Bei Angststörungen outen? Jein!

Angst ist ein Tabu und schambesetzt. Sollte man sich outen? Das diskutierte der DASH Vorstand bei Radio Lora.

von Wolfgang Chr. Goede

Das Team der Radio Lora Sendung

Zum Thema sprachen im Lora-Studio zwei Erfahrungsexperten. Margit Waterloo-Köhler, Sozialpädagogin und Master of Social Work, die in den 1990ern die Münchner Angsthilfe und Angstselbsthilfe MASH e.V. mit aufbaute, die im nächsten Jahr ihr 30-jähriges Jubiläum begeht. MASH’s Kennzeichen, damals wie noch heute ziemlich einzigartig in der Selbsthilfelandschaft: Gesprächsgruppen mit Angstbetroffenen werden nicht von studierten Fachkräften geleitet, sondern von Mitbetroffenen.

Sie geben ihre eigenen positiven Erfahrungen im Umgang mit Angst weiter. Damit unterstützen sie die Gruppen, eigene Lösungen zu finden. Der Ansatz fußt auf der ehemaligen Betroffenheit beziehungsweise weitgehend gelösten Angstproblematik der Gruppenleiter.

Als Selbsthilfe noch als Angriff auf Staat und Akademiker galt

Das Konzept ist auch geläufig als „Münchner Modell“. In einer Zeit, als es die Angstdiagnose offiziell noch kaum gab, Patienten auf der Suche nach Hilfe in einer Art Odyssee mitunter jahrelang von Arztpraxis zu Arztpraxis wanderten, die Selbsthilfe von konservativen Politikerkreisen als Angriff auf den ordnenden Staat und akademische Fachexpertise kritisiert wurde, war diese Art von gemeinsamer Angstarbeit ein Riesenfortschritt im Gesundheitswesen.

Margit hat in den letzten Jahrzehnten weit über hundert Gesprächsleiter für MASH Gesprächsgruppen trainiert. Darunter auch Markus Hendel, den zweiten Gast im Studio, der nach diesem Modell Gruppen leitet und Datenschutzbeauftragter der MASH ist. Beide sind auch Mitbegründer der Deutschen Angst-Hilfe DASH e.V., Ende 2018 als Verein aus der Taufe gehoben. Sie will die über Deutschland verstreuten Angstselbsthilfen vernetzen und sie professionell unterstützen, als Lobby für schätzungsweise zehn Millionen Angstbetroffene eintreten und für eine positive Angstkultur im Lande sorgen.

„Schau deiner Angst ins Gesicht“

In ihrem Eingangsstatement sagten beide Lora-Gäste, dass Angst eine große Herausforderung sei ebenso wie eine riesige Chance. Wenn Angstgefühle über das normale Niveau anstiegen und zum ständigen Begleiter würden, sei dies ein wichtiger Hinweis des Körpers, dass „irgend etwas in seinem Leben nicht mehr stimme“, berichteten beide. Wer das ignoriert, „bei dem wird die Angst total dominant“, wusste Margit. Wem es aber gelingt, „seiner Angst ins Gesicht zu schauen“, ergänzte Markus, für den werde das Leben reicher und besser als vorher.

Dass dies gelingt, ermöglichen die Selbsthilfe und das Münchner Modell, für Margit ein Weg des Empowerments und der gemeinsamen Ermächtigung, die den „gegenseitigen Austausch und die Rückbesinnung auf die eigenen Stärken fördert“. Bei chronischen Ängsten gehe es oft nicht ohne Klinikaufenthalte und Medikamente, räumte sie ein. Doch sie warnte davor, die Abhängigkeit von der Angst für die Abhängigkeit vom Arzt, Therapeuten oder Pharmazeutika einzutauschen. Angst ist Arbeit an sich selbst und verlangt die Auseinandersetzung mit den Auslösern, gegebenenfalls überfällige Veränderungen in seinem Leben.

Gesprächsbeginn mit einem Blitzlicht

Markus berichtete ausführlich über die Abläufe in den Gruppentreffen, die stets mit einem Blitzlicht begännen, in dem jeder Teilnehmer kurz über sich und seine Verfassung berichtet. „Das ist mein Raum“, sagte Markus, stellvertretend für die Teilnehmenden, „und keiner redet mir da rein“. Aus dem Blitzlicht entwickeln sich die Themen der Sitzung. „Wenn es einem schlecht geht, hat das Priorität“, unterstrich der Gruppenleiter.

