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Psychische Erkrankungen – was jeder wissen sollte

Aufklärung über psychische Krankheit (Psychoedukation) ist angesichts der immer noch weit verbreiteten Stigmatisierung dringend geboten. Es sind besonders zwei Punkte, die hierbei wichtig:

1. Psychische Erkrankungen sind kein Randphänomen

In Deutschland sind jedes Jahr fast 28% der Bevölkerung von einer psychischen Erkrankung betroffen. Die drei häufigsten Erkrankungen sind Angststörungen mit 15,3%, Depressionen mit 8,2% und Suchterkrankungen mit 5,7%. Es folgen Zwangsstörungen (3,6%), somatoforme Störungen (3,5%) und posttraumatische Belastungsstörungen (2,3%).

Unter den Angsterkrankungen machen die “harmlosen” spezifischen Phobien etwa die Hälfte aus (7,6%), die übrigen verteilen sich auf die Panikstörung, Agoraphobie, Soziale Phobie und Generalisierte Angst.

Angesichts dieser Zahlen ist klar: Psychische Erkrankung betrifft keineswegs nur ein “paar Verrückte”, sondern große Teile der Bevölkerung.

2. Es kann jeden treffen

Das derzeit gültige Modell zur Erklärung psychischer Erkrankungen ist das Vulnerabilitäts-Stress-Modell. Demnach gibt es drei Ursachen, die zur Entstehung einer Erkrankung beitragen: biologische (Vererbung), psychische (die Persönlichkeit des Einzelnen, d.h. erlernte Einstellungen und Überzeugungen), und soziale (die Lebensgeschichte der Person).
Diese Ursachen sind von Mensch zu Mensch unterschiedlich stark ausgeprägt. Jeder bringt seine individuelle Vorgeschichte mit je unterschiedlichen Erkrankungsbereitschaften (Vulnerabilitäten) mit. Hinzu kommen aktuelle Stressoren wie kritische Lebensereignisse (Tod, Trennung, Krankheit) bzw. alltägliche Dauerbelastung. Erreichen nun die aus dem bisherigen Leben “mitgebrachten” Bereitschaften, plus die aktuellen Belastungen, eine kritische Schwelle (die bei jedem anders ist), kommt es zur Erkrankung.

Dieses Modell macht klar, dass es eine klare Trennung von gesund oder krank nicht gibt, sondern immer nur unterschiedliche Grade an Belastung zu unterschiedlichen Zeiten. Das kennt jeder von sich: Es gibt bessere und es gibt schlechtere Zeiten. Und manchmal können sich die Belastungen so häufen, dass eine Abwärtsspirale in Gang gesetzt wird, bei der die einzelnen Stressoren sich gegenseitig verstärken, bis die kritische Grenze erreicht ist. Die Bewältigungsmechanismen des Betroffenen reichen nicht mehr aus, um mit den Belastungen fertig zu werden, die Krankheit kommt zum „Ausbruch.“ Krankheit ist in diesem Modell also eine Summierung negativer Faktoren bis zu einem kritischen Wert. Und einen solchen Wert hat jeder Mensch, d.h. es kann jeden treffen.

Welche Krankheit beim Überschreiten der kritischen Grenze zum Ausbruch kommt, ist wiederum personenspezifisch, von der individuellen Geschichte abhängig. Der eine entwickelt eine Angststörung, ein anderer eine Depression, ein dritter wird körperlich krank (psychosomatisch), ein vierter zeigt Suchtverhalten. Das Vulnerabilitäts-Stress-Modell gilt für alle Arten psychischer Erkrankungen. Jeder Mensch hat seinen Schwachpunkt, der in Krisenzeiten brechen kann. Mit Unzulänglichkeit und Schuld hat das alles nichts zu tun.