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Zukunftsangst

„Die Zukunft sieht nicht gut aus!“ Eine Aussage, die man in den letzten Wochen und Monaten immer öfter vernimmt. Und im Unterschied zu früheren Jahren ist der Grund heute nicht mehr nur darin zu suchen, dass sich die wirtschaftlichen Aussichten eintrüben, dass vielleicht der Wohlstandszuwachs geringer ausfällt als erwartet. Nein, heute ist die Zukunft an sich in Frage gestellt.

01.10.2022 – Autor: Bernhard Beller

Wann ging uns die Zukunft abhanden?

Selbst wenn man dystopische Weltuntergangs-Szenarien außer acht lässt, stellt sich doch die Frage, ob unsere Welt in nicht allzu ferner Zukunft, jedenfalls noch zu Lebzeiten der meisten von uns, noch die gleiche sein wird, wie wir sie unser bisheriges Leben lang gewohnt waren. Oder ob Veränderungen in bisher nicht gekanntem Ausmaß in allen Bereichen eintreten werden, die das Leben jedes Einzelnen von uns in radikaler Weise umkrempeln werden. Dass solche Veränderungen kommen, scheint den meisten inzwischen klar. Unklar ist, wie einschneidend sie sein werden. Wie sehr werden sie mein Leben beeinflussen? Das sind heute noch völlig ungewisse Fragen, die aber eben deswegen das Potenzial haben, Menschen in Angst und Schrecken vor einer unübersichtlichen, aber irgendwie bedrohlichen Zukunft zu versetzen.

Wie konnte es soweit kommen? Sehen wir uns nur die letzten vergangenen Jahre an, dann war der erste unerwartete Schock die Corona-Pandemie. Sie hat über mindestens zwei Jahre lang unser gewohntes Leben völlig auf den Kopf gestellt mit Lockdowns, Schul- und Geschäftsschließungen, Reiseverboten, ständig neuen Regelungen, die kaum noch jemand überblickt hat. Viele Menschen belastete Corona schwer: mit Angst um die Gesundheit, den Arbeitsplatz, die finanzielle Existenz, aber auch mit Isolation, Einsamkeit und Depression. An den Folgen der Maßnahmen litten junge Menschen (Kinder, Schüler, Studenten) am meisten, deren soziale Beziehungen und Entwicklungsmöglichkeiten stark eingeschränkt wurden. Im Jahr 2022 scheint Corona vorbei zu sein. Es wird heute als eine Krankheit ähnlich der Grippe angesehen – nicht verschwunden, aber mit kalkulierbarem Risiko. Doch der Schock bleibt. Es ist schon verwunderlich genug, dass wir trotz unserer hochtechnisierten Welt, die alle Risiken scheinbar im Griff hat, überhaupt wieder in die Zeiten der Epidemien zurückgefallen waren, die wir nur aus Geschichtsbüchern kannten. Dazu kommt die vage Ahnung, dass es vielleicht nicht bei Corona bleiben wird und in Zukunft womöglich noch ganz neue und gefährlichere Viren auftauchen könnten.

Doch kaum war der Corona-Schock gefühlt vorbei, kam der nächste Schock in Form des Ukraine-Kriegs. Wieder ging die Angst um, diesmal die Angst, dass Deutschland in den Krieg verwickelt werden könnte und vielleicht selbst zum Kriegsschauplatz würde. Eine Bedrohung, die nur wenige Monate vorher kein Mensch für möglich gehalten hätte. Die Bundesregierung sprach von einer “Zeitenwende” und meinte damit, dass die seit Ende des Kalten Krieges vorherrschende Idee, die Welt würde friedlich zusammenwachsen und zu einer auf Kooperation und wirtschaftlichem Austausch basierenden globalen Gemeinschaft werden, an ihr Ende gekommen war. Krieg – mitten in Europa, Jahrzehnte lang völlig undenkbar, war plötzlich Realität und damit die Notwendigkeit, sich darauf vorzubereiten, also aufzurüsten. Auch wenn diese Bedrohung gegenwärtig noch abstrakt ist, was da längerfristig auf uns zukommen kann, stimmt nicht optimistisch.

