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Die Neurobiologie hinter Angst und Depression 

Teil 1:  Angst und Panik – neurobiologisch gesehen

Auf den ersten Blick sind Angst und Depression ziemlich verschiedene Emotionen und fühlen sich auch subjektiv ganz unterschiedlich an. Dennoch treten sie sehr oft gemeinsam auf, entwickelt sich die eine Krankheit aus der anderen. Eine gewisse Verwandtschaft scheint also gegeben zu sein. Dafür spricht auch, dass für beide Erkrankungen dieselben Medikamente eingesetzt werden (Serotonin-Wiederaufnahmehemmer). Vielleicht gibt es neurobiologisch gesehen mehr Gemeinsamkeiten, als man zunächst vermuten würde.

Die folgenden zwei Texte wollen dieser Frage nachgehen: Was passiert eigentlich bei starker Angst und Panik im Gehirn, im Nervensystem? Und was bei Depression? Ähneln sich die Vorgänge? Teil 1 beschäftigt sich mit der Angst, Teil 2 mit der Depression. Die Texte können aber auch unabhängig voneinander gelesen werden.

25.05.2022 – Autorin: Antonia Koschnick

Warum dir neurobiologisches Wissen helfen kann

Wissen ist Macht. Und Macht über eine Emotion zu gewinnen, die es vermag, dir in jeder Situation den Boden unter den Füßen wegzuziehen, wird dir Mut und Selbstvertrauen zurückgeben. Deshalb kann es interessant und vor allem hilfreich sein, dem entsetzlichen emotionalen Phänomen einer Panikattacke oder eines starken Angstzustandes eine Struktur zu geben, es einzugrenzen und herunterzubrechen auf seine neurobiologischen Komponenten und Mechanismen.

Nach diesem Artikel weißt du ein bisschen genauer, was in der Situation mit dir passiert, dass Angst eigentlich eine natürliche Funktion deines Körpers ist und vor allem, dass es vorbeigeht.

Was passiert, wenn du einen Angstzustand oder eine Panikattacke erlebst?

Im Außen passiert vielleicht nichts, was für andere Menschen in deinem Umfeld verdächtig erscheint. Aber bei dir wird ein Trigger getroffen, deine Sinne registrieren (bewusst oder unbewusst) einen für dich relevanten Schlüsselreiz und starten ein komplexes Alarmsystem, um Schmerz oder Verletzung zu vermeiden und dir das Leben zu retten (Warn- und Schutzfunktion). 

Das Kampf-Flucht-System deines Körpers wird aktiviert: Es mobilisiert über das autonomes Nervensystem (genauer: das sympathische Nervensystem) alle zugängliche Energie, schüttet die Hormone Adrenalin und Cortisol aus und bringt dich in Bereitschaft zu kämpfen, zu flüchten oder in deiner Motorik „einzufrieren“ (fight/flight/freeze). Das spürst du vor allem an den angsttypischen Symptomen (etwa Herzrasen, schnelle Atmung, Schwitzen, Zittern).

Interessanterweise gibt es im körperlichen Reaktionsmuster einen fließenden Übergang, eine Ähnlichkeit, zwischen Angst und Aggression als verhaltensregulierende Emotionen. Nehmen wir eine Chance wahr, dem angstauslösenden Reiz zu begegnen oder gegen die Gefahr zu kämpfen, ist Aggression evolutionär sinnvoll und wird zuerst aktiviert. Erscheint dagegen die Gefahr zu groß, dominieren Furchtreaktionen und Angstverhalten wie Flucht und Schreckstarre als situationsbedingte Strategie des „Überlebens“. Letzteres ist als scheinbar unwillkürliche Überreaktion des zentralen Nervensystems jedem bekannt, der von starker Angst und Panikattacken betroffen ist oder war.

Welche Hirnregionen sind an Angst und Panik beteiligt?

Die dominanten, angstregulierenden Strukturen des Gehirns sind die des limbischen Systems. Dazu zählen als wichtigste Akteure die Amygdala und der Hippocampus:

  • die Amygdala als Angstgedächtnis (auch Mandelkern genannt)
  • der Hippocampus, der unter anderem für Angstlernen und die Bewertung bedrohlicher Situationen zuständig ist (im Übrigen ist dieser nach seiner optischen Ähnlichkeit zum Seepferdchen benannt).

Die Amygdala ist bei Angst und Panik überaktiv und veranlasst den Hippocampus dazu, sich die angstauslösende Situation zu merken.

Zum Angstsystem gehören außerdem der Hypothalamus und der präfontale Cortex:

  • der Hypothalamus, als Schaltzentrale im menschlichen Zwischenhirn, bewirkt sekundär über den Start einer hormonellen Kaskade die Angst- und Paniksymptome. Dies geschieht, wenn die Amygdala den Hypothalamus über eine drohende Gefahr informiert.
  • der präfrontale Cortex, welcher im Stirnlappen des Gehirns liegt, als bewusstes Kontrollsystem. Die bewusste Bewertung einer Situation (im Unterschied zur unbewussten des limbischen Systems) hat auch Einfluss auf Angst und Furcht, kann eine solche Reaktion hemmen oder verstärken.

