Angst und Depression

Ein häufig vorkommendes Paar – Psychische Störungen – auch Angststörungen – werden häufig so dargestellt, als ob sie isoliert auftreten würden – eine Person, eine Erkrankung. Das ist jedoch ein verzerrtes Bild, denn in der Realität ist eine isolierte Erkrankung eher die Ausnahme. Jeder Angstbetroffene weiß, dass eine Angststörung sehr häufig zu einer weiteren Angststörung führt (z.B. Soziale Phobie und Emetophobie). Und auch eine Kombination mit Störungen jenseits des Bereichs der Angsterkrankungen ist viel häufiger als man denkt. An erster Stelle steht hier die Depression.

Komorbidität

Das gemeinsame Auftreten von verschiedenen Erkrankungen wird Komorbidität genannt. Ein Patient ist also von zwei (oder mehr) Erkrankungen gleichzeitig betroffen. Dabei kann eine Komorbidität zwischen zwei körperlichen oder zwischen zwei psychischen Erkrankungen bestehen oder einer körperlichen und einer psychischen.

Das Verhältnis zwischen den beiden Erkrankungen kann kausaler Art sein, muss es aber nicht, d.h. die zweite Krankheit kann ganz unabhängig von der ersten auftreten. Oft ist es jedoch so – und das gilt besonders für den psychischen Bereich -, dass die zweite Erkrankung eine direkte Folge der ersten ist. Die Folgeerkrankung wird also von der Grunderkrankung hervorgerufen, wobei es im Einzelfall schwierig sein kann, zu sagen, welche Erkrankung im Verlauf einer jahrelangen Krankengeschichte zeitlich zuerst da war. Sogar die Betroffenen selbst können dies oft nicht angeben. Aus praktischen Gründen wird daher die schwerere, belastendere Erkrankung als die Grunderkrankung bezeichnet.

Das Verhältnis von Angst und Depression

Die Wissenschaft geht davon aus, dass drei Viertel aller Angstpatienten eine weitere psychische Störung entwickeln. An erster Stelle steht dabei die Depression, gefolgt von Suchterkrankungen und körperlichen Erkrankungen (z.B. Migräne, Tinnitus). Die Zahl der Angstpatienten, die zusätzlich eine Depression entwickeln, belaufen sich je nach Angststörung auf 40 bis 70%. Umgekehrt tritt bei etwa 50% der Depressionserkrankten eine Angststörung auf. Die Kombination von Angst und Depression ist also ein sehr häufig vorkommendes Phänomen. Wie ist das zu erklären?

Depression folgt der Angst: Depressionen in der Folge von Angststörungen entstehen, wenn die Ängste so stark werden, dass sie das normale Alltagsleben schwer beeinträchtigen. Aufgrund der Ängste vermeiden Betroffene Aktivitäten und Orte, die ihnen vorher Spaß gemacht haben, wie etwa Freunde treffen, Kinobesuche, Reisen. Die Ängste führen also zu einer Einschränkung des Lebensradius und damit zu Isolation und Einsamkeit. Auch der berufliche Bereich kann betroffen sein. Wer vor lauter Angst seine Arbeit nicht mehr erledigen kann, bekommt vielleicht keine Gehaltserhöhung und im schlimmsten Fall eine Kündigung. Das alles kann leicht zu depressiven Symptomen wie Niedergeschlagenheit, Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung führen. Die Folge davon ist eine Selbstabwertung der Betroffenen, ein Verlust an Selbstwertgefühl und mangelnder Selbstbestätigung, was wiederum den Rückzug und damit die Depression verstärkt. Einmal in den Teufelskreis hineingeraten, rutscht man schnell immer tiefer.

Angst folgt der Depression: Es gibt natürlich auch den umgekehrten Fall, dass Angstsymptome infolge einer Depression auftreten. Depressive Menschen, die Schwierigkeiten haben, alltägliche Dinge wie den Gang zur Arbeit oder die Hausarbeit zu bewältigen, entwickeln eine Angst davor, es irgendwann gar nicht mehr zu schaffen, völlig zu „versagen“. Aus diesen Versagensängsten werden beim Blick auf ihr weiteres Leben schnell Zukunftsängste. Menschen mit Depression besitzen oft eine sehr negative Zukunftsperspektive, weil sie sich nicht vorstellen können, dass es ihnen irgendwann einmal wieder besser geht. Der Gedanke, nicht mehr gesund zu werden, den Arbeitsplatz, die finanzielle Sicherheit oder gar die Familie zu verlieren, treiben die Angst immer weiter an und lassen die Hoffnung auf Besserung verschwinden.

