Die größte aller Notlügen

Wir alle lügen. Obwohl wir es eigentlich gar nicht wollen. Wahrheiten sind oft unbequem. 

Notlügen. Gerade Angst-Patient:innen kennen sie. Diese kleinen Sätze, die die Angst verheimlichen. Verstecken. Doch muss es immer eine Notlüge sein? Unsere Autorin Eva findet: Mut zur Wahrheit wird belohnt.

Autorin: Eva Lill, Mitarbeiterin der angstfrei.news  (www.angstselbsthilfe.de/angstfrei-news) .

Wie geht es mir?

Du sollst nicht lügen. Als Katholikin weiß ich das. Als Mensch auch. Aber was ist, wenn die Wahrheit niemand hören möchte? Schlimmer: Wenn sie mir gefährlich werden kann?

Ich bin ein Meister. Ein Meister im Schwindeln. Im Flunkern: Mir geht es gut. Die größte Notlüge von allen.

Dass es mir gut zu gehen hat. Als Mensch weiß ich das. Dass niemand wirklich hören will, was mir auf der Seele drückt. Ich weiß, dass man auf: Wie geht es dir? immer brav zu antworten hat: Danke gut! Super, danke! Irgendwas in diese Richtung.

Dass man nie so Sachen antworten darf, wie: Ich habe Angst. Ich schlafe schlecht. Manchmal weiß ich gar nicht mehr …

Manchmal stehe ich vor dem Spiegel und denke, scheiße, was soll das alles hier. Nein. Das darf man nicht. Alles, was ich sagen kann und darf und sollte: Danke. Gut. Manchmal träume ich davon, wie sich dieses Wort in meinen Körper frisst. Gut.

Es frisst und frisst und am Ende bleibt nichts mehr von mir, außer einem durchgekauten Gefühl. Das klebt dann und stinkt und wenn ich die Augen zumache, kann ich mir einbilden, das müsste so. Das müsste so und eigentlich und überhaupt im Grunde geht es mir doch total – gut.

Meine Therapeutin hat zu mir gesagt: Wann hören Sie auf zu lächeln, um sich zusammenzuhalten? Aufhören zu lächeln. Ha! Der war gut. Warte, da muss ich kurz drüber lachen. Mundwinkel hoch und so. Ich meine: Aufhören zu lächeln, wie könnte ich. Lächeln, das heißt doch: Mir geht es gut. Dass es mir gut zu gehen hat, als Mensch weiß ich das. Danke. Super. Wiedersehen.

Foto: Andrea Piacquadio

Aufhören zu lächeln! Ha! Lächeln heißt doch: Mir geht es gut. Und dass es mir gut zu gehen hat, ist ja wohl klar.

Eva Lill

Noch mehr Dinge, die ich weiß: Ich sollte froh sein, dass es mit Corona jetzt langsam wieder anders wird. Dass ich wieder Kaffee mit Freunden trinken kann. Aber: Ich bin es nicht. Ich kann nicht aufhören, meine Gedanken durchzukauen, dieses ätzende Was-Wäre-Wenn. Doch statt etwas zu sagen, da fresse ich lieber weiter meine Wahrheit auf. Bis ich ganz voll bin. Bis ich glauben kann, das müsste so.

Im Job ist es doppeltschlimm. Das mit dem Lächeln. Wie geht’s Ihnen? Ach, alles superfein. Dieses Corona, pah. Das fliegt schon wieder vorbei. Lassen Sie uns über etwas anderes reden. Vor drei Wochen konnte ich das nicht mehr. Kurz vor meinem Urlaub ist mir dieses durchgekaute Gefühl in den Rachen gestiegen und hat mich ein bisschen erstickt. Ich dachte, es würde keiner merken. Lächeln. Lächeln kann ich gut. Weg mit der Wahrheit. Wiedersehen.

