Wirkfaktoren in der Angstselbsthilfe

Am Beispiel der Münchner Angstselbsthilfe (MASH) gab Margit Waterloo-Köhler beim Bundeskongress der Deutschen Gesellschaft für Verhaltenstherapie, am 29. März 2014 in Berlin einen Vortrag zu den Wirkfaktoren, den wir euch hier vorstellen möchten:

Betroffene im Zentrum

Im Zentrum unserer Arbeit stehen die Betroffenen mit ihren unterschiedlichen Ressourcen und Fähigkeiten, und mit ihren Stärken, die trotz Angst-Erkrankung vorhanden sind. Besonders wichtig sind uns dabei, Ansprüche auf Selbstverantwortung, Selbstbestimmung und Solidarität wertzuschätzen. Selbsthilfe lebt davon, eigene Probleme aus eigener Kraft gemeinsam mit anderen zu bearbeiten.

Unsere Haltung ist gekennzeichnet durch das Vertrauen in die Fähigkeit jedes Einzelnen zu Selbst-Realisation und persönlichem Wachstum auch in Krisenzeiten sowie durch einen weitgehenden Verzicht auf „Expertenurteile“ über „subjektiv richtige Lebensentwürfe“.

Unser Auftrag liegt darin, Menschen, die unter Angststörungen leiden, zu unterstützen, ihre Selbsthilfekräfte wieder zu stärken, das Vertrauen in diese Kräfte zu stärken und Wege aufzuzeigen, wie die krankhafte Angst überwunden werden kann. Unser Ziel ist es, Menschen, die unter krankhafter Angst leiden, zu stärken, ihnen Mut zu machen und Zuversicht zu geben. Wir wollen dazu beitragen, dass unsere Teilnehmer Therapie effektiv nutzen können und Erfolge stabil in ihren Alltag integrieren können. Wir wollen aber auch, dass sie sich einmischen und sie wieder lernen, sich für eigene Belange einzusetzen und bei Bedarf auch politisch aktiv werden.

Wir wollen keinesfalls, dass sich Menschen in der Angst-Selbsthilfe gegenseitig „bejammern“ und da­mit Entwicklung behindern, noch haben wir den Anspruch – und auch nicht den Auftrag -, „Therapie light“ zu machen.

Die Menschen, die zu uns kommen, geben uns den Auftrag, sie dabei zu unterstützen, ihre Selbst­hilfekräfte zu stärken und Rahmenbedingungen zur Verfügung zu stellen, so dass Betroffenen ge­meinsam mit anderen lernen, die Angst als Krankheit zu überwinden.

Nicht die Leitung wirkt, sondern die Gruppe

Die Rolle des Gruppenleiters ist dadurch charakterisiert, dass er als teilnehmender Beobachter, im Sinne eines „Katalysators“ teilnimmt, der Interaktionen in der Gruppe in Gang setzt, sie auch in eine bestimmte Richtung lenkt, die er allerdings nicht alleine festlegt.

Die Rolle des Gruppenleiters bei MASH erfordert:

  • Fachkompetenz: Grundlagenwissen über Angst als Krankheit und entsprechende Be­handlungsmöglichkeiten.
  • Strukturierungskompetenz: Einhaltung der zeitlichen und strukturellen Rahmenbedingungen,  die TZI Gruppenregeln beachten, sich wenn nötig durchsetzen zu können usw. Der Mode­rator ist zuständig für die Gestaltung einer transparenten, offenen und vertrauensvollen At­mosphäre und motiviert, die Gruppenregeln zu beachten und damit zu experimentieren.
  • Soziale Kompetenz: Damit ist gemeint, dass ein MASH Gruppenleiter über eine gewisse „Stressstabilität“ verfügen muss, Gruppenprozesse im Auge behalten können muss, bzw. Gruppenprozesse anregen kann und in der Lage ist, auf einzelne Teilnehmer individuelle einzugehen. Er unterstützt gerade am Anfang der Gruppenteilnahme neue Mitglieder damit sie die Möglichkeiten, die die Gruppe bietet, überhaupt wahrnehmen können.
  • Persönliche Kompetenz: Ein MASH Gruppenleiter muss „glaubwürdig“ sein und sich als Per­son sichtbar machen können. Die von Carl Rogers benannten Fähigkeiten zu Empathie, Ak­zeptanz und Kongruenz unterstützen eine gute Gruppenleitung bei MASH.

