Als die Angst zurückkehrte – und ich erneut so viel über mich lernen durfte
2018 traf mich meine Angsterkrankung völlig unvorbereitet und eiskalt. Während einer stressigen Klausurenphase spürte ich erste Symptome wie Übelkeit, Herzrasen oder ein Schwindelgefühl. Ich ignorierte alles davon und versuchte, mich durch den Tag zu kämpfen. Bis ich nach einigen Wochen meine erste Panikattacke erlebte. Monate voller Angst, Hochs und Tiefs, Erschöpfung und Herausforderungen folgten. Doch nach über 80 Therapiesitzungen hatte mich die Angst nicht mehr im Griff und ich lernte, wie ich meiner Angst die Stirn bieten konnte. Seitdem suchten mich die Angstgefühle nur noch selten heim. Ein wunderbares Gefühl, welches für mich eine ganz neue Form von Freiheit und Lebensqualität bedeutete.

Die sorgenfreie Zeit…
Jahrelang schaffte ich es, mich von der Angst zu distanzieren. Auch das Jahr 2025, welches für mich ein Jahr voller Veränderung, Herausforderung und schlicht auch Stress darstellte, änderte daran nichts. Die Angst blieb aus, und irgendwann dachte ich gar nicht mehr daran, auf mich selbst zu achten. Dass das keine gute Idee war, hätte ich mir denken können, aber was das angeht, würde ich mich rückblickend als „leichtsinnig“ bezeichnen. Seit 27 Jahren lebe ich nun in meinem Körper und man sollte meinen, spätestens nach meiner Therapie hätte ich es besser wissen müssen. Eigentlich weiß ich ja, wie wichtig Pausen, Selbstfürsorge und ein freundlicher Umgang mit sich selbst sind. Aber sicher kennen es einige, wie schnell man solche Dinge auch wieder vergisst oder auf später verschiebt, wenn gerade viel los ist.
Den Sommer über arbeitete ich gedanklich nur noch auf meinen Urlaub in Griechenland hin – eine Woche entspannen, Zeit mit Freunden verbringen, Sonne tanken und gutes Essen genießen. Nur wenige Tage vor meinem Abflug nach Griechenland bekam ich dann eine Erkältung mit Fieber. Ich war etwas geknickt und besorgt. „Was, wenn es mir im Urlaub nicht gut geht?“ Als Angst nahm ich diese Gedanken noch nicht wahr, aber so richtig unbeschwert fühlte ich mich auch nicht. Der Hinflug war für problematisch, trotz Flugangst, und so besserte sich meine Stimmung und ich war bereit für Entspannung und Erholung. Da die Anreise länger dauerte als gedacht, entschieden wir uns, erst einmal im Hotel eine Stunde zu schlafen, ehe es Abendessen geben sollte.
Der unerwartete Sturm nach der Windstille

Gesagt, getan. Nur leider war ich nicht wacher und entspannter – ich wachte in meiner kleinen persönlichen Hölle auf. Denn die Angst hatte mich mal wieder eiskalt erwischt. Ich wachte auf und spürte ein Gefühl von Hitze, mir war übel und die Welt um mich herum kippte. Ich hatte das Gefühl, als würde mir schwindelig werden, vielleicht drohte sogar eine Ohnmacht. War vor wenigen Stunden noch Freude da, übernahm nun die Panik das Steuer und ich wollte nur eins: flüchten und nach Hause. So überrumpelt habe ich es auch erstmal nicht geschafft, einen klaren Gedanken zu fassen.
An Abendessen war nicht zu denken, aber ich kämpfte mich trotzdem ins Restaurant, um meinem Partner und unseren Freunden nicht zu zeigen, wie schlecht es mir ging.
War das schlau? Nein. Aber in dem Moment hatte ich gar keine gedankliche Kapazität, um in Worte zu fassen, wie ich mich fühlte. Denn ich habe nicht verstanden, warum die Angst plötzlich so präsent war. Also habe ich mich durchs Abendessen gekämpft, dabei starke Übelkeit verspürt und nur gehofft, dass es schnell vorbeigehen würde.
Zurück im Zimmer gab mein Mann, der immer verständnisvoll reagiert, der Angst direkt den nötigen Raum. Ich konnte darüber sprechen und auch meinen Tränen der Überforderung freien Lauf lassen. Und nun konnte ich auch den Gedanken zulassen, dass die Angst da sein darf. Toll fand ich das natürlich nicht, aber mir war klar, dass ich anfangen musste sorgsam mit mir selbst umzugehen. Den Abend konzentrierte ich mich aufs Atmen, im-Moment-sein und übte mich in Ablenkung, aber auch in Akzeptanz.
Die Lektion, die ich lernen musste

