Wenn Angst und Autismus sich begegnen – was Betroffene und Bezugspersonen wissen sollten
„Nein, Autismus ist kein ‚Geschenk‘. Für die meisten ist es ein endloser Kampf gegen Schule, Arbeitsplatz und Menschen, die in Schubladen denken. Aber unter den richtigen Umständen und mit den richtigen Hilfen kann es eine Superkraft sein.“ – Greta Thunberg
Psychische Begleiterkrankungen entstehen bei Menschen im Autismus-Spektrum deutlich häufiger als in der Allgemeinbevölkerung. Insbesondere Angststörungen und Depressionen treten im Zusammenhang mit einer Autismus-Spektrum-Störung (ASS) vermehrt auf und stellen sowohl die Betroffenen als auch ihre Bezugspersonen vor zusätzliche Schwierigkeiten (Lai et al., 2019). Ängste beeinträchtigen nicht nur die soziale Teilhabe der Betroffenen, sondern wirken sich auch negativ auf die Integration in ein schulisches Umfeld und auf das Familienleben aus. Mit der richtigen individuell passenden Therapie und einem Umfeld aus Unterstützern kann die Angst reduziert und ein konstruktiver Umgang mit schwierigen Situationen erlernt werden.
Begriffsklärung – Was ist eine Autismus-Spektrum-Störung?
Autismus zählt zu den tiefgreifenden neurologischen Entwicklungsstörungen. Dabei zeigen die Betroffenen insbesondere Defizite in der Entwicklung der sozialen Interaktion, der Kommunikation und dem Verhaltensrepertoire. Bei der Diagnose Autismus wird im ICD 10, (International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems), den Diagnosekriterien der Weltgesundheitsorganisation (WHO), zwischen „Frühkindlicher Autismus“, „Asperger-Syndrom“ und „Atypischer Autismus“ unterschieden. Diese Unterscheidung ist in der Praxis jedoch häufig schwierig, da die Übergange zwischen den einzelnen Kategorien eigentlich fließend sind. Mittlerweile wird der Ausdruck „Autismus-Spektrum-Störung“ (ASS) als Überbegriff verwendet und bezeichnet das gesamte Spektrum autistischer Störungen, von leichter Beeinträchtigung in der gesellschaftlichen Teilhabe bis hin zur Schwerbehinderung (vgl. autismus-Deutschland e.V.).
Besonderheiten im Umgang und in der Kommunikation mit Mitmenschen zeigen sich bei Betroffenen, indem sie Schwierigkeiten haben soziale und emotionale Signale korrekt einzuschätzen. Auch das Erkennen und Mitteilen eigener Emotionen fällt den meisten Menschen im Autismus-Spektrum schwer. Die Entwicklung des Sprachgebrauches und des Sprachverständnisses sind bei einigen Betroffenen von einer Verzögerung betroffen oder müssen mit Kommunikationshilfen unterstützt werden.
Besonderheiten im Verhalten der Betroffenen zeigen sich insbesondere in eingeschränkten, sich wiederholenden und stereotypen Verhaltensmuster. Auch die Interessen und Aktivitäten sind häufig auf einzelne Bereiche begrenzt, nehmen dafür aber umso mehr Raum ein (sogenannte Spezialinteressen). Menschen im Autismus-Spektrum reagieren zudem häufig sehr sensibel auf Veränderungen in Handlungsabläufen oder der persönlichen Umgebung und sind im flexiblen Umgang mit neuen Situationen beeinträchtigt.
Besonderheiten in der Wahrnehmung und der Verarbeitung von Umwelt- und Sinneseindrücken zeigen sich im Autismus-Spektrum durch eine veränderte Reizschwelle und die mangelnde Fähigkeit relevante Sinneseindrücke von solchen, die zusätzlich im Hintergrund auftreten, zu filtern. Bei einer Reizüberflutung (Sensory Overload) kann dies bis zur Handlungsunfähigkeit führen und die Betroffenen sind auf die Hilfe von Begleitpersonen angewiesen.