Eine weitere wichtige Aufgabe des Gruppenleiters bzw. der Gruppenleiterin liegt darin, gezielt Meta­kommunikation zu ermöglichen, damit nicht nur Altes bestätigt wird, sondern gemeinsam mit den anderen Gruppenteilnehmern Reflexion möglich wird, so dass Veränderung und Weiterentwicklung angestoßen werden.

Ein Leitsatz für die Gruppenleitung bei MASH ist, dass Authentizität zentraler Kern der Leitungs­kompetenz ist.

Vertrauen und Öffnen

Ein wichtiges Potential der Selbsthilfe, das durchgängig von allen TeilnehmerInnen bestätigt wird, ist das Gefühl der Geborgenheit und des Verstanden Werdens, das durch die regelmäßige Gruppen­arbeit in festen Gruppen aufgebaut wird.

Die Selbsthilfegruppe mit den wöchentlichen Treffen und den festen Teilnehmern stellt ein relativ stabiles und Vertrauen gebendes Netzwerk dar. In dieser „geschützten Atmosphäre“ ist es möglich, über das Austauschen von Tipps zum Umgang in konkreten Angst Situationen hinauszugehen und
z. B. Verhaltensmuster, oder allgemein gesprochen, Hintergründe und Ursachen der Angst Erkran­kung zu beleuchten. Über das unmittelbare Feed-back, das in der Selbsthilfegruppe ermöglicht wird, ist eine Korrektur des häufig sehr negativen Selbstbildes möglich.

Viele Betroffene, die zu MASH kommen, befürchten an einer schrecklichen Krankheit zu leiden mit der sie ganz alleine sind. Viele sprechen in der Gruppe das erste Mal offen über ihre Ängste und schämen sich häufig für ihre Angst und ihr „Nicht-Funktionieren“. Der Austausch in der Gruppe mit anderen, die unter den gleichen Symptomen leiden, wirkt daher unglaublich entlastend und setzt motivierende Energien frei, die dann zur Überwindung der Angst eingesetzt werden können.

Lernen am Modell

Der Erfahrungsaustausch über individuelle Formen der Angstbewältigung erhöht die Motivation sich selbst verstärkt angstbesetzten Situationen auszusetzen, so dass Vermeidungsstrategien in der Grup­pe thematisiert und reduziert werden können.

In der Selbsthilfegruppe können neue Verhaltensweisen in einer relativ geschützten Atmosphäre ausprobiert werden, wodurch sozial Neu-Gelerntes leichter in den Alltag transferiert werden kann. Neue Handlungsalternativen können entwickelt, ausprobiert und reflektiert werden.

Damit der Erfahrungsaustausch in der Selbsthilfe wirklich positiv wirkt, ist es notwendig, dass nicht nur über Negatives gesprochen wird, sondern dass die Gruppenteilnehmer auch über ihre Erfolge be­richten und diese gewürdigt werden. Diese Berichte wirken als positiver Verstärker und motivieren wiederum andere, sich selbst auf den Weg zu machen. Ein derart gestalteter Austausch in den Grup­pen entlastet, motiviert und gibt Zuversicht.

Geben und Nehmen

Am Anfang der Gruppenteilnahme sind die Teilnehmerinnen und Teilnehmer häufig in einer Position des Hilfe-Empfängers, da sie aufgrund ihrer Angsterkrankung sehr auf Hilfe und Unterstützung angewiesen sind. Im Laufe der Teilnahme wechseln dann viele in die Rolle des Unterstützers, da sie eigene Erfahrungen an andere neue dazu gekommene TeilnehmerInnen weitergeben, wodurch diese motiviert werden und gleichzeitig die eigenen Erfolge stabilisiert und bekräftigt werden. Bobzien und Stark (1988) sprechen im Zusammenhang mit dem Empowerment Konzept von einem Stadium der „überzeugten Verpflichtung“, also einem Wechsel von der Position der Schwäche zu einer Position der Stärke. Das zeigt sich im Konzept der MASH u. a. auch darin, dass einige ehemalige Grup­penteilnehmer nach einer MASH internen Gruppenleiter Schulung selbst eine Gruppe moderieren.

Soziale Kontakte: Austausch und Unterstützung auch über die Gruppe hinaus

Die soziale Gemeinschaft der Selbsthilfegruppe ist ein Ort, an dem soziale Rückkoppelungen stattfin­den, so dass eine Korrektur und Weiterentwicklung der individuellen Sozialisation stattfinden kann.