Und wiederum dauerte es nicht lange und der dritte Schock kam über das Land: die Energiekrise und die Inflation. Immer mehr Menschen wird nun bewusst, dass die Zeitenwende nicht nur ein außen- und geopolitischer Begriff ist (Konfrontation statt Kooperation), sondern auch ein wirtschaftlicher. Deutschland Wirtschaftsmodell, durch billige Energie (und billige Arbeitskräfte) den schnellen Profit zu machen statt in eine langwierige und teure ökologische Transformation zu investieren, ist schlagartig gescheitert. Nicht nur, dass Energie nie wieder so billig sein wird, es steht die Frage im Raum, ob es überhaupt noch genug davon geben wird. Wird Energie, das bisher selbstverständlichste der Welt, nächsten Winter noch reichen oder müssen wir uns vielleicht einschränken? Das Wort vom Verzicht macht plötzlich die Runde und auch wenn keiner weiß, wie sehr es ihn treffen wird, scheint unser bisheriger Wohlstand so nicht aufrechterhalten werden zu können. Auch hier sehen die Zukunftsaussichten nicht positiv aus und zwar über den kommenden Winter hinaus, weil trotz aller Entlastungsmaßnahmen Teile der Bevölkerung ihr Budget werden umschichten müssen und manche Konsumausgabe nicht mehr finanzierbar sein wird.

Und zu guter Letzt taucht hinter allen diesen aktuellen Krisen die schon lange prognostizierte ultimative Krise auf: der Klimawandel, in seinen Dimensionen kaum erahnt und im Kern noch überhaupt nicht begriffen. Uns dämmert gerade erst ganz vage, was die Folgen des Klimawandels sein könnte: Stürme, Überschwemmungen, Waldbrände, Dürre, Missernten, Wasserknappheit, Hitze und Hitzetote, Ausbreiten bisher bei uns unbekannter Krankheiten, Verlust an Biotopen, Artensterben in nie gekanntem Ausmaß, Migrantenströme, mögliche Kriege um Ressourcen und Wohnraum u.a. Hinzu kommen immer neue Meldungen, dass die ganze Entwicklung viel schneller verläuft als ursprünglich prognostiziert, dass Kipppunkte des Klimawandels noch früher erreicht werden als vermutet. Deutschlands Restbudget an CO², also die Menge an CO², die wir in Deutschland noch emittieren dürfen, um das 1,5 Grad-Ziel zu erreichen, wurde im August 2021 aufgebraucht. Für das 1,7 Grad-Ziel ist unser Budget, bei gleichbleibendem Ausstoß, 2024 verbraucht, für das 2 Grad-Ziel 2029. Dabei ist das 2 Grad-Ziel laut Klimaforscher die Marke, die keinesfalls verfehlt werden sollte. Es ist daher nicht verwunderlich, dass es inzwischen in der Wissenschaft schon den Begriff Klimaangst gibt.

Ron Lach/pexels.de

 

Zukunftsangst ist nichts per se pathologisches. Ein gewisses Maß an ängstlicher Besorgtheit im Hinblick auf die Zukunft ist völlig normal, besonders wenn es um das eigene Wohlergehen oder das der Angehörigen geht. 

Zukunftsangst – gibt es das überhaupt?

Es gibt also allen Grund, skeptisch, ja voller Angst in die Zukunft zu schauen. Doch wie äußern sich nun diese aktuellen politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen, die düsteren Zukunftsprognosen tatsächlich im Alltag der Menschen? Gibt es so etwas wie Zukunftsangst, die mehr ist als nur eine unterschwellige Ungewissheit, sondern die das Leben belastet und Entscheidungen beeinflusst?