Symptome der Depression

Wie bei der Angst zeigen sich auch bei der Depression Symptome auf der psychischen, mentalen, körperlichen und der Verhaltensebene.

Psychisch: Zentral für die Depression ist eine Beeinträchtigung der Stimmung: Niedergeschlagenheit, emotionale Leere, Antriebslosigkeit, Interessensverlust, Verlust an Freude, Sinnlosigkeit, Gefühl der Gefühllosigkeit

Mental: negative Einstellungen gegenüber sich und gegenüber der eigenen Vergangenheit, Pessimismus (alles ist grau), Selbstvorwürfe und Selbstkritik, Grübeln, Einfallsarmut, Überfordertsein, Erwartung einer Katastrophe, Ausweglosigkeit bis hin zu Selbstmordgedanken

Körperlich: innere Unruhe, Erregung, Spannung, Reizbarkeit, Ermüdung, Schwäche, Schlafstörungen, Appetitlosigkeit, Schmerzen, Konzentrationsprobleme, sonstige vegetative Beschwerden (Kopfdruck, Magenbeschwerden)

Verhalten: Rückzug- und Vermeidungsverhalten, Aktivitätsminderung, Distanz zur Umwelt, reduzierte Mimik und Gestik, zunehmende Abhängigkeit von anderen

Symptome von Angst und Depression im Vergleich

Obige Aufzählung ist natürlich nicht vollständig, sie zeigt aber einen eindeutigen Befund: Angst und Depression haben hinsichtlich der Symptome einen nicht unerheblichen Überschneidungsbereich. Besondres bei den körperlichen Symptomen gibt es eine sehr große Übereinstimmung. Berichten Patienten daher nur von ihren körperlichen Symptomen, ist eine eindeutige Zuordnung kaum möglich. Auch im Bereich des Verhaltens gibt es Ähnlichkeiten. Depressive wie Angstbetroffene ziehen sich aus dem Leben zurück, vermeiden Aktivitäten und soziale Kontakte. Allerdings unterscheidet sich die jeweilige Motivation: Bei der Depression ist es eine allgemeine Antriebslosigkeit, die bei Angstbetroffenen eher nicht auftritt. Bei diesen spielt dagegen die Vermeidung „gefährlicher“ Situationen die entscheidende Rolle, in denen sie starke Angstgefühle erleben würden.

Übereinstimmungen lassen sich des weiteren im mentalen Bereich finden, so z.B. stundenlange Grübelschleifen, ein negatives Selbstbild, ein Gefühl der Überforderung und des Kontrollverlusts. Für Angstbetroffene treten solche Symptome v.a. in den für sie spezifischen Angstsituationen auf. Steht eine solche Situation bevor, fragen sich Angstbetroffene immer wieder: „Was ist, wenn dies oder jenes passiert?“ Ihr Grübeln richtet sich auf Ereignisse, die demnächst oder auch irgendwann in der Zukunft stattfinden. Demgegenüber gibt es für Depressive kaum noch eine Zukunftsperspektive. Ihr Denken richtet sich besonders auf die Vergangenheit: Warum ist mir dies passiert? Was habe ich falsch gemacht? Warum ist es so schlecht gelaufen? Es herrschen eher Gefühle wie Selbstzweifel, Scham wegen der eigenen Unfähigkeit, Schuld wegen ungenutzter Chancen vor als Angst.