Meine Kollegen, die haben es bemerkt. Haben sich „Sorgen“ gemacht, wie sie betonen. Das Schlimme ist: Ich war nicht dankbar. Im ersten Moment habe ich mich bloß geschämt. Wie konnte mir das passieren? Wie konnte da ein bisschen Wahrheit durch das Lächeln brechen? Ich will nicht, dass andere von mir denken, ich sei schwach. Also Zähne beißen, lächeln, lächeln, lächeln. Geht es dir gut?, fragten die Kollegen. Wir haben uns Sorgen gemacht. Geht es dir gut? Was hätte ich sagen sollen. Was? Ja klar! Das habe ich gesagt. Ja, danke, gut. Und so breit gegrinst, dass es garantiert jeder über meiner Maske sehen konnte.

Sicherlich würden mir keine arbeitsrechtlichen Schritte drohen, wenn ich die Wahrheit nach draußen lassen würde. Vermutlich wäre mir niemand böse. Vermutlich wäre alles halbsowild. Aber mein Kopf, der kann das gut. Das Doppeltsowilddenken. Also traue ich mich nicht. Weil Angst und Traurigkeit und all der alte Seelenmief eben so arg stinken, dass andere es doch an mir riechen würden. Vielleicht rieche ich es auch bloß selbst. Achweißdochnicht. In meinem Kopf aber, vielleicht auch außerhalb, da wäre ich: Die da. Die, die nicht belastbar ist. Die mit der Angst. Die mit der Depression. Die, die nicht funktioniert. Die. Die. Die. Also lieber lügen. Lieber: Ja klar, mir geht‘s gut. Was hätte ich denn machen sollen!

Foto: Name

Ich wünschte, ich könnte auf die Wie geht es dir?-Frage ehrlich antworten. Sowas sagen wie: Nein, sorry, gar nicht gut. Ich habe Angst.

Eva Lill

Was mir noch viel mehr stinkt als all die Angst in mir?

Dass ich glaube, in einer Welt zu leben, in der ich lächeln muss. Weil sie alles andere nicht versteht. Ich wünschte, das wäre nicht so. Ich wünschte, ich könnte auf die Wie geht es dir?-Frage ehrlich antworten. Sowas sagen wie: Nein, sorry, gar nicht gut. Ich habe Angst. Ich hatte schon Angst, als das mit Corona losging. Seither habe ich stets das Gefühl, einen halben Meter neben der Realität zu laufen. Sicherheitsabstand. Ich habe Angst vor Veränderungen, ich habe Angst, dass alles für immer so bleibt. Ich bin ein Widerspruch und nichts an mir fühlt sich auch nur ansatzweise gut, okay oder nach super danke an.

All das würde ich gern sagen. Ich sage nichts davon, weil ich nichts davon sagen darf. Nicht, wenn ich weiter in dieser Welt irgendeine Chance haben will. Das mag vielleicht auf meiner Arbeitsstelle nicht so sein. Aber da draußen, da ist es auf jeden Fall oft genug so.

Stattdessen rede ich also lieber stets einen halben Meter neben der Wahrheit. Danke, gut, sage ich. Sorgen? Ach nein, doch nicht um mich. Lächeln. Weiter.

Ich habe die leise Hoffnung, dass diese Welt, die gerade eine Zeit der kollektiven Angst erlebt, ein wenig mehr Akzeptanz lernt. Aber um das wirklich zu glauben, dazu fehlt mir der Mut. Ich wünschte, ich hätte nicht so ein verdammtes Herzstolpern dabei, diesen Text mit meinem Namen zu unterschreiben. Es wäre so leicht, oder? Einfach einen anderen darunter setzen. Hach, im Internet kann man so herrlich lügen. Man muss dabei nicht mal lächeln. Nicht mal bei einem Text wie diesem. Die Angst sagt: genau das. Der Kopf sagt: sei mal nicht feige. Und das Herz: tock, tock, holper, tock. Weil ich fürchten muss, irgendwer könnte mich entdecken, wissen, ahnen, verurteilen. Schlimmer noch: Weil ich fürchten muss, jemand könnte mich darauf ansprechen, mich fragen, wie es mir geht. Alles. Nur das nicht. Bitte.

Macht‘s gut, seid doch mal zur Abwechslung ganz wahr. Eure Lügnerin, heute mal oben ohne, ohne Lächeln. Eva

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