Trotz aktiver Forschung gibt es bisher kein umfassendes Erklärungsmodell zur Entstehung des Störungsbildes. Bekannt ist, dass sowohl genetische Komponenten als auch Umwelteinflüsse in der Schwangerschaft, neurobiologische Faktoren, der Geburtsmechanismus und kritische Ereignisse in der frühen Kindheit in statistischem Zusammenhang mit der Entstehung von Autismus stehen. So unterschiedlich sich die ursächlichen Faktoren im Individualfall jedoch darstellen, so vielfältig und jeweils an die Bedarfe des Einzelnen angepasst sollten die pädagogischen und therapeutischen Ansätze sein. Im Kontrast zur isolierten Therapie einer Angststörung ist in der Kombination mit Autismus zu beachten, das therapeutische Handeln an den jeweiligen emotionalen Entwicklungsstand (der meist nicht altersentsprechend ist), die dem Betroffenen zur Verfügung stehenden Ausdrucksmöglichkeiten und Handlungsspielräume anzupassen.

Warum Angst und Autismus oft gemeinsam auftreten
Im Zusammenhang mit Autismus treten individuelle sensorische Besonderheiten auf. Das bedeutet, dass jemand entweder überempfindlich (hypersensorisch) oder weniger empfindlich (hyposensorisch) gegenüber Wahrnehmungsqualitäten wie Schmerz, Geräuschen, Licht, Gerüchen oder Kleidung und Wasser auf der Haut sein kann. Bei überfordernder Reizverarbeitung in sozialen Situationen oder solchen, die die individuelle sensible Wahrnehmung überlasten, entsteht ein Nährboden für diverse Ängste. Hinzu kommt aufgrund der häufig typischen defizitären Sozialkompetenzen eine Unsicherheit bezüglich der Bewertung von sozialer Interaktion, was wiederum soziale Phobien begünstigen kann. Zum Beispiel ist es für einige Betroffene schwierig einzuschätzen, welches Verhalten welche Reaktionen bei anderen auslöst oder welche Emotion das Gegenüber gerade zeigt. Auch bei Kommunikationseinschränkungen, von denen einige Menschen im Autismus-Spektrum betroffen sind, entsteht schnell Unsicherheit und Angst im Umgang mit anderen.
Ein konkretes Beispiel, bei dem sich Angst und Autismus häufig begegnen, ist das Störungsbild des Mutismus (lat. mutus – stumm). Mutismus bedeutet, dass sowohl Hör- und Sprechvermögen organisch normal entwickelt sind, die Betroffenen allerdings aus Angst oder Überforderung nicht sprechen können, wenn es von ihnen erwartet wird. Dabei wird zwischen totalem Mutismus (völlige Hemmung der Lautsprache) und selektivem Mutismus unterschieden. Selektiver Mutismus kann individuell sehr unterschiedlich aussehen: Zum Teil wird nur in bestimmten Situationen oder mit bestimmten Personen gesprochen, es gibt allerdings auch Fälle, in denen die Betroffenen sich flüsternd mitteilen können.
Ängste und Autismus treten also häufig im Zusammenhang auf, da Wechselwirkungen zwischen sensorischen Besonderheiten und Schwierigkeiten in der sozialen Interaktion entstehen und einen selbst verstärkenden Kreislauf begünstigen:
Reizüberflutung/Überforderung → Angst → Vermeiden → Isolation
Beispiele für „Trigger“ zur Entstehung solcher Angst-Kreisläufe im Alltag:
- Nicht‑strukturierte Zeiten (z. B. Übergänge, freies Spiel, Pausen in der Schule, Busfahrten, Reisen)
- Sensorisch herausfordernde Situationen (Reizüberflutung): Lautstärke, starker Hitze oder Kälte, starken Gerüchen, fluoreszierende Lichtern, unbekanntes Essen
- Soziale Kontexte: Gruppensituationen, Vortragssituationen, Leistungsüberprüfung, Smalltalk, um Hilfe bitten
- Unerwartete Veränderungen im Tagesablauf
- Überforderung (zu viele/hohe Anforderungen)
- Kritische Lebensereignisse (Critical Life Events)
Was Betroffene (und das familiäre Umfeld) langfristig stärkt:
- Professionelle Therapeutische Unterstützung (Autismustherapie, Kognitive Verhaltenstherapie, Sozialkompetenztrainings etc.)