Am nächsten Morgen war die Angst noch da, aber schon etwas kleiner geworden. Beim Frühstück aß ich eine Scheibe Toast und war stolz. Ich klopfte mir selbst auf die Schulter und zeigte mir auch hier: Es ist okay. Du bist okay. Und auch: Die Angst ist okay.
Der Urlaub wurde mit den Tagen immer besser und losgelöster von der Angst. Ich durfte schöne Erinnerungen sammeln und wieder etwas ruhiger werden.
Nach meiner Heimkehr war ich mir sicher, die Angst in Griechenland zurückgelassen zu haben. Aber in den nächsten Tagen musste ich leider feststellen, dass mich ein ständiges Angstgefühl begleitete, mal mehr, mal weniger stark ausgeprägt. Wenn ich in der Stadt unterwegs war, hatte ich das Gefühl, gleich eine Panikattacke zu bekommen und ohnmächtig zu werden. Ging ich mit Freunden in ein Restaurant, schnürte sich mir die Kehle zu und ich fürchtete, mich gleich zu übergeben. Ich war richtig niedergeschlagen. Es fühlte sich für mich an, als wäre ich 100 Schritte zurückgegangen und hätte alles verloren, was ich mir über Jahre aufgebaut und erkämpft hatte – trotz Angst.
Doch als ich dann am Wochenende zuhause saß, fiel mir das so Offensichtliche auf: Ich bin monatelang am Limit gelaufen und hatte schlicht keine Zeit für eine Pause – oder dafür, Angst überhaupt wahrzunehmen. Biologisch gesehen war mein Körper ständig aufgepusht und bei 100%. Erst, als ich das erste Mal etwas zur Ruhe kommen konnte, klopfte meine Psyche an und sagte laut: „Hallo, ich bin auch noch da. Und das muss ich dir jetzt leider mal zeigen, damit du wieder mehr auf mich achtest. Es tut mir leid, dass ich zu so harten Mitteln greifen muss, aber ich weiß auch nicht mehr weiter.“.
Das habe ich dann zum ersten Mal richtig verstanden. Selbstfürsorge und Pausen sind nichts, was man irgendwann nachholen kann, sondern sie sind essentiell, immer, überall und egal, wie stressig es auch gerade ist.
Dass meine Angst wieder zurückkam, war für mich richtig schlimm, das steht außer Frage. Aber es war auch eine wichtige – und notwendige – Lektion, um wieder mehr auf mich zu achten und mir ins Gedächtnis zu rufen, dass meine mentale Gesundheit und Heilung kein Geschenk ist, sondern Arbeit. Arbeit an mir, meinen Ängsten, meinen Gedanken und vor allem meinem Umgang damit. Auch das kann die Realität mit Angst sein.
Information zur Autorin:
Unsere Autorin ist 27 Jahre alt und seit ihrer Jugend von einer Angsterkrankung betroffen. Durch Therapie und Selbsthilfe hat sie Methoden erlernt, um der Angst im Alltag zu begegnen. Diese Erfahrungen gibt sie gerne weiter und möchte Betroffene unterstützen, Angsterkrankungen sichtbarer zu machen. Neben ihrem Ehrenamt für die DASH hält sie auch Workshops und Vorträge zum Umgang mit Angststörungen und verbringt ihre Freizeit am liebsten mit einem guten Buch und ihrer Hündin bei Sonnenschein im Garten.
