt Thema war. Damals hatte ich mir vorgenommen, den Camino Francés zu laufen, also den langen Jakobsweg, der über knapp 800 Kilometer von der französischen Grenze zur Westküste Spaniens führt. Bücher und Rucksack waren bereits gekauft, dann kam Corona dazwischen und wegen eines Jobwechsels war für die lange Route dann nicht so ohne Weiteres Zeit. Dann habe ich umgeplant und mich für den nur knapp 260 Kilometer langen Caminho Português entschieden, was womöglich nicht das Schlechteste war.

Wieso das?

Tatsächlich war eine meiner größten Ängste im Vorfeld, irgendwann unterwegs diese gelben Wegemarkierungen aus den Augen zu verlieren und mich an einem ohnehin schon fremden Ort komplett zu verlaufen. Beim Caminho Português ist die Sache einfach. Das Meer liegt auf der linken Seite, das steht in jedem Reiseführer. Solang das Meer links liegt, bist du richtig. Und da ich das Meer ohnehin liebe, hat mir die Route gleich richtig gut gefallen. Im Juni 2021 war es dann so weit.

Welche Rolle spielte das Reisen für dich, bevor du nach Portugal geflogen bist?

Ich war, das ist das Absurde, eigentlich immer gern unterwegs. Da schlagen zwei Herzen in meiner Brust: Das eine ist die Angst, die mich blockiert, mit der ich mich eingesperrt habe und die mich an vielen Dingen gehindert hat. Das andere ist die abenteuerlustige Marina, die die Welt sehen will. Die offen ist, die andere Kulturen mag, die das Meer liebt und die wahnsinnig gern andere Dinge sieht. Aber ich bin vorher nie allein gereist, immer nur mit Partnern. Das ging irgendwie. Allein war für mich immer die große Hürde. In meinen 20ern konnte ich kaum vor die Haustür gehen. Ich bin zur nächsten Straßenecke gelaufen und meine Knie wurden weich, ich stand mit Panikattacke in der Schlange im Supermarkt, ich hatte mich über Jahre hinweg isoliert und eingesperrt und auch Medikamente genommen. Dann einfach so allein in ein Flugzeug zu steigen und diesen Weg zu gehen hat jede Menge Mut gekostet – viele Tränen, viele Zweifel…

Foto: Marina Bauer

Das Konzept des Jakobswegs bietet einen geschützten Rahmen und das Miteinander unter den Pilger:innen sorgt dafür, dass man sich aufgehoben fühlt. Da geht es nicht um Oberflächlichkeiten. Jeder trägt sein Pilgeroutfit, die Haare sind fettig, du schminkst dich nicht, du bist einfach Mensch. Dazu kommt, dass das Laufen über Stunden und Tage etwas Meditatives hat, was helfen kann, die Angst generell besser unter Kontrolle zu halten.

Hast du Tipps, wie man sich auf so eine Herausforderung vorbereitet?

Das finde ich schwer zu verallgemeinern. Menschen, die Angst haben, fühlen diese auf unterschiedliche Art oder auf andere Situationen bezogen. Es gibt letztlich den einen gemeinsamen Nenner: dass das Leben durch die Angst begrenzt wird. Und das muss man durchbrechen wollen. Was sicherlich helfen kann, ist, sich in kleinen Schritten immer wieder seinen Ängsten zu stellen – ganz lösungsorientiert. Beim Bahnfahren, in der Supermarkt-Schlange, in allen möglichen Alltagssituationen. Damit lässt sich dann nach und nach lernen, dass und wie man mit der Angst umgehen kann. Außerdem hilft es, sich gut auf die Reise vorzubereiten, viel zu lesen und zu recherchieren, das Gefühl zu haben, die Etappen gut zu kennen und zu wissen, worauf man sich einlässt.

Also sollte man die Angst überwinden, bevor man losfährt?

Ich habe jetzt ja nicht aufgehört, Angstmensch zu sein, weil ich mal den Jakobsweg gelaufen bin, das ganz sicher nicht. Aber ich habe die Angst bewusst mitgenommen und versucht, mich auf Szenarien vorzubereiten. Ich kann in Deutschland so viel Bahn fahren wie ich will, in Portugal oder Spanien ist es eine ganz andere Situation. Man muss akzeptieren, dass nicht alles planbar ist und sich damit zufriedengeben, zu wissen, dass man Probleme in den Griff bekommen kann. Praktisch am Jakobsweg ist dabei sicher, dass er dir die Chance gibt, Tag für Tag zu sehen, wie es dir geht und entsprechend zu handeln. Ich hatte die ersten beiden Nächte vorreserviert, der Rest war offen und doch hatte ich durch meine akribische Planung und Vorbereitung irgendwie ein Gefühl von Sicherheit. Das alles zusammengenommen hat mir den Mut gegeben, in den Flieger zu steigen.

Und nach dem Loslaufen war alles einfach gut?

Das definitiv nicht: Direkt an meinem ersten Tag auf dem Jakobsweg hatte ich einen der schlimmsten Tage überhaupt. Ich habe jeden Anfängerfehler gemacht, den man sich nur vorstellen kann: Zum Ausgangspunkt der Wanderung in die falsche Bahn gestiegen und dadurch viel zu spät losgekommen, viel zu viel Gepäck, Sonnenmilch auf der Rückseite der Arme vergessen – all solche Dinge. Und natürlich wurde ich nervös und musste mich beruhigen und ständig Pausen machen. Dann zog auch noch ein Gewitter auf… Aber auch wenn Selbstzweifel da waren: Am Ende des Tages war ich aus eigener Kraft in der Unterkunft, kam mit Einheimischen und anderen Pilger:innen ins Gespräch und habe einen der schönsten Sonnenuntergänge gesehen, den man sich vorstellen kann. Dabei ist dann auch wirklich Einiges an Anspannung von mir abgefallen. Herausforderungen wie diese gab es immer wieder – aber eben auch die passende Belohnung.