Der größte Unterschied besteht jedoch im emotionalen Bereich. Angstgefühle kommen meist in ganz konkreten Situationen auf und zeigen sich als Ohnmacht, als Kontrollverlust und Hilflosigkeit, wie mit einer Situation umzugehen ist. Depressionen dagegen sind längerfristig, treten nicht nur situativ auf, tauchen das ganze Leben in eine graue Sicht. Nicht nur die Gegenwart ist düster, auch die Vergangenheit. Alles, was bisher war, erscheint wertlos. Alles was früher Freude bereitet hat, wird bedeutungslos. Eine solche pessimistische Sichtweise auf alles, ein generelles Grau-in Grau ist für Angstbetroffene eher nicht typisch (bzw. wo das der Fall ist, deutet es eben auf eine Depression hin). Die innere Leere, das Gefühl der Sinnlosigkeit kann sich bis zu Selbstmordgedanken und bis zum tatsächlichen Selbstmord steigern, auch das ist bei Angstbetroffenen eher selten der Fall.

Welche Symptome sprechen für eine Angsterkrankung, welche für eine Depression als Grunderkrankung?

Symptome, die eher für eine Angststörung sprechen:

  • Starkes Vermeidungsverhalten
  • Erwartungsangst (Angst vor der Angst)
  • Körperliche Symptome, die typisch für einen akuten Angstzustand sind: Zittern, Herzklopfen, Atemnot, Schwitzen, Schwindel u.a.
  • Depersonalisation und Derealisation (Gefühl der Unwirklichkeit)

Symptome, die eher für eine Depression sprechen:

  • Tagesschwankungen (Morgentief)
  • Anhedonie (Verlust der Fähigkeit, Freude zu empfinden)
  • Verlust von Interesse an täglichen Aktivitäten
  • Verlust der Hoffnung auf Besserung
  • Selbstmordgedanken
  • Trauriger Gesichtsausdruck
  • Verringerte Körpersprache (langsames Sprechen, verlangsamtes Antworten, verringerte Mimik)

Entstehen einer Depression

Traurigkeit und Niedergeschlagenheit sind (ebenso wie Angst) ganz normale Gefühle, die jeder Mensch kennt. Diese Gefühle haben eine biologisch sinnvolle Funktion: Bei der Angst geht es darum, Körper und Geist zu mobilisieren, um einen befürchteten Schaden oder Verlust zu verhindern. Wenn jedoch ein solcher Verlust, ein Misserfolg oder eine Enttäuschung einmal eingetreten ist, gilt es, sich an die veränderten Umstände anzupassen. Dazu ist es sinnvoll, sich für einige Zeit von der Welt zurückzuziehen, alle Aktivitäten bis auf das Nötigste einzustellen, um die nicht erfolgreichen Strategien zu überdenken und neue Perspektiven zu entwickeln.

Solche Zeiten des Verlusts, der Niederlage, der Ziellosigkeit oder Einsamkeit kennt jeder. Die meisten Menschen schaffen es, mit diesen Belastungen fertig zu werden und wieder einen positiven Blick auf das Leben zu entwickeln. Manchen jedoch gelingt dies nicht und sie rutschen immer weiter hinein in einen Teufelskreis aus pessimistischen Gedanken und Gefühlen der Traurigkeit, inneren Leere und Hoffnungslosigkeit. So wird aus der an sich normalen Reaktion auf einen Verlust oder eine Niederlage eine krankhafte Depression.

Das Vulnerabilitäts-Stress-Modell

Ebenso wie bei einer Angststörung wird auch bei einer Depression das Vulnerabilitäts-Stress-Modell zur Erklärung ihrer Entstehung herangezogen (siehe dazu den Text: Die Entstehung von Angststörungen, Teil II). Nach diesem Modell gibt es drei Faktoren, die in unterschiedlichem Ausmaß an der Entstehung einer Depression beteiligt sind:

  • biologische (d.h. genetische)
  • psychische (persönlichkeitsbezogene)
  • soziale (lebensgeschichtliche)

Sie sind die Ursachen dafür, dass manche Menschen schneller in den Teufelskreis der Depression hineingeraten als andere und schwerer wieder herausfinden. Als weiterer Faktor kommt noch ein aktuelles Stressereignis hinzu, das die „Krise“ sozusagen auslöst.

Biologische Faktoren: Die Biologie (bzw. Genetik) scheint bei der Depression eine größere Rolle zu spielen als bei einer Angsterkrankung. Bei Depressionserkrankten lassen sich bestimmte Veränderungen im zentralen Nervensystem beobachten. Die Aktivität und sogar die Größe bestimmter Areale des Gehirns (z.B. des Hippocampus) sind verändert, wodurch Netzwerke beeinträchtigt werden und das Gehirn anders arbeitet als bei Nichterkrankten. Typisch ist auch ein Ungleichgewicht im Neurotransmitter-Haushalt, insbesondere ein Mangel an Serotonin (das für die Stimmung mitverantwortlich ist).

