Selbstmitgefühl in der Praxis

Achtsames Selbstmitgefühl bei der Behandlung von Sozialen Angststörungen

Menschen mit Sozialer Angststörung fürchten sich besonders vor einer negativen Bewertung durch andere. Sie erleben dabei Angst und Beschämung. Achtsames Selbstmitgefühl kann in solchen Momenten eine wichtige Hilfe sein, indem wir lernen einen wohlwollenden Umgang mit uns selbst und unseren nicht erwünschten Gefühlen zu kultivieren.

Autorin: Elisabeth Reisenzein-Hirsch

Der Wirkmechanismus von Selbstmitgefühl

Bei der Behandlung von Menschen mit sozialer Angststörung könnte die Arbeit mit Achtsamen Selbstmitgefühl beispielsweise folgende Punkte umfassen:

  • In einer therapeutischen Beziehung, die geprägt ist von Wohlwollen, Mitgefühl und Akzeptanz entwickelt der Betroffene mehr Selbstfreundlichkeit, Selbstmitgefühl und Selbstakzeptanz.
  • Achtsames Selbstmitgefühl senkt die Erwartungsangst und Gefühle von Scham und gibt mehr Mut und Vertrauen, sich den sogenannten Expositionsübungen (z.B. kurze Rede halten, fremde Menschen ansprechen, in der Gruppe sprechen, Beratungsgespräche usw.) schrittweise zu stellen. Die Bereitschaft unangenehme Gefühle zu erleben steigt. Mit einer Haltung aus Mitgefühl entwickeln die Betroffenen mehr Anerkennung und Wertschätzung für ihren Mut sich angstbesetzten Situationen zu stellen.
  • Durch achtsames Selbstmitgefühl entsteht mehr Mut zu Fehlern und Mut zum „Nicht perfekt sein“. Der Betroffene weiß, dass dies Teil der menschlichen Erfahrung ist: Alle Menschen erleben leidvolle Erfahrungen, machen Fehler, haben Unzulänglichkeiten, nicht nur ich. Dieses „gemeinsame Menschsein“ wird besonders spürbar in der Gruppentherapie, bei der der Einzelne auf Gleichgesinnte trifft. Er macht dabei die Erfahrung, dass andere ähnliche Situationen befürchten und ähnliche Gedanken, Gefühle, Körperreaktionen und Verhaltensweisen zeigen, was das Gefühl von Verbundenheit stärkt.

Gemeinsames Menschsein

Gruppentherapie zeigt: Andere reagieren ähnlich wie ich

Gedanken:
„ich mache bestimmt etwas falsch“
„ich bin unfähig“
„die anderen mögen mich nicht“

Gefühle:
Angst, Scham

Körperliche Reaktionen:
Erröten, Schwitzen, Zittern

Verhaltensweisen: 
Vermeidungs- und Sicherheitsverhalten

Foto: Angelika Güc

  • Die Betroffenen lernen in der Therapie die genannten automatischen Reaktionsmuster (Gefühle, Gedanken, Körperreaktionen, Verhalten) in sozialen Situationen besser zu verstehen und zu akzeptieren. Auch dabei hilft ein wohlwollender Blick auf Entstehungsfaktoren, die oft weit außerhalb des persönlichen Einflusses gelegen haben. Die mitfühlende Atmosphäre einer Gruppe, die von gegenseitiger Akzeptanz und Wohlwollen gekennzeichnet ist, kann wesentlich zur Selbstannahme beitragen. Gleichzeitig unterstützt Selbstmitgefühl die Übernahme von Verantwortung für ein Leben und Handeln in Sinne eigener Wertvorstellungen.
  • Mit Mitgefühl können die Betroffenen sich nachgewiesener Weise besser motivieren als mit Selbstkritik. Dennoch wird die innere selbstkritische Stimme gewürdigt. Sie will vielleicht mein Bestes, nur ihre Mittel sind nicht hilfreich.
  • Mit Hilfe von Selbstmitgefühl bewerten die Betroffenen nach einer Exposition ihr Verhalten wohlwollender, schauen weniger auf das, was vielleicht nicht so gut geklappt hat und grübeln nicht mehr so lange nach. Sollte eine Übung nicht so gut gelungen sein, dann lernen sie dieser Erfahrung mit Selbstmitgefühl zu begegnen. Dies erhöht die Bereitschaft Übungen zu wiederholen und neue Expositionen zu wagen.

Fazit:

All diese Schritte mögen in der Beschreibung einfach klingen, sind es aber nicht. Die Entwicklung von mehr Selbstmitgefühl ist in vielen Fällen ein langer, oft schwieriger Weg, der die Betroffenen immer wieder mit schmerzlichen Gefühlen in Berührung bringt. Dennoch glaube ich, dass der Weg zu mehr Selbstmitgefühl ein Lebensweg für die meisten von uns ist, der sich lohnt Tag für Tag neu zu beschreiten..