Das wöchentliche Treffen dauert zwei Stunden, hat eine hohe Verbindlichkeit hinsichtlich Pünktlichkeit und kontinuierlicher Teilnahme. Nach einem Jahr gehe es vielen Teilnehmenden wieder so gut, dass sie sich aus der Gesprächsgruppe verabschieden und fortan erneut auf eigenen Beinen stehen – „was mein schönster Moment als Gruppenleiter ist“, erklärte Markus.

Themenzentrierte Interaktion als Methode

Ergänzend betonte Margit, dass der Gesprächsleiter „kein Minitherapeut“ sei, „sondern den kommunikativen Rahmen schaffe, dass Menschen einander helfen und den Mut aufbringen, mit sich selbst wieder in Kontakt zu treten und Vertrauen zu sich selber zu schöpfen“. Dabei folgen die Gesprächsgruppen Regeln, die sich anlehnen an die Themenzentrierte Interaktion (TZI). Sie hängen als große Poster in den Räumen der MASH und bieten jederzeit Orientierung.

Die Angstselbsthilfearbeit erfolgt größtenteils ehrenamtlich und wird von der Landeshauptstadt München sowie den Krankenkassen finanziert. Wöchentlich treffen sich in den Räumen der MASH etwa 180 Angstbetroffene. Ausgeschiedene Gruppenangehörige, berichtete Margit, entschieden sich häufig für die Übernahme einer Gruppenleitung (so wie Markus), engagierten sich im Verein und „tragen den politischen Gedanken des Empowerments weiter“ (wie in der DASH).

Outen ist ein selbstbestimmter Vorgang

Ob sich Angstbetroffene outen wollen, dazu gebe es „keine pauschale Aussage“, sagte Margit. „Das Wichtigste ist, dass sie selbstbestimmt entscheiden, ob und wo sie über ihre Ängste reden – oder nicht“, bekräftigte sie. Gleichwohl unterstrich sie die wichtige Aufklärungs- und Lobbyarbeit, die Angstbetroffene mit ihrem Bekenntnis leisten und damit die Angst als ernstzunehmende und bisher weithin unterschätzte Erkrankung in das soziale Gespräch der Gesellschaft und die gesundheitspolitische Debatte einbrächten.

In seiner Eigenschaft als MASH Datenschutzbeauftragter erinnerte Markus an die absolute Privatheit von Gesundheitsdaten und dass jeder laut Grundgesetz das Recht habe, seinen Lebensraum persönlich zu gestalten. Er verwies darauf, dass außerdem jeder Mensch Geheimnisse haben dürfe. Dreizehn davon haben die Durchschnittsbürgerinnen und Bürger, laut einer neueren soziologischen Studie.

„Für Angst muss man sich noch schämen“

Auf Sophias Frage nach Statistiken antwortete Margit, dass Ängste in den vergangenen 30 Jahren grundsätzlich nicht mehr geworden seien, „nur die Inhalte haben sich verändert“. Gut zehn Prozent der Bevölkerung erlitten mindestens einmal in ihrem Leben Angst in behandlungsbedürftigem Ausmaß. Doch während Depressionen und Burnout mittlerweile gesellschaftlich akzeptierte Krankheiten seien, „muss man sich für Angst noch schämen“, bedauerte sie.

Es herrscht vielfach noch die Meinung, dass Ängstler Faulenzer seien, „die sich nur ordentlich zusammenreißen müssten“, kommentierte Margit den Missstand. Dieser Gedankenansatz sei wissenschaftlich völlig falsch, „weshalb es so wichtig ist, dass wir eine schlagkräftige Lobby aufbauen“.

Arbeitsstress macht anfälliger für Angst

Sind Ängste nun eine speziell deutsche Befindlichkeit? Vielleicht, fand Markus, womöglich seien wir zu unterwürfig, zu geduldig. Sicher sei, dass Angst auch künstlich geschürt werde, weil sie dem Machterhalt diene. Insgesamt hätten Globalisierung und Digitalisierung die Arbeit enorm beschleunigt und damit auch Ängste, denn „wenn ich nicht schnell genug bin, falle ich raus“, urteilte das DASH Vorstandsmitglied. Dieser Stress könne bei sensiblen Menschen die Entstehung einer Angststörung begünstigen.

© Text und Fotos: Wolfgang Chr. Goede

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