Foto: Marina Bauer

Nach 260 km am Ziel der Reise: Vor der Kathedrale von Santiago de Compostela

Hat dir die Erfahrung von Tag eins für den Rest des Wegs geholfen?

Ja auf jeden Fall. Tatsächlich ist es ja so, dass oft die Symptomatik, wenn du körperlich an deine Grenzen kommst, so mancher Panikattacke gar nicht so unähnlich ist. Und da zu merken, dass man über sich hinauswachsen kann und der Körper wirklich viel mehr aushält als man ihm zutraut, hat auf jeden Fall geholfen. Auch zu verstehen, dass das Mentale letztlich das Körperliche beeinflusst, du dir gut zusprechen kannst und dann noch an Kraftreserven kommst, war ein wichtiger Motivator. Er hat dafür gesorgt hat, dass ich mich trotz des harten ersten Tages am Abend direkt auf den nächsten Tag gefreut habe. Danach gab es natürlich auch immer mal wieder Momente, die herausfordernd waren, aber auch die sind vergangen, und haben mir letztlich das nötige Vertrauen bis zum Ziel gegeben.

Kannst du sagen, was die herausforderndsten Momente unterwegs für dich waren?

Da gab es Tag für Tag neue… Sicher ein wichtiger Punkt war die erste Übernachtung in einer Pilgerherberge, die ein Portugiese, mit dem ich an einem der ersten Tage unterwegs war, einfach für mich mit organisiert hat. Das war ein Tritt in den Hintern und sicher auch ein wichtiger, auch wenn ich in der ersten Nacht echt grottenschlecht geschlafen habe. Aber letztlich haben die Abende in den Herbergen auch zu tollen Gesprächen geführt.

Hast du mit deinen Mitreisenden über die Angst gesprochen?

Später im Verlauf des Wegs dann, ja… Auf dem Jakobsweg führst du komplett andere Gespräche als im Alltag, du öffnest dich viel mehr und spürst gleichzeitig auch viel besser, dass du nicht allein bist. Jeder hat sein Päckchen und Dinge zu verarbeiten. Ich habe auch Menschen getroffen, die richtig schlimme Schicksalsschläge hinter sich hatten. Letztlich geht jeder den Weg aus seinem Grund, und darüber kann man reden, muss es aber nicht. Als sich über die Zeit tiefe Gespräche ergaben, habe ich auch fremden Menschen gegenüber von meiner Angststörung gesprochen.  Aber das zu formulieren und offen darüber zu reden, war etwas, das ich unterwegs lernen musste.

Glaubst du, die Jakobwege sind besonders gut geeignet für Menschen mit Angststörung, die anfangen wollen zu reisen?

Definitiv, selbst wenn ich solche generellen Antworten sonst eher meide, weil da jeder anders ist. Aber das Konzept Jakobsweg als solches bietet einfach einen geschützten Rahmen und durch die mit ihm verbundene Spiritualität auch irgendwie eine ganz besondere Ruhe und Kraft. Ich hätte mich nie als besonders gläubig oder religiös bezeichnet, aber irgendwas an dem Weg, das Miteinander unter den Pilger:innen sorgt dafür, dass man sich aufgehoben fühlt. Da geht es nicht um Oberflächlichkeiten. Jeder trägt sein Pilgeroutfit, die Haare sind fettig, du schminkst dich nicht, du bist einfach Mensch – das macht den Jakobsweg schon sehr speziell und erlaubt dir, einfach zu sein, wer du bist. Dazu kommt, dass das Laufen über Stunden und Tage einfach etwas sehr Meditatives hat, was helfen kann, Angst und Panik generell etwas besser unter Kontrolle zu halten.

Gibt es eine Kern-Erkenntnis, die du vom Caminho mitgenommen hast?

Auf jeden Fall habe ich gelernt, Schritt für Schritt und Tag für Tag zu denken. Wir sind so wahnsinnig oft damit beschäftigt, uns zu fragen, was nächstes Jahr, nächsten Monat, nächste Woche ist… Ich glaube, das konnte ich durch den Caminho ein Stück weit ablegen und mich stattdessen mehr auf ein Hier und Jetzt und Morgen konzentrieren. Und einfach auch mal abzuwarten was kommt. Ich glaube, als Angstmensch tendiert man generell eher dazu, in die Zukunft sehen zu wollen und sich teilweise schon Wochen vor einem wichtigen Termin oder einer Herausforderung Gedanken zu machen. Das ein Stück weit ablegen zu können, war definitiv eines der Dinge, die ich vom Jakobsweg mit in den Alltag genommen habe.

Und stehen schon neue Reisepläne an?

Na los würde ich sofort, aber das ist natürlich auch immer eine Geld- und Zeitfrage. Was ich auf jeden Fall für mich festgestellt habe, ist, dass ich meine Komfortzone regelmäßig verlassen muss und mich Herausforderungen stellen will. Wir Menschen sind einfach Gewohnheitstiere und durch die Gewohnheit kommen eben auch alte und neue Muster zustande. Natürlich würde ich, wenn mir jemand sagt, dass ich in ein paar Wochen nach Mexiko fliegen soll, völlig am Rad drehen. Der Unterschied ist, ich ziehe es heute halt trotzdem durch.

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