Fraglich ist jedoch der kausale Zusammenhang: Haben diese Abweichungen bei betroffenen Personen zur Entstehung einer Depression geführt oder sind diese Veränderungen durch die Depression erst entstanden? Wahrscheinlich sind beide Erklärungswege richtig und bei einer Person ist eher der angeborene Faktor entscheidend, bei einer anderen die äußeren Umstände, also psychische Gründe.

Psychische Faktoren: Menschen mit Depressionen haben oft „traumatische“ Erfahrungen in der Kindheit gemacht, etwa eine emotionale (und mitunter auch eine körperliche) Vernachlässigung. Dies kann, wie auch bei Angsterkrankten zu einem geringen Selbstwertgefühl, zu mangelnden Kompetenzen der Lebensbewältigung und einem Gefühl der Hilflosigkeit führen.

Im Gegensatz zu Angstbetroffenen scheint sich aber bei Depressionspatienten eine besonders negative Sicht sich selbst und der Welt gegenüber ausgebildet zu haben. Sie beurteilen sich (ihre Fähigkeiten, ihr Erscheinungsbild) und ihr ganzes Leben als unnütz und wertlos, der Blick in die Zukunft wird nur als Sackgasse oder schwarzes Loch gesehen, positive Ereignisse werden dem Zufall zugeschrieben, Misserfolge der eigenen Unfähigkeit. Hoffnung auf Besserung gibt es kaum noch. Doch wie entsteht eine derart negative Sichtweise?

Ein oft zitierter Ansatz ist das Modell der erlernten Hilflosigkeit von Martin Seligman. Erlernt wird die Hilflosigkeit in der Kindheit und meint die feste Überzeugung, keinerlei Möglichkeit zur Veränderung der eigenen Lebensumstände zu besitzen. Da solche Menschen keine Beständigkeit in ihrem (frühen) Leben erfahren haben, vielmehr nur Chaos und Willkür, konnte sich auch kein Gefühl von Kontrolle über das äußere Geschehen ausbilden. Das Verhalten ihrer Bezugspersonen war unbeständig und unberechenbar, etwa das eine Mal freundlich, das nächste Mal aufbrausend und bestrafend, so dass sie keinerlei Zusammenhang zwischen ihrem eigenen Handeln und der Reaktion der Umwelt herstellen konnten. So prägte sich die Grundeinstellung aus, überhaupt keinerlei Einflussmöglichkeiten auf die Umwelt zu besitzen. Das führte zu einem Gefühl von Hilflosigkeit, ja letztlich von Hoffnungslosigkeit. Denn wer der Überzeugung ist, keinerlei Kontrolle über die Umwelt und sein Leben ausüben zu können, verliert auch die Bereitschaft, etwas für das eigene Wohlbefinden zu tun. Er gibt sich quasi selbst auf und verfällt in Resignation.  

Soziale Faktoren: Schließlich können auch soziale Faktoren, insbesondere fehlende Beziehungen, Isolation und Einsamkeit, sowohl Depressionen mit auslösen, wie sie weiter aufrechterhalten. Menschen sind soziale Wesen und Beziehungen zu anderen ist eines der wichtigsten Grundbedürfnisse. Für eine andere Person wichtig zu sein und gebraucht zu werden, ist essenziell für unseren Selbstwert. Fehlende soziale Kontakte machen einsam und schließlich krank.

Weitere Informationen zum Vulnerabilitäts-Stress- Model findet ihr hier.

Hilfsmöglichkeiten

Wer befürchtet, zusätzlich zu seiner Angsterkrankung in eine Depression abzurutschen, sollte sich umgehend professionelle Hilfe holen. Denn eine komorbide Erkrankung ist immer schwerwiegender als eine Erkrankung in reiner Form und führt daher unbehandelt immer tiefer in eine negative Dynamik hinein. Neben professioneller Hilfe kann man auch Selbsthilfeangebote in Anspruch nehmen, etwa eine spezielle Selbsthilfegruppe zu Angst und Depression.