- Zugang zu Unterstützern im Alltag (z. B. Schulbegleitung, Peer‑Support/Selbsthilfegruppen, Autismusnetzwerke)
- Selbstfürsorge für Eltern & Bezugspersonen: Akzeptanz der Diagnose, Systemische Therapie, Stressbewältigung und bewusste Auszeiten, Austausch (Elterncafés, Selbsthilfegruppen für Angehörige)
Tipps zur Selbsthilfe aus der Praxis:
- „Nur Mut! Das kleine Überlebensbuch: Soforthilfe bei Herzklopfen, Angst, Panik & Co“ (Claudia Croos-Müller)
- „Keine Angst! Kreative Übungen, die Kindern Mut machen“ (Sharie Coombes)
- „Mein Bammel und ich: Wie man seine Angst erzieht – 77 Karten mit Übungen“ (Caroline Kettner)
Fazit
Die Kombination aus Autismus und Angst ist kein Zeichen von Schwäche – sie weist vielmehr darauf hin, dass persönliche Grenzen oder Bedürfnisse überschritten wurden. Das bedeutet nicht, dass Betroffene oder Bezugspersonen schwierige Situationen grundsätzlich vermeiden oder sofort verlassen müssen. Vielmehr brauchen Menschen im Autismus-Spektrum Unterstützung darin, ihre eigenen Besonderheiten und Bedürfnisse besser zu verstehen und zu versorgen. Dazu gehört, Strategien und Werkzeuge kennenzulernen, die helfen, sich selbst zu beruhigen und herausfordernde Situationen zu bewältigen.
Starke Angst signalisiert immer ein Bedürfnis nach Schutz, Struktur und Verständnis. Angst kann reduziert und ein konstruktiver Umgang mit schwierigen Situationen erlernt werden. Besonders hilfreich sind dabei ein klar strukturierter Alltag, passende therapeutische Angebote sowie die Begleitung durch vertraute Bezugspersonen – in einem Umfeld, das vermittelt: „Du bist okay, so wie du bist.“
Autorin:
Antonia Koschnick ist als Psychologin (M.Sc.) mit Spezialisierung in Neuropsychologie in Bruchsal tätig. Ihr Schwerpunkt liegt in der Beratung und Therapie von Kindern und Jugendlichen mit Autismus-Spektrum-Störungen sowie weiteren Entwicklungsstörungen. Dabei begleitet sie deren Familien und unterstützt diese dabei, passende Strategien für den Alltag zu entwickeln. In ihrer Arbeit verbindet sie wissenschaftlich fundierte Methoden mit praxisnahen kreativen Ansätzen, um die individuellen Ressourcen der Kinder und ihrer Bezugspersonen bestmöglich zu fördern. Zudem engagiert sie sich in der Aufklärung über psychische Störungsbilder, um Vorurteile und Berührungsängste abzubauen und Barrieren in der gesellschaftlichen Teilhabe der Betroffenen zu verringern.
Literatur
autismus Deutschland e.V.
Bundesverband zur Förderung von Menschen mit Autismus: https://www.autismus.de/
Das Alter der Gefühle: Über die Bedeutung der emotionalen Entwicklung bei geistiger Behinderung. Sappok, Tanja, Zepperitz, Sabine
Keine Angst! Kreative Übungen, die Kindern Mut machen. Coombes, Sharie, Abey, Katie, Manz, Christiane
Lai MC, Kassee C, Besney R, Bonato S, Hull L, Mandy W, Szatmari P, Ameis SH. Prevalence of co-occurring mental health diagnoses in the autism population: a systematic review and meta-analysis. Lancet Psychiatry. 2019 Oct;6(10):819-829. doi: 10.1016/S2215-0366(19)30289-5. Epub 2019 Aug 22. PMID: 31447415.
Mein Bammel und ich: Wie man seine Angst erzieht. 77 Karten mit Übungen für Therapie, Beratung und Pädagogik mit Kindern (Beltz Therapiekarten). Kettner, Caroline
Nur Mut! Das kleine Überlebensbuch: Soforthilfe bei Herzklopfen, Angst, Panik & Co. (Claudia Croos-Müller, Band 2. Croos-Müller, Claudia, Pannen, Kai