Die Gruppe unterstützt dabei, Tendenzen zum sozialen Rückzug zu unterbrechen, da die Teilnehmer häufig auch außerhalb der wöchentlichen Gruppen-Sitzungen in Kontakt treten, gemeinsam etwas unternehmen oder sich in den jeweils individuellen angstbesetzten Situationen unterstützen.

Wenn die Angst sehr massiv ist, sind viele Betroffene sehr auf ihre Defizite fixiert, so dass weiter vorhandene Fähigkeiten und Stärken nicht mehr als Ressourcen zur Angstbewältigung eingesetzt werden können. Der Austausch in der Gruppe reduziert diese Fixierung u. a. auch dadurch, dass sich GruppenteilnehmerInnen gegenseitig unterstützen, z. B. bei gemeinsamen U-Bahn-Fahren, Kinobe­suchen oder sich in sozialen Situationen helfen.

Das Gefühl der Zugehörigkeit zu einer Gruppe, die gemeinsamen Erfahrungen und die sozialen Kon­takte in der Selbsthilfegruppe wirken einem meist sehr negativen Selbstbild entgegen und unter­stützen besonders Menschen mit Sozialer Angst.

Kontinuität

Die Gruppe stellt ein ressourcenreiches kontinuierliches Netzwerk besonders auch in Krisenzeiten zur Verfügung. Da die Teilnahme an einer MASH Selbsthilfegruppe zeitlich nicht begrenzt ist, bietet die Gruppe unterschiedliche Möglichkeiten: Manche Gruppenteilnehmer finden erst durch die Selbst­hilfe den Zugang zu professioneller Therapie, der größte Teil nutzt Selbsthilfe begleitend und ein wei­terer Teil im Sinne der Nachsorge, um Erfolge zu stabilisieren bzw. erneute Klinikaufenthalte bei star­ker Chronifizierung zu vermeiden.

Weiter bieten Selbsthilfegruppen Unterstützung an, um Wartezeiten auf einen Therapie- oder Klinik­platz zu überbrücken.

Zusammenarbeit mit dem etablierten professionellen System als „Therapieverbund“

Der Ansatz der MASH ist nicht auf Separierung ausgerichtet. Ganz im Gegenteil: Wir sind der Über­zeugung, dass sich beide Ansätze zum Wohl der Menschen mit Angsterkrankungen ergänzen müssen und nicht in Konkurrenz treten dürfen. Die MASH arbeitet also nach einem integrativen Konzept, das sowohl die verschiedenen Ansätze der Selbsthilfearbeit als auch die Zusammenarbeit mit Sozialpä­dagogen, Ärzten, Psychologen und Kliniken umfasst. Es gibt im bayrischen Raum z. B. einige Koope­rationen mit PSKs, in denen regelmäßig Gruppenleiter zusammen mit Teilnehmern ihrer Gruppen die Arbeit der MASH vorstellen. Eine ganz besonders intensive Zusammenarbeit besteht seit einigen Jah­ren mit der Tagklinik Westend in München, für die wir eine spezielle Gruppe als Nachsorge Angebot eingerichtet haben.

Neben dem therapeutischen und medizinischen System gibt es weiter die Zusammenarbeit mit ver­schiedenen psychosozialen Netzwerken wie z. B. der PSAG in München, mit Schulen oder punktuell auch mit den Volkshochschulen in München und Umgebung.

Uns ist wichtig, dass in der Zusammenarbeit mit dem etablierten professionellen System die Eigen­ständigkeit und die Selbstverantwortlichkeit der Selbsthilfegruppen gewahrt bleiben. Im Gegensatz zum systembedingten „Abhängigkeitsverhältnis“ zwischen Patient und Experten, steht in der Selbst­hilfe die freiwillige Beziehung absolut im Vordergrund.

Angst-Selbsthilfe wirkt darüber hinaus auch als Korrektiv zum etablierten Behandlungssystem. Medi­zinische und therapeutische Behandlungen werden von den GruppenteilnerhmerInnen häufig thema­tisiert und in der Gruppe besprochen. Dadurch können Therapieerfolge stabilisiert und erste Umsetzungsversuche von neuen Verhaltensweisen im geschützten Rahmen der Selbsthilfe erprobt werden. Allerdings werden auch Stillstand oder uneffektives therapeutisches Arbeiten angesprochen. TeilnehmerInnen der Angst-Selbsthilfe sind dadurch häufig kritischere und selbstbewusstere Patienten.