Bei Angst und Panik beteiligte Hirnregionen:

Amygdala:  das Angstgedächtnis und Auslöser der Angstreaktion

Hippocampus: zuständig für Angstlernen

Hypothalamus: startet die HPA-Achse zur Ausschüttung von Stresshormonen

Präfontaler Kortex: liegt im Frontal- oder Stirnlappen (frontal lobe) und kann ebenso wie die Amygdala die Angstreaktion einleiten oder stoppen

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Welche Veränderungen gibt es im Hormonsystem?

Bei Angst- oder Stress-Signalen aus dem limbischen System oder präfrontalen Cortex gibt der Hypothalamus ein Releasing-Hormon ab, welches über die Hypophyse (Hirnanhangsdrüse) die Bildung und Freisetzung des Hormons Cortisol in der Nebennierenrinde auslöst. In Panik- oder Angstzuständen wird dieses Stresshormon in großen Mengen ausgeschüttet.

Auch Adrenalin und Noradrenalin werden vermehrt im Nebennierenmark gebildet und sorgen dafür, dass der Körper bereit ist, gegen Bedrohungen und akuten Stress anzugehen.

Dieses Stressreaktionssystem, auch HPA-Achse genannt (Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse) ist bei Angsterkrankungen ständig übererregt und kann irgendwann sogar zu Veränderungen in den Strukturen des limbischen Systems (Amygdala und Hippocampus) führen.

Was passiert bei Angst und Panik auf Ebene der Nervenzelle?

Dein Nervensystem hat seine eigenen “Drogen”, sogenannte Neurotransmitter. Diese werden zur synaptischen Reizübertragung zwischen Nervenzellen genutzt und können dabei verstärkend oder modulierend wirksam sein. Die wichtigsten sind die Neurotransmitter Glutamat, Serotonin, Acetylcholin und GABA (Gamma-Aminobuttersäure).

Dabei kann das Nervensystem mit der Wirkung dieser körpereigenen Drogen „jonglieren“ und unterschiedliche Effekte erzielen. Wird Glutamat in der Nervenzelle gebildet und ausgeschüttet, bewirkt dies Aktivierung und Alarmbereitschaft, während die Bereitstellung von GABA hemmend auf synaptische Weiterleitung von Erregung wirkt und so für Entspannung im Nervensystem sorgt. Auch Serotonin, welches als Hormon und Neurotransmitter agiert, wirkt der Entstehung von Panikattacken entgegen. Im Volksmund ist es als Glückshormon bekannt, wirkt sich positiv auf die Stimmung, Gelassenheit und Zufriedenheit aus und ist entspannend. 

Neurobiologisch gesehen sind ein Mangel an GABAerger und serotonerger Übertragung, d.h. ein Ungleichgewicht der relevanten Neurotransmitter, eine der Ursachen von Angststörungen und Panikattacken. Deshalb sollen Medikamente der Klasse Serotonin-Wiederaufnahmehemmer dafür sorgen, dass das Serotonin länger im synaptischen Spalt verbleibt und seine entspannende Wirkung entfalten kann. 

Fazit

Für die Entstehung von Angst bis hin zu einer ausgewachsenen Panikattacke braucht es neurobiologisch also:

  • Einen Schlüsselreiz mit der bewussten oder unbewussten Bewertung als „gefährlich“.
  • Die Amygdala und den Hippocampus sowie als zweiten Weg den präfrontalen Cortex (mit seiner bewussten Bewertung der Situation als bedrohlich) als Auslöser der autonomen und endokrinen (hormonellen) Kaskade.
  • Ein Nervensystem in Alarmbereitschaft für Flucht, Kampf oder Schreckstarre, ausgelöst durch:
    – Stresshormone, deren Freisetzung im Hypothalamus gestartet wird und in der Nebennierenrinde stattfindet (HPA-Achse)
    – Aktivierende Neurotransmitter wie Glutamat und Acetylcholin, bei gleichzeitigem Mangel der Neurotransmitter Serotonin und GABA als Gegenspieler.

Die gute Nachricht: Jede Panikattacke ist vergänglich, genauso wie jeder andere Angstzustand. Im Durchschnitt werden Panikattacken mit einer Dauer von 5 bis 30 min erlebt. Der Körper reguliert automatisch zurück auf Entspannung und das autonome Nervensystem (genauer: das parasympathische Nervensystem) initiiert nach dem Gipfel der systemischen Aktivierung Entspannung, Erschöpfung und Erholung. Der Körper kann gar nicht dauerhaft in einem solchen Alarmzustand bleiben und wird ganz von selbst zur Ruhe zurückfinden. Um den Abbau der ausgeschütteten Stresshormone zu beschleunigen kannst du zudem einiges tun, wie bewusstes ruhiges Atmen, Arme und Beine ausschütteln, dich aufrichten und groß machen oder tanzen.

In Teil 2 erfährst du, welche neurobiologischen Zusammenhänge Depression, Ängste und Panikattacken haben.

Quellen:
Bassler, Markus et al. (2005): Lindauer Psychotherapie-Module: Psychotherapie der Angsterkrankungen; Thieme-Verlag
Max-Plank- Institut für Psychiatrie: https://www.psych.mpg.de/ 
https://www.spektrum.de/lexikon/neurowissenschaft/angst/641
https://www.neurologen-und-psychiater-im-netz.org/psychiatrie-psychosomatik-psychotherapie/stoerungen-erkrankungen/angsterkrankungen/ursachen/