Ablauf der Stressreaktion

Wenn wir annehmen, dass einer unserer Vorfahren bei der Jagd ganz plötzlich und unerwartet einem Höhlenbären gegenüber stand, dann hatte dies eine Reihe von Auswirkungen auf seinen Körper und seine Psyche. Die Information „Höhlenbär direkt vor mir“ wird zuerst über die Sinnesorgane (Auge/Ohr) an den Thalamus geleitet. Dort findet eine erste Bewertung der Situation statt, eine weitere in der Großhirnrinde. Wird der Vorgang als Stresssituation eingestuft, ergeht ein Gefahrensignal an die Amygdala und weiter an den Hypothalamus. Der Hypothalamus liegt in der Mitte unseres Gehirns. Eine seiner Aufgaben ist es, das Nervensystem mit dem Hormonsystem zu verbinden. Der Hypothalamus löst die körperliche Stressreaktion aus. Er hat dazu zwei Reaktionsweisen (auch Stressachsen genannt) zur Verfügung:

  • Sympatikus-Nebennierenmark-Achse
  • Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse

Die Sympathikus-Nebennierenmark-Achse (SNN-Achse)

Ein Teil des Nervensystems ist das sympathische Nervensystem. Es gehört zum sogenannten Eingeweidenervensystem und reguliert zusammen mit seinem Gegenspieler, dem parasympathischen Nervensystem, die Tätigkeit unserer inneren Organe. Die Hauptaufgabe des Sympathikus ist es, uns in Handlungsbereitschaft zu versetzen. Dies geschieht dadurch, dass die Sympathikus-Nebennierenmark-Achse (SNN-Achse) aktiviert wird. Dabei erweitern sich die Pupillen, ebenso die Bronchien in der Lunge. Dadurch kann unser Vorfahre den Höhlenbären besser sehen und mehr Sauerstoff in seinen Körper aufnehmen. In der Leber werden Energiereserven in schnell verfügbaren Zucker (Glukose) umgewandelt und dann über das Blut zu den Muskeln und zum Gehirn transportiert. Dies geschieht nun besonders schnell, weil sich auch die Herzschlagfrequenz erhöht. Die Blutgefäße in den Skelettmuskeln erweitern sich, die Muskeln werden verstärkt durchblutet und erhalten damit mehr Sauerstoff und mehr Energie. Unser Vorfahre wird in die Lage versetzt, den Höhlenbären entweder anzugreifen oder schnell davon zu laufen.

Damit dies über einen längeren Zeitraum möglich ist, wird immer wieder Energie in Form von Zucker und Fettsäuren zur Verfügung gestellt. Die Zucker-Speicherung und anderen Aktivitäten (z.B. Verdauung und Sexualität) werden dagegen gehemmt.

Der Sympathikus aktiviert auch das Nebennierenmark. Das Nebennierenmark ist der innere Teil einer kleinen, paarig angelegten Hormondrüse, die kappenartig auf den Nieren sitzt. Die dort gebildeten Hormone Adrenalin und Noradrenalin verstärken die geschilderte Wirkung des Sympathikus.

Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse (HHN-Achse)

Oftmals ist die als gefährlich und Stress auslösend eingeschätzte Situation nach einer kurzen Zeitspanne jedoch noch nicht vorbei. Stellen Sie sich vor, dass sich der oben geschilderte Höhlenbär nicht davongetrollt hat, sondern sich immer noch in der Nähe unseres Vorfahren aufhält. Die Stressreaktion muss also intensiviert werden. Dies geschieht durch die zweite Stressachse: Der Hypothalamus aktiviert die Hirnanhangdrüse (Hypophyse), die ihrerseits weitere Hormone freisetzt. Diese führen dazu, dass bei länger andauernden Stresssituationen in der Nebennierenrinde, dem äußeren Teil der Nebenniere, sogenannte Glukokortikoide (v.a. Kortisol) gebildet und an das Blut abgegeben werden. Kortisol bewirkt, dass im Körper noch mehr Glukose gebildet wird, sodass mehr Energie zur Verfügung steht. Gleichzeitig wird die Energie verbrauchende Immunabwehr unterdrückt.

Die Hormone der Hirnanhangdrüse stimulieren jedoch nicht nur die Nebennierenrinde im Rahmen dieser Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse (HHN-Achse), sondern auch die Schilddrüse. Letztere regt den gesamten Stoffwechsel des Körpers an, sodass der Grundumsatz steigt und die Körpertemperatur sich erhöht. Dadurch, dass die Schilddrüse auch den Sympathikus anregt, bleibt die oben geschilderte SNN-Achse weiterhin aktiv, die Stressreaktion bleibt bestehen. Erst wenn die Stresssituation beendet ist oder wenn sich der Organismus an die Situation angepasst hat, bilden sich die Vorgänge wieder zurück.

 
 

Autorin

Dr. med Lotte Habermann-Horstmeier

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