Eine Studie über die Zukunftserwartungen der Deutschen zeigt ein ambivalentes Bild. So hat das Kölner Rheingold-Institut im Oktober 2021 (also noch vor dem Ukrainekrieg und dem Energiemangel) festgestellt, dass zwei Drittel der Deutschen ängstlich in die Zukunft blicken und 88% drastische Veränderungen auf sich zukommen sehen (Zukunftsstudie 2021: Wie Deutsche in die Zukunft blicken (rheingold-marktforschung.de).  Das Vertrauen in eine bessere Zukunft ist grundlegend erschüttert. Die Mehrheit der Deutschen befände sich, so die Studie, in einem No-future-Modus, zumindest was die großen gesellschaftlichen Herausforderungen betrifft, deren Lösung man skeptisch sieht. Es gäbe ein Machbarkeits-Dilemma, d.h. die Probleme werden zwar erkannt, aber keine Möglichkeiten gesehen, wie sie bewältigt werden können. Deswegen zögen sich viele in ihre persönliche Nische zurück.

Anders, so die Ergebnisse der Studie, sieht es im privaten Bereich aus, wo 64% durchaus optimistisch in die Zukunft blicken. Man glaubt an seine eigenen Fähigkeiten und an eine positive Zukunft für sich und die eigene Familie. Das Kümmern um die eigene Welt und das Streben nach dem persönlichen Glück stehen im Vordergrund. Angesichts der großen Probleme ziehen sich die Menschen ins Private zurück und konzentrieren sich auf sich selbst. Doch ein Drittel der Befragten hat das Gefühl, auch in seinem persönlichen Nahbereich zu einer besseren Welt beizutragen, engagiert sich z.B. in nachbarschaftlichen, sozialen und ökologischen Initiativen.

Somit kann man wohl feststellen: Von einer grassierenden Zukunftsangst kann derzeit nicht die Rede sein. Zwar blicken viele ängstlicher in die Zukunft als früher (und wahrscheinlich heute sogar noch mehr als vor einem Jahr), aber Zukunftsangst ist ja nicht per se ein pathologisches Phänomen. Sich um die Zukunft zu sorgen, ist im Gegenteil von großem Nutzen, weil es die betroffene Person motiviert, an den negativen Umständen etwas zu verändern. Genau das ist ja der Zweck der Angst, uns auf nahende, drohende Probleme hinzuweisen. Und auch wer angesichts von persönlichen Krisen wie einer Trennung, Krankheit, einem Unfall oder Arbeitslosigkeit Unbehagen und Angst vor einer ungewissen Zukunft entwickelt, ist keineswegs als psychisch krank zu betrachten. Zukunftsangst zu haben, ist also erst einmal ganz „normal“. Jeder junge Mensch, der eine Lebensperspektive für sich entwickeln muss, erlebt Zukunftsangst, erlebt Unsicherheit und Ungewissheit, die aber im Normalfall wieder verschwindet.

Doch was ist, wenn individuelle Zukunftsentscheidungen massiv von Ängsten über künftige gesellschaftliche und politische Entwicklungen beeinflusst werden? Wenn Menschen sich gegen ein bestimmtes Studium oder einen Beruf entscheiden aus Angst vor einer ungewissen Zukunft? Wenn Menschen sich gegen Kinder oder ein Eigenheim entscheiden, weil dies eine viel zu riskante Investition in eine völlig ungewisse Zukunft wäre? Wenn Menschen keine Pläne mehr machen, die über das Jahr 2030 hinausgehen, weil dies das Jahr ist, in dem die 1,5 Grad-Erwärmung erreicht wird, also eine Art Kipppunkt der Zukunft darstellt? Kann man dies als pathologische Zukunftsangst bezeichnen? Im Moment wahrscheinlich schon, weil es noch kein massenweise auftretendes Phänomen ist, also solche Entscheidungen noch als „anormal“ gelten. Doch was ist, wenn sie, vielleicht schon in wenigen Jahren, normal werden, weil viele Menschen solche Überlegungen anstellen? Und insbesondere junge Menschen, die nicht mehr in eine ungetrübte Zukunft schauen? Wir alle sollten dafür sorgen, dass es so weit nicht kommt.

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